Dienstag, 26. Oktober 1915
Hilfe für das bulgarische Rote Kreuz. Nachdem sich Bulgarien für die Mittelmächte und ihre gerechte Sache entschieden hat, ist unter dem Ehrenvorsitz des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg und unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. Solf ein deutscher Hilfsausschuß für das Rote Kreuz in Bulgarien gebildet worden, der Sammlungen in größerem Stile für das bulgarische Rote Kreuz veranstaltet. In der Nachbarstadt Köln ist bereits mit großem Erfolge eine Sammlung in die Wege geleitet. Es darf erwartet werden, daß auch die Bonner Bürgerschaft nach Kräften dazu beitragen wird, die Verwundeten und Kranken im bulgarischen Kriege an dem Liebeswerk des Roten Kreuzes teilnehmen zu lassen. Zur Entgegennahme von Beiträgen ist die Regierungshauptkasse in Köln bereit.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Beträchtliche Ermäßigung der Brennspirituspreise. Die bereits angekündigte Herabsetzung der Brennspirituspreise, die umso erwünschter kommt, als der Brennspiritus in großem Umfange zu Ersatz von Petroleum herangezogen werden wird, tritt zum großen Teil schon heute in Kraft. Der neue Preis beträgt bekanntlich 45 Pfg. statt bisher 60 Pfg. für eine Literflasche zu 95 Prozent, und 42 Pfg. statt bisher 57 Pfg. für eine Literflasche zu 90 Prozent. Nur die etwa aus früheren Einkäufen noch vorhandenen Restbestände dürfen noch zu den alten Preisen verkauft werden. Die Käufer werden, um sich vor Schädigungen zu schützen, gut tun, die auf den Verschlußkapseln der Flaschen aufgedruckten Preise zu beachten. Vom 10. November 1915 an ist keinerlei Ueberschreitung der ermäßigten Preise mehr zulässig.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Godesberg, 25. Okt. Als eine segensreiche zeitgemäße Volkswohlfahrtseinrichtung hat sich das auf Anregung des Herrn Bürgermeisters Zander und des Herrn Professors Dr. Wendelstadt von unserer Gemeindeverwaltung gegründete „alkoholfreie Speisehaus“ entwickelt, das an Personen jeden Standes ein bürgerliches und auskömmliches Mittagessen für nur sechzig Pfennig verabfolgt, bestehend aus Suppe, Gemüsekost und Fleisch. Die leerstehenden unteren Räume des ehemaligen Hüttenrauch’schen Hotels sind zu diesem Zwecke von unserer Gemeindeverwaltung gemietet und hergerichtet worden. Von Mitgliedern des Frauenvereins wird das Ganze musterhaft verwaltet. Ein Abendessen ist sogar schon für vierzig Pfennig dort erhältlich. Es ist begreiflich, daß von dieser bequemen Verköstigungseinrichtung recht ausgiebig Gebrauch gemacht wird, namentlich von alleinstehenden Personen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)
Ueberflüssige Verteuerung der Lebensmittel auf dem Wochenmarkt.
Warum ist es hier in Bonn gestattet, daß die Zwischenhändler täglich vor, bei und während des Marktes alles ihnen genehme Obst, Gemüse, Butter, Eier und anderes rücksichtslos wegkaufen dürfen? Während in anderen Städten eine Polizeiverordnung vorschreibt, daß kein Zwischenhändler vor 10 oder 11 Uhr das Geringste aufkaufen darf und bei Uebertretungsfall streng bestraft wird. Der Stiftsplatz ist doch für zwei Tage in der Woche zum Einkauf für Obst und Gemüse dem Großhandel freigegeben. Es ist unerhört wie an den gewöhnlichen Wochenmarkttagen durch diesen unnötigen Zwischenkauf die Lebensmittelpreise künstlich in die Höhe geschraubt werden. Man kann es wohl verstehen, wenn sich gerade jetzt bei der Winterversorgung eine gerechte Empörung unter den Hausfrauen bemerkbar macht. Immer wieder kann man von dieser Seite den Ausspruch hören: „Was zu viel ist, ist zu viel, man zahlt ja gern der Kriegslage gemäß einen höheren Preis, aber Wucherpreise hat man doch nicht nötig zu bezahlen. Brot und Mehl ist knapp, Fleisch zu teuer, Fett kaum zu erstehen, wenn man nun noch Phantasiepreise zahlen muß, dann weiß man wirklich nicht mehr, was man kochen, noch essen soll. Es ist tatsächlich recht betrübend all die gerechten Klagen mit anzuhören. Wenn man dem gegenüber das hartherzige Gebaren der Händler betrachtet, die den Bauersleuten schon bis an den Bahnhof entgegen gehen, dort und unterwegs Butter, Eier, Geflügel, feinstes Obst und Gemüse wegkaufen, und noch nicht einmal zum Markt kommen lassen, so ergreift Einen eine stille Wut über diese häßliche Gebaren. Kommt einmal eine Bauersfrau mit diesen vorerwähnten Sachen bis an den Marktplatz, so wird sie schon von weitem erspäht, von einer Scharr Händler resp. Händlerinnen angehalten, und alles im Nu weggekauft, damit ja keine Hausfrau aus erster Hand kaufen kann. Butter und Eier sieht man deshalb fast gar nicht mehr auf dem Markt zum Verkauf ausgestellt.
