Donnerstag, 21. Februar 1918
Die Sammelstelle des örtlichen Kriegsausschusses (Stockenstraße 3) erfreut sich eines regen Zuspruches. Seit ihrer Eröffnung sind ihr schon viele Abfallstoffe, die in dunklen, staubigen Ecken und Kellern ungeahnte Ruhe genossen, zugeführt worden. Tausende Zentner vergessenen und wertvollen Krams sind jedoch noch aus der Nacht ans Licht zu fördern und der Sammelstelle zuzuführen. Sie müssen heraus! So will es das Gebot der Stunde. Keiner, der sein Vaterland liebt, darf sich der kleinen aber lohnenden Mühe entziehen, Nachschau zu halten, keiner soll die Unbequemlichkeit scheuen, die mit der Ueberbringung von Sachen zur Sammelstelle verbunden ist. Die noch nutzlos lagernden Abfallstoffe sollen umgeformt ihre Auferstehung feiern und dann zum Schutze und Wohle des Deutschen Vaterlandes wirken. Unsere Mitbürger werden daher dringend gebeten, alle entbehrlichen Abfallstoffe der Sammelstelle, Stockenstraße 3, bald zuzuführen. Es gibt Schätze sowohl im geldlichen wie auch im idealen Sinne zu heben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Universität. Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität kann bekanntlich in diesem Jahre auf ein hundertjähriges Bestehen zurückblicken. Eine Jubiläumsfeier wird jedoch in diesem Jahre bestimmt nicht stattfinden, sie ist vielmehr vorläufig für den Herbst 1919 in Aussicht genommen. […]
Zum Bahnsteig. Eine Zeitungsnotiz, wonach an Sonn- und Feiertagen bis auf weiteres weder an den Schaltern noch an den Automaten Bahnsteigkarten verausgabt würden, trifft wie die Königl. Eisenbahndirektion Köln mitteilt, nicht zu. Zurzeit besteht eine Beschränkung des Zutritts zu den Bahnsteigen überhaupt nicht. Ein allgemeines Verbot des Zutritts zu den Bahnsteigen ist zu den großen Festen des Jahres nötig geworden und wird möglicherweise wiederholt werden müssen. […]
Geschlossen ist seit einiger Zeit ständig der Zugang vom alten Zoll zum Rheine, eine Maßnahme, die von fast allen Besuchern des alten Zolls als äußerst unangenehm empfunden wird und deren Zweckmäßigkeit heute, wo das Hochwasser längst vorüber ist, schwer zu begreifen ist. Es wäre daher an der Zeit, daß man die Sperrung dieses viel begangenen Zuganges zum Rheine aufhebe, um den lästigen Umweg durch die Konviktstraße den Spaziergängern zu ersparen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Freitag, 22. Februar 1918
Handels- und Gewerbeverein. In der Hauptversammlung Mittwoch abend im Stern gab der Vorsitzende, Direktor Roßberg, einen kurzen Ueberblick über die geschäftliche Entwicklung in Bonn im Kriege. Man könne sie als recht befriedigend hinstellen. Bis Ende 1916 seien in Bonn rund 22 Millionen Mark Kriegsgewinnsteuer bezahlt worden. […] Die Tätigkeit des Vereins war trotz der Kriegszeit recht erfreulich. In sehr vielen Angelegenheiten hat er im Interesse seiner Mitglieder gewirkt. […] Herr Kalt bemerkte, es sei angeregt worden, die Geschäftszeit im Sommer von 8 bis 1 und von 3 bis 7 Uhr (Samstags bis 8 Uhr) festzusetzen. Der Verein möge gegebenenfalls die Anregung unterstützen. […] Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde darüber geklagt, daß man am Fernsprecher zu lange warten müsse, ehe das Amt sich melde. In einem Schreiben des Telegraphenamts werden die Mißstände u. a. auf die Belastung durch militärische Gespräche zurückgeführt. Demgegenüber wurde gesagt, die Damen ließen beim Anruf meist zu lange auf sich warten, sie achteten nicht auf Doppelverbindungen und auf den Schluß der Gespräche. Nach einer kurzen Aussprache über einige weitere Angelegenheiten schloß der Vorsitzende die Versammlung.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Soldatenheim. Nach längerer Pause hat der Ausschuß des Soldatenheims am vergangenen Sonntag wieder ein Preiskegeln für die Feldgrauen veranstaltet. Bei der anschließenden gemeinsamen Unterhaltung trug das Orchester des Jugendvereins Stiftspfarre, das Herr Musiklehrer Nolden vorzüglich leitete, einige hübsche Musikstücke vor. […] Schüler der Karlschule führten einen kleinen militärischen Einakter mit gutem Erfolg auf. Von der Theaterabteilung des kath. Gesellenvereins wurde auch diesmal ein Lustspiel mit bestem Erfolg aufgeführt.
