Samstag, 26. Oktober 1918
Wegen der Grippe muß der Straßenbahnverkehr eingeschränkt werden. Von Sonntag ab fährt die Linie 3 nicht mehr bis zur Drachenfels-, sondern nur noch bis zur Reuterstraße, und Linie 1 fährt nicht mehr bis Grau-Rheindorf, sondern nur noch bis zum Betriebsbahnhof der Straßenbahn.
Freiwillige Hilfsdienstpflichtige für das besetzte Gebiet. Die Kriegsamtstelle Koblenz erläßt folgenden Aufruf: „ Vaterländischer Hilfsdienst! Aufforderung der Kriegsamtstelle Coblenz zur freiwilligen Meldung gemäß § 7 des Hilfsdienstgesetzes. Zu Bauarbeiten (Baracken-, Stellungs- und Straßenbauten) im besetzten Gebiet werden dauernd Arbeitskräfte gebraucht. Nur hartnäckigster Widerstand im Westen kann uns einen ehrenvollen Frieden bringen und unsere Heimat vor dem Einfalle der erbarmungslosen Feinde schützen. Das weiß heute jeder Deutsche! Deshalb werden auch alle nicht mehr wehrpflichtigen (über 48 und unter 17 Jahre alten) Arbeiter, die mit Bauarbeiten vertraut sind, zur Meldung aufgefordert. Die Meldungen sind zu richten an die zuständigen Hilfsdienstmeldestellen, bei denen auch die Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erfragen sind. Den Meldungen ist beizufügen: ein polizeiliches Führungszeugnis und eine zum Aufkleben bestimmte Fotographie.“
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Kriegsgericht. Unter dem Verdacht der Selbstverstümmelung stand ein Musketier vor dem Kriegsgericht. Er war eines Tages in ärztliche Behandlung gekommen, jedoch hatte seine Wunde bei dem Arzte sofort durch ihr eigenartiges Aussehen Bedenken erregt. Der Musketier erzählte über die Entstehung der Verletzung, daß er sich verbrüht habe. Die Brandblase habe er aufgestochen und das Bein dann mit essigsaurer Tonerde behandelt, die er vor mehreren Jahren gekauft habe. Der als Sachverständiger gehörte Arzt war der Ansicht, daß die Essigsäure die Ursache der Verwundung gewesen sei. Das Kriegsgericht vertagte die Entscheidung, um vorher noch einen anderen Sachverständigen über die Möglichkeit der Entstehung der Wunde zu hören. – Wegen Fahnenflucht war ein Musketier angeklagt. Er hatte sich heimlich aus seiner Garnison entfernt und war nach Holland gegangen. Dort hatte er als Gärtner gearbeitet und seinen Lebensunterhalt durch Schmuggeln erworben. Schließlich war er nach Deutschland zurückgekehrt und hatte sich freiwillig gestellt. Er wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, wovon drei Monate durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erklärt wurden. Ein Musketier aus Köln hatte sich heimlich von seiner Truppe entfernt und einen gefälschten Urlaubspaß benutzt, auf den er in Köln Lebensmittel zu erhalten versuchte. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, auf die ein Monat und 14 Tage der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet werden sollten.
Gegen Verhelfung zur Flucht. Die Gerichte haben in zahlreichen Fällen gegen Personenschmuggler, die Heerespflichtigen sowie Kriegs- und Zivilgefangenen zur Flucht ins Ausland verhalfen, wegen Landesverrats hohe Freiheitsstrafen verhängt. Und dies mit Recht. Denn jeder, der einen Kriegs- oder Zivilgefangenen, einem ausländischen Arbeiter oder einem wehrpflichtigen deutschen oder verbündeten Staatsangehörigen zur Flucht über die Grenze verhilft, leistet dem Feinde Vorschub und benachteiligt die deutsche Kriegsmacht, begeht also Landesverrat.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Ein erweiterter Geschäftsverkehr auf die Dauer von 10 Stunden ist am nächsten Sonntag als am Sonntag vor Allerheiligen gestattet. Die Ladengeschäfte dürfen mit Ausnahme der Hauptgottesdienstzeiten bis abends 7 Uhr für den Verkauf geöffnet bleiben.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Eine große Volksversammlung hat der Sozialdemokratische Verein Bonn-Rheinbach auf Sonntag, nachmittags 4½ Uhr, nach dem großen Saale des Bürgervereins einberufen. Reichstagsabgeordneter J. Meerfeld (Redakteur an der Rheinischen Zeitung) wird über „Deutschlands Schicksalsstunde“ sprechen. Die gesammte Bürgerschaft, Männer und Frauen, ist eingeladen. Es ist zu erwarten, daß sich zu dieser Versammlung die Bürgerschaft einfinden wird. Auf diese Versammlung sei auch an dieser Stelle noch besonders ausdrücklich verwiesen.
