Freitag, 16. Oktober 1914
Fast alle deutschen Hochschullehrer – insgesamt mehr als 3.000 Dozenten – unterzeichnen eine Erklärung, in der sie sich zum deutschen Militarismus bekennen und den Krieg als Kampf zur Verteidigung deutscher Kultur bezeichnen.
Anspruch der Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen. Von den Hinterbliebenen der im Kriege gefallenen Militärpersonen der Unterklasse erhalten: Die Witwe eines Feldwebels, Vizefeldwebels, Sergeanten mit der Löhnung eines Vizefeldwebels jährlich 600 Mark. Die Witwe eines Sergeanten, Unteroffiziers, Zugführerstellvertreters jährlich 500 Mark. Die Witwe eines Gemeinen oder einer anderen Person der Unterklassejährlich 400 Mark, jeder vaterlose Waise von Militärpersonen der Unterklasse jährlich 240 Mark. Außerdem kann Eltern und Großeltern eines Gefallenen, die bisher ganz oder überwiegend unterstützt wurden, im Falle der Bedürftigkeit ein Kriegselterngeld von jährlich höchstens 250 Mark für die Person gewährt werden.
Zu dem Eingesandt vom 10. Oktober schreibt man uns: Die Stöcke sammelnden Knaben waren auch bei uns und erhielten bei uns und in der Nachbarschaft eine ganze Anzahl. Daß diese Sammlung auf Schwindel beruhen sollte, beunruhigte uns natürlich, und ich ging der Sache weiter nach und erfuhr in der Remigius-Schule von einem Lehrer, daß die Kinder allerdings von der Schule ausgesandt worden waren und daß über 100 Stöcke zusammengekommen sind, auch Lesestoff, und daß alles von den Verwundeten in den Lazaretten sehr erwünscht war. So hat sich einmal wohl ein Junge irrtümlich auf das Friedrich-Wilhelm-Stift berufen. Es wäre aber doch zu empfehlen, daß die Schulen, die solche Sammlungen veranlassen, den Kindern einen Berechtigungsschein ausstellen, um Missbrauch auszuschließen. Daß Kinder in den Dienst der Verwundeten-Fürsorge gestellt werden, ist gewiß durchaus berechtigt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Fremdenverkehr. Der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, sowie einige Mitglieder der herzoglichen Familie sind gestern im Hotel Königshof abgestiegen. Die hohen Herrschaften machten im Laufe des Tages Besuche in hiesigen Familien und in Lazaretten.
Mit Liebesgaben fuhren in Begleitung eines zur Front zurückkehrenden Generals einige Bonner Herren nach Frankreich. Im Hauptquartier des Kronprinzen gerieten die Automobilfahrer dadurch in eine mißliche Lage, daß es ihnen trotz aller Bemühungen nicht gelingen konnte, das zur Weiterfahrt erforderliche Benzin zu erhalten. Als sie beratschlagend auf dem Hofe des Generalkommandos standen, erschien dort der Kronprinz in Begleitung seiner Adjutanten. Er sah vorzüglich aus. Schon von weitem erkannte der Kronprinz den ihm noch aus Bonner Studienzeit bekannten Herrn Jakob Bachem. Er rief ihn zu sich heran und begrüßte ihn mit herzlichen Worten und kräftigem Händedruck. Es freue ihn sehr, zu erfahren, daß die Bonner Bürgerschaft so eifrig Liebesgaben sammle. Bachem möge allen Spendern hierfür bestens danken sowie alle Bonner bestens grüßen. Nachdem der Kronprinz noch angeordnet hatte, daß das erforderliche Benzin aus seinem eigenen Wagenpark verabfolgt werde, verabschiedete er sich mit nochmaligem Händedruck und freundlichem Zuwinken.
Die erste deutsche Kriegszeitung in Frankreich wird von Landsturmleuten in Vouziers hergestellt. Sie haben dort eine Druckerei entdeckt, sie gründlich gereinigt und wieder in Stand gesetzt. Zwei Abdrucke sind in unserem Schaufenster ausgestellt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Tierquälerei. Der Transport eines schwerbeladenen Möbelwagens gab am Mittwoch abend Anlaß zu großem Aergernis. Dem überlasteten Möbelwagen, der einem Fuhrwerksbesitzer aus einem eingemeindeten Vorort gehört, waren zwei Pferde vorgespannt, die der Last in keiner Weise gewachsen waren. An der Brückenstraße stürzte das eine Pferd und kurze Zeit darauf auf dem Friedrichsplatz das zweite. Das Fuhrwerk blieb auf dem Gleise der Straßenbahn stehen, wodurch der Verkehr fast eine Viertelstunde ins Stocken geriet. Unter größten Anstrengungen wurde das Fuhrwerk wieder flott gemacht und dann gings weiter bis zur Meckenheimerstraße, wo beide Pferde zugleich aufs Pflaster stürzten. Da wäre es doch wirklich an der Zeit, daß sich der Tierschutzverein ins Mittel legte, um derartigen groben Unfug zu steuern. K.
Sammelfässer. Dem freundlichen Poppelsdorfer die Nachricht, daß das Sammelfaß gar zu wenig benutzt und deshalb weggenommen wurde. Es erhielt deshalb einen verkehrreicheren Platz, wo die Vorbeikommenden hoffentlich opferfreudiger für unsere Helden im Felde sind. M.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Allzu hohe Kartoffelpreise. Wir brachten gestern eine Zuschrift aus Mörs (…) über ein ungerechtfertigtes Anziehen der Kartoffelpreise. Daraufhin sind uns aus allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung ähnliche Beschwerden geäußert worden für die hiesige Gegend. In früheren Jahren mit gleich reichlicher Ernte wie in diesem Jahre zahlte man für gute Speisekartoffeln höchstens 2,50 Mark bis 2,80 Mark; heute verlangen die Landwirte, welche die Kartoffeln in großen Mengen herbringen, schon 3,80 Mark und behaupten, sie täten damit den Käufern noch einen Gefallen, da die Händler ihnen schon 4 Mark böten. Wir können diese Behauptung nicht auf ihre Richtigkeit prüfen (…), auf jeden Fall ist ein derart unverschämt hoher Kartoffelpreis in diesem Jahre nur eine Ausnutzung der Kriegslage, die durch nichts gerechtfertigt ist. In unserer Gegend ist die Kartoffel das gesuchteste Nahrungsmittel der ärmeren Leute. Dieses darf unter keinen Umständen verteuert werden, da zu den armen Leuten während des Krieges auch die unterstützungsbedürftigen Angehörigen der Kriegsteilnehmer gerechnet werden müssen. (…) Es kann hier nicht anderes mehr helfen als ein Eingreifen der Behörden, wie es bereits in der Mosel- und Saargegend erfolgt ist. Dort hat die Behörde die Kartoffelpreise festgesetzt und angedroht, alle Kartoffeln zu beschlagnahmen und sie zu verkaufen, wenn nicht geliefert wird. Sollte dies Mittel nicht ergriffen werden, so empfehlen wir den Einwohnern, nur die allernotwendigsten Kartoffeln stets nur für einige Tage zu kaufen. Dann werden die Preise sicherlich heruntergehen und die beinahe wucherische Ausnutzung der Kriegslage (…) hört auf.