Treibriemendiebstahl. In der Nacht zum Donnerstag wurden aus dem Waschküchenbetrieb der klinischen Anstalten an der Theaterstraße durch Einbruch 13 Treibriemen gestohlen. Die Spitzbuben waren von der Wachsbleiche aus in die Klinik eingedrungen.
Das Außerordentliche Kriegsgericht für den Bereich der Festung Köln hat durch Urteil entschieden, daß die Entwendung von Treibriemen aus Fabriken, die für Heeresinteressen arbeiten, als Landesverrat zu bestrafen ist, da der Fabrikbetrieb dadurch gefährdet und der feindlichen Macht somit Vorschub geleistet wird. Ein 38jähriger Lagerarbeiter Ernst Siegel aus Wiesdorf, der nachts in das Lagerhaus der Farbenfabriken Leverkusen eindrang und Treibriemen im Wert von 5000 Mark gestohlen hatte, wurde wegen vollendetem Landesverrats in Tateinheit mit schwerem Einbruchsdiebstahl und Versuch dazu zu neun Jahren Zuchthaus, zehnjährigem Ehrverlust und Polizeiaufsicht verurteilt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Von der Polizei. In einem Geschäft in der Münsterstraße wurden bei einem nächtlichen Einbruche für mehrere tausend Mark Kleiderstoffe entwendet. Die Diebe hatten das Schaufenster zertrümmert, um einen Eingang in den Laden zu bekommen. Die sich häufenden Einbruchdiebstähle könnten auf den Schluß führen, daß unsere Polizei nicht eifrig tätig sei. Daß dem aber nicht so ist, beweise der Umstand, daß seit Ende Dezember von der hiesigen Kriminalpolizei 68 Einbrecher und 10 Straßenräuber festgenommen worden sind.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Das Bedürfnis nach Einfamilienhäusern und nach Etagenwohnungen wächst hier von Tag zu Tag. Namentlich hat sich während der Kriegszeit ein beabsichtigter Zuzug nach Godesberg in ganz außerordentlich starkem Maße geltend gemacht, sodaß man seit längerer Zeit von einer wahren Wohnungskalamität hier sprechen kann. Bei dem Verkehrsamt Koblenzerstraße 42 hierselbst ist die Nachfrage nach verkäuflichen Gebäuden oder noch zu vermietenden Einfamilienhäusern und Wohnungen ebenfalls andauernd sehr lebhaft. Die Eigentümer bezw. Vermieter werden dieserseits um Anmeldungen ersucht. Die Eintragung in die Listen und Vorlegung der letzteren an die Interessenten erfolgt kostenfrei.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Godesberg“)
Samstag, 23. Februar 1918
Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens feiert in diesem Monat sein 25jähriges Bestehen. Aus kleinen Anfängen hat sich der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich seit Jahren für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der deutschen Juden einsetzt, zu solcher Blüte entwickelt, daß er mit den korporativ zu ihm gehörenden Gemeinschaften heute etwa 200.000 deutsche Juden vertritt. Wie in allen anderen Ortsgruppen, veranstaltet auch die hiesige am 25. Februar, abends 8¼ Uhr, im großen Saale des Bürgervereins eine Festversammlung, in welcher der Syndicus des Vereins, Rechtsanwalt Erich Böhm aus Berlin, über „Aufgaben des Zentralvereins nach dem Kriege“ sprechen wird.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Der Bonner Wochenmarkt war gestern schlecht beschickt. An Gemüse war nur etwas Krauskohl, Sprutengemüse, Rosenkohl, Weißkohl, Wirsing und Spinat vorhanden. Aepfel und Zwiebeln überhaupt nicht. […]
Auch der Großmarkt auf dem Stiftsplatz hatte in fast allen Marktprodukten nur geringe Zufuhren. […] Der Verkauf war auch hier durchweg sehr flott und der Markt schon früh wieder geräumt.