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Sonntag, 27. Oktober 1918
Die höheren und Volksschulen bleiben auch diese Woche noch geschlossen. Da die Erkrankungen an Grippe im allgemeinen den Höhepunkt erreicht zu haben scheinen, ist mit der Wiedereröffnung der Schulen am Montag, 4. November, zu rechnen. Nähere Bekanntmachung erfolgt noch.
Die Hausfrauen seien darauf hingewiesen, daß die Moha G. m. b. H. Montag, Dienstag Mittwoch und Donnerstag dieser Woche im Saale der Weinwirtschaft Schwarz an der Kaiserstraße ihre Moha-Kochschränke vorführen läßt. Die Kochschränke sollen eine vielseitige Verwendbarkeit besitzen, es soll in ihnen zu gleicher Zeit gekocht, gebacken und gebraten werden können.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Zur Kartoffeleinkellerung. Der Andrang zur Kartoffelstelle, Am Hof 1, ist zur Zeit so stark, daß die Hausfrauen in den meisten Fällen längere Zeit warten müssen, ehe ihre Bestellung entgegengenommen werden kann. Um diese unnütze Zeitvergeudung möglichst zu vermeiden, empfiehlt es sich, die frühen Morgen- oder Abendstunden zur Kartoffelbestellung zu benutzen. Wer morgens gleich nach 8 Uhr oder nachmittags um 3 Uhr sich auf dem Bureau Zimmer 7 einfindet, hat nach den bisherigen Erfahrungen Aussicht, sofort anzukommen.
Die städtischen Rheinbadeanstalten sind nach dem Oberwinterer Hafen geschleppt worden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Warnung für die Kartoffelerzeuger des Stadtkreises Bonn. Der durchschnittliche Ernteertrag ist im Stadtkreise Bonn auf 70 Ztr. für den Morgen Anbaufläche festgestellt worden. Den Kartoffelerzeugern des Stadtkreises wird auf dieser Grundlage der Ertrag ihrer Ernte berechnet. Die Landwirte, die an Schleichhändler, Hamsterer Kartoffeln abgeben, schaden durch ihre unverantwortliche Handlung nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch sich selbst. Der Kommunalverband muß die den Eigenbedarf des Kartoffelerzeugers übersteigende Kartoffelmenge einziehen und verteilen. Wer daher Kartoffeln ohne Bezugsschein abgibt, setzt sich der Gefahr aus, daß ihm selbst für seinen Bedarf keine Kartoffeln übrig bleiben, außerdem macht er sich strafbar.
Landkreis Bonn: Die Grippe ist auch im Landkreis Bonn so stark aufgetreten, daß in einzelnen Schulen 50 – 60 Prozent der Schulkinder fehlten; auch viele Lehrpersonen sind von der Krankheit befallen. Deshalb sind gemäß Verfügung des Landratsamtes Bonn alle Schulen des Kreises bis 3. November einschließlich geschlossen worden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Montag, 28. Oktober 1918
Die Sozialdemokratie hatte gestern Nachmittag eine öffentliche Versammlung in den Bonner Bürgerverein einberufen. Der Andrang war so stark, daß der große Saal und der mit ihm zusammenhängende kleinere lange vor dem angekündigten Termin überfüllt waren, daß auch eine zweite Versammlung, die in einem Saale des ersten Stockes veranstaltet wurde, dem Andrange noch nicht genügte und Hunderte Besucher zu keiner der beiden Versammlungen mehr Einlaß finden konnte. Im großen Saale sprach Reichstagsabgeordneter Meerfeld aus Köln. Es handle sich jetzt darum, zu einem Rechtsfrieden nach den Wilsonschen Grundsätzen zu kommen; ein Gewaltfriede würde die deutschen Arbeiter zu Sklaven ausländischer Kapitalisten machen. Den Glauben an den Völkerbund wolle die Arbeiterschaft noch nicht sinken lassen; die Gefahr drohe aber, daß durch einen Gewaltfrieden von drüben her der Völkerbund nicht zustande komme, daß es weder Abrüstung noch Schiedsgericht geben, daß der Friede nur ein Waffenstillstand sein werde. Preußen-Deutschland war bisher kein Staat, den man lieb gewinnen konnte, und doch haben wir Sozialdemokraten keinen Zweifel daran gelassen, daß wir den Staat halten wollen, weil er unser Vaterland ist und wir in diesem Staate das neue bessere