Sonntag, 21. Februar 1915
Vaterländische Reden und Vorträge. In der Reihe der Vaterländischen Reden und Vorträge sprach Herr Kaplan Schopen über „Die Bedeutung des preußischen Staatsgedankens für den Weltberuf Deutschlands“. Der Redner besprach zunächst ausführlich den eigentümlichen ethnologischen Charakter des Preußentums, das keinen germanischen Sonderstamm, sondern ein von den Kolonisten aller deutschen Stämme gemeinsam geschaffenes künstliches Gebilde darstellt. Neben diese Fusion deutscher Stämme trete dann in starkem Maße die Legierung mit slawischem Blute. (...) Der Sieg des deutschen Einheitsgedankens wurde möglich gemacht durch die ostdeutsche Kolonisation. Redner erkannte zum Schluß in dieser Entwicklung eine Bestätigung des die gesamte Kulturgeschichte beherrschenden Gesetzes, daß jede Weltkultur eine Rassenmischung zur Voraussetzung habe.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Städtischer Speckverkauf. Aehnlich wie beim Verkauf der „Magistratskartoffeln“ in den Berliner Markthallen gings am Samstag nachmittag hier beim städtischen Speckverkauf in der Rathausgasse zu. Die Hausfrauen waren in hellen Scharen herbeigeeilt, um sich die günstige Gelegenheit, wohlfeilen Speck zu kaufen, nicht entgehen zu lassen. Die Stadt hatte, wie angekündigt, den Preis für geräucherten Speck auf 1,20 Mark, für gesalzenen Speck auf 1,00 Mark festgesetzt, also etwa 20 Pfg. billiger als er bei den hiesigen Metzgern zu haben ist. Um den Andrang im Verkaufslokal selbst zu verhüten, wurden jeweils nur etwa fünf bis sechs Käuferinnen eingelassen. Der Speck wurde nur in kleineren Mengen von einem Pfund bis etwas drei bis vier Pfund abgegeben. Obwohl die Abfertigung der Käuferinnen flott vonstatten ging, umstanden doch noch nach 4 Uhr etwa 100 Frauen das Haus oder warteten im Flur, bis ihnen Einlaß gewährt wurde. Schätzungsweise wurden am gestrigen ersten Verkaufstage etwa fünfzehn Zentner Speck umgesetzt. Hoffentlich richtet die Stadtverwaltung noch mehrere solcher Verkaufstage ein.
Petroleum-Ersatz? Eine Menge von Versuchen mit dem nach einem vielfach in den Tagesblättern bekanntgegebenen Rezept hergestellten Petroleumersatz hat ergeben, daß diese Präparat doch nicht den gehegten Erwartungen entspricht. Es brennt nämlich hauptsächlich das oben schwimmende Petroleum ab, indem ein großer Teil des Sodawassers unverbrannt in der Lampe zurückbleibt; auch hat sich der Uebelstand herausgestellt, daß der Lampendocht in kurzer Zeit unbrauchbar wird. Außerdem kann die Art und Weise der Herstellung gefährlich werden. So wird gemeldet, daß eine Frau welche das Petroleum in das kochende, statt in das abgekühlte Sodawasser gegossen hatte, sich dabei durch das explosivartige Herausspringen des Petroleums so starke Brandwunden zugezogen habe, daß ihr Aufkommen bezweifelt wird.
Frauenversammlung. Am Montag abend 8 Uhr, findet im kath. Gesellenhause eine Versammlung für alle Frauen der Marienpfarre statt. In dieser Versammlung soll das jetzt so wichtige Thema „Krieg und Hauswirtschaft“ behandelt werden. Die Redner des Abends sind: Herr Pfarrer Stein sowie Frau Schulteiß vom Kathl. Frauenbund. Aehnliche Versammlungen für andere Pfarreien der Stadt werden in den nächsten Tagen abgehalten.
Festgenommen wurde von der Kriminalpolizei ein Kellner, der vor ungefähr acht Tagen einem hiesigen Gastwirt mit der Tageskasse durchgebrannt war.
Ein verwegener Einbruchdiebstahl ist vor einigen Tagen von einem Dienstmädchen in Dottendorf ausgeführt worden. Das Mädchen hatte sich in ein Haus, wo es früher in Dienst gewesen war, eingeschlichen, ein Fenster eingedrückt und sich Eingang in ein Zimmer verschafft, wo es 900 Mark entwendete. Am Freitag abend ist das Mädchen von der Kriminalpolizei festgenommen worden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Richtiges Brotgewicht! Durch Beschluß de Bäcker-Innung kostet das Brot nun einheitlich 75 Pfg. und soll, wie es heißt, „Schwarzbrot 4 Pfund wiegen, und zwar ausgebacken“. Heute ließ ich in einer Bäckerei in der Nähe des Marktes ein Schwarzbrot holen und wog es, weil es mir so klein schien, nach, und siehe, es wog genau 3½ Pfund. Ich habe es nicht etwa auf einer Küchenwage gewogen, sondern auf einer amtlich geeichten Wage, so daß es also seine Richtigkeit hat. Wenn die Konsumenten sich in den Preis von 75 Pfg. fügen müssen, so wäre es doch auch richtig, wenn die Bäcker sich in das angegebene Gewicht fügen würden. Ein halbes Pfund weniger macht bei einer zahlreichen Familie schon etwas aus. Also bitte bei dem festgesetzten Preis auch das laut Beschluß festgesetzte Gewicht. Eine Hausfrau.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Auf dem Rhein ist der Güterverkehr jetzt sehr groß. Den ganzen Tag fahren schwere Schleppdampfer mit fünf, sechs und sieben schwerbeladenen Anhängeschiffen an Bonn vorüber.
Vandalismus. Die Bank, welche an der prachtvollen Aussichtsstelle hinter dem Urnenhain am Kreuzberge stand, ist in diesen Tagen zerstört worden. Wie die umherliegenden Holzsplitter erkennen lassen, haben die Täter dazu eine Axt benützt und das Holz an Ort und Stelle zerkleinert, um es als Brennholz verwenden zu können.
Wundertäter und Aberglaube. Am Donnerstag vormittag wurden auf dem hiesigen Wochenmarkte Gebetszettel verteilt, denen eine übernatürliche Wunderkraft zugeschrieben wurde. Es hieß unter anderem auf dem Zettel: Wer ihn bei sich führt, ist gegen Unglück geschützt. Krieger werde vor dem Tode bewahrt. Wer aber darüber spottet, erfährt Ungemach. Es genügt wohl nur ein Hinweis auf diesen groben Unfug schlimmster Art, um unsere Marktpolizei zu veranlassen, derartigen Wundertätern das Handwerk zu legen.