Leider sind die wohlhabenden Hausfrauen zum großen Teil mit Schuld an der allgemeinen Verteuerung. Diese bezahlen jeden geforderten Preis, und kaufen fortwährend große Vorräte für den Winter ein. Kein Wunder, wenn sich die Verkäufer dies zu Nutzen machen. Für die weniger Bemittelten ist die Führung des Haushaltes jetzt schwer. Anders wäre es, wenn die Wohlhabenden gerade jetzt einmal aufhörten große Vorräte aufzustapeln, dann müßten auch die Preise heruntergehen. Der Reiche kann ja zu jeder Zeit einkaufen. Das wäre eine wahrhaft soziale Tat. Noch vor kurzem hörte ich im Kurgarten eines bekannten Badeortes zu, wie eine Anzahl Damen sich gegenseitig erzählten, daß sie für den Winter eine Masse Butter einschmelzten, und Eier sogar bis tausend Stück einlegten, dann hätten sie sich mit großen Vorräten an Dauerwaren, wie Schinken, Speck, Rauchfleisch, Wurst und Schmalz versehen und viele, viele Zentner Aepfel bestellt und da dachte ich bei mir: „aha, jetzt weiß ich wer die Hauptschuld an der Preissteigerung trägt! Das sind die ganz Reichen, die viel zu viel vorsorgen und die vierte Bitte des Vaterunsers, welche heißt: „Unser täglich Brot gib uns heute“, und nicht heißt: „Für morgen und übermorgen“, nicht beobachten, und dadurch dem Armen das heutige gegebene Brot recht knapp und unzureichend gestalten.
Wenn nun die Stadtverwaltung eine wie Oben erwähnte Verordnung erläßt, und die Reichen aufhören werden in Massen einzukaufen, dann wird auch trotz der schwerbedrängten Kriegszeit ein normaler Zustand auf dem Lebensmittelmarkt entstehen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Mittwoch, 27. Oktober 1915
Die Benagelung des Eisernen Kreuzes in der Wirtschaft Hombach, Roonstraße 22, hat weitere 99,55 Mark eingebracht, die an den Hilfsausschuß für Truppen abgeführt worden sind. Im ganzen hat die Benagelung bisher 189 Mark ergeben.
Volkshochschulkurse. Herr Professor Dr. Becker, der bekannte Islamforscher, wird Donnerstag abend 9 Uhr in der Aula des Städtischen Gymnasiums seine fünfstündige Vorlesungsreihe über „Die Religion des Islam“ eröffnen. Herr Professor Becker wird u. a. über Mohammed und den Koran, über das islamische Recht, über Mystik und Zauberwesen sprechen und zum Schluß den Islam als Gegenwartsproblem erörtern. Bei der engen Verbindung, in welche wir durch den Weltkrieg neuerdings zur Türkei getreten sind und die voraussichtlich im Frieden noch weit enger sich gestalten wird, dürfte eine eingehende Kenntnis dieses Themas, wie sie Herr Professor Becker uns vermitteln wird, sicherlich jedermann willkommen sein. (...)
