Mittwoch, 26. Juni 1918
Vom Schicksal hart getroffen. Eine in der Nähe von Bonn wohnende Familie hatte vier Söhne im Heere, von denen die drei ältesten bereits den Tod fürs Vaterland fanden. Als die Eltern vor wenigen Tagen von einem gemeinsamen Ausgange heimkehrten, fanden sie jüngstes Kind, einen Knaben von sechs Jahren, tot vor. Er hatte mit Weihnachtskerzen gespielt und war jämmerlich verbrannt. Kaum waren die Eltern von seinem Begräbnisse zurückgekehrt, da wurde ihnen die Trauernachricht überbracht, daß auch der vierte Sohn an der Westfront gefallen ist.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der Markt als Handelsmarkt. In der gestrigen Nummer des Generalanzeigers schildert „eine Hausfrau, die sich nicht scheut“, sehr treffend unsere Marktverhältnisse.
Ich füge der Klage dieser Frau hinzu, daß leider der Markt den hiesigen Händlern nicht nur als Verkaufsstelle dient, sondern sie dort auch die ankommenden Waren aufkaufen, um sie an Ort und Stelle zum Verkauf auszustellen. Wenn diese Geschäftsleute keinen anderen Zweck auf dem Markt verfolgen, ist es jedenfalls besser, wenn sie nicht da sind. Von der Behörde darf man aber wohl erwarten, daß der Einkauf zu Handelszwecken auf dem Markt nicht geduldet wird. Dies nicht genug, benutzen auch auswärtige Händler unseren Markt zum Einkauf. Täglich kann man beobachten, wie von diesen Leuten der Markt leergekauft wird. Es erscheint jeden Tag ein Gepäckträger mit einer großen Karre und holt die aufgekaufte Ware ab. […] W.E.
(Wir möchten unsere Stadtverordneten im Interesse der Bürgerschaft bitten, die Wochenmarktsfrage doch einmal gründlich zu durchleuchten. Die Klagen über die Verhältnisse auf dem Markt mehren sich derart, daß uns eine Untersuchung durch die gewählte Interessenvertretung der Bürgerschaft als ersprießlich erscheint. Die Schriftl.)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Nachrichten des städtischen Lebensmittelamtes.
[…]
Die Brotration ist vom 1. Juli ab für den ganzen Regierungsbezirk Köln auf 3½ Pfund wöchentlich festgesetzt worden. Die Stadt Bonn ist jedoch in der Lage, aus ihren Ersparnissen ein weiteres Viertelpfund auf den Kopf und die Woche auszugeben, sodaß hier in Bonn vom 1. Juli ab die Brotration tatsächlich 3¾ Pfund wöchentlich beträgt. Gerade in der jetzigen Zeit, wo die Ernährungsverhältnisse besonders schwierig sind, ist die Herabsetzung der Brotration bitter, aber vom haushälterischen Gesichtspunkte aus unbedingt notwendig, um bis zum Einbringen der neuen Ernte durchzuhalten. […]
Die Kartoffeln stehen im Durchschnitt gut und das ist schon wesentlich. Die Frühkartoffelernte verzögert sich hier etwas durch die Witterungsverhältnisse. An sich ist dies kein Nachteil, denn die Regenfälle haben eine erhebliche Gewichtszunahme der Kartoffel mit sich gebracht. Mit den alten Kartoffeln ist sehr sparsam umzugehen, denn jetzt beginnt die Zeit, wo die Kartoffelversorgung bis zum Erscheinen der Herbstkartoffeln, etwa um Mitte September herum, sehr unzuverlässig wird. Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß sämtliche Frühkartoffeln, mit Ausnahme der in den Hausgärten gezogenen, in öffentlicher Bewirtschaftung stehen und nur an den Kommunalverband oder an die von diesem bestimmten Aufkäufer […] verkauft werden dürfen. Hohe Strafen bestehen gegen Zuwiderhandlungen. […]
Die Fischbelieferung ist auch noch immer schlecht, da infolge des holländischen Ausfuhrverbots die Zufuhr von Flußfischen bereits seit mehreren Monaten ins Stocken geraten ist.