Unfug mit Bettelbriefen. Daß die Opferwilligkeit und Hilfsbereitschaft der Bürger von gewissen Leuten mißbraucht wird, ist eine bekannte Sache. Wir haben schon mehrere Male über solche Fälle berichtet. Heute weisen wir auf einen Schriftsetzer hin, der früher in Bonn arbeitete und heute in der Siegburger Geschoßfabrik tätig ist. Er hatte als Schriftsetzer ein recht gutes Einkommen und auch sein jetziger Verdienst ermöglicht es ihm, seine Familie durchzubringen, ohne sie darben zu lassen. Trotzdem schreibt der Mann an angesehene Bonner Familien seitenlange Bettelbriefe, in denen er der Firma, in der er früher als Setzer beschäftigt war, vorwirft, sie bezahle ihre Leute schlecht, er habe so wenig verdient, daß er nun so gut wie mittellos dastehe. Die Behauptung beruht auf Unwahrheit. Wir warnen vor ihm. Es empfiehlt sich bei Bettelbriefen überhaupt, in jedem Falle den Verhältnissen des Absenders auf den Grund zu gehen, damit nicht nicht die Schwindler zum Nachteil der wirklich Bedürftigen den Vorzug der Unterstützung genießen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 22. Februar 1915
Kriegslehrgang für Frauen. Heute morgen wurde um 9 Uhr im Saale des Bonner Bürgervereins der dreitägige Kriegslehrgang für Frauen durch Herrn Landrat v. Grote eröffnet. Herr Generalsekretär Oekonomierat Dr. Rheinhardt sprach über „Zweck und Aufgabe des Lehrganges“. Um 10 Uhr begann dann der Kursus mit dem Vortrag von Herrn Oekonomierat Kreuz (Bonn): „Die Volksernährung im Kriege“. Die weiteren Vorträge beginnen Dienstag und Mittwoch um 9 Uhr vormittags.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Populärwissenschaftliche Vorträge. Mit dem heutigen Vortrage des Herrn Dr. Beusch aus München-Gladbach „Was steht im jetzigen Kriege mit England in staatlicher, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht auf dem Spiele?“ finden die dieswinterlichen Vorträge ihren Abschluß. In ihm wird von berufener Seite noch einmal zusammenfassend gezeigt, was alles durch den Neid des habsüchtigen England an Kulturwerten für unser eigenes Volk, ja z.T. für die ganze Menschheit gefährdet ist. Diese Werte genau kennen, ihre Bedrohung ermessen zu lernen und sich für das opferwillige Einsetzen aller Kräfte anfeuern zu lassen, das ist die verdienstvolle Aufgabe des heutigen Schlußvortrages.
Die zweite Remontierungskommission wird in hiesiger Gegend auf Befehl des Kriegsministeriums volljährige Mobilmachungspferde warm- und kaltblütigen Schlages kaufen. Zu diesem Zweck findet am Samstag, 27. Febr., vormittags 9 Uhr, auf dem Adolfsplatz ein öffentlicher Markt statt. Pferde müssen mindestens fünf Jahre alt sein und nicht unter 1,52 Meter Stockmaß haben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Gesellschaft für Literatur und Kunst. Geheimrat Paul Clemen über „Die Erhaltung der Denkmäler und der Krieg.“
Die feinen Ausführungen aus dem berufenen Munde des Kunsthistorikers Paul Clemen standen in wohltuendem Gegensatz zu dem, was in den letzten Monaten in Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren über „die Erhaltung der Denkmäler und der Krieg“ ausgeführt wurde. Aber der Gegensatz bestand wohl mehr in der Form, als in dem, was es zu diesem beinahe allzuviel besprochenen Thema an Tatsachen, Schlußfolgerungen und Vorsätzen für die Zukunft vorzubringen gibt. Wenn Klagen zu erheben sind – so sagte Geheimrat Clemen – dann sind wir es, die die Franzosen anklagen, daß sie jene Kunstdenkmäler in den Bereich ihrer militärischen Operationen hineingezogen haben, daß ihre führenden Geister nicht damals (statt heute) protestiert haben, als man Reims in eine Festung verwandelte. Sie – nicht wir – sind es gewesen, die die Kathedralen und die wundervollen gothischen Profanbauten Flanderns und Nordfrankreichs in Gefahr brachten. Man kann keinen friedlichen Krieg führen. Man schießt nicht mit Knallerbsen und faulen Aepfeln. Und die Gegner lassen sich nicht vorschreiben, wo ihre Kugeln treffen dürfen. Ebenso wenig wie wir den Franzosen sagen können, dort vorne in unserem Schützengraben liegt ein junger Goethe, oder ein junger Helmholtz, oder ein junger Beethoven (es könnte ja sein), dorthin schießt nicht; dort liegt die Blüte unserer Jugend, die Hoffnung unserer Zukunft. Die Namen Loewen und Reims haben uns im ganzen Ausland mehr geschadet, als zwei verlorene Schlachten. Darüber sollte man sich auch bei uns so klar sein wie die Gegner, als sie die Fanfare in die Welt bliesen. Aber wie entsetzlich viel Lügen sind mit diesen Namen von unseren Feinden verknüpft worden. Die Substanz der Bauwerke ist überall erhalten. (Clemen hat die Stätten im Auftrag der Regierung besucht.) Nichts ist zerstört und eingeäschert. Das Dach der Kathedrale von Reims ist abgebrannt und die Skulpturen des linken Seitenportals haben arg gelitten, der schmerzliche Verlust in ganz Belgien ist die Universitätsbibliothek von Loewen. Wie viel aber hätte hier und in Reims erhalten bleiben können, wenn eine Feuerwehr zur Stelle gewesen wäre, wenn wenigstens Pioniere das brennende Holz des Reimser Dachstuhls auseinandergerissen hätten, wenn in Loewen ein Professor oder ein Bibliotheksdiener die wertvollen Handschriften geborgen hätte. Nicht die geringste Vorsorge war getroffen. Die deutschen Soldaten kannten nicht den Ort und mußten dem Feuer tatenlos zusehen. Heute ist zwar alles vor weiterer Zerstörung geschützt. Es wurden Notdächer aufgesetzt, die Wände verschalt, Löcher zugemauert, und in allen beschädigten Kirchen wird wieder Gottesdienst abgehalten. Aber trotzdem führen auch wir Klage und trauern auch wir um die Schäden, die der Krieg den Kunstwerken zugefügt hat und die er ferner an Denkmälern anrichten wird, klagen und trauern darum ebensosehr wie die Maurice Maeberlinck, Emile Verhaeren, Romain Rolland, Ferdinand Hodler, Carl Spitteler. Nicht wir sind die Schuldigen, sondern unsere Ankläger selbst und die Grausamkeit der modernen Kriegsführung.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 23. Februar 1915
Ein Mißverständnis. In den ersten Nachmittagsstunden des gestrigen Tages hörte man in unserer Stadt vielfach von einem neuen Siege im Osten bei Augustowo erzählen, bei dem 100.000 Gefangene gemacht worden sein sollten. Die Veranlassung zu diesem Mißverständnis gab folgendes Telegramm des Bonner Generalanzeigers:
„Köln, 22. Febr. Das Nachrichten-Büro des Guvernements teilt uns mit: Die Kämpfe im Walde von Augustowo sind abgeschlossen. Ueber 100.000 Russen, darunter mehrere andere Generale sind gefangen. Erbeutet wurden 165 Geschütze und 200 Maschinengewehre, sowie unübersehbares Kriegsmaterial.“
Nach dieser sich auf eine Mitteilung des Auskunftsbüros des Generalguvernements in Köln berufenden Meldung konnte ihrer Abfassung nach, in der sie vom Generalanzeiger wiedergegeben wurde, allerdings die irrige Meinung entstehen – auch zu uns ist sie verschiedentlich ausgesprochen worden – daß in Kämpfen im Walde von Augustowo hunderttausend Russen gefangen worden seien. Dagegen besagt der amtliche Bericht der Obersten Heeresleitung, der von uns und auch von der Reichzeitung verbreitet wurde, folgendes: „Die Verfolgung nach der Winterschlacht in Mausuren ist beendet. Bei der Säuberung der Wälder nordwestlich von Grodno und bei den in letzten Tagen gemeldeten Gefechten im Bobr- und Narewgebiet wurden bisher 1 kommandierender General, 2 Divisionskommandöre, 4 andere Generale und annähernd 40.000 Mann gefangen, 75 Geschütze, eine noch nicht festgestellte Anzahl von Maschinengewehren nebst vielem sonstigen Kriegsgerät erbeutet. Die Gesamtbeute aus der Winterschlacht in Masuren steigt damit bis heute auf 7 Generale, über 100.000 Mann, über 150 Geschütze und noch nicht annähernd übersehbare Geräte aller Art, einschließlich Maschinengewehre.“
Die 100.000 Gefangenen sind also das Gesamtergebnis der Winterschlacht in Masuren. 60.000 hatte die Heeresleitung bereits bekannt gegeben, 40.000 sind bei der Säuberung der Wälder noch hinzugekommen. Das sind wirklich Erfolge, die so großartig sind, daß man sie nicht noch zu vergrößern braucht. Man muß und darf mit Recht fordern, daß die Presse über unsere militärischen Angelegenheiten nur so abgefaßte Nachrichten verbreitet, die die Vorgänge so klar darstellen, daß Mißverständnisse, wie sie gestern in Bonn vorkamen, ausgeschlossen sind. Die Bonner Zeitung hat diese ganz selbstverständliche Forderung jurnalistischer Gewissenhaftigkeit stets zur alleinigen Richtschnur ihres Nachrichtendienstes gemacht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Ueber 100.000 Russen gefangen! Diese Siegesnachricht durcheilte gestern kurz nach 1 Uhr wie ein Lauffeuer unsere Stadt, und lawinenartig wuchs von Minute zu Minute die Menge vor dem „General-Anzeiger“ an, die sich durch unsere Aushänge und Sonderausgaben über die Einzelheiten des großen Erfolges Hindenburgs persönlich unterrichten wollte.
