Montag , 26. Juli 1915
Lebensmittelpreise und Kleinhandel. Im Landesausschuß Rheinland und Westfalen des Reichsdeutschen Mittelstandsverbandes fand eine Sitzung statt, die sich eingehend mit den Lebensmittelpreisen befaßte. Das Bestreben, energische Maßnahmen gegen Lebensmittel-Wucher zu ergreifen, findet im gesamten Mittelstande und insbesondere im Lebensmittelkleinhandel, der vornehmlich unter diesen Mißständen zu leiden hat, ungeteilten Beifall. Es wurde beschlossen, sich den Behörden zur Hilfeleistung bei der Durchführung geeigneter Maßnahmen zur Verfügung zu stellen und ein Arbeitsausschuß mit weitgehenden Vollmachten eingesetzt.
Das gestrige Konzert des Bonner Männer-Gesang-Vereins in der Stadthalle hatte wieder einen großen Erfolg. Von den Chören fand vor allem „Der Deutschen Kriegslied 1914“ von Sauer so starken Beifall, daß ein Teil des Kriegsliedes wiederholt wurde. Auch der Solist, Herr Tasche, mußte sich zu einigen Zugaben verstehen. Der Verein hatte zu dem Konzert auch etwa 300 Verwundete aus hiesigen Lazaretten eingeladen und sie mit Getränken und Zigarren bewirten lassen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Preisverzeichnisse im Kleinhandel. Der Gouverneur der Festung Köln macht in der heutigen Nummer unseres Blattes bekannt, daß Kleinhändler in Fleisch, Fleischwaren, Fettwaren, Butter, Schmalz, Speisefetten, Eiern, frischem Gemüse, frischen Hülsenfrüchten, frischem Obst und Kartoffeln die Preise dieser Gegenstände in ein Verzeichnis einzutragen haben. Das Verzeichnis ist in einer für jedne Käufer deutlich erkennbaren Weise und zwar innerhalb des Verkaufsraumes und außerhalb des selben an der Tür oder dem Fenster durch Anschlag bekannt zu machen. Als Verkaufsstellen im Sinne dieser Verordnung gelten auch die Verkaufsstände an den Wochenmärkten, in den Markthallen und im Straßenhandel. Diese Verordnung soll die übertriebenen Preisforderungen im Kleinhandel verhindern. Bis zum 28. ds. Mts. müssen diese Preisverzeichnisse zum Aushang gebracht sein.
Unfall. Gestern nachmittag fiel in der Nähe der Gronau ein Knabe von einem Geländer, auf dem er herumkletterte, und brach den linken Arm. Ein Vorübergehender legte dem Jungen einen Notverband an und schickte ihn zum Arzt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Gegen die Vorkäufer auf dem Wochenmarkt ist man jetzt allgemein erbost. Warum sind denn so viele Vorkäufer? Die Landwirte haben keine Leute, um ihre Arbeit machen zu lassen und beeilen sich, morgens früh vom Markt nach Hause zu kommen, um ihre Arbeiten auf dem Felde ausführen zu können. Da sind sie froh, wenn die Vorkäufer ihnen die Sachen abkaufen, und die wollen doch auch leben. Ferner bedenkt man nicht, was die Vorkäufer auf dem Markt für die Lazarette und die einzelnen Verwundeten alles schon gegeben haben und noch täglich geben. Das muß doch auch berücksichtigt werden. Eine Vorkäuferin.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Zusatzbrotkarten im Landkreise Bonn. In der heutigen Nummer unseres Blattes veröffentlicht Landrat v. Nell eine Bekanntmachung über die Regelung des Mehl- und Brotverbrauchs im Landkreise Bonn. Danach erhält auf Antrag jeder über 12 Jahre alte Einwohner mit einem eigen. Arbeitseinkommen bis 2500 M., der in der Landwirtschaft oder in der Industrie beschäftigt ist, eine Zusatzbrotkarte über höchstens 350 Gramm Mehl für die Woche.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag , 27. Juli 1915
Die Gemeinnützige Schreibstube des Vereins zur Beschäftigung Arbeitsloser (Münsterstraße 28, Fernsprecher 2723) kann zurzeit die vielen Arbeit suchenden Stellenlosen nicht voll beschäftigen, da es ihr an Aufträgen mangelt. Die Leitung bittet daher, den gemeinnützigen Zweck des Unternehmens durch Zuweisung von Aufträgen (Massenadressen, Abschriften, Vervielfältigungen usw.) und durch Inanspruchnahme ihrer Stellenvermittlung zu fördern.