Nun muß auch wieder eine weitere Herabsetzung der Fettration eintreten; von dieser Woche ab werden nicht mehr 62½, sondern nur 50 Gramm wöchentlich verteilt. Allmählich bleibt also von Fett nicht mehr viel übrig. Dazu kommt noch, daß durch die erhebliche Verminderung der Schweine, dieser ausgezeichneten Fettträger, auch noch ein Mangel an Speck bemerkbar wird. Ein Glück ist es, daß Erwägungen bestehen, um eine weitere Verminderung des Milchviehbestandes zu verhindern; denn wenn es mit dem Abschlachten der Milchkühe so wie bisher weiter geht, wird im Winter noch weniger Fett und vor allen Dingen erheblich weniger Milch vorhanden sein. Aus diesem Grunde werden voraussichtlich nach Einbringung der neuen Ernte, wenn die Ernährungsschwierigkeiten auf dme Gebiete der Brot- und Kartoffelversorgung nicht mehr so groß sind, einige fleischfreie Wochen eingeführt werden, um die Milchviehbestände zu schonen. […]
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Donnerstag, 27. Juni 1918
Der Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose hielt gestern nachmittag seine Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende, Geheimrat Professor Krause, der seit Kriegsbeginn im Heeresdienste steht und zurzeit einen kurzen Urlaub in Bonn verlebt, gedachte mit herzlichen Worten des verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden Geheimrats Doutrelepont. […] Auch bei uns habe die Tuberkulose während des Krieges zweifellos zugenommen, ihre Bekämpfung sei durch den Krieg um viele Jahre zurückgeworfen worden. Geheimrat Krause empfahl, die Fürsorge des Vereins ganz besonders auch den wegen Tuberkulose aus dem Heeresdienst entlassenen Krieger und ihren Familien zuzuwenden und in der Tageserholungsstätte in Grau-Rheindorf ein Licht- und Luftbad einzurichten, weil mit der Licht- und Luftbehandlung ganz vorzügliche Heilerfolge zu erzielen seien. Der Schriftführer, Beigeordneter Dr. von Gartzen, bestätigte, daß die Tuberkulosesterblichkeit auch in Bonn zugenommen habe, vorwiegend unter den Kindern sowie den Frauen im Alter von 25 bis 30 Jahren. Die städtische Verwaltung habe in ihrem Pflegehause eine Infektionsabteilung und eine innere Station zur Unterbringung Tuberkulöser eingerichtet und zur Fürsorge für die Hauskranken noch mehrere Rote Kreuz-Schwestern angestellt. Auch aus Mitteln der Kriegswohlfahrtspflege sowie aus städtischen Mitteln würden die Kranken vorzugsweise mit Stärkungsmitteln, vor allem Milch, unterstützt. Die Tageserholungsstätte in Grau-Rheindorf werde am 1. Juli mit 32 Kranken wieder eröffnet, die Kranken würden ohne Anrechnung auf ihre Lebensmittelkarten den ganzen Tag gut und reichlich verpflegt werden. […] Geheimrat Krause regte an, die Fürsorgetätigkeit des Vereins auch auf den Mittelstand, der jetzt in weiten Kreisen große Not leide, auszudehnen. Die Versammlung war damit einverstanden. […]
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Ueber die Erzversorgung Deutschlands sprach gestern abend im großen Hörsaale der Universität der Generaldirektor der Dillinger Werke in Lothringen, Herr Otto Weinling. […] Die Erfolge unserer Waffen hätten uns nun die reichen Erzgebiete von französisch Lothringen in die Hand gegeben und da lenkten sich die Blicke weitschauender Industrieller auf die Erzvorkommen von Briey und Longwy. Hier berge die Erde, was der deutschen Eisenindustrie nottue, vorzügliche Erze in unerschöpflicher Menge. Diese müßten Deutschland erschlossen werden und zwar durch Eingliederung von französisch Lothringen im kommenden Frieden an Deutschland. Nur so lasse sich die Weiterentwicklung unserer deutschen Eisen- und Stahlerzeugung für die Zukunft sichern. Da hiervon das Wohl und