Bereits am Sonntag abend war uns durch persönliche Beziehungen bekannt geworden, daß die Verfolgung der Russen nach der siegreichen Winterschlacht in Masuren zu einer völligen Vernichtung der 10. russischen Armee geführt habe. Wir versuchten noch in später Nachtstunde am Sonntag beim Wolffschen Telegraphen-Bureau und an anderen Stellen die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Nachricht zu erwirken. Unsere Bemühungen waren schließlich von Erfolg gekrönt, indem das Kölner Gouvernement uns im Laufe des Montag vormittags auf Grund einer aus dem Großen Hauptquartiere eingelaufenen Mitteilung unseren privaten Informanten vollinhaltlich bestätigte.
Als wir gegen 1 Uhr mittags die große Siegesbotschaft auf Grund der vom Nachrichtenamt des Kölner Gourvernements uns gegebene Fassung bekanntgaben, zeigten sich die Häuser der Stadt im Nu in einem
wahren Meer von Flaggen, die Glocken des Münsters und der übrigen Kirchen erklangen alsbald in frohem Siegesgeläute, und allwärts begegnete man einer wahrhaft nationalfestlichen Stimmung über den vollendeten Sieg, den unsere wackeren Truppen unter Hindenburgs genialer Führung über ein russisches Riesenheer errungen haben.
Als gegen 3 Uhr in Ergänzung unseres Berichts vom Kölner Gouvernement der vom Wolffschen Telegraphen-Bureau uns übermittelte amtliche Bericht über den Riesensieg von uns zur öffentlichen Kenntnis gebracht wurde, erreichte die Siegesfreude ihren Höhepunkt. Es war ein echter und rechter Festtag, der jedes deutschfühlende Herz höher schlagen ließ.
Die lokalen Behörden gaben der allgemein herrschenden Stimmung dadurch Ausdruck, daß auch das Rathaus, die Universität, das Empfangsgebäude des Staatsbahnhofs und viele andere öffentliche Gebäude sich im Flaggenschmuck zeigten und dem kleinen Nachwuchs der Nachmittagsunterricht in den Volksschulen, soweit die Anordnung noch getroffen werden konnte, geschenkt wurde.
Eine gerechte Strafe erhielt ein Ackerer aus dem Kreise Waldbröl, der trotz des festgesetzten Höchstpreises für Kartoffeln anstatt 3 Mk. für den Zentner 3,50 Mk. verlangt hatte. Die Strafkammer verurteilte den Ackerer zu einer Geldstrafe von 50 Mk. Dieser Fall mag zur Warnung dienen!
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der Bonner Wehrbund veranstaltete am Sonntag nachmittag eine größere Geländeübung, bei der eine blaue Partei versuchen sollte, von Dransdorf aus die Mondorfer Fähre zu einer Ueberschreitung des Rheines zu erreichen, während es die Aufgabe einer von Grau-Rheindorf ausgehenden Partei sein sollte, den Versuch der Blauen zu verhindern. Die Roten hatten ein weitverzweigtes Netz von Anmarschstraßen zur Auskundschaft besetzt, durch die eine Annäherung der Blauen Buschdorf mit der Richtung auf den Rhein zwischen Hersel und Grau-Rheindorf festgestellt wurde. Die Roten zogen dementsprechend ihre Kräfte zusammen, die Blauen änderten aber ihre Marschrichtung nach Grau-Rheindorf zu. Zwar gelang es den Roten noch im letzten Augenblick nun auch ihrerseits ihre Stellung nach der Rheindorfer Seite zu verlegen, doch brachen die Blauen dort durch und rückten von Rheindorf aus gegen die Mondorfer Fähre vor, wo ihnen nun auch eine kleine Abteilung der Roten entgegen trat, die sich gegenüber der Uebermacht nicht zu halten vermochte. Kurz vor der Fähre hatten die Roten den Weg durch eine markierte Mine versperrt. Da die Blauen ohne jede Sicherung marschierten, so mußte der größte Teil dieser ganzen Partei als durch diese Wegsperrung vernichtet betrachtet werden. Nur ein kleiner Teil der Blauen erreichte noch die Fähre und hatte damit allerdings die Aufgabe erfüllt, die von den Roten als verloren betrachtet werden mußte.
Der Kriegslehrgang für Lehrerinnen, Hausfrauen und erwachsene Mädchen aus Stadt und Land, den die Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz auf Anregung des Katholischen Frauenbundes, des Rheinischen Verbandes des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes und des Ausschusses für wirtschaftliche Kriegshilfe zu Bonn veranstaltet, hat gestern morgen um 9 Uhr im großen Saale des Bürgervereins begonnen. Saal und Galerie waren bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt; Lehrerinnen, Hausfrauen und Mädchen aus allen Gegenden des Rheinlandes, etwa 700 an der Zahl, nahmen an den Beratungen, die heute fortgesetzt und morgen zu Ende geführt werden, teil.
Der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer, Landrat von Groote-Rheinbach, eröffnete den Lehrgang mit folgender Ansprache:
„Meine verehrten Damen!
Indem ich hiermit den Kriegslehrgang eröffne, ist es mir eine angenehme Pflicht und eine ganz besonders große Freude, namens der Landwirtschaftskammer die so zahlreich hier erschienenen Teilnehmerinnen auf das herzlichste begrüßen und willkommen heißen zu dürfen. Der außerordentliche Ernst dieser schweren Kriegszeit erfordert außerordentliche Maßnahmen. Unsere Feinde, die uns von allen Seiten in großer Uebermacht bedrängen, haben längst erkannt, daß es ihnen nicht möglich ist, gegen die Tapferkeit unserer Truppen und die Kriegskunst ihrer Führer und der obersten Leitung unseres herrlichen Kaisers etwas auszurichten, und darum wollen sie den Versuch machen, uns die Zufuhr der Lebensmittel abzuschneiden und uns durch den Hunger zum Nachgeben zu zwingen.
Meine verehrten Damen, was das bedeuten würde, wenn wir sagen müßten, unsere Truppen haben zwar ruhmvoll gefochten und gesiegt, aber wir haben im Lande mit unserer wirtschaftlichen Kraft versagt und dadurch unsere Widerstandsfähigkeit verloren, das vermag man gar nicht auszudenken; es würde sicherlich ein schreckliches Ende für unser teueres Vaterland sein. Dazu darf es nie und nimmer kommen, und wir alle sind durchdrungen von der heiligen Pflicht, nach Kräften mitzuarbeiten, daß ein solches Ende abgewendet wird. Es ergibt sich aber daraus die Notwendigkeit im Lande selbst, zunächst an Nahrungsmitteln zu schaffen, was irgend geschafft werden kann, und das wird ja vorwiegend die Aufgabe der Landwirtschaft sein. Aber dazu tritt die zweite, vielleicht noch größere und wichtigere Aufgabe, und das ist, daß alles, was an Nahrungsmitteln im Lande vorhanden ist und erzeugt wird, auch erhalten und in der richtigen Weise verwendet wird, damit wir damit auskommen können bis zu einem guten Ende. Diese außerordentlich wichtige Aufgabe aber ist die Aufgabe der Frauen. Mit dem allergrößten Danke ist es zu begrüßen, daß die Frauenwelt in unserem Vaterlande sich immer mehr dieser Aufgabe bewußt wird und immer mehr bemüht ist, ihre Schwierigkeiten zu erfassen und nach Möglichkeit zu bewältigen. (...)“
Den ersten Vortrag hielt Herr Oekonomierat Kreuz-Bonn über „Die Volksernährung im Kriege“. Er wies auf die Naturgesetze der Ernährung hin und betonte die Pflicht jeder Hausfrau, dafür zu sorgen, daß die Nahrungsmittel nach ihrem Gehalt an Eiweißstoffen, Fett, Kohlenhydraten (stärkeartigen Stoffen) und Salzen ausgewählt werden, nach Stoffen also, die für die Erhaltung des Körpers unbedingt notwendig sind. (...)