Verwundete in der Straßenbahn. Nachdem in letzter Zeit Klagen laut geworden sind, als gewähre die Straßenbahn den Verwundeten keine freie Fahrt oder nur in beschränkter Anzahl Freikarten, haben wir an zuständiger Stelle Erkundigungen eingezogen und können in der Angelegenheit folgendes mitteilen: Zwischen der Oberleitung der hiesigen Lazarette und der Verwaltung der städtischen Straßenbahn haben Verhandlungen über die Gewährung von Freikarten für die verwundeten Krieger in Bonn stattgefunden. Die Aerzte waren der Ansicht, daß es für die Gesundung der Verwundeten im allgemeinen besser sei, wenn sie sich in der frischen Luft bewegten, daß selbst bei Bein- und Fußwunden eine Bewegung besser sei, als das Fahren. Nur in bestimmten Fällen sei daher den Verwundeten eine Fahrt dienlicher. Die Personen, denen freie Fahrt daher gewährt werden solle, müßten von den Aerzten bestimmt werden. Die Straßenbahn stellte der Leitung die gewünschte Anzahl – 250 – Freikarten zur Verfügung und ist bereit, wenn die Lazarettleitung es wünscht, weitere Karten zu gewähren. Solchen Verwundeten, die mit der Bahn ankommen und denen das Gehen schwer fällt, wird, wenn sie zu einem hiesigen Lazarett fahren wollen, freie Fahrt auf der Straßenbahn gewährt. Ueber die Gewährung der Frei-Karten für die Pflegeschwestern ist mit dem Vaterländischen Frauenverein verhandelt worden. Für diejenigen, die einen weiten Weg zurückzulegen haben, gewährt der Vaterländische Frauenverein freie Fahrt. Auch für die freiwilligen Krankenträger wurde nach Vereinbarung mit Herrn Rittmeister Weyermann diesen die gewünschte Anzahl Freifahrtscheine gegeben. Den Beueler Krankenträgern wird das vorgelegte Fahrgeld am Schlusse des Monats zurückgewährt.
Wir glauben, daß die Verwaltung der Straßenbahn damit hinreichend Entgegenkommen bewiesen hat und daß sie bereit ist, im Bedürfnisfalle noch weiter zu gehen. Auch für die Verwaltung muß der Gesichtspunkt maßgebend sein, daß die Leitung der Lazarette und der freiwilligen Krankenpflege die Bedürfnisse in dieser Beziehung eher richtig beurteilen, als sie selbst oder das Publikum, das in falschem, wenn auch begreiflichem Mitgefühl glaubt, den Verwundeten komme man nicht genug entgegen. Zuletzt darf auch die Rentabilität unseres Straßenbahnunternehmens nicht durch die Gewährung schrankenloser Freifahrten, wie es in den beiden ersten Monaten nach der Mobilmachung der Fall war, in Frage gestellt werden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Brieftauben-Liebhaber-Verein „Kriegspost“, Bonn. In einer hiesigen Zeitung stand vor kurzem eine Notiz, daß feldernde Tauben abgeschossen und den Verwundeten gebracht werden sollten. Die Notiz wurde am folgenden Tage auf das Ersuchen der hiesigen Brieftauben-Liebhaber-Vereine widerrufen. Es war vorauszusehen, daß durch die erste Notiz sehr viele unserer Brieftauben mit abgeschossen würden. Wir brauchen nicht besonders darauf aufmerksam zu machen, daß unsere Tauben ebenfalls im jetzigen Kriege, und zwar massenhaft zu Meldezwecken verwendet worden sind, und noch verwendet werden. Ueber die Tätigkeit der Tauben und die Handhabe darf aus bekannten Gründen nicht verlautet werden. Wir haben nun leider die Erfahrung gemacht, daß fortwährend unsere wertvollen Tauben abgeschossen werden. Wir bitten im vaterländischen Interesse , doch keine Brieftauben abzuschießen.
Godesberg, 13. Oktober. In Ihrer Nr. 557 vom 13. Oktober 1914 lese ich unter „Stimmen aus dem Leserkreis“ den Artikel „Mit Liebesgaben zur Front“. In diesem Artikel muß ich dem Herrn Hans Heinrichs aus Mehlem nur dankbar sein, daß er es nicht verschmähte, auch Fliegenfänger mitzunehmen und möchte ich dem Herrn Einsender die Augen öffnen, wozu diese Fliegenfänger vorzüglich geeignet sind. Als wir Verwundeten uns mit unseren notdürftigen Verbänden an die Sammelstellen der Feldlazarette (ungefähr einige Kilometer vor den Schützengräben) abliefern ließen, wurden wir natürlich neu verbunden, aber trotzdem drang das Blut immer wieder durch. Nun lagen wir ungefähr zu 40 Verwundeten auf einem großen Speicher. Hier hatten sich aber auch unzählige Fliegen eingefunden, und wenn ich meinen verwundeten Fuß erhob, so summte es mir gleichsam wie ein Bienenschwarm um meinen Körper. Gab es dann etwas zu Essen, so setzten sich die Fliegen wieder auf diese Sachen, was natürlich keines Menschen Appetit anregen kann. Wie oft ist da der Ruf nach Fliegenfängern laut geworden, leider vergeblich. Was ich hier jetzt von dem Lazarett geschrieben habe, findet auch Anwendung auf den Bahntransport. Also der Herr Einsender ist sehr im Unrecht, wenn er auf diese Weise die lobende freie Beteiligung eines Herrn kritisieren will, der es nicht scheut, immer wieder zu unseren Kameraden zu fahren und ihnen die eingegangenen Liebesgaben zu übermitteln, während vielleicht unser Herr Einsender gemütlich in seinen vier Wänden sitzt, denn aus der Front ist diese Einsendung sicher nicht gekommen. (Doch. Die Red.) Achtungsvoll Heinrich Katz, zur Zeit Viktoria-Hospital Godesberg
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 17. Oktober 1914
Mit der Schlacht an der Yser im äußersten Nordwesten Belgiens findet der „Wettlauf zu Meer“ seinen Abschluss.