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Den Arbeiten der Verwundeten, die seit einigen Tagen in der Fürstenstraße zum Verkauf ausgestellt sind, wird vonseiten der Bürgerschaft großes Interesse entgegengebracht. Zeitweilig war das Lokal von Schaulustigen dicht gefüllt, die – was die Hauptsache ist – auch fleißig Einkäufe machten. Wie wir noch ergänzend mitteilen wollen, hat die Leitung der Bonner Betonfabrik an der Kölnstraße die Materialien für die prächtigen Terrazzoarbeiten den Verwundeten unentgeltlich abgegeben und auch die Soldaten in den eigenen Arbeitsräumen in jeder Weise bei der Arbeit unterstützt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Petroleumpreise. Bis vor kurzem konnte man an vielen Schaufenstern Reklameschilder mit der Aufschrift lesen: Petroleum in jedem Quantum zu haben, Liter 75 Pfg. oder auch 80 Pfg. Seit dem 15. Juli sind nun Höchstpreise von 32 Pfg. für das Liter Petroleum festgesetzt worden. Aber man kann nirgendwo welches erhalten. Die Geschäftsleute sagen, wir haben keines. Sollte wirklich die eingetroffene Menge so rasch verbraucht sein? Eine Hausfrau.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Die Prozession der St. Matthias-Bruderschaft, die wie alljährlich, am verflossenen Sonntag zur Verehrung des hl. Apollinarius von Bonn nach Remagen zog, war wiederum so recht ein Bild religiöser Gesinnung und religiösen Geistes unserer katholischen Mitbürger. Nahezu 1000 Pilger zogen um 3 Uhr morgens, nachdem eine Anzahl in der Münsterkirche die hl. Kommunion emfpangen hatten, aus. Bei der hl. Messe in Mehlem war die Beteiligung am Empfange der hl. Kommunion eine außerordentlich rege. Nachmittags gegen 5 Uhr kehrte die Prozession mit einem Sonderdampfer wieder nach Bonn zurück.
Wohltätigkeitskonzert der 69er Infanterie-Kapelle. Am Samstag abend hatte sich die Kapelle des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 69 zu einem Konzert hier eingefunden, dessen Ertrag zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Krieger bestimmt war. Leider war die Stadthalle nur schwach besetzt. Die guten Darbietungen hätten besseren Besuch verdient gehabt. Militärmärsche, Ouvertüren aus Opern von Flotow, C. M. v. Weber, Wagner und Mozart wechselten in angenehmer Reihenfolge ab. Man freute sich wieder einmal ein schönes Militärkonzert zu hören und die Besucher brachten den Soldaten und ihrem Führer Musikmeister Blum lebhaften Beifall dar.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch , 28. Juli 1915
Die vaterländischen Festspiele, die in früheren Jahren unsere sportgewandte Jugend an einem Sonntage des Julis zur Betätigung ihrer körperlichen Rüstigkeit auf der Wiese der Gronau vereinte, mußten in diesem Kriegsjahre ausfallen. Die Jünglinge und Männer, die da liefen und sprangen, den Fußball traten, Gewichte hoben, das Rad in gewagten Kurven lenkten, ruderten und schwammen, stehen im Felde, um im ernsten Kampfe zu erproben, wozu sie im friedlichen Wettstreite sich vorbereitet hatten. An die Stelle der Festspiele trat am verflossenen Sonntag der Wettkampf in kriegerischen Uebungen, den der Bonner Wehrbund für seine Mitglieder veranstaltet hatte. Alle Uebungen fanden nicht im Sportanzuge, sondern in der gewohnten Straßenkleidung mit Rucksackbelastung statt. Zu einem Dreikampfe vereinigt waren der Hochsprung, der 100-Meter-Lauf und der Wurf von gefüllten Konservenbüchsen, die im Felde als Handgranaten auch ihre Verwendung finden. Es galt im Einzelkampfe über Hürden zu springen, mit Kriechen unter einer Leiter sich fortzubewegen, einen 5 Meter langen Drahtverhau zu überwinden und mit sicherem Wurf eine Kavallerie-Handgranate in einen 1 ½ Meter breiten Schützengraben zu werfen. Als Abteilungskämpfe waren Eilbotenlauf über 400 Meter, 1000-Meter-Lauf und Exerzieren bestimmt. (...) Der Verlauf der Veranstaltung bewies, daß unter den Mitgliedern des Wehrbundes einem vaterländischen Zwecke entsprechend ein guter Geist herrscht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Stillbescheinigungen für Wöchnerinnen im Landkreise Bonn. Die im Interesse von Mutter und Kind eingeführte Stillunterstützung soll die Mütter anregen, ihre Stillpflicht pünktlich und gewissenhaft zu erfüllen; gerade in der Sommerzeit ist dies für die Erhaltung des Kindes von besonderer Bedeutung. Das Stillgeld soll den Müttern aber auch unverkürzt zukommen, für die Ausfertigung des Stillscheines dürfen irgend welche Abgaben nicht erhoben werden. Die Mütter wollen sich dieserhalb möglichst an die nächste Mütterberatungsstelle wenden.