Nach einer kurzen Pause sprach die Haushaltslehrerin Fräulein Marie Becker-Köln über „Die Kriegskost“. Ihre sehr wertvollen Ausführungen lassen sich in folgende Leitsätze zusammenfassen:
1. Sei sparsam mit allen Lebensmitteln.
2. Sei aufmerksam bei der Zubereitung jeder, auch der einfachsten Speise.
3. Beschränke den Verbrauch von Fleisch, Weizenmehl, Hülsenfrüchten, Eiern, Reis.
4. Bringe Abwechslung in die Kost; die Gemüse, Fische, Getreidearten vertragen die mannigfaltigsten Zubereitungen; werde Erfinderin in der Zusammenstellung der Speisen.
5. Verwende zum Kochen reichlich Magermilch, laß die Vollmilch der Ernährung Kranker und der Säuglinge.
6. Koch Eintopfgerichte, sie sind billig, nahrhaft und schmackhaft.
7. Spare Butter, Schmalz und Oel; zum Brotaufstrich verwende Weiß-Käse oder Kraut, Marmeladen ec.
8. Verwende reichlich Zucker in der Küche. Zucker ist ein wertvolles Nahrungs- und Genußmittel.
9. Sei sparsam besonders im Brotverbrauch, abends schalte die Brotkost aus, auch die Morgensuppe ist der Gesundheit der Kinder sehr förderlich.
10. Benutze fleißig die Kochkiste, sie wird dein bester Freund werden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 24. Februar 1915
Schaufensterausstellung. Die Vernichtung eine senglischen Kreuzers durch ein deutsches Unterseeboot hat das Elektr. Geschäft Jean Nolden, Wenzelgasse, im Schaufenster sehr wahrheitsgetreu zur Darstellung gebracht. Ein Zeppelin und Flugzeuge begleiten das Schiff. Nicht bloß unsere Jugend umlagert das Schaufenster und beschaut mit blitzenden Augen dies Modellbild eines Seekampfes, auch mancher Erwachsener bleibt stehen und blickt nachdenklich auf den Seekrieg im Schaufenster.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Der Kriegslehrgang für Lehrerinnen, Hausfrauen und erwachsene Mädchen aus Stadt und Land wurde gestern fortgesetzt. Die Beteiligung war noch stärker, als am ersten Tag. Nirgends war mehr ein Sitzplatz frei. Viele mußten im Saal noch auf der Galerie des Bürgervereins stehend den stundenlangen Ausführungen zuhören.
Frau Pfarrer L. Haarbeck-Thallichtenberg sprach über „Das Haushalten in Küche, Haus und Hof.“ Nur die richtige, sparsame Einteilung der vorhandenen Nahrungsmittel verbürgt den Sieg in wirtschaftlicher Beziehung – so führte sie aus. (...) Nicht das Geringste darf verkommen. Wenn so jeder seine Pficht tut, kommen wir aus mit unseren Vorräten. Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Kriegskost müsse weniger schmackhaft und weniger nahrhaft sein. Jetzt erst können wir Frauen beweisen, ob wir wirklich vom Kochen etwas verstehen, ob wir auch mit Wenigem haushalten können. Dazu gehört natürlich statt der früheren Bequemlichkeit ein wenig mehr Arbeit des Kopfes. Den Begüterten sei gesagt: Wer sich für sein Geld Delikatessen gestatten kann, zögere nicht, solche zu kaufen; denn er schont damit den Vorrat, der dem Volke gehört.
Prof. Dr. Wygodzinski-Bonn erklärte die wichtigsten Bestimmungen des Bundesrates über die Sparsamkeit im Verbrauch von Nahrungsmitteln. Wir müßten uns in allem auf das ungünstigste Ergebnis der Ernte 1915 einrichten, wenn wir auf das Beste hoffen wollen. (...) Die Hausfrauen müssen sich zwar nun nach fremden Verfügungen in der Küchenführung richten (was ihnen gewiß nicht leicht sein wird – meint Prof. Wygodzinski – denn sie haben ja immer geglaubt, daß sie das Kochen am besten verstehen;) aber das Heer der deutschen Frauen wird jetzt auch lernen, was Deutschland groß gemacht hat und was das Heer der deutschen Männer längst gelernt hat, nämlich Disziplin halten!
Herr Direktor Feldmann behandelte das Thema „Die Geld-, Kredit- und Darlehensverhältnisse während der Kriegszeit.“ Er (...) forderte zum Schluß seines instruktiven Vortrages auf, das Geld vor allem das Goldgeld den Banken zu bringen, wo allein es zum Wohle des Vaterlandes wirken könne.
Den vierten und letzten Vortrag des Vormittags hielt der Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer R. Bosch-Bonn über „Die Bedeutung der Kleintierzucht während des Krieges (Geflügel-, Ziegen- und Kaninchenzucht.)“ (...)
Für seine Tapferkeit ... Den Angehörigen des am 23. Dezember 1914 bei Lodz in Polen gefallenen Offizierstellvertreters Friedrich Conrad von hier wurde das ihm verliehene Eiserne Kreuz 2. Kl. für tapferes Verhalten im Gefecht übermittelt.
Missionsversammlung kath. Frauen und Jungfrauen. Der furchtbare Krieg, der so viel Elend über die Menschheit gebracht, hat auch dem Missionswesen schwere Wunden geschlagen und es wird nach dem Kriege gewaltige Opfer kosten, diese wieder zu heilen. Darum ist es von der größten Bedeutung, daß das Interesse für die Missionen allzeit wach gehalten und neu belebt werde. – Zu diesem Zwecke wird die Missionsvereinigung kath. Frauen und Jungfrauen auch in diesem Jahre und zwar am Sonntag, den 7. März, nachmittags 6 Uhr, im großen Saale des Bürgervereins eine Versammlung veranstalten. (...)