Deutschland aufbauen wollen. Wir haben in Deutschland gelitten an einer maßlosen Ueberschätzung der eigenen Macht und einer ebenso maßlosen Unterschätzung der Gegner, und das Schlimmste ist, daß sogar unsere Heerführer die Unterschätzung der gegnerischen Macht teilten. Die Gegner haben mehr Menschen, mehr Geld, mehr Rohstoffe, mehr Nahrung; wir konnten nur einen Verteidigungskrieg führen, alle Eroberungspläne hätten von vornherein abgewiesen werden müssen. Der schlimmste Fehler war der uneingeschränkte Ubootkrieg, er hat Amerika in den Krieg getrieben und den Krieg um Jahre verlängert. Das deutsche Volk hätte einen besseren Frieden haben können, als er uns jetzt winkt, aber gewisse Schichten, die bisher die Macht hatten, haben die Verständigung stets hintertrieben. Das Volk wird die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Die Alldeutschen haben sich mit Blutschuld bedeckt; sie wollten die halbe Welt erobern und maßlose Kriegsentschädigungen einstecken. Heute sagen die Gegner: Wie Du mir, so ich Dir. Als Beispiel erwähnte der Redner u. a. eine Entschließung der Ortsgruppen Bonn des Alldeutschen Verbandes. Die deutsche Regierung sei, wenn auch wohl nicht mit bewusster Absicht, mitschuldig an diesem Kriege; [...] Der Geist der Gewalt, der uns in der ganzen Welt so verhaßt gemacht hat, [...] muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Die neue Regierung weiß, daß der Krieg beendet werden muß, weil wir gegen die ungeheure Uebermacht nicht lange bestehen können. Die Sozialdemokratie hat sich entschlossen, in der Regierung mitzuarbeiten, um zu retten, was zu retten ist, um den Volksstaat vor der Vernichtung zu bewahren und dann ein neues, besseres und schöneres Deutschland nach ihren Ideen aufzubauen. [... ] Ludendorffs Talente seien nicht anzuzweifeln, aber politisch sei er uns höchst verhängnisvoll gewesen. Er hatte den Ehrgeiz, ein politischer Führer zu sein, obwohl er nur der Vollstrecker des Willens einer konservativen Klique war. [...] Nationale Verteidigung ist schön und hehr, wenn sie möglich uns das Ziel lockend ist. Aber um der sog. Ehre willen noch weitere Hunderttausende zu opfern, den Krieg über den Winter hinaus fortzusetzen, im nächsten Frühjahr unsere schöne Rheinprovinz verwüsten zu lassen und schließlich einen noch schlechteren Frieden annehmen zu müssen, dazu sagen wir nein und abermals nein. Wilson wollen wir sagen, daß er an seinen Idealen festhalten muß, daß es danach keine Unterdrücker und Unterdrückte geben kann; wir wollen ihm zurufen, in was für einem Urteil er in der Geschichte dastehen würde, wenn er sich von den kapitalistischen Eroberungsgelüsten im gegnerischen Lager bestimmen ließe. Eine unmittelbare Gefahr liegt für unser Rheinland noch nicht vor. Wir sehnen den Frieden herbei und hoffen, daß er nicht mehr fern ist. Wir wollen kein Bettlervolk werden, sondern gleichberechtigt an der Tafel der Völker sitzen und mit ihnen gemeinsam eine neue Welt aufbauen, in der der Mensch das Maß aller Dinge ist, in deren Mittelpunkt nicht mehr der Profit steht, wo vielmehr „Gleichheit alles dessen gilt, was Menschenantlitz trägt.“ – An der Aussprache beteiligten sich vier Redner, deren Ausführungen in dem überfüllten Saale fast gar nicht zur Geltung kamen. Der Abgeordnete Meerfeld antwortete ihnen. Auf die Frage, wann wir Frieden bekommen werden, sagte er: Ein weiterer Widerstand, etwa den Winter hindurch, wäre Wahnsinn. Wir müssen so bald wie möglich Schluß zu machen suchen. Der Schluß wird kommen, weil er kommen muß. Den Bolschewismus brauche man in Deutschland nicht zu fürchten, die Verhältnisse seien doch hier ganz anders als in Rußland. Regelrechte Putsche seien nicht ausgeschlossen, könnten aber durch die Einigkeit der Arbeiterklasse, durch die Klugheit der Regierung und durch soziale Reformen vermieden werden.[...]