Die Unternehmer landwirtschaftlicher Betriebe, welche Selbstversorgung mit Getreide und Mehl beanspruchen, haben dieses bis zum 30. d. M. einschl. anzuzeigen und dabei die Durchführbarkeit durch Angabe der Zahl der zur Wirtschaft gehörenden und für die Selbstversorgung in Betracht kommenden Personen, sowie durch Angabe der für die Zeit der Selbstversorgung verfügbaren Vorräte an Getreide bezw. Mehl nachzuweisen. Anträge werden im städtischen Mehlamt, Am Hof 1 entgegengenommen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Rheinfahrt verwundeter Krieger. In sinniger Weise feierte gestern die Verbindung studierender Frauen „Hilaritas“ ihr Stiftungsfest. Sie hatte eine Anzahl Verwundeter zu einer Fahrt nach der Rheininsel Grafenwerth eingeladen und bewirtete sie an blumengeschmückter Tafel mit Kaffee und einem Abendimbiß. Patriotische Lieder und Reden, ein Spaziergang auf der einzig schön gelegenen Insel verkürzten die Zeit. Eine wohlgelungene Gruppenaufnahme und die von dem Inselpächter gestifteten Ansichtskarten dürften unseren tapferen Soldaten eine angenehme Erinnerung an die schöne Rheinfahrt mit Bonner Studentinnen sein.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag , 29. Juli 1915
Auf dem Markte mußten gestern zum erstenmal die vom Guvernör der Festung Köln vorgeschriebenen Preisverzeichnisse auf den Verkaufsständen aufliegen oder angebracht sein. Die Verkäufer und besonders die Verkäuferinnen kamen der neuen Vorschrift teilweise nur unwillig nach, dann nahmen sie die Sache aber humoristisch und belachten gegenseitig ihre „Preisverzeichnisse“, die das verschiedenartigste Aussehen hatten. Man sah Schiefertafeln, gerade oder auch schief geschnittene Pappstücke, oft auch nur ein Notizbuchblatt, und in den Aufschriften waren Verstöße gegen die Rechtschreibung nicht gerade selten. Die angegebenen Preise sind natürlich Höchstpreise, „gehandelt“ wird nach wie vor, das bisher vielfach übliche Verfahren, von scheinbar „besseren“ Kauflustigen höhere als die üblichen Preise zu fordern, wird durch die Preisverzeichnisse aber sehr eingeschränkt. Auch an und in den Ladengeschäften, in denen Fleisch- und Fettwaren, Eier, Gemüse, Obst und Kartoffeln verkauft werden, müssen seit gestern Preisverzeichnisse angebracht sein, ebenso müssen die Straßenhändler mit Gemüse, Obst usw. solche Verzeichnisse führen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Reiche Frühkartoffelernte. Aus Beuel wird uns geschrieben: Gestern habe ich einen Strauch Frühkartoffeln ausgehackt, woran sich stark fünf Pfund Kartoffeln befanden. Die meisten Sträucher haben bis 4 ½ Pfund. Ich pflanze jetzt schon im 30. Jahr Kartoffeln, aber bis jetzt habe ich eine solche Ernte von Frühkartoffeln noch nicht gehabt. Dabei sind sie gesund und wohlschmeckend. (Wir wünschen allen Kartoffelbauern ein solches Ergebnis und den Verbrauchern einen dieser Ernte entsprechenden Kartoffelpreis. Red.)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Neuer Katholischer Studentinnen-Verein. An der Universität Bonn hat sich aus den Reihen des katholischen Studentinnenvereins „Hrotsvit“ ein neuer, selbständiger, katholischer, deutscher Studentinnenverein gebildet. Die Gründung eines neuen Vereins war bei der großen Mitgliederzahl der „Hrotsvit“ (über 60) ein dringendes Bedürfnis. Der neue Verein führt den Namen „Hochwart“ und den Wahlspruch „Wahrheit, Deutschtum, Freude.