Wehe des Vaterlandes abhänge, dürfe es in dieser Frage keine Bedenken geben. Auf papierne Verträge sei kein Verlaß; nur der sichere Besitz der Eisenerzgebiete sie unsere Rettung. Redner, der im Auftrage der örtlichen Leitung der Deutschen Vaterlandspartei sprach, belegt seinen interessanten Vortrag durch zahlreiche Lichtbilder mit genauen statistischen Angaben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Höchstpreis. An die Hausfrau, die sich nicht scheut! Es zeugt von Unkenntnis der Verhältnisse, wenn die Hausfrau für die Höchstpreis-Ueberschreitungen die hiesigen Händler verantwortlich machen will. Der Händler ist genötigt, wenn er sein Geschäft und seiner Familie Existenz nicht vernichten will, über Höchstpreis einzukaufen und zu verkaufen. Nicht der hiesige Händler treibt die Preise, sondern die Privat-Aufkäufer. Die Hausfrau gehe doch mal mit offenen Augen über Land, die Herrschaften mit ihren Dienstboten überlaufen die Dörfer, bieten und bezahlen auch dem Erzeuger Phantasiepreise, bringen Zucker, Tabak, Petroleum und sonstige Sachen mit. Auswärtige Händler kaufen auch zu sehr hohen Preisen ein, sodaß der Bonner Händler, wenn er etwas haben will, gezwungen ist, auch höhere Preise zu zahlen. Würde der Bonner dieses nicht tun, so würde nach Bonn überhaupt nichts kommen, sondern alles nach Auswärts abgeführt werden. Die Höchstpreise sind da und durchschnittlich reichlich hoch; das Obst aber fehlt. Die Obsternte ist durchweg schlecht, besonders aber in Kirschen, und ist dafür der Erzeugerpreis, wie man selbst von Nichtzüchtern, aber Fachleuten hört, zu niedrig und deckt kaum die Kosten des Pflückens. Es war früher, vor dem Kriege, üblich, daß die Preise durch Angebot und Nachfrage reguliert wurden. Wären keine Höchstpreise, so käme mehr Ware zu billigerem Preis, da dann die Konkurrenz eintritt und jeder Händler billig einkaufen will, um wieder billig zu verkaufen. Zum Schluß will ich noch bemerken, daß, wenn der Händler seine Waren vom Erzeuger zum Höchstpreise erhält, er auch zum Höchstpreise verkaufen kann und sich gut dabei steht. Haben doch die hiesigen Händler vor einiger Zeit selbst den Antrag gestellt, die Stadt möge alles erfassen und an die Kleinhändler zum Großhandelspreise zum weiteren Verkauf an die Verbraucher abgeben.
Also liebe Hausfrau, nicht den Händlern, sondern den Erzeugern am Kittel kommen. Mehrere Händler.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Sammler-Versicherung. Fast an allen Schulen wird jetzt Laubheu für das Heer gesammelt. Als die Schulkinder aus einem benachbarten Orte auch zu diesem Zwecke in den Kottenforst gezogen waren, hatten zwei Knapben, ehe es der die Aufsicht führende Lehrer hindern konnte, in fröhlichem Uebermute schnell einen Baum erklettert; aber bald fielen beide herunter, und einer brach bei dem Falle das Schlüsselbein. In Godesberg erhielt der Verletzte einen Notverband, und dann fand er gleich Aufnahme in einem Bonner Krankenhause, weil er als versichert galt. Es ist also gewiß gut, daß die Königl. Regierung für solche Fälle die Einrichtung getroffen hat, daß bei allen Kriegs-Sammlungen Kinder und aufsichtsführende Beamte gegen Unfall versichert sind.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Samstag, 28. Juni 1918
Der „Bunte Morgen“, der auf Veranlassung des Sammel-Ausschusses für die Ludendorff-Spende vom Neuen Operettentheater am Sonntag, 11½ Uhr, vormittags, veranstaltet wird, scheint mit seinem ausgezeichneten Programm eine außergewöhnliche Anziehungskraft zu haben. Die Nachfrage nach Karten ist so groß, daß mit einem vollen Haus zu rechnen ist. Der Kartenverkauf an der Theaterkasse des Neuen Operetten-Theaters beginnt heute morgen.