Wenn wir auf die zum Teil sehr anfechtbaren Ausführungen des Abg. Meerfeld nicht erwidern, so tun wir das nur um des neuen Burgfriedens willen. Eine baldige und ihn und seine Utopien gründlich in ihrem wahren Lichte beleuchtende Antwort wird übrigens Meerfeld sicher von niemand geringerem als – Wilson erhalten.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Einschränkung der Personenzüge. Durch die zahlreichen Erkrankungen an Grippe – gegenwärtig sind 45.000 Bedienstete im Betriebe der preußisch-hessischen Staatseisenbahn infolge der Grippe dienstunfähig – müssen zur Gewinnung von Lokomotiv- und Zugbegleitpersonal weitere Zugeinschränkungen vorgenommen werden. Diese Maßnahme ist in erster Linie erforderlich, um ernste Schwierigkeiten bei der Abwickelung des kriegswichtigen und des Nahrungsmittelverkehrs, insbesondere bei der Kartoffelversorgung, abzuwenden. [...]
Der gestrige geschäftsfreie Sonntag brachte regen Verkehr in unserer Stadt. In den Geschäftsstraßen flutete in den Nachmittags- und Abendstunden eine solch große Menschenmenge, wie man sie sonst nur an den freien Sonntagen vor Weihnachten gewohnt ist. Den Hauptprofit an diesem Massenbesuch hatten die Vergnügungslokale, die sämtlich ausverkaufte Häuser zu verzeichnen hatten.
Mehr Butter. Die Einfuhr von Butter aus den Niederlanden ist wieder gestattet.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Im Reiche der modernen Zauberei. Am Donnerstag und Freitag abend jeweilig 7½ Uhr wird unser bekannter Bonner Zauberkünstler, Herr A. Kretschmar, im großen Saale des Bonner Bürgervereins eine Anzahl neuer Zauberstücke zur Darstellung bringen. Wir hatten wiederholt Gelegenheit, die Kunst des äußerst begabten Zaubermeisters zu bewundern und zu würdigen. Er reicht mit seinen Darbietungen vollkommen an die Kunst unsere gefeiertesten Meister heran und verdient ein volles Haus. Es sei außerdem bemerkt, daß Herr Kretschmar stets im Soldatenheim und auch in den Lazaretten stets gerne mit seiner Kunst die Verwundeten erfreut.
Gegen die Geldhamsterei schreibt die Bonner Handelskammer: In letzter Zeit ist beobachtet worden, daß weit über den eigentlichen Bedarf hinaus bei Sparkassen und Banken Bargeld abgehoben worden ist. Uebertriebene Angst, Gedankenlosigkeit und Kleinmut sind die Ursachen dieser Erscheinung. Auch nichtswürdige Agenten, vom Feinde bezahlt, haben ihre Hände im Spiel und suchen durch unwahre Gerüchte die Bevölkerung zu pflichtvergessenem Tun zu bringen. Ungebrochen ist unsere Front im Felde, ungebrochen unsere Kraft im Inneren. Ein Grund zu feiger Furcht ist nicht vorhanden. [...] Die Zeit erfordert, daß ein jeder sich seiner Pflichten als Staatsbürger bewußt bleibt und in der Erfüllung dieser Pflichten nicht erlahmt. Die ganze Welt blickt auf uns und unser Tun. Deshalb sei ein jeder besorgt, daß wir uns nicht schämen müssen, Deutsche zu sein. Wenn durch Geldhamsterei ein Mangel an Bargeld entstanden ist, so ist er doch nur vorübergehend und wird in kurzer Zeit behoben sein. In Ueberweisungs- und Verrechnungsverkehr kann nach wie vor in jeder zuständigen Summe ausgeglichen werden. An die Geschäftswelt ergeht die dringende Mahnung, daß sie den Spar- und Bankverkehr in seitherigem Maße aufrecht erhält und alles überflüssige Geld an Banken und Sparkassen unverzüglich abführt.
