Montag, 21. August 1916
Das Kriegskinderheim auf „Hohen-Eich“ in Bonn trat kurz nach Beginn des dritten Kriegsjahres, am gestrigen Tage, ebenfalls in das dritte Jahr seiner Wirksamkeit. An zwei Jahren unausgesetzter Arbeit fanden 205 Kinder bedürftiger Kriegerfamilien jedes Bekenntnisses an rund 25.700 Kindepflegetagen gegen sehr mäßige Zahlung, volle sachkundige Körperpflege einschließlich Wäsche und Kleidung. Mancherlei Ungelegenheiten, Sorgen und Aergernisse wurden überwunden, dagegen aber auch viele Freude an den sich prächtig entwickelnden Kinderchen erlebt. Gegenwärtig ruhen im Schatten der Bäume 20 Säuglinge zufrieden in ihren Bettchen und 18 muntere Jungen und saubere Mädchen, die zum größten Teil im Heim laufen und schwätzen gelernt haben, tummeln sich auf den Rasenflächen von Hohen-Eich. Die Schwierigkeiten der Verpflegung, sowohl der Kinder wie der Hilfskräfte, sind in letzter Zeit mit der Knappheit der Lebensmittel bedeutend gewachsen. Um besonders den ganz Kleinen regelmäßig geeignete Nahrung zu schaffen, wurden eine gute Milchkuh und einige Ziegen erworben, was die Kasse erheblich in Anspruch nahm. Die wachsende Erkenntnis, daß eine vermehrte und verbesserte Säuglingspflege zu den Hauptaufgaben unserer Zeit gehört, und die erfreulichen Erfolge, die das Heim in den zwei Jahren seiner Wirksamkeit zu verzeichnen hat, gibt allen Beteiligten den Mut und die Kraft, ihr Werk solange fortzusetzen, wie das Vaterland der Hilfe jedes einzelnen, eines jeden in seiner Art, bedarf. Der letzte Bericht des Kriegskinderheims dankt zum Schluß allen, die dem Heim bisher hochherzig zur Seite standen, noch einmal herzlichst. Freunde der guten Sache in Nah und Fern, welche das Heim durch eine Gabe fördern helfen wollen, werden gebeten, sich des Scheckkontos Nr. 2558 Köln der Rheinisch-Westf. Diskonto-Gesellschaft in Bonn zu bedienen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die Kevelaer-Pfarrprozession, die gestern morgen von St. Remigius durch die Straßen des Pfarrbezirks zog, erfreute sich einer großen Beteiligung. Sämtliche Straßen, die von der Prozession berührt wurden, waren reich mit Fahnen, Blumen und Waldesgrün geschmückt. – Am Samstag abend trafen die Teilnehmer an der Fahrprozession nach Kevelaer wohlbehalten hier wieder ein.
Ein neuer Rheindampfer. Die Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft wird ihre starke Rheinflotte um einen neuen Personendampfer vermehren. Dieser, der Personendampfer Hindenburg, wird am Mittwoch von Düsseldorf aus rheinaufwärts seine Probefahrt unternehmen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Eine Gemüseverkaufsstelle hat die Stadtverwaltung im Hause Sternstraße 48 errichtet. Der Verkauf findet statt vormittags von 8 bis 12 Uhr, nachmittags von 3 bis 6 Uhr.
Große Unehrlichkeiten werden zur Zeit von den Landleuten bei den Aehrensammlern beobachtet. Beim Einfahren des Getreides, besonders beim Weizen, stößt man jetzt auf Garben, die fast zur Hälfte entleert sind. Die Aehrensammler halten sich, wie man sehr häufig beobachten kann, gern zwischen den zum Nachtrocknen aufgestellten Haufen auf und ziehen dann die Aehren aus den Garben; an anderen Stellen sind Garben vollständig verschwunden. Eine weitere Art der Unehrlichkeit, die besonders den Stadtkindern in die Schuhe geschoben wird, besteht darin, daß man die Aehren abschneidet und sie so in Paketen oder Rucksäcken verpackt, unauffällig wegschaffen kann. Diese Aehren dienen meist als Taubenfutter und sogar als Kaninchennahrung. Manche Landleute haben angesichts dieser Spitzbübereien das Aehrenlesen, solange noch Garben auf den Feldern stehen, verboten. Da das Aehrenstehlen meist während der Mittagszeit geschieht, in der das Feld sonst nicht bevölkert ist so gelingt es nur selten, einen solchen Dieb bei seiner Tätigkeit zu überraschen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 22. August 1916
Die Kriegsküchen. Die Zahl der Teilnehmer an den Bonner Kriegsküchen ist infolge der Preiserhöhung von 30 auf 40 Pfg. für das Mittagessen auf über 1000 zurückgegangen; sie betrug am gestrigen ersten Tage der neuen Woche nur noch 2946. Die meisten Teilnehmer hat nach wie vor die Küche in der Sandkaule mit 995, dann folgen die im Fuhrpark mit 781, in Poppelsdorf mit 720 und in Kessenich mit 450. Der Rückgang in der Benutzung der Massenspeisung dürfte aber nur vorübergehen sein. Viele der bisherigen Teilnehmer, die nicht unbedingt auf die Kriegsküchen angewiesen sind, ist die Preiserhöhung sicherlich die äußerliche Veranlassung geworden, zur Abwechselung wieder für eine oder mehrere Wochen im eigenen Haushalt zu kochen, sie werden dann wohl wieder zur Kriegsküche zurückkehren. Die Kriegsküchen selbst scheinen ihre „Kinderkrankheiten“ jetzt wirklich überstanden zu haben. Ueber die Küche an der Sandkaule z. B. war in der letzten Woche in keiner Weise zu klagen, das Essen war an allen Tagen gut und schmackhaft, und auch von den anderen Küchen wird nichts Ungünstiges gesagt.
Die beschlagnahmten Fahrradbereifungen werden vielfach durchgeschnitten, die Schläuche auch ohne Ventile zur Sammelstelle gebracht. Solche Bereifungen werden ohne Rücksicht auf die sonstige Güte als unbrauchbar bewertet und bezahlt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Beteiligung der Rentenempfänger bei den Erntearbeiten. Die Landesversicherungsanstalt „Rheinprovinz“ macht in ihren amtlichen Mitteilungen folgendes bekannt:
Da im Hinblick auf die augenblicklichen Arbeitsverhältnisse die Mitarbeit von Invalidenrentenempfängern bei der Einbringung der Ernte dringend wünschenswert ist, andererseits aber nicht ausgeschlossen erscheint, daß sich diese Personen vor einer Rentenentziehung hiervon abhalten lassen, so wird hiermit ausdrücklich erklärt, daß die Beteiligung an Erntearbeiten grundsätzlich nicht zu Anlaß von Rentenentziehungen genommen und etwaige Anzeigen von dritter Seite unbeachtet gelassen werden.