Der städtische Verkauf auf dem Wochenmarkt hatte wieder recht regen Zuspruch, besonders in Gemüse und Aepfeln, worin verhältnismäßig große Mengen vorhanden waren. Auch in den übrigen Sachen waren gestern die Zufuhren wieder befriedigend. Fische waren dagegen nicht zu haben. Trotz der in letzter Zeit herrschenden Gemüseknappheit usw. hat der städtische Verkauf bisher den Wünschen der Bevölkerung in dieser Beziehung im allgemeinen noch entsprechen können. […]
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Theaterbauverein. Morgen abend 6 Uhr findet im kleinen Gesellschaftszimmer der Lese (Herrenhaus) die diesjährige Mitglieder-Versammlung des Bonner Theaterbauvereins statt. Wenn die Tagesordnung auch nur die üblichen Förmlichkeiten enthält, so ist doch eine zahlreiche Teilnahme der Mitglieder erwünscht, um das Interesse am Theaterbau-Projekt rege zu erhalten. Das angesammelte Vermögen, welches in Kriegsanleihe angelegt und durch Zinsenzuwachs erheblich gestiegen ist, bietet im Verein mit den Stiftungen die Gewähr dafür, daß der Plan, ein unserer Stadt würdiges Theatergebäude zu errichten, nach dem Kriege wieder gefördert werden wird.
Fische sind heute ein sehr begehrenswertes Nahrungsmittel. Das schlimmste dabei ist leider, daß es nur beim dem Begehren bleibt und das Verzehren ausbleibt. Das Lebensmittelamt darf des heißen Dankes weitester Kreise der Einwohnerschaft versichert sein, wenn es ihm gelingt, wieder einmal soviel Fische nach Bonn zu schaffen, daß ab und zu auch jeder Haushalt einmal einen Fisch erhält, und nicht nur diejenigen begüterten Einwohner, die sich einen Gasthausbesuch leisten können, um bei dieser Gelegenheit die Erinnerung daran, wie Fische schmecken, aufzufrischen. Von einer großen Anzahl Bürger sind wir gebeten worden, den ausdrücklichen Wunsch nach Fischen kund zu tun, damit die Stellen, welche dem Bonner Lebensmittelamt die Fische überweisen, uns nicht ganz vernachlässigen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Sonntag, 24. Februar 1918
Neue Tabakersatzstoffe. Der Bundesrat hat neuerdings genehmigt, daß das Vermischen von Linden-, Ahorn-, Platanenblättern, Blättern der wilden und der Weinrebe und von Kastanienblättern als Ersatzstoffe bei der Herstellung von Tabakerzeugnissen und tabakähnlichen Waren gestattet werden darf. Die Verwendung dieser Tabakersatzstoffe ist, worauf ausdrücklich hingewiesen wird, auf Hersteller von Tabakerzeugnissen beschränkt worden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die Strafkammer Bonn verurteilte drei Männer aus Godesberg, welche in der Nacht zum 3. Oktober von ihrer Arbeitsstätte, dem Gaswerk aus, dem nahegelegenen Schlachthof einen unerlaubten Besuch abstatteten und dort aus einem Eisenbahnwaggon je 50 Pfund Aepfel stahlen, zu je 2 Wochen Gefängnis. – Einer mehrfachen Brandschatzung unterzog im Monat April der 23jährige Arbeiter Weber von hier zwei Villen in der Büchelstraße zu Godesberg, die er in Gemeinschaft mit seinen aus Bonn mitgenommenen Genossen gründlich ausplünderte. An einem Sonntag im April stieg der gemeingefährliche Einbrecher sogar am hellen Tage in die zurzeit leerstehende Villa des Oberlandesgerichtsrates Lo. ein und stahl für mehrere tausend Mark an eingemachten Lebensmitteln und häuslichen Wertgegenständen. Die Beute wurde hier in Bonn veräußert. Als der Verbrecher am nächsten Tage wieder erschien, um seinen Raubzug fortzusetzen, gelang seine Festnahme. Das Gericht verhängte gestern 2 Jahre Gefängnis über ihn und ordnete seine sofortige Inhaftierung an. […]