Die Darbietungen des Ausschusses für Volkshochschulkurse wurden am Montag den 25. Oktober in der Aula des Städtischen Gymnasiums eröffnet. Herr Privatdozent Dr. Walter Bombe von der hiesigen Universität sprach über die Kunstschätze Belgiens und gab an Hand vieler prächtiger Lichtbilder zunächst einen Ueberblick über die Monumentalbauten der flandrischen Provinzen. Von dem Kunstsinn, der Prachtliebe und dem Reichtum der alten Handelsstätten des Landes zeugen die monumentalen Kirchen und Rathäuser mit ihren Türmen, die Hallen, die Belfriede, die Paläste der Zünfte und zahlreiche Bürgerhäuser. Wenn auch in der Zeit der großen Revolution von den Franzosen unendlich viel Kunstgut aus reiner Zerstörungslust vernichtet worden ist und vorher die Bilderstürmer und spanische Soldaten namentlich in den Kirchen übel gehaust haben, so hat doch vieles den Stürmen der Zeit getrotzt und bildet den köstlichsten Kunstgenuß für den Besucher der reichgesegneten Länder. Die Kunstdenkmäler von Lüttich, Löwen, Brügge, Gent, Brüssel, Antwerpen und Ypern wurden in ihrer Eigenart gewürdigt und in fesselnder Weise geschildert. Dabei gedachte der Redner auch der Vorwürfe, die gegen unsere Kriegführung in Belgien und Nordfrankreich erhoben wurden, und wies sie zurück. Unsere Heeresleitung ist, wie die amtlichen Feststellungen ergeben haben, immer darauf bedacht gewesen, überflüssige Zerstörungen zu vermeiden. Leichtfertig und ohne schwerwiegende militärische Gründe ist noch kein Kunstwerk von deutschen Soldaten vernichtet worden. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Dreierlei Kartoffelpreise in einer Straße. Aus unserem Leserkreise erhalten wir folgende Mitteilung: „Ein Kartoffelbauer aus Endenich verkaufte gestern in einer Straße nahe dem Hauptbahnhof sogenannte Industriekartoffeln zu folgenden Preisen: Eine Familie erhielt auf eine frühere Bestellung hin die Kartoffeln zu 3,50 Mk. den Zentner, andere Anwohner zu 4 Mk. und die restierenden acht Zentner, die die Frau noch auf dem Wagen hatte, bot sie gleichfalls in der Straße zu 4,00 Mk. an. Letzterer Kauf kam aber nicht zustande, da sich inzwischen andere Kauflustige eingefunden hatten, die 4,50 Mk. boten und so den Zuschlag erhielten. Wenn die Bonner Bürgerschaft sich selbst gegenseitig im Preise überbietet, kann man es den Landwirten wirklich nicht verübeln, wenn sie nur zum „Höchstpreise“ verkaufen. Nicht nur die Verkäufer sind also schuld an den Preisen, sondern auch die Konsumenten, die den Kartoffelbauern die großen Rosinen in den Kopf setzen.“
Braune Sammelfässer. Die von Herrn A. Meininghaus, Kaufmannstraße, ins Werk gesetzte Sammlung erbrachte an Bargeld M. 2416,17, an Zigarren 10.493 Stück, an Zigaretten 11.733 Stück. Gekauft wurden 47.800 Zigarren, 14.400 Zigaretten, so daß zusammen 58.293 Zigarren, 26.133 Zigaretten, über 100 Pfund Tabak, 60 Paar wollene Handschuhe und noch eine Menge notwendiger nützlicher Sachen abgeliefert werden konnten. – Der obige Betrag bestand in der Hauptsache aus Kupfer- und Nickelgeld; Silbergeld war wenig vorhanden. Die höchste Gabe, ein 20 Mark-Schein, wurde im Sammelfaß auf dem Kaiserplatz von einer Dame gestiftet. Es haben sich also die kleineren und kleinsten Leute in der Ueberzahl bei der Sammlung betätigt. Die Sammlung ist nunmehr geschlossen.
Wehrbund. Es wird uns geschrieben: Die achte Abteilung des Bonner Wehrbundes, die aus Schülern des Königl. Gymnasiums besteht, zog am vergangenen Samstag hinaus zu einer Geländeübung, bei der es sich um die Erstürmung des Dorf Röttgen handelte. Die Hälfte der Abteilung besetzte das Dorf, sicherte es durch Postenaufstellung und harrte erwartungsvoll auf den Feind, der vergeblich versuchte, die Aufmerksamkeit des Verteidigers durch einen Scheinangriff abzulenken. Unterdessen marschierte die feindliche Hauptabteilung in ständiger Deckung auf einsamen Pfaden durch die herbstlichen Waldungen des Brüserberges bis in die Gegend des Alfterhofes. Nachdem der Angreifer hier eine ungedeckte Strecke in truppenweisem Vorgehen ungesehen überwunden hatte, gelangte er, eine Falte des Geländes benutzend, auf 300 Meter an den Ort Röttgen heran und drang im Sturm mit donnerndem Hurra in das Dorf ein. Ein strammer Marsch führte Freund und Feind einträchtig nach Hause zurück.