“ Er erstrebt bei seinen Mitgliedern religiöse Vertiefung und wissenschaftliche Förderung und eine innige Verbindung von Wissenschaft und Leben. Zu diesem Zwecke finden alle 14 Tage Vorträge mit anschließender Besprechung statt, hauptsächlich über Themen mit philosophisch, ethischem Inhalt. (...) Staatsbürgerliche und soziale Schulung der Mitglieder soll durch Vorträge aus diesem Gebiet und rege Beteiligung an sozialen Bestrebungen erreicht werden. Wahl und Maß dieser Beteiligung bleibt den einzelnen überlassen. – Wahre Freude und edle Geselligkeit suchen wir zu pflegen durch Wanderungen in die Natur und durch Kunstabende, die jede zweite Woche stattfinden und unter einheitlichem Gesichtspunkt mit Zuhilfenahme von Instrumental- und Vokalmusik, Vorlesen, Vortrag, Betrachten von Bildern usw. zu einem einheitlichen Ganzen gestaltet werden. Durch Teilnahme an sozialen Bestrebungen und dadurch, daß an den Vortrags- und Kunstabenden auf die Auswirkungen deutscher Wissenschaft und Kunst besonderes Gewicht gelegt wird, glauben wir, daß das Wort Deutschtum, das wir in unsern Wahlspruch aufgenommen haben, uns nicht ein bloßes Wort sein wird.
Unfall. In der Sternstraße fiel gestern vormittag beim Fensterputzen ein junger Mann in eine Spiegelscheibe, welche entzwei ging. Der junge Mann wurde nicht unerheblich verletzt und mußte ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag , 30. Juli 1915
Die Aenderungen der Marktordnung, die von der letzten Stadtverordnetenversammlung beschlossen worden sind, treten nächsten Montag in Kraft. Von Montag ab bleibt der südliche Teil des Marktes vor dem Rathause solchen Verkäufern vorbehalten, die nur Erzeugnisse aus eigenen Wirtschaftsbetrieben feilbieten, während die Händler und Verkäufer auf den nördlichen Teil des Marktes (nach der Sternstraße hin) verwiesen werden. Beide Teile sollen durch eine Absperrung voneinander abgegrenzt werden. Außerdem wird der Marktverkehr auch an den Dienstag- und Freitag-Nachmittagen freigegeben, es dürfen dann jedoch nur Erzeugnisse aus eigenen Betrieben feilgeboten werden. Standgeld wird an den Nachmittagen nicht erhoben.
Dank- und Bittgottesdienste sind für nächsten Sonntag, den Jahrestag des Kriegsbeginn, von den evangelischen und katholischen Kirchenbehörden angeordnet worden. Der Evangelische Oberkirchenrat weist in seiner Verfügung an die Konsistorien darauf hin, daß die Gemeinden dem Dank für die bisherige Hilfe Gottes und der Bitte um seinen ferneren Beistand dadurch Ausdruck geben möchten, daß sie ihre Opfergaben zur Linderung der in den Gemeinden entstandenen Kriegsnöte darbringen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Freikarten für Verwundete auf der Straßenbahn. Wiederholt sind wir von unserem Leserkreise ersucht worden, dafür einzutreten, daß den Verwundeten unserer Stadt freie Straßenbahnfahrt gewährt werde. Wie uns die Direktion der Straßenbahnen der Stadt Bonn mitteilt, sind dem Herrn Lazarettdirektor eine große Anzahl Freikarten zur Verfügung gestellt worden, die von diesem auf die einzelnen Lazarette verteilt worden sind.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Bänke an den Haltestellen der Elektrischen. Die durch die neuen Bänke an einzelnen Haltestellen gewährte Bequemlichkeit, veranlaßt die Bitte um ihre Vermehrung. Der Vorschlag, die lange Coblenzerstraße damit zu bedenken, ist sicher Jedem hochwillkommen. P.M.