Eine scharfe Nachprüfung der Fahrkarten findet zurzeit vielerorts in den Personenzügen statt, um der immer mehr um sich greifenden mißbräuchlichen Benutzung höherer Wagenklassen durch Reisende mit geringwertigeren Fahrkarten zu steuern.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Kleidung der Erstkommunikanten. Das Erzbischöfliche Generalvikariat ersucht die Pfarrer und Rektoren, den Kindern im Kommunion-Unterricht zu sagen und von der Kanzel den Gläubigen zu verkünden, daß für die Feier der ersten Kommunion weder besondere Kleider noch eine bestimmte Farbe der Kleider vorgeschrieben sind, sondern daß es vollkommen genügt, wenn die Kinder in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern zur Feier erscheinen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Montag, 25. Februar 1918
Nationalliberale Partei für den Wahlkreis Bonn-Rheinbach. […] An die Vorstandssitzung schloß sich eine lebhafte Besprechung der Frage des preußischen Wahlrechts, an der auch eine beträchtliche Anzahl nicht dem Vorstande angehörender Parteimitglieder teilnahm. Als ihr Ergebnis konnte vom Vorsitzenden zusammengefaßt werden, daß man im hiesigen Wahlkreise der Einführung des gleichen Wahlrechts im Sinne der Regierungsvorlage zustimmt, es aber für nötig hält, daß auch die Minderheiten in irgend einer Form geschützt werden. In diesem Sinne soll Professor Pflüger in der Sitzung des Provinzialvorstandes am 2. März die Stimmung der Nationalliberalen im Wahlkreise Bonn-Rheinbach kennzeichnen. Es wurde beschlossen, demnächst noch eine allgemeine Versammlung einzuberufen und deren Beschlüsse ebenfalls den zuständigen Parteiorganisationen zur Kenntnis zu bringen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Verein zur Förderung der deutschen Schaubühne. Auf allen Gebieten sozialer und wirtschaftlicher Betätigung sind Bestrebungen zur Ueberleitung in die Friedenswirtschaft am Werke. Auch die Schaubühne als das Institut von weittragendster kultureller und sozialer Bedeutung für das deutsche Volk soll nach den neuen Bedürfnissen orientiert werden. Der Hildesheimer Verband zur Förderung der deutschen Schaubühne hat sich dieser Aufgabe angenommen und findet eine lebhafte Unterstützung in den verschiedenen Ortsgruppen. Die Filiale in Bonn wurde gestern durch einen Vortrag des Herrn Geheimrats Dyroff über „Schiller und Romantik“ eingeweiht. […]
Es dürfte abzuwarten sein, wie sich die Hildesheimer Filiale in Bonn der praktischen Kunstpflege gegenüber verhalten wird.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Dienstag, 26. Februar 1918
Universität. Aus Anlaß der Befreiung der Stadt Dorpat, der berühmten Stätte deutscher Wissenschaft und Bildung, von den russischen Räuberhorden der Anarchisten hat unsere Universität sofort nach Bekanntwerden der Nachricht von dem Einzug unserer Truppen in der Universitätsstadt der Osteseeprovinzen geflaggt.