Die Reichsfleischkarte. Die Beratungen über die Reichsfleischkarte sind, wie wir das vor einiger Zeit schon in Aussicht stellten, nunmehr zum Abschluß gelangt, sodaß mit der Veröffentlichung der einschlägigen Bestimmungen in allernächster Zeit zu rechnen ist. Es wird ebenso, wie es jetzt vielfach bei den örtlichen Fleischkarten der Fall ist, von Monat zu Monat die Fleischmenge bestimmt werden, die sich entsprechend den vorhandenen Fleischvorräten auf ungefähr 300 Gramm pro Kopf und Woche belaufen wird. Um die Mitte jedes Monats soll die Fleischmenge bekannt gegeben werden, die für den nächsten Monat in Betracht kommt. Die Fleischkarte wird das Fleisch aller Haustiere umfassen, auch die Haushühner werden der Fleischkarte unterliegen. Frei dagegen bleiben Gänse und Enten. Lange umstritten war die Frage, wie das Wild behandelt werden sollte. Die Entscheidung ist nunmehr gefallen, daß der Fleischkarte unterliegen Rot- und Damwild, ferner Rehe und Schwarzwild, außerhalb der Karte werden verabfolgt: Hasen, Kaninchen und das jagdbare Geflügel, also Rebhühner, Wildenten und Gänse, Wasserhühner und dergleichen. In der Behandlung des Wildes wird aber voraussichtlich den Einzelstaaten eine gewisse Bewegungsfreiheit gelassen werden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Ein Zug Wildenten in Stärke von über 100 Stück kam am Sonntag nachmittag aus der Gegend der unteren Sie und ließ sich in der Nähe des HerselerWerthchens auf dem Rheine nieder. Es war interessant anzusehen, wie die Vögel von den Wogen des Rheines getragen, langsam rheinabwärts schwammen.
Einen ordentlichen Sonntagsbraten gedachten sich Männer aus Bonn zu holen, die in der Nacht vom Samstag auf Sonntag einem Gehöfte in Buschdorf einen Besuch abstatteten und Hühner und Kaninchen sowie außerdem Kleidungsstücke stahlen, nachdem sie einige Tage vorher das Gelände ausgekundschaftet und sich genau befragt hatten, wo Kaninchen zu „kaufen“ seien. Die Spitzbuben machten sich auf ihrer Heimreise jedoch verdächtig, wurden festgenommen und mußten nun natürlich auf den Braten verzichten.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 23. August 1916
Kriegsausschuß für Konsumenteninteressen für den Stadt- und Landkreis Bonn. In der letzten Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses wurde u. a. folgenden Anträgen zugestimmt: Für die mittellosen und stark kräfteverschleißenden Arbeiter und Berufe sollten die notwendigen Nährwerte und Lebensmittel auf Kosten der vermögenden oder nicht schwer arbeitenden Bevölkerung frei gemacht, insbesondere sollten so die Fettmengen für Schwerarbeiter erhöht und verbilligt werden. Bei der Kartoffellieferung sollte die Stadt den Wenigerbemittelten die möglichen Preisermäßigungen zukommen lassen. Die Klasseneinteilung beim Verkauf der städtischen Lebensmittel sollte so ausgebaut werden, daß die Klasse A (jetzt Unbemittelte und Unterstützte) alle Einkommen bis wenigstens 40 M. die Woche umfaßt. Für Arbeiter, die in den Vororten wohnen, ihre Arbeitsstelle aber in der Stadt haben, wurde die Einführung besonders billiger Straßenbahn-Monatskarten gewünscht. Die Tätigkeit der Bonner Kriegsküchen wurde lobend erwähnt.
Im Soldatenheim in der Kölnstraße lauschten die Besucher letzten Sonntag den Darbietungen der Musikschule von Frl. Remagen. Die Schülerinnen machten ihrer Lehrerin alle Ehre und gaben die Musik- und Gesangsstücke genau und schön wieder. Außerdem trug Frau Käthe Broch allein mehrere Lieder sehr ansprechend vor. Eine würdige Abrundung der übrigen Darbietungen bildeten die Vorträge der Orchesterabteilung des Jugendvereins am Stift unter Leitung des Hrn. Musiklehrers Nolden. Alle diese Darbietungen fanden den Beifall der feldgrauen Besucher.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Wie’s gemacht wird. Gestern morgen erschienen auf dem Wochenmarkt mehrere auswärtige Händler, um Bohnen in großen Mengen aufzukaufen. Da für alle Sorten Bohnen Höchstpreise bestehen, boten die Händler für andere Waren den doppelten Preis, um so die Verkäufer für sich zu gewinnen. So wurden z. B. für Gurken, die für 2,50 Mk. die hundert Stück zu haben waren, 5 Mk. bezahlt. Die Polizei machte dem Treiben ein Ende und beschlagnahmte die ganzen Bohnenvorräte. Am Nachmittag ließ die Stadt die Bohnen sowie verschiedene Zentner Gurken auf dem Wochenmarkt zu den üblichen Preisen verkaufen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Eine Explosion entstand gestern abend in dem Hintergebäude eines Geschäftshauses in der Bonngasse dadurch, daß eine Kiste mit Feuerwerkskörpern in Brand geriet. Die Explosion verursachte einen gewaltigen Knall, der weithin in der Stadt hörbar war. Die Bevölkerung glaubte, es sei eine Bombe explodiert, handelte aber nicht etwa nach dieser Ansicht, sondern eilte auf die Straße, um zu erfahren, was sich zugetragen habe. In der Bonngasse sammelte sich alsbald eine große Menschenmenge an. Die Feuerwehr wurde alarmiert, konnte aber bald wieder abrücken. Es entstand nur ein Sachschaden durch das Zertrümmern von zahlreichen Fensterscheiben. Ein Mann, der Verletzungen am Kopf erlitten hatte, wurde in die Klinik gebracht. Oberbürgermeister Spiritus und Beigeordneter Bottler weilten ebenfalls an der Unfallstelle.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 24. August 1916