Die Handelskammer zu Bonn
F. Soennecken, Vorsitzender. Dr. Uhlitzsch, Syndikus.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Dienstag, 29. Oktober 1918
Schwerbeschädigte im Berufsleben. Das Vorurteil gegen die Wiederbeschäftigung Schwerbeschädigter ist bei den privaten Unternehmen noch immer nicht ganz geschwunden, obwohl die bisher gesammelten Erfahrungen die Verwendbarkeit solcher Leute einwandfrei nachgewiesen hatten. Unter Schwerbeschädigten versteht man im allgemeinen solche, die mit Renten von 50 Prozent oder mit höherer Rente entlassen wurden. Daß diese Leute noch sehr gut als Arbeiter ihr Fortkommen zu finden vermögen, das haben die Versuche in den technischen Betrieben zur Genüge gezeigt, so in den Munitionsbetrieben, bei den Bekleidungsämtern, in den militärischen Betrieben, wo die Heeresverwaltung selbst eine große Zahl von Kriegsbeschädigten mit gutem Erfolg beschäftigt. [...]
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Der Einsender des Artikels „Schließung des Viktoria-Bades“ hat Recht, jedes Wort von ihm möchte ich und mit mir viele, unterschreiben. Es ist jetzt an der Zeit, mehr an die Gesundheit des Volkes als an seine Unterhaltung zu denken. Außer der Volksernährung ist gewiß der Volkshygiene das Hauptinteresse entgegenzubringen. Wohl durch den Mangel an Seife bedingt, hat leider die Reinlichkeit der Menge sehr nachgelassen. Heim-Badegelegenheit findet man bedauerlicherweise in Bonn fast nur in ganz großen Wohnungen; darum muß das öffentliche Bad gerade jetzt aufbleiben, um es denen, welche daheim weder Dusche noch Wanne haben, zu ermöglichen, heiße und kalte Bäder zu nehmen. Ja nicht einmal erhöhen sollte man die Preise, da doch hauptsächlich Mittelstand und Volk die Anstalt besucht und vor allem das Schwimmbad viele viele Kinder. Wäre es nicht möglich, einen billigen Tag einzuschalten?
Die Schulen wurden geschlossen um weiteren Ansteckungen vorzubeugen, aber fest eng aneinandergedrückt stehen Frauen und Kinder bei Sturm und Wetter mit schlechtem Schuhwerk und warten, warten. Die Zwiebeln und Fische und anderes werden an einigen Stellen verausgabt. Warum nicht in den Spezereigeschäften? Seit Jahren sieht man zu allen Zeiten des Tages Frauen und Kinder auf den Milchmann warten. Auf dem Hof des Milchhändlers stehen sie immer noch Reihe, weil der Händler die Milch nur zwischen 3 und 5 Uhr verausgaben kann. Jetzt bringen Frauen und Kinder, wie dies im Sommer geschah, die Milch sauer nach Hause, aber dafür eine Krankheit, die sie sich im Regen geholt. Es ist Krieg? Und es ist nicht zu ändern? Vielleicht doch. In Straßburg hatte man z. B. bei Beginn des Krieges Milchläden eingerichtet. Nie sah ich dort Frauen und Kinder auf der Straße stehen und warten – warten. Und dieses Stehen und Warten während des Krieges hat gewiß geschadet, abgesehen davon, daß auch für sie der Spruch gilt „Zeit ist Geld“. L. W.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)
Heringsteilhaber gesucht. Bekanntlich wird in dieser Woche auf zwei Warenkarten ein Hering ausgegeben. Diese Anordnung, die dem Mangel „an Masse“ entsprungen ist, hat unter den alleinstehenden Personen große Beunruhigung hervorgerufen, da sie befürchten, bei der Austeilung zu kurz zu kommen. Die Folge ist, daß vielfach Einzelpersonen sich mit Freunden und Bekannten zusammentun, um wenigstens einen halben Hering zu retten. Daß es aber auch noch Leute gibt, die wirklich alleinstehen, also weder Freund noch Bekannte haben, geht aus einer Anzeige in der heutigen Nummer unseres Blattes hervor, wonach eine alleinstehende Dame eine Partnerin zum Ankauf eines städtischen Herings sucht. – Wie wir verraten können, ist die Furcht der „Alleinstehenden“ unbegründet, da auch auf die einzelne Warenkarte halbe Heringe verabfolgt werden. Inzwischen hat sich bereits ein Wohltäter gemeldet, der in hochherziger Weise der alleinstehenden Dame seine zwei Heringe ablassen will.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Unterhaltungen Dienstag, den 29. Okt. Lustspiele: Groß-Bonn (mit Weinklause) 8 Uhr. Lichtspiele: Im Stern ½4 Uhr, Metropoltheater 4 Uhr, Konzerte: Gangolfhaus 4 Uhr, Fürstenhof 4 Uhr.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Mittwoch, 30. Oktober 1918
Eine Totenfeier zu Ehren gefallener Krieger veranstaltet der Kreis-Kriegerverband Bonn-Stadt am Nachmittag des Allerheiligentages auf dem Nordfriedhofe (Ehrenfriedhofe). Die Bonner Liedertafel wird wieder mitwirken.