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der Verein Kath. Kaufm. Gehülfinnen und Beamtinnen stattete am vergangenen Sonntag den Verwundeten des Lazaretts in Vilich einen Besuch ab, um den lieben Feldgrauen einige vergnügte Stunden zu bereiten. Unter Leitung des Herrn Dirigenten J. Veith trug der Gesangchor des Vereins mehrere frische Lieder vor, die vom Ruhm des Vaterlandes, von deutscher Treue und deutschem Sein, von unseres lieben Rheinstroms Schönheit, und von froher, rheinischer Art Kunde gaben. Von letzterer durchweht war auch zunächst die vom Präses des Vereins, Herrn Kaplan Leuken, an die Soldaten gerichtete Anrede, so daß derselbe mehrfach die Lacher auf seiner Seite hatte. Jedoch klang auch der Ernst der Zeit durch in den warmen Dankesworten, die Redner den Verwundeten aussprach im Namen aller Vereinsmitglieder, da ja die Frauenwelt insbesondere Schuldner sei den tapfern Kriegern, die Blut und Leben daran setzten, den Ueberfall der feindlichen Horden in unsere friedlichen Gauen zu verhindern. Als einen geringen Beweis ihrer dankbaren Gesinnung verteilten die jungen Mädchen kleine Geschenke an die Soldaten, etwas zum Rauchen und etwas zum Naschen, Blumen, Obst usw., die bei den Feldgrauen freundliche Aufnahme fanden. In herzlichen Worten sprach der Herr Unteroffizier des Lazaretts den Dank der Soldaten aus, denen, da sie etwas abseits der Stadt liegen, nie oder doch sehr selten eine solch freundliche Abwechslung zuteil wird. Auch noch ein frisches Soldatenlied „O Deutschland, hoch in Ehren“, sangen die Soldaten den Spenderinnen zum Lohn, und als man zum Schluß mit einem fröhlichen „Auf Wiedersehen“ sich trennte, war es wohl schwer festzustellen, auf welcher Seite der gemütliche Nachmittag die größere Freude ausgelöst hatte.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 28. Oktober 1915
Kriegsspende „Deutscher Frauendank 1915“. Ein Bonner Ortsausschuß dieser Kriegsspende soll gebildet werden. Sämtliche Frauenvereine werden gebeten, zu einer Besprechung, die morgen (Freitag) nachmittag 5 ½ Uhr im Nachmittagsheim für Verwundete, Koblenzer Straße 90, stattfindet, Vertreterinnen zu entsenden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Am kommenden Sonntag, dem letzten Sonntag vor Allerheiligen, ist ein erweiterter Geschäftsverkehr auf die Dauer von 10 Stunden freigegeben. Die Ladengeschäfte dürfen am Sonntag von morgens 7 bis abends 7 Uhr – mit Ausnahme der für den Hauptgottesdienst bestimmten Vormittagsstunden von 9 ½ bis 11 ½ Uhr – für den Verkauf geöffnet bleiben.
Zur Kartoffelteuerung. Eine Leserin unseres Blattes schreibt uns: In der Meckenheimerstraße war gestern ein Landmann mit Abladen von Kartoffeln beschäftigt. Ich frug die in der in Tür stehende Hausfrau, was die Kartoffeln kosteten. Sie nannte mir den Preis von 4 Mark für den Zentner. Als der Bauer dies hörte, rief er: „Wat, 4 Mark ?! Die Aedäppel koste 4 Mark fuffzig on keene Penning winnige. Wenn Ihr dat net bezahlt, brenge ich keene Sack mie en de Keller.“ Die Hausfrau bestand darauf, daß 4 Mark vereinbart worden seien. Wie die beiden einig geworden sind, kann ich nicht sagen, denn ich mochte nicht weiter Zeuge dieser Auseinandersetzung sein und bin meiner Wege weiter gegangen. Das Einfachste wäre jedenfalls gewesen, wenn sich die Hausfrau polizeiliche Hilfe geholt hätte.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Kartoffelwucher! Im verflossenen Jahre hat die Kartoffelversorgung stellenweise tolle Auswüchse gezeigt, die jedoch an die jetzigen Zustände auch nicht annähernd heranreichen. Ueberall ist eine außergewöhnlich gute Ernte gewesen, aber Kartoffeln sind nur wenige, und die nur zu hohen Preisen käuflich. Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande herrscht die Kalamität und scheint der Siegkreis, namentlich die Umgebung von Siegburg in dieser Beziehung an der Spitze zu stehen. Fragt man nach Kartoffeln, so erhält man aus lächelndem Munde die Antwort: „Was zahlen Sie?“ oder man sagt: „Ich verkaufe keine.“ Der verschiedentlich laut gewordene Gedanke, im Frühjahr kosten die Kartoffeln 6 bis 8 Mark ist bei