Volkshochschulkurse: Im Hinblick auf die Kriegszeit hat der Ausschuß beschlossen, eine Ermäßigung der mit 3 Mk und 4 Mk festgelegten Preise für Hörerkarten insofern eintreten zu lassen, als die nächsten Familienangehörigen der Inhaber von Hauptkarten das Recht haben, eine billige Karte von 1 Mk bzw. 1,80 Mk zu benutzen. Wenn von einer Familie bereits mehrere Hauptkarten gelöst worden sind, kann ein Umtausch bei den Verkaufsstellen unter Vergütung des zuviel gezahlten Beitrages erfolgen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
In Spionageverdacht kam am Donnerstag nachmittag ein auswärtiger Landschaftsmaler, der sich am Flodeling in Endenich häuslich niedergelassen hatte, um eine interessante Partie auf die Leinwand zu bannen. Einem Ackerer, der dem Maler in einiger Entfernung zugesehen hatte, kam die Geschichte verdächtig vor und eiligst lief er zur Polizei und machte dort von seinem Verdacht Mitteilung. Um ein Entweichen zu verhindern, pürschten (sic!) sich zwei Polizeibeamte aus verschiedenen Richtungen an den Ahnungslosen heran, der natürlich große Augen machte, als er plötzlich die beiden Vertreter der öffentlichen Ordnung neben sich auftauchen sah. Gar bald hatten die Beamten die völlig ungefährliche Tätigkeit des Malers festgestellt, und da auch seine „Papiere“ in Ordnung waren, zogen sie in Begleitung des Ackerers, der ebenfalls mitgekommen war, um den Ausgang der Sache mitzuerleben, wieder von dannen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Warnung. Es wird davor gewarnt, Kindern, die angeblich im Auftrag der Schule Geld, Bücher, Spazierstöcke und andere Sachen für die Verwundeten sammeln, etwas zu verabreichen. Da Unehrlichkeiten vorgekommen sind, mögen die Leute die Spenden selbst an den bekannten Sammelstellen abgeben.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Allerseelen naht. Mehr denn je sind dieses Jahr unsere Gedanken bei den Toten. Der Krieg rückt Sterben und Verlieren in unsern täglichen Gedankenkreis, und die Erinnerung an liebe Verstorbene, die wir in Friedenszeiten oder durch den Krieg verloren, ist lebendiger denn je. – Unsern auf dem Schlachtfeld gefallenen und begrabenen Helden können wir keine Kränze aufs Grab niederlegen, keine Lichter anzünden. (...) Aber unseren in heimatlicher Erde ruhenden Angehörigen wollen wir, wie jedes Jahr, einen Kranz, ein paar Blumen aufs Grab legen. (...) Und indem wir der Toten gedenken – helfen wir den Lebenden, helfen all den durch den Krieg schwer geschädigten großen und kleinen Gärtnereien. (...) Zwar werden viele Menschen diesmal nicht in der Lage sein, Kränze und Blumen zu kaufen. (...) Allen andern aber möchte ich zurufen: Gedenkt der Gärtner! Bestellt bei ihnen Eure Kränze, die dem Ernst der Zeit entsprechend schlicht und einfach sein sollen. (...) Wir müssen einem Stand, der ganz besonders unter dem Krieg leidet, bei dieser Gelegenheit helfen und dürfen diese Gelegenheit nicht versäumen. So lasst uns den Lebenden helfen, indem wir der Toten gedenken zu Allerseelen. E.H.
Helfet dem notleidenden Winzer durch Weintrinken! In letzter Zeit habe ich mit Aufmerksamkeit die verschiedenen Artikel in Tageszeitungen gelesen, die vor übergroßer und berechtigter Sparsamkeit warnen und diese als vollständig unpatriotisch hinstellen. Die angeführten Gründe finden meinen vollen Beifall. Nirgends wird jedoch mehr Sparsamkeit geübt, als in Bezug auf das Weintrinken. Men bedenkt nicht, wie sehr durch diese Enthaltsamkeit der Winzer und der Weinhändler geschädigt wird. Die Winzer an Rhein und Mosel sehen einer wirklich traurigen Zukunft entgegen. Der Weinverbrauch hat beinahe ganz aufgehört. Festlichkeiten, bei welchen Wein getrunken wird, finden in diesen ernsten Zeiten nicht statt. Im Haushalt spart jeder am direkt entbehrlichsten zuerst. Den zur West- und Ostfront durchreisenden Soldaten, welchen ein Glas Wein zur Stärkung nicht schaden könnte, ist aus übrigens
begreiflichen Gründen der Weingenuß verboten, trotzdem man hört, daß Liebesgaben in Gestalt von Wein für Verwundete stets willkommene
Gaben sind. Was sollen die armen Winzer und Weinhändler mit ihren
Weinvorräten anfangen, wer kauft dem Winzer die jetzt reifende Ernte ab, wenn der Weingenuß immer mehr eingeschränkt wird? (...) Darum, Ihr gutbesoldeten Beamten, Ihr tüchtigen Geschäftsleute und wackeren Bürger, gönnt Euch in der jetzigen Zeit den Genuß eines guten Glases Wein in vermehrten Maße. Ihr leistet damit dem Vaterlande, dessen herrliche Siege auch zahlreiche Winzer und Winzersöhne mit erstreiten helfen, einen großen Dienst. Ein Winzer von der Mosel.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Sonntag, 18. Oktober 1914
Der 3. Vaterländische Volksabend, der gleichzeitig eine Gedächtnisfeier bedeutet für die heute vor 101 Jahren stattgefundene Völkerschlacht bei Leipzig, und neben einer Ansprache des Herrn Dr. Brüggemann ein reichhaltiges musikalisches Programm aufweist, findet heute abend 8 ¼ Uhr in den Sälen des Bonner Bürgervereins statt.
Von den Bonner Landsturmleuten in Libramont erhalten wir folgendes Gedicht:
Wißt ihr Bonner, was uns träumt hat,
In Libramont, in Feindesland?
Da standen wir zu Schutz und Trutze
Treu Wacht an der Ardennen Rand.
Wir sah'n im Traum die sieben Berge,
Rheinbrücke und den Alten Zoll,
Bonner geschäftig wie die Zwerge,
Sie packen grad ein Auto voll.