Verband- und Krankenerfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“, Lille. Aus Lille kommt die erfreuliche Nachricht, daß von der von den Bonner vaterländischen Vereinigungen betriebenen Verband- und Krankenerfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ der viermillionste Heeresangehörige am letzten Sonntag verpflegt worden ist. Das gibt Zeugnis von dem fortschreitenden segensreichen Wirken dieser Einrichtung. Die Inanspruchnahme dieser Stelle war in den letzten Monaten wiederum sehr stark; durchschnittlich wurden täglich 5500 bis 6000 Heeresangehörige verpflegt. Die Bonner Kriegswohlfahrtspflege kann mit Stolz auf diese zum Besten unserer Feldgrauen geschaffenen Einrichtung schauen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Der Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt gestern im Bonner Bürgerverein anläßlich des 25jährigen Bestehens des Vereins eine Festversammlung ab, die durch den Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Erich Boehm aus Berlin ihr besonderes Gepräge erhielt. Er beleuchtete die wirtschaftliche und rechtliche Stellung seiner Glaubensgenossen vor dem Kriege und seit 1914 und schloß daran Betrachtungen über die Aufgaben des Zentralverbandes nach dem Kriege. Die Hauptforderung der Juden gipfelt nach wie vor in dem Streben nach sozialer und rechtlicher Gleichberechtigung, nachdem sie im Heeresdienst und im öffentlichen Leben der Kriegsjahre dieselben Pflichten getragen haben und im Verteidigungskriege für das gleiche Vaterland gefallen sind, wie die Christen. So erstreben sie auch den „Reserveoffizier“, der ihnen Indendantur-, Forstkarriere und viele andere Laufbahnen erschließen soll. Mit besonderer Lebhaftigkeit und Eindringlichkeit wies der Redner die Angriffe des Antisemitismus zurück, der die Juden zu Drückebergern und Kriegswucherern stempeln möchte, der sie in Tageszeitungen, Büchern und Zeitschriften angreift. Er warnte hierbei die eigenen Volksgenossen, sich in öffentlichen Schaustellungen, wie Filmvorführungen, Kabarett- und Theaterdarbietungen im karikierender Weise oder unnobler Weise über jüdische Eigentümlichkeiten zu ergehen. Der Ernst und die Klarheit sämtlicher Ausführungen, sowie die Ruhe, mit der gelegentlich Seitenhiebe ausgeteilt wurden, kennzeichneten den Vortrag als ein Meisterstück der Dialektik, das umso sympathischer ansprach, als es sich, von einigen Maßnahmen des Selbstverteidigungsrechts abgesehen, durchaus auf dem Boden gesunden, deutsch-nationalen Empfindens abspielte.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Anhäufung von Lebensmitteln. In den Berichten über die Gerichtsverhandlungen liest man häufiger von Bestrafungen wegen Einbruchsdiebstählen, bei denen große Mengen an Lebensmitteln entwendet worden sind; so in der Sonntagsnummer des G.-Anz. über die Entwendung von eingemachten Lebensmitteln im Werte von mehreren tausend Mark aus einer leerstehenden Villa in Godesberg. Man fragt sich nun doch, wie ist das zu erklären, daß solche Vorräte an Lebensmitteln aufgestapelt sind, - in diesem Falle sogar in einer leerstehenden Villa -, wo doch allenthalben Mangel herrscht. Scheint da nicht auch Hamsterei vorzuliegen? Es dürfte sich empfehlen, wenn die Polizeibehörden, bei denen Lebensmitteldiebstähle zur Anzeige gelangen, nicht allein den Dieb suchen, sondern auch Nachforschungen nach der Herkunft so großer Lebensmittelvorräte anstellen wollten. Die Landwirte müssen sich die peinlichsten Revisionen nach Getreide, Kartoffel und anderen Erzeugnissen gefallen lassen; wäre es nicht angebracht, auch einmal bei Privaten nach Anhäufung außergewöhnlich großer Lebensmittelbestände nachsuchen zu lassen? Die Allgemeinheit hat wohl einen Anspruch darauf und es gäbe dann wohl viele Not und auch vielleicht manchen Spitzbuben weniger. Einer von Tausenden, die nicht für 100 Mark Lebensmittelvorräte haben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Straßenraub. Am Sonntag abend gegen 8 Uhr wurde in der Münsterstraße einer hiesigen Dame das silberne Handtäschchen mit etwa 80 Mark Inhalt entrissen. Der Täter, ein etwa 17jähriger Bursche, entkam in der Poststraße im Gedränge.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Mittwoch, 27. Februar 1918