allen vorherrschend und scheint die Angabe des Herrn Oekonomierats Bollig, daß wir diese Wucherpreise zum größten Teil den Herren Agrariern zu verdanken haben, vollkommen zutreffend. Mit welchem Rechte, wird sich aber jeder fragen. Größere und kleinere Landwirte haben an den russischen Gefangenen billige Arbeitskräfte, und sind demgemäß die Kosten für den Produzenten nicht höher, als auch in den früheren Jahren, in welchen die Kartoffeln für 3 Mark bis 3,50 Mark verkauft wurden. Mit diesem Preise kann der Produzent sowohl wie auch der Käufer zufrieden sein. Müssen die Herren Landwirte denn unbedingt in den beiden Kriegsjahren zum reichen Mann werden? Fast alle sehnen das Ende des Krieges mit schmerzlichen Gefühlen herbei, der Bauer dagegen reibt sich schmunzelnd die Hände und denkt, wenn es doch immer so blieb. Es ist doch gewiß kein beneidenswertes Gefühl, was unsere Krieger, die zur Zeit ihr Blut für uns alle hergeben, ergreift, wenn sie von ihren Frauen die Nachricht erhalten, die Bauern wollen uns keine Kartoffeln oder doch nur zu unerschwinglichen Preisen verkaufen, wovon sollen wir leben? In den In den größeren Städten sorgt die Behörde dafür, daß die ärmere Bevölkerung Kartoffeln zu einem annehmbaren Preise erhält, auf dem Lande dagegen heißt es in den meisten Fällen: „Hilf dir selbst, dann ist Dir geholfen!“ Anscheinend ist die Behörde gegen solche Zustände auf dem Lande machtlos. Meines Erachtens würde die Festsetzung eines Höchstpreises von 3,50 Mark z. B., der auch für die kommenden Monate eine Steigerung nicht erfahren dürfte, eine Aenderung herbeiführen. Ein Spekulieren auf hoheFrühjahrspreise wäre damit vereitelt bezw. demselben ein Riegel vorgeschoben. Hoffentlich erinnert sich die Steuerbehörde bei der demnächstigen Veranlagung dieser Vorgänge und sorgt dafür, daß die eingeheimsten Wucherpreise als Kriegsgewinn besonders versteuert werden. B.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Die Rechtsschutzstelle für Frauen in Bonn macht darauf aufmerksam, daß von ihr kostenlos Anträge auf Bewilligung von Beihilfen aus der Kronprinzessin-Kriegskinderspende bearbeitet und eingereicht werden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 29. Oktober 1915
Bevölkerungsbewegung in der Stadt Bonn. Nach der amtlichen Feststellung betrug die Bevölkerungszahl der Stadt Bonn am 30. September 94.782 gegen 93.979 am 30. Juni und 93.582 am 31. März. Die Einwohnerzahl ist also ständig gestiegen, und zwar im letzten Vierteljahr um 0,85 v. H. Seit 1. Januar hat die Bevölkerung um 1596 zugenommen. (...)
Der Bonner Lazarettzug K I hat auf seiner 19. Fahrt in Laon 240 Verwundete geladen und in Homburg in der Pfalz, Neustadt, Schifferstadt und Ludwigshafen ausgeladen. Zurzeit steht er fahrtbereit in Godesberg.
An Liebesgaben sind nach wie vor erwünscht: Zigarren, Zigaretten, Hemden, Pantoffeln, Taschentücher, Marmeladen in Blecheimern. Ferner einige Fahrräder und je ein elektrischer Motor von ½ PS., 110 und 120 Volt Gleichstrom. Dies alles ist abzugeben Bahnhofstraße 40. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Zwei eroberte belgische Geschütze, Kaliber 9, sind gestern nachmittag hier eingetroffen und fanden vor dem Kaiserdenkmal am Kaiserplatz Aufstellung. Die beiden Geschütze stehen auf 9 Zentimeter-Lafetten. Am Nachmittag waren die Geschütze fortgesetzt von Schaulustigen umlagert. Das größte Interesse bezeigt natürlich unsere Schuljugend, die fortgesetzt in hellen Haufen auf dem Kaiserplatz eintrifft und dem Militärposten, der zur Bewachung an den Geschützen steht, viel zu schaffen macht. Ihr Urteil geht dahin, daß die Kanonen viel zu klein seien; die auf dem Alten Zoll wären doch ganz was anderes.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Erlaß für Allerheiligen. Der Erzbischof von Köln spricht in einem Oberhirtlichen Erlaß, der am Sonntag von den Kanzeln zur Verlesung kommen soll, den dringenden Wunsch aus, daß in diesem Jahre mit Rücksicht auf die Knappheit der Beleuchtungsmittel bei der Schmückung der Gräber von der Anwendung brennender Lichter (Kerzen, Oellämpchen und dergl.) abgesehen werden möge. Auch in anderen Bezirken ist ein gleicher Wunsch zum Ausdruck gekommen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Eine Bonner Hausfrau. Zum ersten Mal in diesem Kriege fällt es schwer, in den Bäckerläden Brot zu kriegen. So bin ich am Samstag abend in einem Dutzend