Und viele brachten Liebesgaben,
Die Frauen und die Mägdlein hold,
Der Bonner Landsturm soll sie haben,
So haben alle es gewollt.
Tabak, Zigarren und Zigaretten,
Seif', Schokolad' und Dauerwurst,
Und warmes Zeug für sich zu betten,
Likör und Bier noch für den Durst.
Handtücher bracht' man in Paketen,
Von Libramont ein Jammerschrei,
Drum, recht herzlich hat gebeten,
weil darin großer Mangel sei.
Mit Freuden kamen Landsturmkinder
Mit Pulswärmern und Pfeifen viel,
Ein Enkelkind freut sich nicht minder,
Bracht Großvater ein Kartenspiel.
Die Trommel rasselt durch die Straßen,
Es ist erwacht ein Landsturmmann,
Verwundert sich jetzt übermaßen,
Daß er kein Auto sehen kann.
Nur Libramont im Morgenschlummer,
Das bietet sich dem Blicke dar.
Der Landsturmmann hat großen Kummer,
Weil alles nur ein Traumbild war.
Auf Bonner, lasst es Wahrheit werden,
Sorgt für den alten Landsturm gut,
Das Beste, was Ihr habt auf Erden,
Ist Euer eigen Fleisch und Blut.
Es bleibt nicht ewig Krieg hienieden,
Drum rufen wir begeistert aus:
Gott schenke ehrenvollen Frieden,
Beschütz Familie uns und Haus.
Aug. Esser, 2.Komp. 3. mobiles Landsturmbatallion, Libramont
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Friedrich-Wilhelm-Stift. Eine angenehme Abendunterhaltung wurde am Freitag den verwundeten Kriegern im Friedrich-Wilhelm-Stift dargebracht. Herr Jos. Schröder führte in großen Lichtbildern Szenen aus der großen Zeit des Krieges 1870/71 vor. – Die Bilder wurden von einem Vortrag und Gedichtrezitationen und Harmonium-Darbietungen einer musikgeübten Schwester begleitet. Mit einer Kaiserhuldigung und dem gemeinsamen Gesang „Deutschland über alles“ endete die Abendunterhaltung, die von den Soldaten mit Dank und Händeklatschen aufgenommen wurde. Der Vortrag kann auf Wunsch auch in den übrigen Kranken- und Erholungshäusern wiederholt werden.
Für die Notleidenden in Elsaß-Lothringen werden freiwillig gespendete Gaben aller Art an Behörden, Ausschüsse und Sammelstellen frachtfrei auf der Eisenbahn befördert.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
„Im Auto Pakete an die Front.“ So hieß es Ende vorigen Monats. – Auch ich dachte so meinen drei Söhnen das Notwendigste an Wollsachen usw. ins Feld schicken zu können und übergab der Diskonto-Bank drei Pakete sorgfältigst verpackt und mit genauer Adresse mehrfach versehen. Von diesen drei Paketen ist nur eines an die richtige Adresse gekommen. Von einem anderen erfuhr durch einen Stabsarzt mein Sohn, daß es verteilt worden sei, weil das Auto ihn nicht gefunden habe. Der Stabsarzt schickte zugleich den dem Pakete beiliegenden Brief an meinen Sohn. Wenn nun der Brief des Stabsarztes meinen Sohn erreichte, warum muß nun der arme Kerl vorlieb nehmen mit dem Brief, worin angeben war, was wir ihm geschickt hatten? Das Paket hätte er wahrlich gut gebrauchen können, zudem ist es sonderbar, da die Autos schon den Ort, in welchem mein Sohn einige Zeit liegt, passierten und dort Liebesgaben abgegeben haben. Mit etwas mehr Mühe hätte das Paket, welches einen sehr teuren Inhalt trug, wohl an die richtige Adresse gelangen können. F.L.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Fußball zum Besten des Roten Kreuzes. Das in Sportskreisen stets mit Interesse verfolgte Wettspiel zwischen den beiden Lokalvereinen Germania-Borussia findet heute nachmittag ½4 Uhr statt. Die Reineinnahme soll dem Roten Kreuze überwiesen werden. Das Spiel ist auf dem neuen Germania-Sportplatze an der Kölnstraße (Lievelingsweg). Eintrittspreis 25 Pfg. Militär hat freien Zutritt.
Katholischer Gesellenverein. Am Sonntag, den 18. Oktober findet wieder abends um 9 Uhr unsere Vereinsversammlung statt. Herr Kaplan Fuhrmans wird einen Vortrag halten über das Thema: Das Uebel des Krieges und der allgütige Gott. Außerdem ist für reiche Unterhaltung gesorgt durch Verlesung der Kriegsberichte unserer Kameraden im Felde, Deklamationen usw. Zugleich machen wir aufmerksam auf die am Sonntag, den 26. Okt., morgens 8 Uhr in der Stiftskirche stattfindende gemeinschaftliche hl. Kommunion.