Katholischer Gesellenverein. Der patriotische Abend des Katholischen Gesellenvereins am verflossenen Sonntag, der zugleich als Abschiedsfeier für die vielen demnächst zum Militär einrückenden Mitglieder galt, war sehr gut besucht. Den Mittelpunkt des Abends bildete der Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Henry über das Thema: „Unsere Kämpfer und wir.“ In kräftigen Strichen zeichnete er ein Bild von den Opfern, die unsere Soldaten da draußen an der Front so freudig und voll heldenmütiger Ergebung im Interesse des geliebten Vaterlandes bringen. Daraus folgerte er mit Recht daß wir daheim, die wir alle ohne Unterschied der Parteien und Klassengegensätze ebenso sehr wie unsere Soldaten an dem endgültigen Ausgang des Krieges interessiert seien, auch ebenso freudig wie sie zu den Opfern bereit sein müßten, die das Vaterland in dieser ernsten Stunde namentlich auf wirtschaftlichem und religiös-sittlichem Gebiete von uns allen fordere. Mit einem brausend aufgenommenen Hoch auf den Kaiser schloß der Redner seine eindrucksvollen Ausführungen. (...) Die weiteren Programmnummern, vor allem die zwei flott gespielten Einakter, paßten sich in bester Weise dem patriotischen Charakter des Abends an. Sicherlich wird die Erinnerung an diesen schönen und lehrreichen Abend die Mitglieder, die in kurzer Zeit des Kaisers Rock anziehen müssen, noch lange begleiten und in ihnen wachhalten die Flamme heiliger Begeisterung für Kaiser und Reich.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 25. Februar 1915
Stadtratswahlen. Der Oberbürgermeister gibt in einer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil die Termine für die Ersatzwahlen bekannt. Für die 3. Abteilung ist der Wahltag der 12. und 13. März, für die 2. Abteilung der 24. März und für die 1. Abteilung der 27. März.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Ein Mißgriff. Man schreibt aus Köln: Frau Elly Ney-van Hoogstraten , die berühmte Pianistin, die Kölns Musikfreunde so manchmal durch ihre Kunst gefangen genommen hat, hätte es wohl nie geahnt, daß sie noch einmal selbst in Köln – gefangen genommen werden würde. Kommt sie da Sonntagnacht von einer Kunstreise aus einer rheinischen Stadt und will sich zum Kölner Opernhaus begeben, um ihren Gatten aus der Meistersinger-Vorstellung abzuholen, als auf dem Neumarkt sich plötzlich die schwere Hand eines feldgrauen Unteroffiziers auf ihren Arm legt und die Worte an ihr wohl noch von Musik umrauschtes Ohr tönen: Ich verhafte Sie hiermit! Die Künstlerin ist zunächst fassungslos vor Schreck und versucht dann dem Mann den Irrtum, in dem er sich befindet, klar zu machen, nennt ihren Namen, das holländische Wort ist natürlich erst recht verdächtig, woher sie kam der Fahrt, in welchem Gasthof sie in Köln wohnt, den Zweck ihres Ganges, aber alles nützt nichts, da sie keine Legitimationspapiere bei sich hat. Ein rettender Gedanke scheint ihr zu kommen, das Ibach-Haus ist in der Nähe und sie erklärt, dort kenne man sie, bedenkt
dabei nicht, daß dieses an einem Sonntag, obendrein gegen 11 Uhr nachts, geschlossen ist. Als sie dann den Unteroffizier bittet, mit ihr in die Wolfstraße zum Konservatorium zu gehen, antwortet ihr der, auf diese Weise könne sie ihn noch durch ganz Köln führen, den Schwindel kenne er. Also auf die Polizeiwache im Präsidium. Dort muß sie die üblichen Fragen zur Aufnahme der Personalien beantworten, sie wünscht, den Fernsprecher benutzen zu dürfen, telephoniert an verschiedene angesehene Künstler und Kunstfreunde, aber nirgendwo ist eine Antwort zu erhalten, man ist nicht zu Hause, ein Anruf des Gasthofes wird als ungenügend bezeichnet. Die mittlerweile ganz Verängstigte wird zu einem Kommissar geführt. Frau Ney bittet, den Gasthof anrufen zu dürfen, da wahrscheinlich ihr Gatte bereits dorthin zurückgekehrt sei. Und sie irrt sich nicht, ihr Gatte saust im Auto herbei, zeigt dem Kommissar die Pässe und die Künstlerin ist endlich aus ihrer peinlichen Lage befreit.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Noch einmal Kartoffelpreise. Mit Genugtuung las ich dieser Tage, daß die Stadtverwaltungen von Berlin, Trier usw. Höchstpreise für Kartoffeln festgesetzt haben, und daß sogar Verkäufer, die mehr als diese festgesetzten Preise verlangt haben, bestraft worden sind. Es wäre zu wünschen, daß man auch hier in Bonn einmal gegen die hohen Kartoffelpreise einschreiten würde. Es ist doch schlimm genug, daß sämtliche übrigen Lebensmittel derart im Preise steigen, daß sie für den Wenigerbemittelten fast unerschwingbar sind. Was soll wohl eine kinderreiche Familien machen, in der täglich 10 bis 15 Pfund Kartoffeln und 4 Pfund Brot verbraucht werden? Jos. Z.
Hundesteuer! Jeder Besitzer eines Hundes wird meine Ansicht teilen, daß die Hundesteuer gerade hoch genug ist. Weshalb will die Stadtverwaltung das Halten von Hunden verleiten? Durch das Abschaffen der Hunde wird das Schweinefleisch nicht billiger! Der Hundeliebhaber wird auch noch lange kein Schweinezüchter! Den Hund liebt man wegen seiner Treue und Wachsamkeit und duldet ihn gern in der Wohnung, das Schwein jedoch nicht. Für alleinstehende Personen und draußenliegende Häuser ist der Hund nicht zu ersetzen. Auf jeden Fall würden viele Klagen über Diebstähle usw. gemacht werden, insbesondere, da viele Polizeimannschaften im Felde sind. Sollte sich wirklich das Steuerbudget durch die Erhöhung der Hundesteuer steigern, so muß auf der anderen Seite die Stadtverwaltung mehr Polizeimannschaften einstellen, und diese Mehrausgaben stehen in gar keinem Verhältnis zu dem erhöhten Hundesteuerertrag. Ein Hundeliebhaber für Viele.
Hundesteuer! Meines Erachtens ist der vorgesehene Steuersatz viel zu gering. Nirgendwo habe ich so viele Hunde – selbst große Tiere – frei umherlaufen sehen wie gerade in der Gartenstadt Bonn. So viel ich mich erinnere, besteht auch hier eine Polizeiverordnung, daß Hunde an der Leine zu führen sind. Weshalb wird nicht danach gehandelt? Außerdem sind auch zu viele Katzen in der Stadt. Könnte keine Katzensteuer eingeführt werden? Ein Tier- und Menschenfreund.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Der Kriegslehrgang für Lehrerinnen, Hausfrauen und erwachsenen Töchtern aus Stadt und Land ist gestern beendet worden. Vormittags wurden noch drei Vorträge gehalten. (...)
In der Nachmittagsaussprache, der Landrat von Groote-Rheinbach beiwohnte, nahmen die Teilnehmerinnen des Lehrganges einstimmig folgende Entschließung an:
„Die in Bonn zum Kriegslehrgang versammelten rheinischen Frauen aus Stadt und Land erkennen die Notwendigkeit, daß die Hausfrauen mit den vorhandenen Vorräten sparsam umgehen und die Frauen in der Landwirtschaft alle Kräfte an die Erzeugung neuer Erträge in Land- und Viehwirtschaft setzen müssen. Sie sind der Ueberzeugung, daß unsere Vorräte ausreichen, wenn jedermann sie verständig verwendet und sich allzeit bewußt bleibt, daß in erster Linie das Wohl des Vaterlandes und in letzter Linie das des Einzelnen steht. Sie versprechen daher, eine jede in ihrem engeren Kreise dahin wirken zu wollen, daß vernünftig gespart werde, damit wir auch wirtschaftlich siegen und die Erfolge der Männer im Felde durch einen dauernden, für unser Vaterland vorteilhaften Frieden gekrönt werde. Sie protestieren sehr energisch gegen die in manchen Kreisen unseres Volkes noch getriebene Verschwendung durch übermäßigen Genuß von Nahrungsmitteln, die als Volksnahrungsmittel unbedingt nötig sind.“
Unterrichtskurse für verwundete Krieger sind im Laufe der vergangenen Woche an der hiesigen Fortbildungsschule eingerichtet worden. Die Kurse verfolgen den Zweck, solchen Verwundeten, die infolge ihrer Verletzungen ihre bisherige rein körperliche Arbeit in Zukunft nicht mehr ausüben können, in den Stand zu setzen, einen neuen Beruf zu ergreifen, oder sich im alten mehr mit schriftlichen Arbeiten zu beschäftigen. Den Verwundeten, die länger in Bonn bleiben, sollen die Anfänge, oder soweit die Zeit es gestattet, die ganze Ausbildung gegeben werden. Der Unterricht wird täglich nachmittags von 3-5 bezw. 2-4 Uhr und 4-6 Uhr erteilt und ist für die Teilnehmer unentgeltlich. Bei der ersten Anmeldung hatten sich gleich über 100 Soldaten gemeldet. Es wurdne 5 Kurse gebildet: Zwei für Stenographie und Maschinenschreiben, einer für linkshändiges Schreiben, einer für Buchführung, Rechnen nebst Kalkulation und Geschäftsbrief und einer für Schönschreiben, Sprachlehre und Rechtschreiben sowie Rechnen. Es ist jedem die Möglichkeit gegeben, an verschiedenen Kursen teilzunehmen. Der Unterricht wird vom Lehrerkollegium der städt. Fortbildungsschulen erteilt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 26. Februar 1915
Städtischer Speckverkauf. Morgen Samstag findet wiederum ein Verkauf von Speck durch die Stadtverwaltung im Hause Rathausgasse 27 statt. Die Preise sind die gleichen wie beim ersten Verkauf, und zwar kostet der gesalzene Speck 1 Mk., der geräucherte 1.20 Mk. Die Verkaufszeit ist von 2 Uhr bis 7 Uhr nachmittags.