Wegen Doppelehe und unberechtigten Tragens des Eisernen Kreuzes hatte sich der 39jährige Maschinenschlosser Peter Br. aus Bonn vor dem außerordentlichen Kriegsgericht in Köln zu verantworten. Wegen der Doppelehe wurde er dem ordentlichen Gericht überwiesen, wegen unberechtigten Tragens des Eisernen Kreuzes zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit. Als am Dienstag Nachmittag die Anwohner der Bonngasse durch eine Explosion einer Kiste mit Knallkorken erschreckt wurden, dachten viele im ersten Augenblick an einen Ueberfall durch feindliche Flieger. So auch ein Konzerthallenbesitzer, der in einer benachbarten Straße sein Heim hat. Der Gastwirt, das Personal, die Mitglieder einer dort konzertierenden Damenkapelle und eine Anzahl Arbeiter, die im ersten Stockwerk mit der Herstellung künstlicher Därme beschäftigt waren, stürzten Hals über Kopf nach den Kellerräumen, wo sie so lange verblieben, bis sie sicher waren, daß keine weiteren Explosionen erfolgten. Der Schrecken löste sich bald in allgemeine Heiterkeit auf und die Damenkapelle gab ihrer Freude über den „missglückten Fliegerangriff“ dadurch zum Ausdruck, daß sie das schöne Lied „Et hätt att immer noch ens jot jegange“ anstimmte.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Straßenraub. Ein 13jähriger Schüler hatte hier in einer abgelegenen Gegend einem 12jährigen Mädchen, das für seine Mutter Besorgungen machte, aufgelauert, es mit einem spitzen Stein geschlagen und ihm gewaltsam 5 Mark aus dem Marktkorb genommen. Wegen Straßenraubes erhielt der Jungen, dem von seinem Lehrer ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt wurde, vom Außerordentlichen Kriegsgericht in Köln eine Strafe von 2 Monaten Gefängnis.
Ueberlassung von Milchvieh an Landwirte. Die Stadt Bonn wird eine größere Anzahl guter Milchkühe beschaffen und diese gegen den Abschluß von Abmelkverträgen hiesigen Landwirten überlassen. Im Stadtkreise Bonn wohnenden Landwirte, die bereit sind, Milchkühe zu übernehmen, werden ersucht, dieses dem städtischen Lebensmittelamt, Am Hof Nr. 1, bis spätestens am 1. September ds. Js. anzumelden. Die Abmelkverträge können dort ebenfalls eingesehen werden.
Festgenommen wurden am Mittwoch morgen in Buschdorf abermals drei Kaninchendiebe. Polizeibeamte aus Bonn ließen die Kerle, drei große starke Männer, ruhig in die Wagen der Rheinuferbahn einsteigen und nahmen sie dann fest. In einem Koffer, den sie mit sich führten, waren eine Menge Kaninchen lebendig eingepackt, die auf dem nächtlichen Raubzuge erbeutet worden waren. Man fand eine Menge Einbrecherwerkzeug bei ihnen vor.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 25. August 1916
Rohtabak. Der Reichskanzler hat zu der Bekanntmachung vom 7. August noch unterm 18. August bestimmt: Die Rohtabak-Ausfuhr-Prüfungsstelle wird ermächtigt, Ausnahmen von den Vorschriften in §1 der Verordnung auch in den Fällen zuzulassen, in denen nachweislich Kaufverträge über Rohtabak vor dem 8. August abgeschlossen, aber noch nicht erfüllt sind. Die Rohtabak-Ausfuhr-Prüfungsstelle wird weiter ermächtigt, die Lieferung von Rohtabak an Kleinmengenverkäufer zuzulassen, wenn diese sie nachweislich zur Versorgung der Kleinmengenkäufer benötigen. Der Verkehr mit Ansichtsmustern und Arbeitsmustern bis zu 2 Kilogr. von jeder Sorte beleibt frei.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Selbstmord. Auf einem hiesigen landwirtschaftlichen Gute machte der Vorarbeiter einer Arbeiterkolonie aus Russisch-Polen seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Ueber die Beweggründe zu dieser Tat fehlt jeder Anhalt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
5¼ Millionen Bücher und Schriften wurden von der Zentrale des Borromäusvereins in Bonn am Rhein in den verflossenen zwei Kriegsjahren unentgeltlich als Lesestoff für die Mannschaften an der Front, in den Lazaretten, Soldatenheimen, S. M. Schiffen, Gefangenenlagern usw. versandt. Wichtig zur gerechten Beurteilung dieser auf kath. Seite einzig dastehenden Leistung ist der Hinweis, daß sich darunter nahezu 1 Million Bücher befinden, und daß von der Gesamtzahl der versandten Schriften 83 Proz. von den Verlegern käuflich erworben werden mußten. Durch die Zahl der versandten Bücher stellt sich der Borromäusverein aber auch in die allererste Reihe sämtlicher, also auch nicht katholischer Sammelstellen für Soldatenlektüre in ganz Deutschland. Diese achtungsgebietende Leistung wurde in der Hauptsache dadurch erreicht, daß sich der Verein in den zwei Kriegsjahren für die Beschaffung von Soldatenlektüre als unerlässlicher Ergänzung der Feldseelsorge fast bis zum Weißbluten aufopferte; er hat z. B., von allem anderen abgesehen, die gesamte Bibliotheksgabenquote – wie alljährlich eine Summe von über 200.000 Mk. – der Sammelstelle für Soldatenlektüre zur Verfügung gestellt, sodaß von Zeit zu Zeit wahre Massensendungen mit Zehntausenden von Büchern nach allen Teilen der Front möglich waren. Ein redlicher Anteil daran gebührt auch dem kath. Volksteil, namentlich aber den deutschen Bischöfen, die das Unternehmen durch ihre tatkräftige Mitwirkung förderten.