Wegen Gotteslästerung hatte sich der Tagelöhner Jakob Cremerius aus Bonn an der Strafkammer zu verantworten. Am Morgen des 15. August hatte er sich in Dottendorf vor die Kirche, aus der gerade die Leute kamen, gestellt, eine Schnapsflasche aus der Tasche genommen und damit Bewegungen ausgeführt, als wollte er den Segen erteilen. Das Gericht verurteilte den Angeklagten nur wegen groben Unfuges zu sechs Wochen Haft; wegen Bettelei wurde Cremerius ebenfalls zu sechs Wochen Haft und zur Ueberweisung an die Landespolizeibehörde verurteilt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 19. Oktober 1914
Universitätsfeier. Der feierliche Akt der Rektoratsübergabe fand gestern um 12 Uhr in der Aula statt. Zu der Feier, die ja in diesem Winterhalbjahre des großen Krieges wegen eine besondere Bedeutung gewinnt, hatten sich zahlreiche Gäste eingefunden. Die Chargierten unserer Studentenverbindungen stellten diesmal allerdings nur einen einzigen Vertreter. Die meisten unsere Studenten sind ja draußen im Felde oder sie harren der Erlaubnis zum Einrücken. Auch die sonst übliche Musik fehlte diesmal. (...) Mit besonderer Feierlichkeit und starker innerer Bewegung gedachte der Rektor der Universitätsmitglieder die im Felde stehen: „Der große Krieg – der gewaltigste der Weltgeschichte – war ausgebrochen. Dozenten und Studenten eilten zu den Fahnen oder stellten sich freiwillig dem Vaterlande. In dem Jubel der Begeisterung und dem Ernste der Gesinnung, in der Willenskraft und in dem Opfermute zeigen sich, daß Deutschland seine Söhne wohl erzogen hat zu der hehrsten staatlichen Gesinnung, der unbedingten Hingabe an den Staat, das Vaterland und den Kaiser und König.“ Nach den bisher einlaufenden Nachrichten haben sich von den 4013 Studenten 2436 gestellt, davon sind 1541 unter den Waffen, die anderen beim Roten Kreuz usw. „Bei der langen Dauer des Krieges werden sicher zwei Drittel der Studenten ausziehen. Mit Stolz dürfen wir solche Ziffern verkünden! Sie gehen weit über die Beteiligten von 1870 hinaus. Um das deutsche Volk und seine Zukunft kann uns nicht bange sein, denn derselbe Geist, der unsere Studenten ergriffen hat, lebt auch in allen Schichten des Volkes.“ (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Haussammlungen zur Beschaffung warmer Unterkleidung für die Truppen sollen demnächst allgemein veranstaltet werden. Wolle soll künftig nur für Strümpfe, Pulswärmer, Kopfhüllen und Ohrenwärmer verwendet werden, weil Leibbinden, Halstücher und Unterjacken ebensogut aus Flanell oder Biber hergestellt werden können. (…)
Dritter Vaterländischer Volks-Abend. Ein schöner Abend war’s; würdig schloß er sich den vorangegangenen an. Vieles brachte er und Vielerlei, um so einen jeden der übervielen Besucher etwas zu bringen. – Einleitend sang der Frauenchor Elma Axenfelds den dreizehnten Psalm von Brahms. (…) Die Ansprache darauf hielt Dr. F. Brüggemann. Er erinnerte an den 19. Oktober 1813, den letzten Tag der Leipziger Schlacht. Gedachte der Gedenkfeier des Vorjahres, und bemerkte, daß wir heute ein viel tieferes Einsehen in die Bedeutung jener Volkserhebung hätten, denn im verflossenen Jahre, da unwillkürlich – für die Deutschen war ein Krieg fast ein überwundenes Ereignis der Geschichte geworden – eben jene Feiern den Charakter von rein akademischen angenommen hätten. Heute aber verstehen wir, das ganze Volk, die Erhebung des ganzen, einmütigen Volkes von damals, wir, die wir zwar nicht das Joch eines Tyrannen zu tragen hatten, die zu einem Existenzkampf bis aufs Blut durch der Feinde Niedertracht gezwungen sind, eine Tatsache, die jedem Deutschen, der nur irgendwie die letzten acht Tage vor der Mobilmachung miterlebte, in seiner ganzen Tragweite offenbar wurde. Diese Tage aber waren es auch, die das Herz des Letzten unseres Vaterlandes, und mochte er bis dahin noch so abseits gestanden oder gar einigen Groll in der Seele genährt haben, unserm geliebten Kaiser gewannen; auch der Letzte fühlte sich eins mit dem Kaiser … Ein besonderes Wort widmete er der englischen Politik, für deren moralische Minderwertigkeit die deutsche Sprache leider keinen entsprechenden Ausdruck hat. Das irregeleitete Volk der Franzosen, das aus völkischen Gründen nur in und durch den Rachegedanken lebt, einigermaßen zu bemitleiden, ist kaum eine Schande. Rußland, dieses Gemengsel von Kultur und Unkultur – fast schlimmer noch als Barbarentum – hat, gleichwohl wir der Tage Ostpreußens nicht vergessen und vergeben können, beinahe ein Recht auf mildere Beurteilung. Aber England, das sich stets übergroß maulhaft als den Hort der modernen Zivilisation gefiel, wurde der gemeine Verräter der weißen Rasse, hetzte Braune, Schwarze, Gelbe auf Europa, um daran die ekelhaften Judaspfennige zu profitieren. Und soviel steht fest: wo eine Notwendigkeit besteht, da findet sich ein Weg … naturnotwendig!! - - Daß diesen Worten, die allen aus der Seele gesprochen waren, die gebührende allseitige Zustimmung zuteil wurde, bedarf wohl kaum besonderer Bemerkung!
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Gesellschaft für Literatur und Kunst. (…) Am Samstag abend trug Emanuel Stockhausen-Hamburg in der Gesellschaft für Literatur und Kunst den prachtvollen Zyklus „1813“vor, den Ernst Lissauer im vorigen Jahre anläßlich der Jahrhundert-Gedenkfeier an die Erhebung Preußens gedichtet hat. Eine starke, wundervoll geschlossene Darstellung der Stimmungen und Kräfte, die damals in unserem Volke lebendig waren und die uns alle bei dem heutigen zweiten Befreiungskriege wieder erfüllen. Stockhausen sprach die Verse in seiner echten, miterlebenden Art, die wir Bonner von früheren Vortragsabenden an ihm kennen und schätzen gelernt haben. Wie er das, in den Vortrag eingefügte sogenannte Haßgedicht auf England von Lissauer beendet hatte, brach ein begeisterter Beifallssturm los. Man darf ihn als Bekenntnis zu dem Schlußvers des Gedichtes auffassen: Wir lieben vereint – wir hassen vereint, - wir haben alle nur einen Feind: England!
Bonner Autos im Biwak der 160er. Im Schaufenster unserer Geschäfsstelle ist eine Photographie ausgehängt, die Bonner Liebesgaben-Autos im Biwak der 160er zeigt. Das Bild wurde uns von Herrn Prof. Dr. A. Pflüger in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt.
Aus den hiesigen Lazaretten wurden eine größere Anzahl Verwundeter, welche auf der Genesung waren, nach den Lazaretten in Oberkassel, Dollendorf und Königswinter gebracht. Ein Sonderzug der elektrischen Siebengebirgsbahn, vier Wagen stark, welche bis zum letzten Platz gefüllt waren, brachte diese Braven dorthin. Die Leute waren recht munter und rauchten während der Fahrt gemütlich ihr Pfeifchen, Zigarre oder Zigarette.