Verhalten bei Fliegerangriffen. Bei Fliegerangriffen ist es in verschiedenen Städten vorgekommen, daß die Bewohner bei ihrer Flucht in die Keller die Zimmer beleuchteten, so daß plötzlich eine Erhellung des Stadtbildes eintrat, wodurch dem angreifenden Gegner Gelegenheit gegeben wurde, sich zu orientieren und zu gezielten Bombenangriffen zu gelangen. Es wird daher erneut darauf hingewiesen, die gegebenen Vorsichtsmaßregeln unbedingt zu beachten. Diese sind: 1. Seid nicht neugierig! Verlaßt bei Fliegerangriffen Straßen und Plätze und sucht in Häusern Schutz! Laßt die Haustüren offen! Wenn ihr im Freien überrascht werdet, sucht Deckung in Gräben und Gruben, unter Bäumen und neben Mauern. 2. Verlaßt in Gebäuden die oberen Stockwerke! Der Aufenthalt in der Nähe der Fenster ist gefährlich. Sucht daher Schutz hinter Fensterpfeilern und massiven Wänden. 3. Vermeidet größere Ansammlungen in einzelnen Räumen. Stellt die Gasleitungen ab. 4. Zündet bei nächtlichen Angriffen möglichst kein Licht an! Blendet ordentlich ab! 5. Straßenbahnen halt. Fahrgäste steigt aus und sucht Häuser auf. 6. Meidet die Nähe von Bomben und Geschossen, geplatzten und nicht geplatzten, wegen Explosions- und schwerer Vergiftungsgefahr. Rührt nichts an. Macht sofort der Polizei Meldung. 7. Vermeidet das Einatmen von Explosionsgasen. Wenn dies trotzdem geschehen ist, laßt sofort einen Arzt rufen. Gebt nicht Oel, Milch oder alkoholische Getränke als Gegenmittel. Bringt die Betreffenden sofort ins Freie. Nehmt, wenn nötig, künstliche Atmung und Sauerstoffeinatmung vor. 8. Vermeidet auch nach dem Angriff alle Ansammlungen. 9. Nutzt das Telefon während und unmittelbar nach einem Fliegerangriff nur bei Brand- und Unglücksfällen sowie bei lebensgefährlichen Erkrankungen. Teilt Schäden und Unglücksfälle sofort dem nächsten Polizeirevier mit. 10. Benutzt den Feuermelder nur bei Brandfällen.
Die meisten Bonner Geschäfte haben sich auf eine Verkaufszeit von 8 bis 1 Uhr und 3 bis 7 Uhr, Samstags bis 8 Uhr sowie Sonntags von 11½ bis 12½ geeinigt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Erhöhung der Gas- und Strompreise in Bonn. Demnächst sollen die Gaspreise allgemein um 3 Pfennig erhöht werden. Der Preis für Leucht-, Heiz- und Kochgas stellt sich dann auf 20 Pfg., statt bisher auf 17 Pfg., für das Kraftgas und das Gas für technische Zwecke auf 16 Pfg. statt bisher 13 Pfg. und für Automatengas auf 22 Pfg. statt bisher 19 Pfg. für den Kubikmeter. Die Strompreise sollen für die Beleuchtung von 55 auf 60 Pfg., für andere Zwecke von 22 auf 24 Pfg. die Kilowattstunde erhöht werden. Für Großabnehmer sind Ermäßigungen vorgesehen. Am kommenden Freitag werden die Stadtverordneten über diese Erhöhungen Beschluß fassen.
Die Straßenbahnpreise sollen erhöht werden. Am kommenden Freitag werden sich die Stadtverordneten mit einer Erhöhung der Straßenbahnpreise zu beschäftigen haben. Um die vom 1. Juli ds. Js. ab zu zahlende Verkehrssteuer aufbringen zu können, soll das Straßenbahnnetz wieder in Einheitsstrecken eingeteilt werden. Erwachsene zahlen dann für eine Fahrt bis zu drei Teilstrecken 15 Pfg., für längere Fahrten 20 Pfg. Netzkarten sollen monatlich 15 M. kosten. Für Streckenfahrten wird erhoben: Bis zu drei Teilstrecken 9 M., für vier Teilstrecken 10 M., für fünf Teilstrecken 11 M. und für sechs Teilstrecken 12.50 M. monatlich.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der „Allgemeine Bonner Lehrerverein“ hat in seiner 1. Quartalsversammlung am 23. Februar im Hähnchen zur bevorstehenden Neuordnung des Schulwesens folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Der Allgemeine Bonner Lehrerverein steht nach wie vor auf dem Boden der konfessionellen Volksschule. 2. Er hält den Ausbau der Volksschule zu einer Berechtigungsanstalt unter besonderer Berücksichtigung der Begabten für zeitgemäß und notwendig. 