Das Kriegsgericht verhandelte gestern in mehreren Fällen wegen verbotenen Waffentragens und unerlaubte Entfernung. Es wurden u. a. vier Polen aus Russisch-Polen, die in der Umgegend in Arbeit waren und die Arbeitsstätte ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen hatten, um eine bessere Arbeitsmöglichkeit aufzusuchen, zu Gefängnisstrafen von jeweils drei Tagen verurteilt. Eine Polin, die sich von Quadenhof nach Duisdorf begeben hatte, weil ihr, wie sie durch den Dolmetscher sagen ließ, das Essen zu schlecht war, wurde unter Anrechnung mildernder Umstände zu einem Tag verurteilt. – Ein Ackerer, der erst kürzlich wegen Wilddieberei von der Strafkammer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurde wegen unerlaubten Waffentragens zu einer Zusatzstrafe von fünf Wochen verurteilt. Der Angeklagte war von einem Förster im Walde angetroffen worden, als er sich in der Nähe eines verendenden Rehs zu schaffen machte und bei dieser Gelegenheit ein zusammenlegbares Gewehr verbarg. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, er habe das Gewehr verkaufen wollen und habe den nächsten Weg durch den Wald genommen. Natürlich schenkte ihm das Gericht keinen Glauben.
Umtausch von Goldstücken. Am Mittwoch und gestern waren die Gymnasiasten und Realisten – es sollen auch „höhere Töchter“ gesehen worden sein – auf der Jagd nach dem Golde. Manches Goldfüchslein haben sie aus dem Bau herausgeholt. An einer Schule wurden an einem Tage beinahe 12.000 Mk. umgetauscht. „Weidmannsheil“ den jungen Rimroden. Die Alten mögen den Jungen das Geschäft nicht zu schwer machen.
Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande. Im Kreise der Mitglieder dieses Vereins und seiner Gäste sprach Geheimrat Paul Clemen in einem fast zweistündigen Vortrag von der Kathedrale von Reims. Sie gilt als die Königin unter den Kathedralen der französischen Gothik, bemerkte der Redner, weil sie in ihrem ganzen Gefüge ein glänzendes Beispiel war dieser wundervollen und in manchem so merkwürdigen Epoche. Was die Meister damals aus ihrer so sicher gehenden Empfindung und einem feinempfindenden Intellekt heraus geschaffen, das übersetzte, in der Nachempfindung selbst schaffend, Geheimrat Clemen in ein Kunstwerk des Wortes und der Rede, so daß belebt und durchseelt, das große, gewaltige und formenreiche Steingefüge vor einem dastand: im Grundriß und Gliederung, mit seiner Fassade und seinen unvergleichlichen Portalen, und auch mit den daran und darin angebrachten Skulpturen von köstlichster Schöpfung. Im Geiste und noch dazu im Lichtbild sah man, was die Kathedrale gewesen bis zum Herbst 1914. Wie sie geworden durch die den Deutschen aufgezwungene Beschießung, konnte Geheimrat Clemen an anderen Lichtbildern zeigen. Aber er konnte auch, als ein Kenner und Versteher solcher unvergleichlicher Kunstentäußerungen, das Leid mildern, das angesichts dieser Bilder den Kunstfreund erfüllen muß. Die Wunden, die die Granaten dem Kunstwerk geschlagen und es zum Teil unter Flammen gesetzt, seien ausheilbar, weil sein Grundgefüge nicht zerstört, in seiner Gliederung nichts zerbrochen sei. Allerdings, ein Teil des köstlichen Bildhauerschmuckes sei derart ausgeglüht, daß er wohl nicht mehr rettbar, kaum noch für Formenabgüsse zu Museumszwecken dienstbar gemacht werden könne.
Die politische Bedeutung der Beschießung der Reimser Kathedrale schätzt Geheimrat Clemen gleich einer verlorenen Schlacht; die französische Regierung habe eine Fanfare daraus gemacht, und seit jener Stunde sei Amerikas Sympathie für uns dahin. Daß die Beschießung uns mit Absicht von der französischen Regierung auggedrängt wurde, das könne er nicht glauben; und doch dränge sich bei logischem Denken dieser Verdacht immer wieder auf.
Geheimrat Clemen gab auch noch eine Bilderschau von Zerstörungen in Belgien und in anderen Teilen Frankreichs. Aber auch hier dem Schrecklichen gegenüber wieder das Tröstliche: im Verhältnis zum Erhaltengebliebenen wenig Zerstörtes, und unter dem noch manches rettbar. Das deutsche Rettungswerk an den Dingen der Kunst sei im Gange. Es setze überall und sofort da ein, wo die Verhältnisse es gestatteten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Förderung der Ziegenhaltung. Die Ziegenhaltung kann nicht genug für die Milchversorgung der Bevölkerung empfohlen werden. Die Knappheit an Futter nötigt viele Landwirte, ihr Vieh abzuschaffen. Ziegenmilch bietet einen besonders wertvollen Ersatz, vor allem auch für Säuglinge, wenn sie entsprechend verdünnt wird. Die Beschaffung des Futters ist weniger schwierig, da kein anderes Tier so anspruchslos ist wie die Ziege. Auf Veranlassung der Behörden wird jetzt auch vielfach in den Schulen versucht, die Ziegenhaltung zu fördern. Vor allem sollen die Kinder über die Lebensweise und den Nutzen der Ziegen unterrichtet und ihr Interesse dafür geweckt werden.
Im Polizei- und Sanitätshundverein Bonn wird am 2. März, abends 8½ im „Nordischen Hof“ unser Bonner Dichter Hans Eschelbach eigene Kriegsdichtungen vortragen. Auch Gäste sind willkommen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 27. Februar 1915
Universität. Unsere Studenten als Kriegsteilnehmer. Bis jetzt haben die Ermittlungen ergeben, daß von dem im laufenden Halbjahr eingeschriebenen 3915 Studierenden 2702 oder rund 60 Prozent dem Heer eingereiht sind. Es entfallen auf die kath-theol. Fakultät 59 Proz., die evgl.-theol. 79 Prozent, die juristische 70 Proz., die medizinische 81 Proz. und die philos. 67 Prozent.
Bonner Wehrbund. Die Kessenicher Abteilung des Wehrbundes veranstaltet am Sonntag abend um 8 Uhr im Saal der Frau Schumacher in Kessenich einen Vortragsabend, bei dem Herr Professor Dr. Clemen über den Krieg in den deutschen Kolonien sprechen wird. Es werden auch noch andere Ansprachen gehalten und dem Geiste der Zeit und des Wehrbundes entsprechende Veranstaltungen dargeboten werden. Alle Mitglieder und Freunde des Wehrbunds sind mit ihren Familien zum Besuch dieses Abends eingeladen.