Eine wichtige Aufgabe ist also in den zwei Jahren schon erfüllt worden, aber es ist kein Zweifel, daß noch mehr zu tun bleibt. In der letzten Zeit kamen hauptsächlich aus der Front Klagen über Klagen wegen des unglaublichen Ueberhandnehmens von Schund- und Schmutzschriften. Dieser Gefahr zu steuern, liegt in Interesse des ganzen kath. Volksteils. Was der Soldat im Feld liest, kann weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwester, weder der Frau noch der Braut gleichgültig sein. Und gerade der Borromäusverein, der bis jetzt den Löwenanteil an der Versorgung der kath. Mannschaften mit gutem Lesestoff getragen, bedarf aus diesem Grunde der allseitigen, dauerhaften Unterstützung mehr wie jede andere Organisation, weil von ihm zunächst Bücher angefordert werden, die große finanzielle Opfer fordern. Ihn zu unterstützen und zu fördern bleibt nach wie vor eine dringende Aufgabe der deutschen Katholiken. (Zentralstelle des Borromäusvereins, Bonn a. Rh., Postscheckamt Köln Nr. 15205).
„Hindenburg“ auf dem Rhein. Genau an dem Tage, an dem vor zwei Jahren Generalfeldmarschall v. Hindenburg den Oberbefehl an der Ostfront übernahm, hat die Preuß. Rhein. Dampfschiffahrtsgesellschaft in Köln einen neuen Dampfer dem Verkehr übergeben, der den Namen des gefeierten Volkshelden trägt. Die Dampfer hat die gleichen Abmessungen und Einrichtungen, die sich auf dem Doppeldeckdampfer „Kronprinzessin Cecilie“ in jeder Hinsicht bewährt haben. [...] Der Dampfer „Hindenburg“ soll nur für den Personenverkehr verwandt werden und dementsprechend ist volle Rücksicht auf Unterbringung und Bequemlichkeit der Fahrgäste genommen worden. Das große Promenadendeck und das darunter liegende Zwischendeck bieten Raum für etwa 2000 Personen. Unter dem Zwischendeck ist ein Salon angeordnet. Den künstlerischen Entwurf und die Ausführung dieses Raumes lieferte die Firma Heinr. Pallenberg in Köln, der auch der Bau und die Einrichtung des luftigen Rauchsalons übertragen wurde. Die Probefahrt, bei der auch des 70. Geburtstages des verdienstvollen Vorstandsmitgliedes der Gesellschaft, Direktor Schaufuß, gedacht wurde, nahm einen in allen Teilen befriedigenden Verlauf. Unsere Rheinflotte hat damit einen Zuwachs erhalten, der sicherlich die volle Anerkennung aller Kreise finden und sich allseitiger Beleibtheit erfreuen wird. An den großen Paten des Schiffes wurde ein Begrüßungstelegramm abgesandt. Gestern nachmittag um 2½ Uhr legte der Dampfer zum ersten Male in Bonn an und nahm eine stattliche Anzahl von Fahrgästen mit. Von der Rheininsel Grafenwerth aus wurde eine photographischen Aufnahme des Dampfers bewirkt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 26. August 1916
Arndt-Eiche in Eisen. Zur glücklichen Heimkehr des Unterseefrachtschiffes „Deutschland“ wurde Donnerstag an der Arndt-Eiche eine ebenso sinnige wie eigenartige Adlerfeder genagelt. Man sieht dort auf den Meeresfluten ein Unterseeboot in voller Fahrt, während am Meeresstrande der britische Löwe sitzt und dem Boot bittere Tränen nachweint. Die Adlerfeder bildet einen künstlerischen Schmuck und gleichzeitig eine besondere Erinnerung an die denkwürdige Fahrt und die Heimkehr der „Deutschland“. Es wäre sehr wünschenswert und empfehlenswert, wenn noch viele Bürger unserer Stadt bei ähnlichen bedeutenden Ereignissen diese und ihren Namen auf Adlerfedern oder Schildern an der Arndt-Eiche befestigen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Zur Regelung des Milchverbrauchs werden im Stadtkreis Bonn vom 1. September an Milchkarten ausgegeben und zwar für Kinder bis zum vollendeten 6. Lebensjahr, für hoffende Frauen während der letzten Schwangerschaftsmonate, für stillende Frauen während der Stillzeit, jedoch höchstens für ein Jahr, sowie für Kranke. Säuglinge, d.h. Kinder bis zum vollendeten ersten Lebensjahre, erhalten ¾ Liter täglich, Kinder vom 2. bis zum vollendeten 6. Lebensjahre ½ Liter, hoffende Frauen ebenfalls ½ Liter, stillende Frauen 1 Liter und Kranke je nach deren begründeten ärztlichen Verordnung ½ bis 1 Liter täglich. Die Milchkarten werden nur auf Antrag verabfolgt. Der Name des zur Lieferung Verpflichteten ist auf der Karte verzeichnet. Der Bezug der Milch durch Karten erfolgt nur gegen Barzahlung, jedoch können arme bedürftige Kinder usw. nach Prüfung der Verhältnisse durch die Armenverwaltung, die Fürsorgestelle für Lungenkranke und die Mutterberatungsstelle die Milch wie bisher unentgeltlich erhalten. Betriebsinhaber und Milchhändler, die im Stadtkreise Bonn Milch im Kleinhandel gewerblich absetzen, sind auf Verlangen des Oberbürgermeisters verpflichtet, den ihnen namentlich bezeichneten bezugsberechtigten Personen die auf den Milchkarten angegebene Milchmenge gegen Barzahlung zu liefern. Die Verpflichtung erlischt wenn die Milch nicht bis spätestens 11 Uhr vormittags abgeholt oder entnommen wird. Für die gegen Milchkarten abgegebene Milch darf kein höherer Preis gefordert werden. Die erstmalige Ausgabe der Milchkarten erfolgt bei der Karten-Ausgabestelle des Lebensmittelamtes Am Hof 1, und zwar an die Versorgungsberechtigten mit den Anfangsbuchstaben A – H am Freitag, 1. September, J – Q am Samstag und R – Z am Montag.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Viehbestandserhebung. Am 1. September ds. Js. sind die vorhandenen Rinder, Schafe und Schweine aufzunehmen und anzuzeigen, und zwar nach dem, in der dem 1. September vorhergehenden Nacht, vorhandenen Bestande.
Lebensmittelverkauf. In der Woche vom 27. August bis 3. September 1916 dürfen in denjenigen Geschäften, die als Verkaufsstellen städtischer Lebensmittel bezeichnet sind, abgegeben gegen Warenkarte Nr. 54 Hülsenfrüchte, Bohnen, Nr. 55 Maismehl, Nr. 56 Graupen, Nr. 57 Heringe, außerdem unter Anrechnung auf die Fettkarte gegen Warenkarte Nr. 58 Margarine.