Zur Abgabe von Männeranzügen. Der Versuch, die von der Stadt Bonn aufzubringende Zahl von Männeranzügen im Wege freiwilliger Abgabe zu beschaffen, hat nicht das gewünschte Ergebnis gehabt. Kaum die Hälfte dieser Zahl ist bisher abgeliefert worden. Weite Kreise unserer Bürgerschaft, die zur Abgabe wohl imstande gewesen wären, haben sich nicht beteiligt. Um die noch fehlenden Anzüge zu beschaffen, sieht sich die Stadtverwaltung genötigt, nunmehr zu andern Maßnahmen überzugehen. Es werden in den nächsten Tagen besondere Aufforderungen ergehen, entweder einen Männeranzug abzugeben oder ein Bestandsverzeichnis des vorhandenen Kleidervorrats an das städtische Bekleidungsamt einzusenden. Schon jetzt wird den dazu Aufgeforderten dringend geraten, den Bestand des Kleidervorrats vollständig und richtig anzugeben. Zuwiderhandlungen sind mit schwerer Strafe bedroht. Auch ist die Stadtverwaltung berechtigt, die Richtigkeit der gemachten Angaben durch Beamte nachprüfen zu lassen. Diese nun einsetzenden Maßnahmen werden für die davon Betroffenen Unzuträglichkeiten mannigfacher Art im Gefolge haben. Wer sich jetzt dem noch entziehen will, bringe schleunigst einen Anzug zur Sammelstelle Martinstraße Nr. 18, geöffnet von 9 bis 12 und von 3 bis 6 Uhr. Wer einen Anzug abgegeben hat, wird von diesen Maßregeln nicht betroffen.
Die Wohnungsnot. Um dem in Bonn in gleicher Weise wie in anderen Städten nach dem Kriege zu erwartenden großen Mangel an Kleinwohnungen möglich begegnen zu können, beabsichtigt die Stadt Bonn, u. a. eine Siedlungsgesellschaft m. b. H. ins Leben zu rufen, deren Zweck die Schaffung gesunder und billiger Wohnungen für minderbemittelte, insbesondere kinderreiche Familien sein soll. Eine vorbereitende Besprechung findet nächsten Montag im Rathause statt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Mädchen in der Etappe. Der Gedanke Ludendorffs, alle k. v. Leute in der Etappe durch Mädchen zu ersetzen, führt zu der Aufforderung, daß sich möglichst viele junge Mädchen von 20 Jahren ab mit guter Schulbildung gegen gute Gehälter für den Bureaudienst in der Etappe melden möchten. Man wende sich an die Frauenmeldestelle, Bonn, Friedrichstraße 1.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Bund der Kriegsbeschädigten und ehem. Kriegsteilnehmer Ortsgruppe Bonn. Die öffentliche Versammlung faßte einstimmig nachstehende Resolution: 1) In die örtliche Fürsorgestelle für Kriegsbeschädigte sind auch besonders zur Berufsberatung Kriegsbeschädigte zu wählen, weil die Beschädigten zu allen Einrichtungen, in denen ihre Leidensgenossen sitzen, ein weit größeres Vertrauen haben. An allen Orten, wo bereits Kriegsbeschädigte in Fürsorgestellen sitzen, hat sich ihre Mitarbeit bewährt. 2) Die Kriegsbeschädigten unserer Ortsgruppe Bonn haben mit aller Energie für die Ludendorffspende agitiert und dadurch zu dem großen Erfolg mit beigetragen. Wir bitten nun aber auch, einige Vertreter der Kriegsbeschädigten in den Ortsausschuß der Ludendorffspende zu wählen, damit auch hier die Interessen der Kriegsbeschädigten befriedigend vertreten werden.
Festgenommen wurden zwei Männer im Alter von 30 und 32 Jahren, die vorgestern abend auf dem Markte und in der Wenzelgasse eine wüste Schlägerei mit Soldaten hervorgerufen und dadurch einen großen Auflauf verursacht hatte, so daß eine Militärpatrouille einschreiten mußte.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Samstag, 29. Juni 1918
Wegen des Feiertages Peter und Paul erscheint der General-Anzeiger an diesem Tag nicht.