Eine Einschränkung des Automobilverkehrs. Der Bundesrat hat eine Verordnung betr. die Einschränkung des Verkehrs mit Kraftfahrzeugen erlassen. Die Notwendigkeit, mit den vorhandenen Vorräten an Gummi, Treiböl und Schmieröl hauszuhalten, rechtfertigt eine Maßnahme, die diese für unsere Industrien so wichtigen Rohstoffe einer in Kriegszeiten entbehrlichen Verwendung im Dienste des Luxus und der Bequemlichkeit entzieht. Durch die neue Verordnung wird der Verkehr von Kraftfahrzeugen auf öffentlichen Straßen und Plätzen von dem 15. März d. J. an von einer erneuten Zulassung abhängig gemacht, die nur erteilt werden darf, wenn für den Verkehr des Fahrzeuges ein öffentliches Bedürfnis besteht. Wird so einerseits Vorsorge dahin getroffen, daß von den rund 50.000 Kraftfahrzeugen, die zurzeit noch im Verkehr sein dürften, in Zukunft etwa die Hälfte von den Straßen verschwinden wird, so sind doch andererseits Ausnahmen in genügendem Umfange vorgesehen, um berechtigten Interessen auch fernerhin zu genügen. So soll der Verkehr mit Kraftomnibussen und Kraftdroschken, wenn auch in eingeschränktem Maße, aufrecht erhalten werden. Insbesondere werden bei der Zulassung von Lastkraftzeugen die Bedürfnisse des Gewerbebetriebes angemessene Berücksichtigung finden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Reichswollwoche. Um hervorgetretenen Zweifeln zu begegnen, wird darauf hingewiesen, daß der letzte Ablieferungstermin für die aus den Ergebnissen der Reichswollwoche hergestellten Decken an die Heeresverwaltung oder die von dieser dafür bestimmten Annahmestellen, soweit dafür Bezahlung geleistet werden soll, der 28. Februar ist. Spätere Decken können nur wie Liebesgaben behandelt werden.
Stadttheater. Man schreibt uns: Der morgige Sonntag bringt eine Wiederholung der Faustaufführung, welche in den beiden ersten Vorstellungen so außerordentlich gefiel. Da wegen der langen Dauer der Vorstellung nicht jedem Goethe-Verehrer am Alltag genug Zeit verbleibt, sich dem Genuß einer guten Faust-Darstellung hinzugeben, so entspricht die morgige Wiederholung vielen Wünschen und einem ausgesprochenen Bedürfnis. Wer eine leichtere Kost liebt und auch in ernsten Zeiten sich erheitern will, was nicht minder einem berechtigten Bedürfnis entspricht, der besuche die Nachmittags-Vorstellung. Er wird bei dem neu einstudierten Moserschen Veilchenfresser auf seine Kosten kommen.
Schmückt mit Blumen die Bilder der gefallenen Helden. In Feindesland hat man Tausenden deutscher Söhne das Grab geschaufelt und fremde Erde deckt die Heldenleiber. Treue Kameradschaft hat die Ehrenhügel geschmückt mit Helmzier und grünem Reis. – Mit Blumen geschmückt zogen die Mutigen jubelnd hinaus in den Kampf und starben den Heldentod für Deutschlands reine, gerechte Sache. – Nicht ist es uns vergönnt, ihnen Blumen zu streuen aufs Grab, aber Blumen vermögen wir ihnen doch darzubringen. Spenden wir Blumen den Hinterbliebenen, auf daß sie das Bild ihrer Toten mit Blumen treuen Gedenkens schmücken können als Ausdruck tiefen Mitgefühls und ihnen zum Trost. – Mancher Schmerz wird gemildert, manche Träne getrocknet. – Schmückt mit Blumen die Bilder der gefallenen Helden.
Umprägung der Goldstücke. Die Reichsbank plant, wie schon früher mitgeteilt, alle eingezogenen Goldstücke umzuprägen und mit einem Lorbeerkranz zu versehen, um sie als „Mitkämpfer am Krieg“ kenntlich zu machen. Alle nach dem Krieg zum Vorschein kommenden Goldstücke, die diesen Lorbeerkranz nicht aufweisen, sollen von den öffentlichen Kassen nur mit erheblichem Kursverlust angenommen werden.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Von der Universität. Das Gerücht, an unserer Universität werde im kommenden Sommerhalbjahr nicht gelesen, ist ganz ohne Begründung. Es ist vielmehr für die Abhaltung aller erforderlichen Vorlesungen Sorge getroffen.
An dem Giebel des Hauses Rathausgasse Ecke Belderberg, dessen Umbau in der Kriegszeit vorgenommen wurde, ist ein Relief der Schutzpatronin der Artillerie, ein Standbild der heiligen Barbara, abgebracht worden. Darunter ist zu lesen:
Weil mit Mörsern und Haubitzen
In des Weltkriegs schwerer Zeit
Uns Sankt Barbara tat beschützen,
Ward dies Bildnis ihr geweiht.
Erneuert 1914 – 1915
Abgabe von Schweinezuchtmaterial. Die Schweinezuchtstation der Landwirtschaftskammer für das veredelte deutsche Landschwein zu Haus Selbach bei Ründeroth, Kreis Gummersbach (Inhaber Gutsbesitzer E. Offermann zu Haus Selbach) hat zur Zeit noch eine größere Anzahl von Ebern im Alter von 4 – 11 Monaten und Sauen von 3 – 7 Monaten abzugeben. Interessenten können sich an den Stationsinhaber wenden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Millionen-Schwindel.
Je mehr Einzelheiten in der Steuerhinterziehungssache E Bötticher – Eitdorf bekannt werden, um so interessanten wird die Angelegenheit, um so mehr muß man sich fragen, „Wie ist es möglich, daß solche Betrügereien jahrelang unentdeckt bleiben, daß jahrelang der Staat um so riesige Summen hintergangen werden konnte?“
Es handelt sich angeblich um mindestens 15 Millionen Mark, welches während eines Zeitraums von 18 Jahren hinterzogen worden sind. Für Eitdorf allein steht die Ziffer ziemlich genau fest: 2.300.000 Mark in 33 Monaten!
B. stellte den Sprit ausschließlich aus Mais her. Es läßt sich ziemlich genau berechnen, wie viel Liter Sprit z.B. 1000 Klg. Mais ergeben. Fest steht, daß B. durch 2 Eitdorfer Firmen, aber auch von außerhalb sehr viel Mais erhielt. Ein Vergleich mit der Menge des versteuerten Sprits ergab eine gewaltige Differenz.
„Wo ist der ganze Sprit geblieben?“ – „Er wurde mit der Bahn versandt.“
„Wo sind die zur Feststellung erforderlichen Bücher?“ –
„Sie sind leider beim Brand 1913 mit verbrannt.“
„Güterabfertigung Eitdorf, über den Bahnversandt müssen Deine Bücher Auskunft geben, leg Deine Bücher vor.“ – und da stellte sich heraus, daß sämtliche Bücher, welche Versandtmenge, Bestimmungsorte, Namen der Empfänger enthielten – gestohlen waren. Und eigentümlicher Weise fehlten nur die Bücher, welche auf B.’s Spritversandt Bezug hatten. Der Dieb der Bücher wurde nicht ermittelt, man konnte aber auf andere Weise durch verschiedene Eisenbahndirektionen das Material ziemlich rekonstruieren.
Jetzt wurde B. verhaftet, nach 2 Wochen aber gegen eine Kaution in Höhe von einer Millionen Mark – in Papieren – wieder freigelassen. Diese Kaution wurde nun vom Zollfiskus mit Arrest belegt und da stellte sich heraus, daß 2 Hypotheken in Höhe von 200.000 Mark von B. bereits im Jahre 1912 der Deutschen Bank in Cöln verpfändet waren.