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Auf dem Markte müssen jetzt die vom Gouverneur der Festung Köln vorgeschriebenen Preisverzeichnisse an den Verkaufsständen angebracht sein. Die Verkäufer und Verkäuferinnen kamen der neuen Vorschrift teilweise nur ungern nach, meist wohl, weil sich eine Anbringung zu umständlich gestaltet. Man sieht daher Schiefertafeln, Pappstücke, oft auch nur Notizbuchblätter als Preisverzeichnisse figurieren und findet dabei nicht nur Gelegenheit, die Höchtspreise, – denn nur diese werden angegeben –, zu studieren, sondern auch die Rechtschreibefähigkeit der Marktfrauen. Auf die Preisgestaltung selbst dürfte die Einrichtung keinen Einfluß ausüben. Sie erspart das Nachfragen nach den Preisen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 31. Juli 1915
Opfertag. Man schreibt uns: Der Jahrestag der Mobilmachung, der 1. August, soll auch hier in Bonn dadurch hervorgehoben werden, daß er zu einem besonderen Opfertag gestaltet wird. Die Vaterländischen Vereinigungen werden daher am Sonntag, den 1. August, und am Montag, den 2. August, eine Haus- und Straßensammlung durch ihre bewährten Helferinnen, die mit amtlichen Ausweiskarten versehen sind, ausführen lassen und bei dieser Gelegenheit auch Postkarten und die Vaterländischen Abzeichen verkaufen. Die Sammlungen sind durch den Herrn Oberpräsidenten der Rheinprovinz genehmigt. Die Aufgaben, die unseren Vaterländischen Vereinigungen gestellt werden, wachsen mit der Kriegsdauer von Tag zu Tag und erfordern große Summen. Wir hoffen daher, daß auch den weiteren Bestrebungen der Bonner Kriegsfürsorge überall mit freudigem Herzen und mit offener Hand entgegengetreten wird. Vor allen Dingen bitten wir, die Helferinnen in ihrem oft recht schwierigen Amt durch Rat und Tat zu unterstützen. Es ist auch Ehrenpflicht aller Bonner Bürger und Bürgerinnen, an diesem bedeutungsvollen Tage die Vaterländischen Abzeichen, die als Kunststücke weit und breit bereits großen Ruf genießen, anzulegen und dadurch zu zeigen, daß sie daheim mit unseren braven Truppen fühlen.
In der Synagoge wird heute zum Jahrestage des Kriegsbeginns ein Dank- und Bittgottesdienst mit Predigt abgehalten.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Auf sein Brotbuch hatte ein Invalide, dessen Tochter gestorben war, das für die Tochter zustehende Brot weiter bezogen. Das Amtsgericht hatte ihn dafür in eine Geldstrafe von 10 Mark genommen. Auf seinen Einspruch hin ermäßigte das Schöffengericht gestern die Strafe auf 3 Mark.
Bonner Wochenmarkt. Auf dem gestrigen Wochenmarkt waren viele Artikel im Preise heruntergegangen oder unverändert, aber nicht gestiegen. Bei großem Angebot fand die Ware aber nicht den gewünschten Absatz. In letzter Zeit klagen die Verkäufer im allgemeinen über schlechten Absatz ihrer Waren. Es mag dies eine natürliche Folge der teils zu hohen Preise sein. Vielleicht haben sich auch viele Familien geeinigt, unter keinen Umständen mehr Waren zu ungebührend hohen Preisen zu kaufen. An allen Verkaufsständen ist jetzt eine Tafel mit einem Preisverzeichnis der zu verkaufenden Waren aufgestellt, wodurch das Fragen nach den Preisen im allgemeinen fortfällt und der Verkehr auf dem Markt viel ruhiger geworden ist. (...)
Auf dem Großmarkt auf dem Stiftsplatz war wieder großes Angebot und fanden die Waren flotten Absatz. Die Preise waren hier im Verhältnis dieselben wie auf dem Wochenmarkt. (...)