Ein Verkauf von Beutepferden findet, wie bereits mitgeteilt, am Mittwoch den 21. Oktober von 10 Uhr ab durch die Landwirtschaftskammer unter Mitwirkung der Rheinischen Pferdezentrale auf dem Schlachthofe in Köln statt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 20. Oktober 1914
Übungsmarsche des Bonner Wehrbundes. Am Samstag Nachmittag vereinigten sich sämtliche Abteilungen des Wehrbundes, etwa 200 Mann stark, unter Leitung des Herrn Turninspektors Schröder zu einem Übungsmarsch, der allen Teilnehmern durch den Besuch des Gefangenenlagers auf dem Truppenübungsplatz Wahn wie durch die stattliche Marschleistung in guter Erinnerung bleiben wird. (...) Bei eintretender Dämmerung wurde der Übungsplatz erreicht, und unter der Führung eines Offiziers ging es in langem Zuge durch den von Posten bewachten Barackenbezirk. Es war ein eigentümliches Bild, wie sich die Scharen von Gefangenen um den langen Zug drängten, in dem sie etwas von Deutschlands militärischem Nachwuchs sehen konnten: Franzosen, Engländer, Zuaven, Turkos Sengalesen und wie die edlen „Bundesgenossen“ alle heißen. In ihrer fantastischenschmutzig-bunten Tracht machen sie meist einen gleichmutigen, unkriegerischen Eindruck; offenbar fanden sie es ganz erträglich in deutscher Gefangenschaft. Den Rückmarsch über dunkle Chauseen verkürzte froher Gesang, und auch von den Jüngsten blieb niemand zurück. Um halb elf Uhr war der Marsch von etwa 36 Kilometern, der die Schar neun Stunden ohne Unterbrechung auf den Beinen gehalten hatte, zu Ende: gewiß ein Zeichen, daß der Wehrbund nicht Spielerei, sondern ernste und nützliche Vorarbeit im Dienste des Vaterlandes betreibt.
Eine Warnung für Kriegsschwätzer. Als Warnung für Kriegsschwätzer kann die exemplarische Strafe dienen, die der Händler Eugen Birgentzle in Straßburg vom dortigen außerordentlichen Kriegsgericht erhielt. In einer Wirtschaft hatte er dort nach der Straßburger Post behauptet, bei Reims seien 80000 Deutsche gefangengenommen worden. Deutschland habe fast keine Soldaten mehr, während die Verbündeten geringe Verluste erlitten. Die neutralen Mächte, Italien, Schweden, Amerika, hielten zu Frankreich, und Deutschland müsse an Belgien 25 Milliarden Mark Kriegsentschädigung zahlen. Vor dem Kriegsgericht bestritt B., diese Äußerungen getan zu haben. Seine Ausflüchte hatten jedoch keinen Erfolg. Unter Berücksichtigung seiner zur Schau getragenen Böswilligkeit verurteilte ihn das Kriegsgericht zu einem Monat Gefängnis.
Kinderlesehalle. Mittwoch und Samstag von 4 bis 6 Uhr ist in der Münsterschule eine Kinderlesehalle eingerichtet.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Höchstpreise für Kartoffeln. Vom stellvertretenden kommandierenden General Frhrn. v. Bissing liegt folgende Bekanntmachung vor:
Aus allen Schichten der Bevölkerung meines Korpsbezirks gehen mir fortwährend Klagen darüber zu, daß die Kartoffelpreise, insbesondere im Kleinhandel, eine abnorme Höhe (stellenweise 5 Mk. und darüber) erreicht hätten, ja, daß sogar vielfach Kartoffeln überhaupt nicht zu kaufen wären, weil die Produzenten in Erwartung noch höherer Preise die Ware zurückhielten. Desgleichen wird vielfach auch über viel zu hohe Preise für Brotgetreide, Mehl und Hülsenfrüchte geklagt. Um diesen namentlich für die ärmeren Klassen so schmählichen Preistreibereien entgegenzutreten, halte ich die Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln in denjenigen Bezirken, in denen solche Mißstände vorliegen, für dringend notwendig. Ich habe deshalb die zuständigen Regierungspräsidenten ersucht, umgehend das Erforderliche auf Grund des Gesetzes vom 4. August d. Jahres zu veranlassen. Sodann weise ich zur Warnung der Verkäufer auf § 2 des genannten Gesetzes hin, welcher lautet: „Weigert sich trotz der Aufforderung der zuständigen Behörde ein Besitzer von Gegenständen, sie zu den festgesetzten Höchstpreisen zu verkaufen, so kann die zuständige Behörde sie übernehmen und auf Rechnung und Kosten des Besitzers zu den festgesetzten Höchstpreisen verkaufen, soweit sie nicht für dessen eigenen Bedarf nötig sind.
Zum französischen Kriegsschauplatz führt am Mittwoch an Hand von Lichtbildern Herr Dr. Krantz unsere Jugend. Der Vortragende war mit Liebesgaben für die 160er zur Front gereist und hat bei dieser Gelegenheit eine große Zahl von photographischen Aufnahmen und Beobachtungen machen können, mit denen er nun unsere Jugend über Kampf und Sieg auch über die Strapazen und das Leben unserer Truppen in Feindesland unterrichten will. Der Vortrag findet auf Veranlassung der Ortsgruppe Bonn des deutschen Wehrvereins statt; der gering bemessene Eintrittspreis wird dem Roten Kreuz überwiesen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Sonntagsruhe. Viele kaufmännische Angestellte müssen sich gegenwärtig teilweise ganz erhebliche Gehaltskürzungen gefallen lassen. Damit geht aber nicht etwa, wie man bei dem „schlechten Geschäftsgang“ annehmen sollte, eine Herabsetzung der Arbeitszeit Hand in Hand, im Gegenteil. Nachdem mit dem Kriegsausbruch die Sonntagsruhe aufgehoben worden ist, arbeiten wir Tag aus Tag ein von morgens bis abends, ohne die Möglichkeit des wohlverdienten Ausruhens am siebenten Tage zu haben. Mit Freuden würden wir das Opfer des freien Sonntags bringen, wenn dem Vaterland tatsächlich dadurch ein Dienst
erwiesen würde. Dies dürfte indes – zum mindesten für viele Branchen, z.B. die Damenkonfektion, die Putzbranche etc. – nicht der Fall sein, so daß ein begründeter Anlaß für die Aufhebung der Sonntagsruhe in vielen Geschäftszweigen schwerlich vorliegen dürfte. Es wäre daher sehr zu wünschen, daß die Geschäftsinhaber der in Betracht kommenden Branchen gemeinsam dazu übergehen würden, ihre Geschäfte Sonntags während der früher üblichen Stunden wieder zu schließen, um sich selbst und ihren Angestellten die Wohltat der Sonntagsruhe wieder zu gewähren. Viele Verkäuferinnen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Die Auskunftstelle über Verwundete in Bonner Lazaretten, Bahnhofstraße 40, geöffnet täglich 10 bis 12 ½ und 2 ½ bis 7 ½ Uhr, teilt mit: Neuerdings sind wir in der Lage, auch schriftliche Auskünfte zu erteilen. Ferner liegen in unserem Bureau Listen auf, in denen die hier anwesenden deutschen Verwundeten nach Regimentern geordnet sind. Außerdem können die amtlichen Verlustlisten bei uns eingesehen werden.