Städtischer Kartoffelverkauf. In den beiden nächsten Wochen werden 10 Pfund Kartoffeln für den Kopf und die Woche verabfolgt. Es ist ratsam, sofort den ganzen Bedarf für die nächsten 14 Tage auf einmal zu nehmen. Der Kartoffelpreis ist 8. 10 und 12 Pfg. das Pfund.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Sonntag, 27. August 1916
Die gemeinnützige Schreibstube des Vereins zur Beschäftigung Arbeitsloser, Münsterstraße 28, bittet wiederholt um Zuweisung von Arbeiten. Die Schreibstube liefert Adressen aller Stände und Berufe, sie fertigt handschriftliche Angebotsbriefe und bei größeren Auflagen Maschinenschrift-Vervielfältigungen an. Auch Abschriften aller Art in Hand- und Maschinenschrift werden geliefert. Aushilfspersonal kann wochen- und stundenweise vermittelt werden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Feilhalten von Waren auf den Straßen. Der Oberbürgermeister hat aufgrund der Gewerbeordnung bestimmt, daß Personen, die hier einen Wohnsitz oder eine gewerbliche Niederlassung haben, zum Feilbieten von Waren auf den Straßen im Gemeindebezirk einer Erlaubnis bedürfen. Eine solche besitzt auch Frau M. Als sie am 9. Januar 1916 Waren auf dem Römerplatz feilbot, vertrat ihr Mann sie hierbei während einer halben Stunde. Er besitzt eine derartige Erlaubnis nicht. Deshalb wurde er zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen. Die Strafkammer verurteilte ihn, wogegen er Revision einlegte. Der Ferienstrafsenat des Kammergerichts hat sie zurückgewiesen. Der Senat bezeichnete die Behauptung des Angeklagten, daß er mit seiner Frau in Gütertrennung lebe, als bedeutungslos. Der Angeklagte sei auch dann nicht befugt gewesen, Waren ohne Erlaubnis auf der Straße feilzubieten, wenn dies für seine Frau auf deren Rechnung geschehe.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Räumung der nordafrikanischen Kriegsgefangenenlager. Nach unbestätigten Meldungen soll infolge von Abtransporten die Zahl der in Marokko verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen im Laufe dieses Sommers auf 2500 Mann zurückgegangen sein. Die Zahl der in Tunis und Algier verbliebenen Kriegsgefangenen beträgt jetzt angeblich nur noch einige Hundert. Das Lager Tizl Ouwon in Marokko ist bisher noch nicht aufgelöst. Ebenso bestehen noch die Lager Tigziri, Ferryville und Henschir. Von dort wurde angeblich einige Transporte Fieberkranker nach Frankreich gebracht. Leute, die bisher in Algier waren, sind angeblich nach dem Fort Varois bei Dijon verlegt worden. Ein anderer Transport kam in die Gegend von Tours. Die hiesige Städt. Zentralstelle für Auskunfterteilung und Hilfe jeder Art während der Kriegszeit – Abt. Kriegsgefangenen-Fürsorge – Franziskanerstraße 9, Zimmer 25, bittet die Angehörigen von Kriegsgefangenen aus Bonn und Umgebung, die sich in Nordafrika befinden oder befunden haben, um Mitteilung, falls sie Nachricht erhalten, daß der Gefangene sich noch dort befindet oder wohin er verlegt wurde.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 28. August 1916
Der Verband der rheinpreußischen landwirtschaftlichen Genossenschaften hat vorgestern und gestern in der landwirtschaftlichen Akademie einen Vortragslehrgang für die Leiter der angeschlossenen Kreditgenossenschaften abgehalten, um sie mit der Kriegsanleihe-Arbeit und anderen vaterländischen Aufgaben vertraut zu machen. Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Der Verbandsdirektor, Geheimrat Havenstein, betonte in seiner Begrüßungsansprache, es bestehe keine Gefahr, daß Deutschland aus Hunger nachgeben müsse; gerade deshalb müsse jetzt aber auch jeder Daheimgebliebene ebenso wie der Soldat an der Front seine Schuldigkeit tun u. demnächst auch wieder dafür sorgen, daß die Reichsregierung das zum Kriegführen notwendige Geld erhalte. Bankdirektor Feldmann von der hiesigen Genossenschaftsbank für Rheinpreußen besprach dann „neue Aufgaben der Kreditgenossenschaften in und nach dem Kriege“. Die Kreditgenossenschaften müßten die Kriegsanleihe mit allen Kräften fördern. Jeder Zeichnungswunsch müßte berücksichtigt, den Sparern in weitestem Maße entgegengekommen werden. Die Genossenschaften sollten nach Maßgabe ihrer Mittel auch für eigene Rechung zeichnen, sie brauchten nicht zu befürchten, daß sie ihre Gelder dadurch über Gebühr festlegen würden. Ueberhaupt müßten alle kleinlichen Bedenken vor dem großen Ziele, dem Vorteil des Vaterlandes zurücktreten. Die Kreditgenossenschaften sollten ferner die Behörden bei der Werbe- und Aufklärungsarbeit für die Kriegsanleihe unterstützen. Eine vaterländische Pflicht sei es auch, den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu fördern. Die Rentenempfänger müßten dahin beraten werden, daß sie alle entbehrlichen Beträge zinsbar anlegten. Den zurückkehrenden Kriegsteilnehmern sollten, soweit es die Sicherheit gestatte, Darlehen gegeben werden. Um die Ansiedlung noch mehr als bisher zu fördern, sollten die Kreditgenossenschaften als örtliche Organe der Siedlungsgesellschaft Rheinisches Heim und als Geldgeber auftreten. Geschäftsführer Duffing aus Bonn behandelte dann die Einzelheiten der Kriegsanleihe-Arbeit. Der Redner glaubt, daß der Kurs der Kriegsanleihen nach dem Kriege steigen werde wegen der Nachfrage des Auslandes, sodaß Kursverluste nicht zu erwarten seien. Gleichfalls an der Hand der vom Verband herausgegebenen Formulare erörterte Verbandsrevisor Koch aus Bonn die Abrechnung und Verbuchung der Kriegsanleihen. Im letzten Vortrag über die Aufbewahrung fremder Wertpapiere erläuterte Bankdirektor Feldmann das sog. Depotgesetz. Durch die Kriegsanleihen seien die Spar- und Darlehenskassen dazu gekommen, fremde Wertpapiere aufbewahren und verwalten zu müssen, dadurch seien sie zu wirklichen Dorfbanken geworden. – In einer Aussprache wurden noch Einzelheiten der Kriegsanleihearbeit eingehender besprochen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
In Anbetracht der Lebensmittelteuerung ist die Direktion der Rheinuferbahn jetzt bestrebt, soweit es ihr möglich ist, ihren Unterbeamten und den verheirateten Rottenarbeitern der einzelnen Bahnmeistereien größere oder kleinere an der Strecke gelegene Ackerparzellen vom 11. November d. J. ab als Dienstland zur Verfügung zu stellen. Dadurch macht sie es den Angestellten sowie den Arbeitern und ihren Angehörigen möglich, sich Gärten anzulegen und Gemüse für den eigenen Haushalt kostenlos selber heranzuziehen.