Auf den Friedhöfen herrscht seit einigen Tagen rege Tätigkeit. Es gilt, die Ruhestätten der Verstorbenen für das bevorstehende Allerheiligen- und Allerseelenfest instandzusetzen. Die Zahl der frischen Gräber ist heuer zu Allerheiligen größer als sonst; denn die Grippe mit ihren häufigen bösen Folgekrankheiten hat manches Menschenleben dahingerafft.
Die Tätigkeit der Gendarmen auf den Bahnhöfen. Von amtlicher Stelle gehen uns folgende Ausführungen zu, die dazu beitragen sollen, das Verständnis zu heben für die Notlage, aus welcher heraus die Tätigkeit der Gendarmen und sonstigen Kontrollorgane auf den Bahnhöfen usw. als unabweisbare Notwendigkeit erscheint, und um der Mißstimmung, welcher diese Tätigkeit oft begegnet, entgegenzuwirken.
Sieben Pfund Kartoffeln in der Woche erscheinen wohl jedem zu wenig. Und dennoch sind zahlreiche Menschen, ohne daß sie es wollen, tagaus, tagein am Werke, auch diesen Mindestbetrag von sieben Pfund pro Woche zu gefährden. Es sind das die Leute, die täglich im großen wie im kleinen Hamsterverkehr Kartoffeln ohne Erlaubnis aufkaufen. Die von ihnen gehamsterten Kartoffelmengen summieren sich derartig, daß Zweifel aufkommen müssen, ob das Land imstande sein wird, die zur Lieferung von sieben Pfund pro Kopf und pro Woche erforderlichen Mengen noch aufzubringen. [...]
Es kann daher gar nicht eindringlich genug darauf hingewiesen werden, daß die Kontrollorgane – Gendarmen und Polizei – mit ihrer Tätigkeit lediglich den Interessen der Gesamtmasse des Volkes dienen und daß sie bei der Erfüllung ihrer Pflichten auf ein Verständnis für die Notwendigkeit ihrer Tätigkeit Anspruch haben. [...]
Volkszählung, Einquartierung, Kartoffeln.
Am 4. Dezember d. J. findet wiederum eine Volkszählung statt. Sie hat vornehmlich den Zweck, eine Grundlage für die Zuteilung der Nährmittel zu geben. Aus diesem Grunde ist es von äußerster Wichtigkeit, daß die Einwohnerzahl unter allen Umständen genau erfaßt wird.
Die Feststellungen, die die Bezirksverwalter in den letzten Tagen über eine etwaige Einquartierung gemacht haben, sind in vielen Familien dahin aufgefaßt worden, daß nun sofort mit der Einquartierung gerechnet werden muß. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Die städtische Verwaltung wird nach wie vor in erster Linie versuchen, die Einquartierung in öffentlichen Gebäuden, Schulen usw. unterzubringen und sie nicht in die Bürgerquartiere zu legen. Nur in dem Fall, daß bei einer etwaigen Demobilmachung die Belegziffer sehr erheblich wird, muß auf Bürgerquartiere zurückgegriffen werden, und dafür sind jetzt die Feststellungen gemacht worden, damit auf Grund dieser Feststellungen ein Einquartierungskataster in aller Ruhe und Sachlichkeit bearbeitet werden kann.