5 Kg.-Pakete (10 Pfund) zur Versendung durch die Feldpost sind diese Woche zugelassen.
Der älteste Hauptmann der Armee ist der vielen Bonner bekannte Herr Hauptmann Schneider aus Honnef, augenblicklich bei der 2. Komp. Landsturm-Bat. Siegburg. Herr Schneider ist 74 ½ Jahre alt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 21. Oktober 1914
In Westflandern beginnt die deutsche Armee eine Offensive, die die Eroberung der französischen Kanalhäfen zum Ziel hat. Insbesondere in der Region um Ieper (Ypern) kommt es dabei zu für beide Seiten überaus verlustreichen Kämpfen.
Studentische Abteilung des Wehrbundes. Die Universität erlässt zur Bildung einer studentischen Abteilung des Wehrbundes einen Aufruf, in dem es heißt, daß es dringend notwendig ist, auszuhalten in diesem Kriege, damit die furchtbaren Opfer, die er uns bereits gekostet hat, nicht vergeblich seien. Damit alle den großen Anstrengungen, die der Feldzug an jeden einzelnen stellt, gewachsen sind, ist es nötig, schon jetzt, vor der Einberufung, sich darauf vorzubereiten. Im Verein mit der Jugend aus allen Kreisen der Bevölkerung steht die studentische Jugend im Feld. Auch im Wehrbund sollen sie sich alle vereinen. Die Turnübungen sollen Samstags abends um 8 ½ in der städtischen Turnhalle stattfinden. Die Marschübungen an den Sonntagen werden mit den anderen Abteilungen gemeinsam unternommen. Die Konstituierung der studentischen Abteilung findet Dienstag, den 4. November, abends 7 Uhr im Auditorium der Universität statt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Professor Dr. Jos. Esser †. Unsere Universität, die hiesigen Aerzte und unsere Bürgerschaft haben durch das Hinscheiden von Professor Dr. Esser einen hervorragenden medizinischen Gelehrten, einen überaus geschätzten Kollegen und einen Arzt von seltenen beruflichen und persönlichen Eigenschaften verloren. (…) Als früherer pathologischer Anatom machte er häufig selbst Sektionen an Verstorbenen, die er behandelt hatte, und eine solche Sektion war es auch, bei der Professor Esser sich eine Typhusinfektion zuzog, deren Folgen er selber erlegen ist. (…) Wenn wir nun hören, daß Professor Esser den Keim der tödlichen Krankheit bei der Sektion typhuskranker Soldaten sich zuzog, so empfinden wir, daß er seinen ureigensten Wesen, dem des mit wissenschaftlicher Gründlichkeit forschenden Arztes treu geblieben ist bis zur Selbstaufopferung. (…)
Die Festsetzung der Höchstpreise, die für Lebensmittel gefordert werden dürfen, wird voraussichtlich in den nächsten Tagen erfolgen. Die Behörden verhandeln noch mit den Landwirten und Gewerbetreibenden, um eine Herabsetzung der Preise auf gütlichem Wege zu erzielen. Sollte dieses Ziel nicht erreicht werden, so werden die Behörden an zuständiger Stelle die amtliche Festsetzung von Höchstpreisen beantragen.
Im Kreise Düren sind bereits die Höchstpreise für Kartoffeln von den Behörden auf 2.50 Mk. für den Zentner festgesetzt worden.
Die Liedertafel wird am Allerheiligentage, nachmittags 3 Uhr, auf dem Nordfriedhof den gefallenen Kriegern einige Liederspenden darbringen.
Die Arbeit des Freiwilligen Hilfsausschusses für durchfahrende Truppen. Der Krieg hat unserer Zeit seinen blutigen Stempel aufgedrückt. Im Osten und Westen unseres Vaterlandes wogt der Kampf, donnern Geschütze, knattern die Gewehre. Das Elend zerschossener Städte, ausgebrannter Dörfer, zertretener Felder und Fluren reden eine eindringliche Sprache. Während unsere Krieger draußen ihre Brust dem Feinde darbieten und manch einer, vom tödlichen Blei getroffen, ins frühe Grab sinkt, weilen wir Zurückgebliebenen im Frieden unseres Herdfeuers, setzten uns täglich an einen sorgsam gedeckten Tisch und suchen abends unser bequemes Bett auf. Wir wissen, welche Anforderungen an unsere braven Krieger gestellt werden, welche Entbehrungen sie im Felde auszustehen haben. Pflicht der Zurückgebliebenen ist es, das Los unserer Soldaten nach Kräften zu erleichtern. Da darf man nun ohne Uebertreibung sagen, daß wir dieser Pflicht nach besten Kräften nachzukommen suchen. Die Liebestätigkeit wird denn auch von unseren Feldgrauen anerkannt und mancher Dankbrief zeigt, wie freudig die Krieger die Fürsorge der „Heimkämpfer“ aufnehmen.
Eine ganz besondere Stelle in der Liebestätigkeit nimmt der Hilfsausschuß für durchfahrende Truppen ein. Was der Hilfsausschuß, der seine Geschäftsstelle in den Räumen der Rhein.-Westf. Disconto-Gesellschaft untergebracht hat, bisher schon geleistet hat, darf man mit Fug und Recht als vorbildlich für die gesamte Liebestätigkeit bezeichnen. Zunächst zeigte sich die Arbeit des Hilfsausschusses gelegentlich der Mobilmachung, als Zug auf Zug mit Militärtransporten durch Bonn rollte und den Soldaten in reichlichem Maße Speise und Trank gereicht wurde. Diese Liebestätigkeit am Bahnhof wird bis zur Stunde beibehalten. Was allein an Brot, Butter, Käse, Wurst, Kaffee, Milch usw. gebraucht wird, ist enorm. Es genügt, wenn gesagt wird, daß täglich mitunter 120 Graubrote aufgeschnitten, 160 Liter Milch ausgegeben und daß Käse- und Wurstwaren zentnerweise gebraucht werden. Aehnlich wie am hiesigen Bahnhof wird auch am Zollschuppen am Güterbahnhof die Liebestätigkeit entfaltet.