3. Um den Aufstieg der Befähigten zu ermöglichen, ist eine Klassifizierung des Schülermaterials nach dem Gesichtspunkte der Begabung zu erstreben. Dieser Forderung trägt in Anlehnung an das „Mannheimer System“ die Einrichtung von Hilfs-, Förder- und Normalklassen, sowie die Herabsetzung der Klassenstärke Rechnung. 4. Besonders befähigten Schülern der Normalklassen ist vom 4. oder 5. Schuljahre ab Gelegenheit zur Erlernung einer Fremdsprache zu geben. 5. Besondere Klassen vermitteln den ungehemmten Uebergang von allen Stufen der Volksschule zur höheren Schule ohne Zeitverlust für den Schüler. Eine gewisse Angleichung der Lehrpläne der höheren Schulen und des Lehrplanes der Volksschule ist erforderlich. 6. Schüler der Normalklassen, die zugleich am fremdsprachlichen Unterrichte teilgenommen haben, treten nach zurückgelegtem 8. Schuljahre in die höhere Bürgerschule über, die nach zweijährigem Kursus denBerechtigungsschein für den einjährig-freiwilligen Dienst ausstellt. 7. Alle Kinder, Knaben und Mädchen, müssen die allgemeine Volksschule besuchen. 8. Der Unterricht auf allen Stufen der Volks- und Bürgerschule ist unentgeltlich.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)
Donnerstag, 28. Februar 1918
Deutsche Vaterlandspartei. In fliegenden Kolonnen dringen unsere siegreichen Fahnen vorwärts im Ostland. Auf den Fluren, auf denen seit Jahrhunderten deutsche Tatkraft, deutscher Fleiß und deutsche Wissenschaft Unvergängliches geleistet haben, ziehen jetzt unsere Heere nicht als feindliche Eroberer, sondern als Befreier. So stehen diese Kriegsereignisse im Osten im Brennpunkte der vaterländischen Interessen. Es kann daher nur dankbar und freudig begrüßt werden, daß unser hochgeschätzter Mitbürger, Herr Dr. Rosenmund am kommenden Sonntag, vormittags 11 ½ Uhr im Saale des Bürgervereins einen Vortrag halten wird über „Deutschland und das Baltenland“. Die Mitglieder und Freunde der Deutschen Vaterlandspartei seien auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht.
Warnung an Gemüsewucherer. Die amtlichen Richtpreise für Gemüsesamen werden häufig derart überschritten, daß sich die Reichsstelle für Gemüse und Obst genötigt sieht, dagegen auf das schärfste einzuschreiten. Die Schuldigen werden unnachsichtig den Strafgerichten ausgeliefert (Höchststrafe: 1 Jahr Gefängnis nebst 1000 Mark Geldstrafe und entschädigungsloser Einziehung der Samenvorräte), die Handelsbetriebe polizeilich geschlossen sowie die Vorräte beschlagnahmt und einer amtlichen Stelle zur Veräußerung zu den Richtpreisen unmittelbar an die Verbraucher überwiesen. Diese Maßregeln sind schon mehrfach durchgeführt worden. Auf irgendwelche Nachsicht darf nicht mehr gerechnet werden. Es wird dringend vor Ueberschreitungen gewarnt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)
Verkaufszeit an Sonntagen. Die meisten hiesigen Geschäfte haben sich dahin geeinigt, ihre Verkaufslokale an Sonntagen von 11½ bis 2 Uhr offen zu halten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Papiergeld. Die von der Handelskammer in Bonn ausgegebenen Papiergeldscheine zu 50 Pfg., welche im Laufe der Zeit so verbraucht sind, daß sie nicht mehr als umlauffähig gelten können, werden in den Geschäften nur ungern und von der Post überhaupt nicht in Zahlung genommen. Da für die Bewohner außerhalb Bonns keine Möglichkeit besteht, die Scheine gegen neue einzutauschen, so würde es sich empfehlen, daß in den im Kreise Sieg liegenden Orten entweder die Sparkassen oder Bankgeschäfte mit dem Umtausch oben genannter Scheine betraut würden, die sie sammeln und an die Handelkammer in Bonn abliefern. Einer für viele.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Bettelnde Kinder treiben jetzt vielfach ihr Unwesen in den Straßen der Stadt. Mit Vorliebe wenden sie sich dabei bei oder nach Eintritt der Dunkelheit an bessere Leute und bitten um Fahrgeld nach einem der Vororte. Da die Kinder das Geld zu allem anderen eher verwenden als zu dem, wofür sie es vielleicht gut gebrauchen, tut man gut, ihre Bettelei nicht zu unterstützen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)