Eine eigenartige Krankheit. Wie wir von sachverständiger Seite erfahren, ist in letzter Zeit in Bonn ein gehäuftes Auftreten einer eigenartigen, grippeartigen Erkrankung zu beobachten gewesen. Die Krankheit beginnt meist plötzlich mit Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, stärkeren Kopfschmerzen und katarrhalischen Erscheinungen. Ernste Krankheitserscheinungen oder gar Todesfälle sind bisher nicht gesehen worden; die Krankheit scheint vielmehr trotz des manchmal schwer gestörten Allgemeinbefindens einen ziemlich harmlosen Charakter zu haben, wenn sie auch eine bis zwei Wochen andauern kann. Anscheinend sind auch andererorts in Deutschland ähnliche gehäufte Krankheitsfälle beobachtet worden. Ob es sich um dieselbe Erkrankung handelt, die vor kurzem in Spanien massenhaft aufgetreten ist, kann man noch nicht sagen. Influenzabazillen sind bisher nicht nachgewiesen worden.
Für einen verstärkten Feldschutz gegen Diebstahl sind wieder Militärstreifwachen kommandiert worden. Das Betreten bestellter oder noch nicht abgeernteter Felder in der Zeit von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens ist verboten. Wir verweisen auf die Bekanntmachung des Oberbürgermeisters im Anzeigenteil dieser Zeitung.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Kirschenpreise. 16 Angeklagte aus Friesdorf, die durch den Rechtsanwalt Dr. Meyer verteidigt wurden, hatten sich am Donnerstag wegen Ueberschreitung von Höchstpreisen bezw. übermäßiger Preissteigerung vor dem Schöffengericht zu verantworten, weil sie im Juni vor. Jahres für das Pfund sogen. Herzkirschen 80 Pfg. bis 1 Mark genommen hatten. Gegen die Angeklagten waren durch amtsrichterlichen Strafbefehl neben 150 Mark Geldstrafe mehrwöchige Gefängnisstrafen festgesetzt worden. Zu der Sache waren schon in verschiedenen früheren Terminen mehrere zum Teil sich widersprechende Sachverständige zu Wort gekommen. Die jetzige Verhandlung ergab, daß die harten Herzkirschen schon in Friedenszeiten in Bonn ausnehmend hoch im Preise standen und daß auch der Preis von 1 Mark im Juni vorigen Jahres nicht eine derartige Ueberschreitung eines gerechten Kriegspreises darstelle, wie das Gericht beim Erlaß der Strafbefehle angenommen hatte. Die Strafen wurden deshalb erheblich gemildert. Die Freiheitsstrafen kamen ganz in Wegfall, die Geldstrafen wurden auf 30 Mark bemessen. In mehreren Fällen erfolgte Freisprechung, nachdem durch Zeugenvernehmung festgestellt war, daß wegen derselben Tat bereits eine Verurteilung stattgefunden hatte. Vorstehende Entscheidung hat natürlich nichts mit der Frage zu tun, zu welchem Preise in diesem Sommer die Kirschen verkauft werden dürfen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Unsere Stadtverordneten haben sich gestern in halbstündiger Sitzung neben einigen Nebensächlichkeiten mit der Bonner Marktfrage, die schon seit einiger Zeit in der Tagespresse eifrig erörtert wird, beschäftigt. […]
Stadtverordneter Schmitz bringt die Klagen der Bevölkerung über die hiesigen Marktverhältnisse zur Sprache. Die Erzeugnisse, die von der Landbevölkerung nach Bonn gebracht würde, würde zum großen Teil von Händlern ausgekauft und ausgeführt. Beigeordneter Baurat Piehl gab zu, daß die hiesigen Marktverhältnisse nicht den Interessen der Bevölkerung entsprechen. Der Verwaltung aber fehlten die Mittel, den Auswüchsen wirksam entgegentreten zu können. Der Markt ist dank unserer Zwangsbewirtschaftung mit Wirsing, Butterkohl, Rübstiel reichlich versehen. Es fehlt aber an Erbsen und Bohnen. Der um diese Zeit stets große Mangel an diesen Gemüsesorten wird noch dadurch gesteigert, daß jetzt viel mal mehr eingemacht und eingeweckt wird. Die Gemüse werden unmittelbar vom Erzeuger zu ungeheuren Preisen bezogen. Dagegen ist die Verwaltung machtlos. Die neue Verordnung gegen Preistreibereien, die den Verbraucher, der die Höchstpreise überschreitet, straffrei läßt, hat eine unbeschreibliche Mißwirtschaft herbeigeführt. Auf dem Markt werden keine Gemüse für Kunden und Großverkäufer zurückgehalten (wie auch uns vielfach unter Ausrufen berechtigter Empörung mitgeteilt worden ist. Schriftl.); die Verwaltung hat in solchen Fällen das Gemüse noch immer für den städtischen Verkauf angekauft und von hier an die Bevölkerung abgegeben. Das Aufkaufen der Waren durch Händler kann nicht untersagt werden, wenn die Waren in Bonn abgesetzt werden; zur Ausfuhr wird keine Erlaubnisschein erteilt. Erbsen und Bohnen werden nur bei Nacht und Nebel auf Schleichwegen ausgeführt, was nicht verhindert werden kann.