Geschäften gewesen, und wollte Brot haben. Da hieß es entwede: es ist keins da, oder wir sorgen erst für unsere feste Kundschaft. Bekommt man schließlich welches, so ist es frisch, und fragt man den Bäcker, weshalb er frisches Brot verkaufe, oder wie es wäre, daß er kein Brot habe, dann sagt er, es ist uns von der Stadt soviel Mehl entzogen worden, daß es uns unmöglich ist, einen geregelten Betrieb aufrecht halten zu können, noch weniger genügend Brot backen können, um den angeforderten Bedarf zu decken. Wenn es denn wirklich so schlimm ist mit dem Vorrat an Mehl, weshalb hat man dann das Quantum Brot erhöht. Es muß dem Bäcker doch genügend Mehl geliefert werden, damit es ihm möglich ist, soviel Brot backen zu können, als bei ihm gefordert wird. Auch so zeitig, daß er in der Lage ist, das Brot so zu backen, damit es 2 Mal 24 Stunden alt ist, wenn er es verkauft. Denn bei den teuren Zeiten frisches Brot essen, das fehlt noch. Also hier muß Wandel geschafft werden. Wer kann das? Fragte ich einen Bäcker. Er sagte: Nur die Verwaltung, die das Mehl ausgibt. Ob das zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber wenn es auch nicht zutreffen sollte, und die Bäcker die Schuld daran haben, so ist es doch wohl eine angebrachte Bitte an die Verwaltung, möglichst dafür zu sorgen, selbstverständlich unter Wahrung der gesetzlichen Bestimmungen, daß man nicht zu viele Bäckerläden abzulaufen hat, um Brot zu bekommen. Die Verwaltung hat ja Mittel genug in der Hand. Eine Bonner Hausfrau.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Samstag, 30. Oktober 1915
Ein Ehrentag der Bonner 160er. Der heutige 30. Oktober ist ein Ehrentag des Bonner 2. Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 160. Das Bataillon nahm vor einem Jahre mit an den Stellungskämpfen in der Champagne teil. Am 30. Oktober lagen die Gräben des Bataillons von 8 Uhr vormittags bis zum Dunkelwerden ununterbrochen im schärfsten Artilleriefeuer der Geschütze jedes Kalibers. Dieses Feuer diente dazu, die Stellung sturmreif zu machen; denn andern Tages erfolgte, abermals nach längerer heftiger Artillerievorbereitung, ein Infanterieangriff, der aber in unserem Feuer vollständig zusammenbrach. Trotz der schweren Beschießung waren die Verluste des Bataillons gering. 7 Mann erhielten das Eiserne Kreuz 2. Klasse, ein Vizefeldwebel des Bataillons das Eiserne Kreuz 1. Klasse.
Eine städtische Fruchtsammelstelle ist auf dem städtischen Grundstück Lennéstraße 29 eingerichtet worden. Mittwochs und Samstags, nachmittags von 3 bis 5 Uhr, werden dort vor allem Roßkastanien, Eicheln, Bucheln, Vogelbeeren, Linden- und Akazienfrüchte, Sonnenblumen-, Kürbis- und Traubenkerne entgegengenommen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Wegen Mangels an Fett und der Knappheit des Erdöls ersucht der Oberbürgermeister, im laufenden Jahre den frommen Gebrauch der Gräberschmückung mit Kerzen und Lampen am Allerseelentage im vaterländischen Interesse zu unterlassen.
Die fleischlosen Tage. Eine wichtige Anordnung in der Ernährungsfrage des deutschen Volkes nach österreichischem Muster, die wir jüngst schon angekündigt hatten, die Einführung von fleischlosen Tagen, steht zum 1. November bevor. Danach dürfen Dienstags und Freitags Fleischwaren und Fleischspeisen nicht gewerbsmäßig an Verbraucher verabfolgt werden. Montags und Donnerstags dürfen in Wirtschaften aller Art Fleisch, Wild, Geflügel, Fisch und sonstige Speisen, die mit Fett oder Speck gebraten, gebacken oder geschmort sind, sowie zerlassenes Fett nicht verabreicht werden. Samstags darf kein Schweinefleisch verabreicht werden. Ein Verbot des Genusses von Fleisch und der Verwendung von Fett an den bezeichneten Tagen in Einzelhaushaltungen ist zunächst nicht ausgesprochen.
Wegen Vergehens gegen die Bundesrats-Verordnung hatte sich eine Frau aus Bonn gestern vor dem Schöffengericht zu verantworten, die ihr Brotbuch einer anderen Frau geliehen hatte, damit diese Brot für sich darauf holen konnte. Sie war durch einen Strafbefehl mit 5 Mark Strafe belegt worden und hatte dagegen Einspruch erhoben. In der gestrigen Sitzung zog sie auf Zureden des Vorsitzenden, da sie die Tat an sich zugab, aber nicht gewußt haben wollte, daß das strafbar sei, den Einspruch zurück.