[...]
Die fleischlosen Wochen
haben noch immer wieder zahlreiche Verstöße in einzelnen Haushaltungen mit sich gebracht. Es darf aber nicht sein und kann nicht weiter geduldet werden, daß die harte notwendige Einschränkung unserer an sich sehr schmalen Fleischversorgung nur für einen Teil der Bevölkerung gilt, während der andere im Wege heimlicher Versorgung sich fortgesetzt über diese Kriegmaßnahme hinwegsetzt. Das Gewissen der letzteren kann daher nicht eindringlich genug geschärft werden. Leider gibt es noch immer Menschen, die sich keiner irgendwie gearteten Verbrauchsbeschränkung unterwerfen und für die natürlich die fleischlosen Wochen auch nicht bestehen. Da muß endlich die Selbstzucht der Bürger eingreifen und sie an den Pranger stellen. [...]
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Erhöhung der Lustbarkeitssteuer. Die Stadtverordneten werden sich am Donnerstag mit der Abänderung der bisherigen Lustbarkeitssteuer-Ordnung befassen. Der Finanzausschuß empfiehlt eine Erhöhung der Lustbarkeitssteuer in der Weise, daß die Kartensteuer für jede angefangene halbe Mark Eintrittsgeld um 5 Pfg. heraufgesetzt wird. Zu den Pauschsteuersätzen soll ein Zuschlag von Hundert zu Hundert erhoben werden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Ortskohlenstelle gibt bekannt, daß die Kohlenmarken für Oktober, die wegen Mangel an Arbeitskräften nicht beliefert werden können, im November ihre Gültigkeit weiter behalten.
Festgenommen wurden drei Fahnenflüchtige. In der gemeinsamen Wohnung fand die Polizei ein frischgeschlachtetes Schwein, das die drei in der Nacht zum Sonntag in Alfter gestohlen haben. Auch haben sie schon in der Nacht zum 25. Oktober in Alfter Hühner und Wäsche gestohlen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Donnerstag, 31. Oktober 1918
Die Wohnungen der Ueberängstlichen. Die zuständigen Stellen sind von maßgeblicher Seite angewiesen worden, ihr besonderes Augenmerk auf die Wohnungen zu richten, die von Ueberängstlichen schon verlassen worden sind. Diese Wohnungen sollen aufgrund des Notstandsgesetzes an erster Stelle für Wohnungsbedürftige mit Beschlag belegt werden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Auf dem Bonner Wochenmarkt waren gestern unter anderem auch ausnahmsweise einmal Baumnüsse und Eßkastanien zu haben, ebenfalls Mispeln und Quitten. Sonst war der Markt im allgemeinen nicht besonders gut beschickt. Der Verkauf war aber durchweg flott. Hauptsächlich war Gemüse, Endivien- und Feldsalat sowie Kleinzeug vorhanden. Wirsing kommt in letzter Zeit etwas reichlicher auf den Markt, Rotkohl dagegen im öffentlichen Verkehr überhaupt nicht. Auch gabs wieder hier und da hiesige Trauben, Knoblauch, Teltower Rübchen, Senf- und Einmachgurken, sowie hiesige Tomaten, letztere aber überwiegend unreif und grün. Hiesiger Blumenkohl war in teils schöner Ware von 70 Pfg. das Stück an zu haben, dicke Sellerieknollen von 25 Pfg. das Stück an. Auf unserem Großmarkt auf dem Stiftsplatz waren die Zufuhren gestern nicht nennenswert. Auch der städtische Verkauf auf dem Wochenmarkt hatte gestern nicht viel Auswahl an Waren, auch der Verkauf ließ zu wünschen übrig. An Weißkohl wurde noch jede gewünschte Menge abgegeben, hiesige Zwiebeln nur drei Pfund pro Person zu 28 Pfg. das Pfund gegen Warenkarte Nr. 6. Außerdem wurden noch Kohlrabien, Kürbisse, Mohrrüben, Wirsing, Sellerie und Breitlauch verkauft.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Lichter auf den Friedhöfen verboten. Jede Beleuchtung im Freien ist durch Polizeiverordnung verboten. Aufgrund dieser Bestimmung ist der fromme Brauch, die Gräber am Allerheiligen- und Allerseelentage mit brennenden Kerzen und Lampen zu schmücken, unzulässig.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)