Die von der Preisprüfungsstelle angestellten zwölf Hausfrauen haben bisher noch kein einziges mal über Mißstände auf dem Markt berichtet. Wenn die Polizei nicht eingreift, geschieht nichts, die Tätigkeit Privater hat bisher nichts erreicht. Die vielfach aufgestellten Behauptungen sind meist wertlos, weil genaue Angaben fehlen. Unser „Lebensmitteldiktator“ schloß seine Ausführungen mit der erfreulichen Versicherung, der Mangel an hochwertigen Gemüsen werden in den nächsten Wochen behoben sein. Es seien sehr viele Bohnen angebaut worden, auch von der Stadt, und es sei zu hoffen, daß jede Hausverwaltung in bescheidenem Maße ihren Bedarf für den Winter eindecken werde. Stadtverordneter Kalt konnte diese Ausführungen nur bestätigen. Es werden mehr Erbsen und Bohnen verlangt, als auf den Markt gebracht werden konnten. Er regte an, die Händler fern zu halten, damit die Bevölkerung sich vorher versorge. (Was wohl nur ein Schlag ins Wasser sein würde. Schriftl.) von den zwölf Damen hat er auch noch nichts gehört. (Jetzt dürfte es aber Zeit sein, daß sich diese Damen auch zu Wort meldeten! Schriftl.) Die Verwaltung sorge stets so viel wie möglich für große Zufuhren, mehr sei unmöglich. Mit diesen Ausführungen und Feststellungen schloß die Sitzung, die in der Bürgerschaft wahrscheinlich wenig befriedigt haben wird.
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Sonntag, 30. Juni 1918
Am Tag nach Peter und Paul erscheint die Deutsche Reichs-Zeitung nicht.
Oberbürgermeister Spiritus und Beigeordneter Piehl sind gestern zur Nachprüfung des Geschäftsganges der von den Bonner Vaterländischen Vereinigungen eingerichteten Verband- und Krankenerfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ nach Lille abgereist.
Zur Abgabe von Männer-Anzügen. Noch immer besteht vielfach die irrige Meinung, der Aufruf zur Abgabe von Männerkleidung richte sich nicht an solche Personen, die im Heeresdienste stehen. Es wird daher an die Bekanntmachung der Stadtverwaltung erinnert, daß auch Militärpersonen von der Abgabe nicht ausgeschlossen sind. Sie sind, soweit sie entbehrliche Kleidung besitzen, in gleicher Weise zur Abgabe heranzuziehen wie Zivilpersonen. Von ihnen wird, sofern sie unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Verhältnisse als abgabefähig anzusehen sind, ebenfalls die Vorlage eines Bestandsverzeichnisses verlangt werden, wenn sie dem Aufruf keine Folge leisten. Auch sie werden daher dringend ersucht, einen Anzug abzugeben, wenn sie den kommenden schärferen Maßnahmen entgehen wollen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die Pflicht der Metallablieferung. […]
Die Bekanntmachung vom 26. März d. Js. beschränkt sich keineswegs, wie vielfach angenommen wird, nur auf Gegenstände in privatem Besitz. Genau mit demselben Maßstabe und genau zur gleichen Zeit werden auch die in öffentlicher Hand befindlichen Metallgegenstände, z. B. an und in öffentlichen Gebäuden und Kirchen, sowie auch die Briefkastenschilder usw. herangezogen.