Das außerordentliche Kriegsgericht verurteilte am Donnerstag einen Schreinergesellen aus Luxemburg, der arbeitsuchend nach Godesberg gekommen war, ohne sich sofort polizeilich anzumelden, zu 3 Tagen Gefängnis, die durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erklärt wurden. – (...) Drei russische Saisonarbeiter standen unter der Anklage, sich ohne Erlaubnis aus ihrem Polizeibezirk entfernt zu haben. Einer von ihnen, dem sein Dienstherr gesagt hatte, er solle sich wegscheren, wurde freigesprochen. Der andere wurde zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt, während der dritte mit einem Verweis davon kam.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Zur Stadtverordnetenwahl. Die Zentrumswähler der Altstadt hielten gestern abend eine Versammlung ab, in der als Kandidaten für die kommenden Stadtverordnetenwahlen die bisherigen Stadtverordneten Jos. Kalt, Geheimrat Olbertz, Jul. Wallasch und anstelle des bisherigen Stadtv. Wirts Prof. Dr. Theod. Brinkmann aufgestellt wurden. Die Versammlung leitete der stellvertretende Vorsitzende, Herr Reichstagsabgeordneter Chrysant. Er gab Mitteilung davon, daß man die Wahlen im Burgfrieden vornehmen werde, deshalb stelle man in der 2. Klasse keine Kandidaten auf. (...) Dann sprach Stadtv. Kalt über „Die Kriegsfürsorge der Stadt Bonn“. Er berührte zunächst die Kartoffelversorgung. In den nächsten Tagen würden städtische Kartoffeln aus dem Westen bei einem Händler für 4 Mark der Zentner zu haben sein. Für Anfuhr kämen 20 Pfg. hinzu. Unterstützungsbedürftige erhielten gegen Gutschein den Zentner zu 3,50 Mark. 200 Waggon ständen zur Verfügung, weitere 30 würden als Reserve eingekellert. Für die weitere Fleischversorgung sei gesorgt. (...) Magerer Speck werde 2 Mark, fetter Speck 2,20 Mk. kosten. Jeder erhalte pro Woche 3 Pfund. Der Mehlpreis werde wohl herabgehen und damit der Brotpreis. (...) An ärmere Leute seien 79.000 Brote billig abgegeben worden. Ueber 127.000 Portionen Lebensmittel seien abgegeben worden. Ausgegeben seien dafür 389.672 Mark. An bar und für Lebensmittel habe die Stadt insgesamt 4.622.190 Mark ausgegeben. (...)
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Den Kartoffelbedarf hat die Stadt Bonn für die Kriegerfamilien und die minderbemittelte Bevölkerung bis zur neuen Ernte vollständig sichergestellt. Es werden gegen Gutschein Kartoffeln abgegeben zum Preise von 3,50 M. für den Zentner an alle Kriegerfamilien, welche die Reichsunterstützung beziehen sowie an alle Personen, welche von der Armenverwaltung unterstützt werden, ferner an Arbeiterfamilien und an Angestellte und Beamte der Stadt Bonn sowie an solche in Privatbetrieben, deren Jahreseinkommen den Betrag von 3.000 M. nicht übersteigt. Darüber hinaus können an sonstige minderbemittelte Personen Ausweise erteilt werden, welche den Inhaber berechtigen, die Kartoffeln von den städtischen Lagern zum Selbstkostenpreis, der im Voraus festgesetzt wird und voraussichtlich den Betrag von 4 Mk. für den Zentner nicht übersteigen wird, zu entnehmen. Nähere Bekanntmachung darüber, wo und wann die Ausgabe der Gutscheine und Ausweise sowie der Kartoffeln stattfindet, wird in den nächsten Tagen erfolgen.
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Sonntag, 31. Oktober 1915
Kriegsspende „Deutscher Frauendank 1915.“ Die Bonner Vertreterinnen der beiden größten Frauenverbände, des Bundes Deutscher Frauenvereine und des Katholischen Frauenbundes, hatten sämtliche Frauenvereine Bonns am Freitag nachmittag zu einer Besprechung eingeladen. Infolgedessen schlossen sich 43 Vereine und einige Einzelpersonen zu einem Ortsausschuß zusammen, der die Sammlung für die von den beiden großen Frauenverbänden ins Leben gerufene Kriegsspende „Deutscher Frauendank 1915“ in die Wege leiten will. Die Versammlung wurde eröffnet und geleitet von Fräulein Paula Böttrich, der Vorsitzenden des Katholischen Frauenbundes, Zweigverein Bonn. Frau Adelheid Steinmann, die Vertreterin der dem Bunde Deutscher Frauenvereine angeschlossenen Bonner Vereine, machte der Versammlung Mitteilung über die mustergültige Organisation und den segensreichen Zweck der Stiftung. Sie ist bestimmt zur Unterstützung der Hinterbliebenen gefallener Krieger und der Angehörigen von Kriegsbeschädigten aus Heer und Marine aller Waffengattungen, und zwar soll sie hauptsächlich zur Verwendung kommen als Beihilfe zu einer der Begabung entsprechenden Schul- und Berufsbildung und zur Unterstützung von solchen Angehörigen der Kriegsteilnehmer, denen die Möglichkeit des eigenen Erwerbs versagt ist. Um jede Zersplitterung zu vermeiden, soll die Kriegsspende „Deutscher Frauendank 1915“ der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen und den Ausschüssen für Kriegsinvalidenfürsorge unter besonderen Verwaltungsbedingungen angeschlossen werden. Plan und Zweck dieser Veranstaltung wurden von den Anwesenden als der weitgehendsten Förderung wert erkannt, und es wurde der Wunsch ausgesprochen, keine einzige Frau möge sich von einer Stiftung ausschließen, die einen geringen Teil unserer unermeßlichen Dankesschuld abtragen soll, denen gegenüber, die uns und unser Vaterland durch das Opfer ihres Lebens oder ihrer Gesundheit vor dem Untergang bewahrt haben.