Wie uns berichtet wird, haben B. und seine Umgebung nach seiner Haftentlassung während mehrerer Wochen die feste Zuversicht gehabt, auch diesmal noch durch die Maschen schlüpfen zu können, da direkte Beweise gegen B. nicht vorlagen. Da wurde plötzlich das Versteck der angeblich verbrannten Bücher entdeckt, und damit war das Schicksal B.’s besiegelt und B. wurde erneut verhaftet.
Bei dem Umfang des Materials, dem Leugnen der Beteiligten dürfte die Untersuchung sich noch einige Monate hinziehen.
B. ist nun mit einem Male völlig mittellos geworden (!), denn er befindet sich als Untersuchungsgefangener in der Universitätsklinik und zwar in der niedrigsten Klasse.
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Sonntag, 28. Februar 1915
Zeichnet die zweite Kriegsanleihe! Im Hinblick auf die große Bedeutung der zweiten Kriegsanleihe für unser Vaterland und im Interesse der Erwerber der so günstigen Anlagepapiere, wie sie die Kriegsanleihe darstellt, machen wir darauf aufmerksam, daß auch bei der Königlichen Kreissparkasse in Bonn, Argelanderstraße 47, Zeichnungen an den Werktagen von 8 ½ Uhr morgens bis 7 Uhr abends und an Sonntagen von 10-12 Uhr bereitwilligst entgegengenommen werden. Auch werden von der genannten Stelle Zeichnungsscheine auf Wunsch übermittelt.
Vaterländische Reden und Vorträge. In den „Vaterländischen Reden und Vorträgen“ sprach Herr Geheimrat Thurneysen am Mittwoch u. in der Wiederholung des Vortrages am Samstag über „Irland und England“. Der Vortragende betonte, daß man die heutige Stimmung der Iren in Irland und in Amerika gegen England nur als Ergebnis der ganzen Geschichte Irlands verstehen könne und führte in wenigen Strichen seinen Zuhörern die Vergangenheit vor Augen. Er zeigte namentlich, wie in dem von den englischen Protestanten geknechteten Irland im Laufe des 18. Jahrhunderts eine irisch-nationale Partei sich zu entwickeln begann, die im 19. erstarkte und als hervorragendste Früchte die Besserstellung der irischen Bauern und den Wiedergewinn der Selbstregierung (Home Rule) zeitigte. Er schloß damit, daß seit Ausbruch des Krieges Englands gegen Deutschland der Mehrzahl der Nationalisten noch ein höheres Ziel, die völlige Befreiung Irlands von England, vorschwebe, das sie zu natürlichen Bundesgenossen Deutschlands mache, und daß sie dabei bei den irischen Amerikanern begeisterte Unterstützung finden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Wegen Körperverletzung hatten sich am Samstag der Tagelöhner M., der Schreiner V., der Büffetier R. und der Tagelöhner W., sämtlich aus Bonn, vor der Strafkammer zu verantworten. Alle Angeklagten sind mehr oder weniger oft vorbestraft. Vor kurzem hatte M., der mit den anderen verfeindet war, eine Wirtschaft in der Kasernenstraße aufgesucht. Die anderen, die das wohl bemerkt hatten, begaben sich ebenfalls in die Wirtschaft, und es dauerte nicht lange, so war der schönste Krakeel in Schwung. Da die drei auf M. eindrangen, zog dieser ein Messer und wehrte sich so gut er konnte. Dabei gab es mehrfach Stichverletzungen. Das Gericht nahm an, daß M. in Notwehr gehandelt habe. Die übrigen Angeklagten seien aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu dem Zweck in die Wirtschaft gekommen, um mit M. Händel anzufangen. M. wurde daraufhin freigesprochen. R. erhielt 1 Jahr drei Monate Gefängnis. Da bei ihm Fluchtgefahr vorlag, wurde er sofort verhaftet. V. und W. erhielten Gefängnisstrafen von je neun Monaten.
Ein gefährlicher Bursche unschädlich gemacht. In den Weihnachtsferien wurden aus der Karlsschule mehrere Geigen, Wolle, die von den Kindern zum Stricken von Liebesgaben verwendet werden sollte, sowie bares Geld, das ebenfalls für die im Felde stehenden Soldaten unter den Kindern gesammelt worden war, gestohlen. Etwa 14 Tage später gelang es der Polizei in Nürnberg, einen Menschen festzunehmen, der dort in eine Schule eingebrochen war. Bei der gerichtlichen Vernehmung des Einbrechers ergab sich jetzt, daß er auch den Diebstahl in der hiesigen Karlsschule ausgeführt hatte. Der Festgenommene ist bereits vielfach vorbestraft, u. a. auch schon mit Zuchthaus. Von den hier gestohlenen Sachen wurde bei dem Verhafteten nichts mehr vorgefunden.
Eine Modellhutausstellung ist in diesem Jahre in Köln ins Werk gesetzt worden. 22 der größten Firmen Deutschlands und eine Reihe Modistinnen haben unter dem Szepter der nationalen Mode ausgestellt. Man erwartet hier viele Modistinnen und sonstige Einkäufer in Modeartikeln. Der Grundzug der kommenden Mode besteht darin, daß sich die Damen die Kopfbedeckung unter Berücksichtigung ihrer Eigenart und Kleidung wählen können, sodaß also keine Vorschrift über die bevorzugte Anwendung von großen, mittleren und kleineren Hüten vorhanden ist. Der Zeit entsprechend werden vorwiegend dunkle Stoffe verwandt. Man hat sich bemüht, einfache Formen und Garnierungen zu wählen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Unsere opferbereite Studentenschaft. Da dieses Jahr der übliche Kaisergeburtstags-Kommers ausfallen mußte, so hat die Vertreterversammlung der Bonner Studentenschaft beschlossen, die sonst dafür gemachten Aufwendungen, zu Ehren Seiner Majestät, vaterländischen Zwecken zu widmen. Es wurde demgemäß, allein von den ortsanwesenden aktiven Mitgliedern der nicht wegen des Feldzuges suspendierten Korporationen der für ihre geringe Zahl stattliche Betrag von 603 Mark aufgebracht, und wie folgt verwendet: 240 Mark an das hiesige Rote Kreuz, 240 Mark an den vaterl. Frauen-Verein, 120 Mark an die Bonner Kriegshilfe und 93 Mark an den Bonner Lazarettzug.
Mit Befriedigung wird man hieraus entnehmen, wie auch der kleine Rest der Bonner Studentenschaft, dem es nicht gegönnt ist, mit den Waffen oder im Sanitätsdienst sich zu betätigen, ihrer vaterländischen und königstreuen Gesinnung hochherzigen Ausdruck zu geben verstanden hat.
Einen stimmungsvollen patriotischen Nachmittag leitete Herr Gerhard Ebeler aus Köln im großen Saale der Kasselsruhe.Patriotische Reden, Quartett-Vorträge und eine bildliche Darstellung aus dem Leben unserer blauen Jungens, wechselten mit Konzertunterhaltungen. Besonders die selbstverfaßten rezitatorischen Vorträge von Herrn Ebeler fanden starken begeisterten Beifall. Eine Wiederholung findet morgen (Sonntag) statt. Von der letzten Veranstaltung wurde an umgewechseltem Gold Mk. 320 der Reichsbank überwiesen.
Ein Unterhaltungsabend des Wehrbundes findet morgen, Sonntag den 28. Februar, 8 Uhr in Schumachers Gasthof zur Traube, Kessenich, Mechenstraße, statt. Es sprechen: Prof. Clemen: Die Kämpfe in unseren Kolonien. Dr. Brüggemann: Feldpostbriefe. Geheimrat Brinkmann: Humor im Felde. Dr. Fischer – Köln: Rezitationen. Mitglieder mit ihren Angehörigen, sowie alle Freunde der Sache sind herzlich eingeladen. Eintritt frei.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)