Wie hier in Bonn zutage tritt, ist bisher der Ernst, der mit der Einziehung und Ablieferung von Metallen für die Vaterlandsverteidigung verknüpft ist, nicht in dem gewünschten Maße erkannt worden. Ein Spaziergang durch die Straßen gibt hiervon Zeugnis. Ueberall sind noch die Briefkastenschilder, Briefeinwürfe, Stoßbleche an Türen, Schutzblechen u. dergl. vorhanden. Es macht dies den Eindruck, als ob sich deren Besitzer um die Ablieferung nicht zu kümmern habe.
Man muß voraussetzen, daß nicht genügend bekannt ist, daß der, der die Gegenstände in der aufgegebenen Frist nicht abliefert, bestraft werden kann, und zwar mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder mit Geldstrafe bis zu 10.000 Mark, sonst würde man gewiß, um einer Bestrafung aus dem Wege zu gehen, schnellste Ablieferung bei der Sammelstelle besorgen. […]
Eine grippeartige Erkrankung tritt in letzter Zeit hier in Bonn auf. Namentlich wird die Erkrankung bei Kindern beobachtet. Sie beginnt meist mit Fieber, Kopfschmerzen und katarrhalischen Erscheinungen. Trotz des manchmal schwer gestörten Allgemeinbefindens scheint die Krankheit einen ziemlich harmlosen Charakter zu haben, denn ernste Krankheits-Erscheinungen oder gar Todesfälle sind bisher nicht vorgekommen.
Der Bonner Wochemarkt hatte am Freitag wieder hauptsächlich Gemüse wie Wirsing, Mangold, Schneidgemüse, Knollengemüse usw. sowie hiesiger und fremder Kopfsalat zu verzeichnen, ebenfalls Kleinzeug in großen Mengen. […] Obst, wie Johannisbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren und Kirschen, sowie grüne Erbsen und dicke Bohnen waren im öffentlichen Verkauf auf dem ganzen Markt wieder nicht zu finden. […] Der Großmarkt auf dem Stiftsplatz hat in letzter Zeit außer etwas Gemüse und Kopfsalat fast keine Zufuhren mehr. Der städtische Verkauf auf dem Wochenmarkt hatte wieder großen Zuspruch. Seit einigen Tagen ist die Auswahl in Waren hier wieder sehr reichlich. Aber leider kommt auch hier Frühobst nur ganz verschwindend wenig zum Verkauf. […]
Schwere Strafen bei Felddiebstahl. Wer Garten- oder Feldfrüchte oder andere Bodenerzeugnisse oder Saatgut aus Gärten oder Feldern entwendet oder zu entwenden versucht, wird nach einer Verordnung des Gouverneurs der Festung Köln mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 1500 Mark bestraft. Militärflurschutzpatrouillen werden die Polizeibeamten am Tage und des Nachts bei Ausübung des Feldschutzes unterstützen; den Feldhütern werden bei ihren nächtlichen Dienstgängen Polizeihunde beigegeben. […]
Nutzlose Hamsterfahrten. Der Vorsitzende des Kreisausschusses des Kreises Köln-Land erläßt folgende Bekanntmachung: Wie im vergangenen, so ist auch in diesem Jahre jegliche Ausfuhr von Frühkartoffeln aus dem Landkreis Köln und dem Landkreise Bonn sowie jeder Verkauf und Kauf derselben unter Strafe verboten. Die Gendarmen und Polizeibeamten haben Anweisung, die Durchführung dieser Anordnung streng zu überwachen, etwaige Uebertretungen unnachsichtig zur Anzeige zu bringen und die verbotswidrig erworbenen Kartoffeln zu beschlagnahmen. Auch werden in den Zügen der Köln-Bonner Kreisbahnen regelmäßig scharfe Revisionen vorgenommen. Die Beteiligten werden daher in ihrem eigenen Interesse vor nutzlosen Hamsterfahrten in den Landkreis Köln dringend gewarnt; sie würden sich nicht nur strafbar machen, sondern auch noch durch erfolglosen Zeit- und Geldaufwand Nachteil erleiden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)