Der Ortsausschuß wählte einen Arbeitsausschuß von zehn Mitgliedern aller Richtungen, die unter dem Vorsitz von Frau Elisabeth Gudden die Sammlung der Gaben unverzüglich vorbereiten werden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Wegen verbotenen Branntweinverkaufs wurde eine Wirtin aus Vilich-Rheindorf gestern von der Strafkammer zu 20 Mk. Geldstrafe verurteilt. Sie hatte Schnaps an Arbeiter in nicht versiegelten Flaschen abgegeben. Das Bürgermeisteramt hatte außerdem ihre Wirtschaft für 14 Tage geschlossen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Vom Bonner Volksheim. Ich gehöre zu den Hausfrauen, die in der jetzigen Zeit der Nahrungsmittelteuerung immer gerne möglichst billig einkaufen. Da fiel mir in den letzten Tagen wiederholt ein Inserat in die Augen, wonach das Bonner Volksheim „Aepfel das Pfund zu 8 Pfg.“ verkauft. Obwohl ich sehr weit vom Volksheim entfernt wohne, bin ich doch gestern zur Meckenheimerstraße gegangen, um dort im Volksheim die angebotenen billigen Aepfel mir einmal anzusehen und ein Pfund probeweise zu kaufen. Zu meiner Ueberraschung wurde mir aber dort erklärt, daß man dort nicht wie in jedem Laden ein Pfund kaufen könne, man müsse mindestens fünf Pfund nehmen, und probieren der Aepfel sei ausgeschlossen. Da mir das Aussehen der Aepfel es ratsam erscheinen ließ, zunächst eine Probe davon zu haben, bat ich dringend, mir wenigstens ein Pfund probeweise zu überlassen. Ich stieß aber mit meiner Bitte auf ein glattes Nein. Der Verkäufer erklärte, er habe die Anweisung, nicht unter fünf Pfund zu verkaufen. Da mir die übrigen Aepfel, die angeboten wurden, zu teuer waren (es handelte sich um Tafelobst, das Pfund zu 25 Pfg.), so bin ich unverrichteter Sache wieder nach Hause gegangen. Ich hatte geglaubt, daß man im Bonner Volksheim mehr Entgegenkommen fände, als in jedem eigentlichen Ladengeschäft, in welchem man einem Käufer auf Verlangen meist gerne eine Kostprobe gibt. Eine Kriegswitwe.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Warnung vor übereilten Kartoffel-Einkäufen. Von einem Geistlichen wird uns geschrieben: Wer die gegenwärtige Gestaltung der Kriegslage, sowohl in militärischer als in politischer Hinsicht hüben und drüben aufmerksam betrachtet, kann sich unmöglich enthalten, dem Gedanken an ein sehr baldiges Ende des Krieges Raum zu geben. Dem Ende aber dürfte ein so großer Umschwung in handels- und wirtschaftlicher Beziehung folgen, wie man es heute gar nicht ahnt. Mit den während 15 Monaten in den Ueberseeländern auf Lager befindlichen Vorräten an Kolonialwaren wird man alsdann Europa förmlich überschütten. Wer mag nach einigen Monaten sich wohl noch satt an Kartoffeln essen, wenn ihm wieder Weizenmehl, Reis und allerlei Tropenfrüchte billig zur Verfügung stehen! Die reichlich aufgespeicherten Vorräte von Kartoffeln werden den Landleuten dann gewiß sehr zu statten kommen als Viehfutter, wodurch dann möglichst bald auch dem Fleischmangel wieder abgeholfen wird. Bis jetzt sind, wie leicht zu konstatieren ist, bereits große Mengen von Kartoffeln in den Städten lagernd untergebracht, so zwar, daß diese für den Konsum nach veränderter Lage den Winter hindurch hinreichen dürften. Freilich werden alsdann die heute sehr geschäftigen Kartoffelhändler beim Verkauf sich mit der Hälfte des Einkaufspreises begnügen müssen; und diejenigen Konsumenten, welche in ihrer Angst dem Bauer gegenüber heute so freigebig sind, mögen sich dann damit trösten, daß sie wenigstens etwas dazu beigetragen haben, dem Landmann seine Erdscholle wieder lieb und teuer zu machen, infolgedessen man hoffen kann, daß die mit Recht beklagte Landflucht einigermaßen eingedämmt wird. Möchten die ängstlichen Bürger und die schmunzelnden Bauern doch nicht vergessen, daß eine gütige Vorsehung regiert. Dies findet den Wucherer und Habgierigen auch noch nach dem Kriege. Eine reiche Erfahrung dürfte lehren, daß unmäßige Gewinne, erzielt an Lebensmitteln zur Zeit der Kriegsnot, nie von dauerndem Bestande geblieben sind.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)