Das außerordentliche Kriegsgericht verhandelte gestern gegen mehrere junge Leute aus der Umgebung wegen der Anklage in verbotener Weise Waffen getragen zu haben. Drei von ihnen wurden zu je 1 Tag Gefängnis verurteilt, während zwei noch jugendliche Angeklagte mit einem Verweis davon kamen. Drei russische Erntearbeiter waren verbotswidrig im Kreise Rheinbach aus einer Bürgermeisterei in eine andere verzogen. Das außerordentliche Kriegsgericht verurteilte sie zu Gefängnisstrafen von 14 Tagen, 1 Woche und 1 Tag. An einem verbotenen Tage hatte ein Geschäftsfräulein aus Godesberg Schnaps verkauft. Sie wurde deshalb zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Der Geschäftsinhaber konnte nachweisen, daß er dem Fräulein die erforderlichen Anweisungen erteilt hatte und wurde deshalb freigesprochen. (...)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Unter Strom gesetzt wird am 2. August die Oberleitung der Neubaustrecke der städtischen Straßenbahnen nach dem Stadtteil Dottendorf, von der Bergstraße bis zum Endpunkt an der Junkerstraße.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Wenn der arme Mann, der sich über die Teuerung des Gemüses auf dem Markte so sehr beklagt, nur mal morgens oder vormittags auf den Stiftsmarkt ginge, so könnte er oft vieles Gemüse, was och ganz gut zu gebrauchen ist, unentgeltlich bekommen, was manchmal rumliegt; außerdem kann man oft für 10 Pfg. für eine ganze Familie eine Mahlzeit zu kochen, kaufen. Es ist zwar kein Pfund Fett und Zubehör, auch keine 2 Pfund Wurst dabei. Wäre nichts teurer, als das Gemüse, brauchte man sich auch gar nicht zu beklagen. Was die Runkelrübenblätter anbetrifft, sind die ein sehr gutes Gemüse und ersetzt den Spinat. Wenn der arme Mann das noch nicht weiß, wäre es besser, sich in solche Sachen nicht zu mischen, jede vernünftige Hausfrau weiß das. Die Schweine bekommen auch Brot-und Fleischabfälle, mögen auch Bier, ob Schnaps, weiß ich nicht. Wenn die Landleute sich ihre Mühe und Arbeit mit einem solch hohen Lohne, wie man jetzt den Arbeitern bezahlen muß, die den Tag 4 bis 5 Mark bezahlt erhalten, und nur ein paar Stunden arbeiten, vielleicht 10 oder 11 Stunden, und jeder Tag hat 24 Stunden, berechneten, würden sie viel höhere Preise bezeihen müssen. Die Landleute arbeiten von morgens 4 Uhr bis abends so lange sie sehen können und erhalten ihre Mühe und Arbeit nie vergütet. Bekämen sie den Tag 4 bis 5 Mark Lohn oder solche hohes Monatsgehalt, wie die Städter, würden sie sich freuen. Ich habe noch nie gesehen, daß Jemand auf dem Lande so schnell reich wurde, wie in der Stadt, da kenne ich eine Unmenge Leute mit den hohen Gehältern oder Geschäften, die zufällig gut gingen, daß sie rasch vermögend wurden. Wenn die Landleute von Haus aus nicht vermögend sind, so bleiben sie in der Regel arm, trotz der sauren Arbeit. Wenn der arme Mann, der jedenfalls doch auch einen guten Lohn bezieht, mit demselben so sparsam umgeht, wie die Landleute mit ihren Pfennigen, so kann er bequem Gemüse satt kaufen und wäre auch längst kein armer Mann mehr.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Lebensmittelwucher.
(...) Wir haben hier in Bonn eine vielleicht weniger große Not, als manche Großstadt. Aber hier hungert das Proletarierkind genau wie dort und wenn einem die große Not aus den hohlen Kinderaugen in den schmalen, blassen Gesichtern anschaut, dann ist man wirklich ratlos, wie hier durchgreifend geholfen werden kann. Der Einzelne ist nicht mehr imstande dazu. Hier muß ganz energisch vorgegangen, dem Lebensmittelwucher ganz gründlich ein Ende gemacht werden. Wie sollen unsere Feldgrauen vor dem Feinde bestehen, wenn sie ihre Lieben zu Hause hungernd und darbend wissen! Einer schrieb mir, er fürchte nicht den Feind, der vor ihm hinträte; aber der innere, der seine Lieben zum Hungern und Darben bringe, mache ihn zagen. Der Brief ist ein betrübendes Dokument aus großer Zeit, den ich mir aufheben werde für später, wenn die Plünderer des armen Volkes wieder in „Patriotismus“ machen wollen. Wir müssen und werden durchhalten. Aber selbstverständlich nur unter der Voraussetzung, daß alle von gleichem Opfersinn beseelt bleiben und die Raffgier einzelner nicht die Zügel schießen läßt. Urban.
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)