Fußball. Das Retourwettspiel der Fußballmannschaft des Bonner Pfadfinder-Korps gegen den Geislarer Fußball-Verein 1916 kam am gestrigen Sonntag bei prächtigem Wetter auf dem Sportplatz an der Richard-Wagnerstraße zum Austrag. Es endete mit dem abermaligen Sieg der Pfadfinder mit 10:1 Toren. (Halbzeit 3:1 Toren).
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
30 Gramm Butter und 40 Gramm Fett werden diese Woche auf die Speisekarte abgegeben.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 29. August 1916
Verkauf von Zwetschen und Weißkohl. Das Lebensmittelamt, Abteilung Obst und Gemüse, Rathausgasse 16, ersucht durch Bekanntmachung in der heutigen Nummer dieser Zeitung die Bonner Haushaltungen, ihren Bedarf an Zwetschen und Weißkohl anzuzeigen. Die Preise werden voraussichtlich nicht über 25 M. für den Zentner Zwetschen und 6 M. für den Zentner Weißkohl sein. Es werden bis zu fünf Zentner ausgegeben, aber nicht unter 25 Pfund. Der Kleinverkauf findet in der bisherigen Weise an den Verkaufsstellen statt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die gemeinnützige Schreibstube des Vereins zur Beschäftigung Arbeitsloser bittet, das soziale gute Werk der Schreibstube durch Aufträge zu unterstützen. Es werden dort handschriftliche Offertbriefe, Maschinenschrift-Verfielfältigungen, Abschriften aller Art, technische und kaufmännische Arbeiten stenographische und Diktat-Aufnahmen, Doktorarbeiten usw. hergestellt. Ferner wird auch Aushülfspersonal stunden- und wochenweise zur Verfügung gestellt. Die gemeinnützige Schreibstube befindet sich Münsterstraße 28.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Leichtathletik-Meisterschaften, des Bezirks Bonn des Rheinisch-Westfälischen Spielverbandes wurden gestern auf dem Spielplatz an der Kölnstr. ausgetragen. Leider wurden die Leistungen nach dem Einsetzen des Regens durch schlechte Bodenverhältnisse beeinflußt. Die Ergebnisse sind folgende: 100-Meter-Lauf: [...], 200-Meter-Lauf [...], Handgranatenweitwurf [...], Handgranaten-Zielwurf [...].
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Folgen des Höchstpreiserlasses für Gemüse. Am Tage zuvor, ehe noch die Höchstpreise festgesetzt waren, konnte man alle Sorten Gemüse je nach Bedarf, teils zu höheren, teils aber auch zu bedeutend niedrigeren Preisen, in Hülle und Fülle einkaufen, während gleich am Tage darauf der Wochenmarkt nur spärlich damit beschickt war. Zwei Bauersfrauen, welche ich nach der Ursache frug, warum so wenig Bohnen, Erbsen, Salat, Kappus, Rüben, Gurken usw. zum Markt gebracht würden, da doch diese Sorten Gemüse, bei der günstigen Witterung, zur Zeit in Massen heranwüchsen? Antworteten mir: „Die Händler gehen seit den festgelegten Höchstpreisen auf dem Lande von Haus zu Haus, und kaufen alles Gemüse auf, wir kommen heute auch das letzte Mal zum Markt! Gestern waren bei uns auch Aufkäufer da, bevor wir noch Erbsen, Salat, Bohnen und Gurken gepflückt hatten. Wir ernten das nächste Mal frühzeitig das Gemüse ab, übergeben dasselbe den Händlern, erhalten dafür den Höchstpreis, sparen dadurch den Fahrpreis, das Standgeld, und was das Beste ist, noch recht viel Zeit zur Feldarbeit.“ Während nun die Landleute und Händler bei den neuen Richtpreisen recht zufrieden abschneiden, haben wir Bonner Hausfrauen dahingegen den Schaden zu tragen, denn wir können jetzt zusehen, wo wir etwas zum kochen herbekommen. Die Haushaltungsführung wird uns mit jeder Neuverordnung schwieriger gemacht. Bei der vorletzten Höchstpreisfestsetzung wurde der Wochenmarkt sofort von Aufkäufern überschwemmt, die Alles ankauften und uns Bonnern nichts übrig ließen. Jetzt ist es zwar den auswärtigen Händlern verboten zum Markt zu kommen, dafür gehen sie aber direkt an die Quelle, woselbst vielleicht noch größerer Vorteil für dieselben zu erzielen ist. Was sind das überhaupt für Zwischenhändler? Wo bringen diese das uns zukommende Gemüse hin?
Wäre Alles von Kriegsbeginn an seinen natürlichen Weg gegangen. Die Marktverordnungen wie in Friedenszeiten beibehalten worden. Keine Höchstpreise eingeführt und nur der wucherischen Preistreiberei Einhalt getan worden, indem man, wie auch auf der letzten Gartenbauvereinsversammlung angeregt wurde, eine bestimmte Stunde, vielleicht zum 10 Uhr vom Magistrat aus, festgesetzt hätte, welche dem Zwischenhandel von diesem Zeitpunkte an, erst erlaubte, aufzukaufen. – Im Kriegsjahr 1870/71 wurde um 11 Uhr von der Rathaustreppe mit einer Schelle die Zeit zum Aufkauf für den Handel angezeigt – dann könnte man Obst und Gemüse, sowie vieles Andere, wenn auch den Kriegsverhältnissen entsprechend, zu etwas höheren, aber doch normalen Preisen erstehen, und alle Leute, sei es nun der Erzeuger, oder der Händler, sowie der Verbraucher wären samt und sonders auf ihre Rechnung gekommen und zufriedengestellt worden. Namentlich hätte man dem Wucher und der Habgier keine Gelegenheit gegeben, so üppig in die Blüte zu schießen.
(Anmerkung der Redaktion: Die städtische Verwaltung in Bonn hat sich mit allen Mitteln gegen Festsetzung von Höchstpreisen für Gemüse gewehrt. Sie wurden trotzdem durch den Regierungspräsidenten eingeführt.)
In einer Bonner Zeitung war dieser Tage unter andern großen Anzeigen von Kinos eine Anzeige enthalten, in welcher verschiedene Stücke aufgeführt werden, und in welcher es offenbar zur Empfehlung heißt: „Man jubelt nicht allein! Man schreit vor Lachen!“
Jeder normal denkende Mensch muß sich mit Abscheu von einer solchen Anzeige wenden. Es ist geradezu ein Skandal, daß derartige Anzeigen verfaßt und in einer Zeitung aufgenommen werden.
Es wird gewiß niemand etwas dagegen haben, daß in den schweren Zeiten, die man jetzt durchzumachen hat, jemand zur Ausspannung oder Ablenkung sich ein erlaubtes und bescheidenes Vergnügen gestattet, zumal wenn dies in einem solchen Rahmen geschieht, daß dadurch andere Personen nicht unangenehm berührt werden müssen.
Wenn aber ein Unternehmen für seine Possen es notwendig hat, mit solchen Reklameausdrücken das Publikum auf seine Leistungen aufmerksam zu machen, dann muß, das die Oeffentlichkeit und Allgemeinheit durch solche widerwärtigen und ekelhaften Anzeigen belästigt wird, dagegen öffentlich Front gemacht werden.
Zu einer Zeit, wo täglich und stündlich an der Front Hunderte von braven Bürgern ihr Leben dahingeben und Verwundungen erleiden, die vielfach für immer Siechtum oder Arbeitsunfähigkeit herbeiführen, wo im Lande der Ernst der Zeit herrscht und die Sorge in viele Familien eingekehrt ist, da ist es geradezu schmählich, wenn öffentlich aufgefordert wird, ein Lokal zu besuchen, wo man „nicht allein jubeln, sondern vor Lachen schreien soll.“
Es dürfte sich tatsächlich nicht nur empfehlen, sondern notwendig sein, daß die Behörde sich ein derartiges Theater etwas genauer ansieht. Wenn sich herausstellt, daß dem betr. Unternehmer das Verständnis für die heutige Zeit abgeht, so muß ihm die entsprechende Belehrung erteilt werden, mit der Maßgabe, daß im Widerholungsfalle das Lokal ohne weiteres geschlossen wird. Ein Verlust für die „Kunst“ würde auch wohl daraus kaum entstehen?
Gleichzeitig dürfte es sich auch empfehlen, daß darauf hingewiesen würde, daß die marktschreierischen Anzeigen der Kinotheater ebenfalls auf ein der Zeit entsprechendes Maß zurückgeführt würden. Einer für Viele.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Mittwoch, 30. August 1916
Im Bonner Stadttheater werden, wie im vorigen Winter, auch in der kommenden Spielzeit die Vereinigten Stadttheater Köln wieder wöchentlich zwei Schauspiel- und alle vierzehn Tage eine Opernvorstellung geben. Dauerkarten, die in zwei Reihen, A und B, ausgegeben werden, verkauft das städtische Verkehrsamt. Wir verweisen auf die Bekanntmachung in dieser Zeitung.
Einheitliche Siegesfeiern. Um die Feier besonderer Kriegsereignisse einheitlich zu gestalten, hat der Kaiser angeordnet, daß in Zukunft das Kriegsministerium im einzelnen Falle Telegramme an die stellvertretenden Generalkommandos richtet, worauf die öffentlichen Gebäude beflaggt werden und Salut zu schießen ist. Diese Telegramme werden von dem Generalkommando sofort an sämtliche Garnisonkommandos weitergegeben. Die kirchlichen Behörden in Preußen sind von dem Kultusminister angewiesen worden, das übliche Siegesläuten nur zu veranstalten, wenn eine Mitteilung jener Art ergangen ist. Sollte bei amtlich gemeldeten Waffenerfolgen von erheblicher Bedeutung keine besondere Anweisung zum Flaggen ergehen, so bleibt es die Bevölkerung unbenommen, ihre Gebäude zu beflaggen, um ihrer vaterländischen Gesinnung Ausdruck zu geben. Die öffentlichen Gebäude sind nur dann zu beflaggen und Siegesgeläute darf nur dann stattfinden, wenn eine entsprechende Anweisung vom Generalkommando an die Garnisonkommandos ergeht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Schwere Gewitter zogen gestern am späten Abend von allen Seiten auf und tobten fast bis Mitternacht. In ihrer Begleitung entwickelte sich ein furchtbarer Wirbelsturm, der große Verwüstungen an Häusern und Bäumen anrichtete. Auf der oberen Coblenzerstraße und Schedestraße stürzten Bäume auf die Leitung der Godesberger Elektrischen. Ihre Wagen mußten auf offener Strecke liegen bleiben. Unsere Feuerwehr beseitigte nach 2½stündiger Arbeit die Hindernisse. Im westlichen Teil des Hofgartens an der evangelischen Kirche warf der Sturm eine der riesigen alten 140jährigen Ulmen mit der Wurzel um; im Fallen zerschmetterte sie noch teilweise die Nachbarbäume. Im östlichen Hofgarten am Königshof riß der Orkan einer Ulme einen der übermannshohen Aeste ab und schleuderte ihn auf den Rasen. Der ganze Hofgarten ist mit heruntergewehten Aesten und Zweigen bedeckt. Heute früh waren schon fleißige Holzsammlerinnen bei lohnender Arbeit. Wie im Hofgarten, so sieht es mehr oder weniger in allen Anlagen und Alleen der Stadt aus. Die Obstbäume sind gründlich geschüttelt worden; Fallobst wird wohl im Preise sinken.
Neben den Zerstörungen an den Bäumen hat der Sturm auch die Dächer der Häuser arg mitgenommen, Fenster zertrümmert und Zelte und Sonnentücher in die Luft entführt.
Neben dem Sturm stürzte ein wolkenbruchartiger Regen vom Himmel, der in vielen Teilen der Stadt die bekannten Erscheinungen, verstopfte Kanäle und überschwemmte Keller hervorrief.
Bonner Lichtspiele. Der erste Teil des Riesenwerkes der Filmkunst, des Romanes „Homunculus“ von Robert Reinert zeigt, daß auch auf dem Gebiete der lebenden Photographie deutsches Können das Ausland überflügelt hat. Bis zum Kriegsausbruch und darüber hinaus hat der Film fremdländischer Herkunft fast ausschließlich den Spielplan unserer deutschen Kinotheater beherrscht. Die Deutsche Bioscop-Gesellschaft zu Berlin hat mit der Verfilmung des Homunculus-Romans nunmehr den überzeugenden Nachweis geführt, daß auch unsere deutsche Lichtspielkunst sich zu einem hohen Können entwickelt hat. Die Bilder dieses Films sind in der äußeren Anordnung der Geschehnisse, in der Verfolgung feinsinnigster Lichtwirkungen mit künstlerisch geschultem Auge durchgeführt. Es handelt sich um einen großen Fortschritt in der Kino-Regie, die hier mit feinem Geschmack für künstlerische Geschlossenheit der Szenen und mit großem Gedankenreichtum in den Einzelanordnungen gearbeitet hat. Daß der Darsteller des Retorten-Menschen Homunculus kein Deutscher ist, darf uns nicht hindern, anzuerkennen, daß Olaf Fönß seine Aufgabe mit den an ihm geschätzten starken mimischen Ausdrucksmitteln im Stile unserer größten zeitgenössischen Schauspieler löst. Seine Darstellung ist von packender Wirkung.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Polizeiverordnung. Für den Umfang des Regierungsbezirks Köln ist folgendes verordnet worden: Das Betreten der bestellten und noch nicht abgeernteten Felder ist von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausgenommen sind Flächen, die als Hausgarten dienen und mit dem Wohnhausbesitz unmittelbar verbunden sind. Maßnahmen, die zur Verhütung von Wildschaden von Behörden angeordnet sind, sollen nicht unter diese Verordnung. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder entsprechender Haft bestraft.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 31. August 1916
„Schnaps oder Brot in diesen Kriegszeiten?“ Man schreibt uns: Die jetzt wohl nicht mehr anzuzweifelnde Nachricht, daß fortan das Brotgetreide nicht weiter zur Herstellung von Trinkbranntwein verwendet werden soll, bringt in Erinnerung, daß die hierauf gerichteten Bestrebungen und ein planmäßiges Vorgehen in unserer Stadt schon sehr früh, vielleicht zuerst in Deutschland, hervorgetreten sind. Im ersten Kriegsmonate wurde, wie manchem Leser noch erinnerlich sein wird, vom hiesigen Bezirksverein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, dem sich die Bonner Soziale Wohlfahrts-Vereinigung angeschlossen hatte, eine Flugschrift „Schnaps oder Brot in Kriegszeiten?“ in vielen Tausend Stück in Bonn verbreitet. Auf einem Anfang August 1914 von Professor Kamp veröffentlichten Aufsatz fußend, hat jenes Flugblatt die überaus wichtige Frage nach der Verwendung des Brotkorns gestellt, auch nach auswärts hin; denn das im Verlage von Carl Georgi erschienene Flugblatt nahm, dank dem Eintreten vor allem von Behörden und großindustriellen Arbeitgebern, den Weg auch in die Ferne, wo es dann mit zweckverwandten Kundgebungen anderen Ursprungs zusammenwirkte und heute jene freudigst zu begrüßende Entscheidung mit herbeigeführt hat. Wie einleuchtend und selbstverständlich diese Entscheidung in Kriegszeiten und sogar im Frieden auch erscheinen mag, so war sie doch keineswegs leicht zu erwirken und hatte starke Widerstände zu überwinden. Einer ihrer wirksamsten Fürsprecher ist wohl der Umstand gewesen, daß dem Schnaps im öffentlichen Ausschank in der auch wärmenden, nie aber schädigenden, nie Körper und Geist vergiftenden Milch unter normalen Verhältnissen ein vollgütiger Ersatz geboten werden konnte gemäß der Kampschen, bereits zum geflügelten Wort gewordenen Losung „Trank gegen Trunk!“, dessen sprechendsten überzeugenden Beweis unsere Bonner Milchhäuschen, die „Milchbüdchen“ im Volksmund, erbracht haben. Im gleichen Sinne besserer Volksernährung und erstarkender Körperkraft zu der Friedensarbeit, aber auch zum tiefernsten, schicksalentscheidenden Waffenkampf wirkt, wiederum von Bonn ausgehend, die „Zeitschrift für Volksernährung“ (Verlag Georgi), zu deren Herausgabe sich als zweiter Mitstreiter Dr. Heinz Neu, zurzeit als Feldarzt tätig, gesellt hat und die aus gemeinsamer Arbeit ihren Freundeskreis seit dem Kriegsausbruch mehr als verzehnfachen konnte.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Mastfutter für Schweine. Die Stadt Bonn gibt an die in Bonn wohnenden Landwirte und Schweinezüchter Mastfutter ab, wenn sie sich verpflichten, der Stadt Bonn Schweine im Lebendgewicht von 223 Pfund in den Monaten September bis einschließlich Dezember d. J. gegen Zahlung der Höchstpreise zu liefern. Mäster, die sich zur Abgabe von einem Schwein verpflichten, können in einem Jahre für je vier Personen ein Schwein zum eigenen Verbrauch schlachten. Näheres ist aus einer Bekanntmachung in der heutigen Nummer unseres Blattes zu ersehen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Einbruch. Am Münsterhause an der Sürst wurde in der vergangenen Nacht eine Spiegelscheibe zertrümmert und aus dem Schaufenster eine Anzahl Toilettenartikel entwendet.
Ohne Bezugsschein. Wie so oft, bekundeten Einbrecher in der vergangenen Nacht bei einem Einbruch in ein Herren-Konfektionsgeschäft am Münsterplatz einen gewissen Humor. Sie suchten sich das Schaufenster aus, in dem das Schild angebracht war: „Ohne Bezugsschein zu haben“, schlugen die Spiegelscheibe ein und entwendeten einige Anzüge. Das Schild: „Ohne Bezugsschein zu haben“ befestigten sie dann an dem leeren Ständer.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)