Die weitere Arbeit des Hilfsausschusses war, nachdem die Soldaten im Felde lagen, darauf gerichtet, sie vor den Unbilden der Witterung durch Zuweisung von warmen Unterkleidern usw. zu schützen und ihnen das Feldleben durch Genußmittel, wie Tabak, Zigarren, Zigaretten usw. zu erleichtern. Auch hier hat sich der rege Eifer, mit dem der Hilfsausschuß diese neue Arbeit anpackte, durchaus bewährt. Wenn man den Hilfsausschuß in seiner Geschäftsstelle aufsucht, gewinnt man den Eindruck, als ob man in ein großes Kaufhaus komme, wo Waren aller erdenklichen Gattungen in bunter Fülle aufgestapelt sind. Hier erst wird ersichtlich, was unsere Soldaten alles brauchen können. Stricknadelklappernde Damen, die sich keine Minute Ruhe lassen, üben Aufsicht und geben Weisungen, wie die einzelnen Liebesgaben unterzubringen sind. Andere Damen richten ununterbrochen Butterbrote her, die in sauberes Papier eingepackt und durch Pfadfinder zum Bahnhof gebracht werden. Wieder andere Damen stellen einzelne Pakete für die Soldaten zusammen und darin ist alles enthalten, was der Krieger braucht und wünscht: Wollene Strümpfe, Leibbinden, Brustwärmer, Stauchen [Pulswärmer], Kniewärmer, aber auch das am heißesten ersehnte Paketchen tabak fehlt nicht. Hinzu kommen Zigarren, Zigaretten, Feuerzeug, Schreibpapier, ein Fläschchen mit Kognak und viele andere nützliche Dinge. Es geht emsig in diesen Räumen zu und den ganzen Tag über werden neue Liebesgaben gebracht. Dabei berührt es freudig, daß sich alle Schichten der Bürgerschaft an diesem
Liebesdienst beteiligen. Jeder, auch die ärmste Witwe, will ihr Scherflein beisteuern; selbst Kinder wollen vor den Erwachsenen nicht zurückstehen und bringen mit Fleiß und gutem Willen gestrickte Strümpfe, Stauchen usw. Jede Gabe wird mit Dank angenommen. Hat der Hilfsauschuß genügende Mengen zusammen, so werden die Liebesgaben mit Automobilen zur Front abgeschickt. Viele Male ist dies schon geschehen und in nächster Zeit gehen wiederum erhebliche Transporte ab. Ungefähr 1.000 Soldaten sollen hierbei vollständig ausgerüstet werden.
Betrachtet man die Riesenarbeit, die mit der Organisation dieser Liebestätigkeit verknüpft ist, dann muß man die Arbeit, die von den Damen des Hilfsausschusses geleistet wird, aufrichtig und dankbar anerkennen. Selbstlos sind sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Interesse unserer Krieger tätig und erheben keinen Anspruch auf besondere Anerkennung ihrer Tätigkeit. Dankbar erkennt man auch die Tätigkeit an, mit der die jugendlichen Pfadfinder das Liebeswerk unterstützen. Ihnen ist kein Weg zu lang, keine Stunde zu früh, um auch ihrerseits mit beizutragen an dem großen Liebeswerk, dessen Unterstützung auch ihnen vaterländische Pflicht erscheint.
Auf dem Hochstadenring wird jetzt ein Kabel des Elektrizitätswerks von der Bornheimerstraße bis zur Vorgebirgsstraße an der Ecke des Adolfplatzes gelegt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Als Familienvater einer großen Familie hätte die große Bitte an Sie, im Sprechsaal einiges über die hohen kartoffelpreise zu bringen. Mir ist heute für den Zentner Kartoffeln 4 Mk. abverlangt worden bei einer Abnahme von 25 Zentnern. Ist das nicht eine Schande, wo die Kartoffeln doch so gut geraten sind? In normalen Zeiten würden dieselben höchstens 2 Mk. kosten. Der betreffende Mann sagte, wenn ich keine 4 Mk. bekomme bekomme, halte ich sie fest bis zum Frühjahr, dann kosten sie 10 Mk. Es wäre doch die höchste Zeit, daß die Stadt sich einmal um die Sache kümmerte, denn das ist doch wirklich Wucher getrieben. Wo sollen da im Winter die kinderreichen Familien bleiben, welche teilweise wenig oder gar keinen Verdienst haben? Warum setzt die Stadt keine Höchstpreise fest, oder beschafft nicht billige Kartoffeln für die ärmeren Familien? (…) P.H.
An die Frauenvereine von Bonn! Um gegen die hohen Kartoffelpreise, die ganz ungerechtfertigt sind, Stellung zu nehmen, wäre es sehr angebracht, eine große Frauenversammlung aller Bonner Frauen einzuberufen. Einigkeit macht stark und führt zum Ziele. Eine Bonner Hausfrau
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Keine Besuche bei den Truppen. Amtlich wird gemeldet: Es liegt Veranlassung vor, darauf hinzuweisen, daß Besuche von Angehörigen bei im Felde stehenden Truppen aus militärischen Gründen nicht zugelassen werden können. Reisen, die zu diesem Zweck ins Operationsgebiet unternommen werden, sind daher vergeblich und führen nur zu schmerzlicher Enttäuschung. Es muß daher dringend vor ihnen gewarnt werden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 22. Oktober 1914
Lichtbildervortrag der Ortsgruppen des Deutschen Wehrvereins. Die vom Deutschen Wehrverein geplanten Lichtbildervorträge für die deutsche Jugend wurden gestern durch Herrn Dr. phil. Krantz eröffnet, dessen Vortrag den Titel trug: „Mit Liebesgaben zu unseren 160ern nach Frankreich“. Wie sehr diese Bilder vom französischen Kriegsschauplatze nach eigenen Studien das Interesse weckten, sah man wohl am besten aus der Tatsache, daß der große Saal des Bürgervereins schon lange vor Beginn des Vortrags übervoll war, so daß ganze Scharen von Besuchern wieder umkehren mußten. Wir werden über den Inhalt des Vortrages noch berichten.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Verwundet und dadurch wehrlos sind einige unserer braven Krieger in Gefangenschaft geraten, auch solche aus Bonn.
Bei verschiedenen Angehörigen ist nun der Wunsch rege geworden, sich über das Los dieser hauptsächlich in Südfrankreich untergebrachten Söhne und Brüder auszusprechen, die bisher erlangten Nachrichten hierüber auszutauschen und die erlassenen Vorschriften über die Art der Zusendung von Briefen und Paketen usw. zu erörtern.
Auch wäre es nicht ausgeschlossen, daß durch eine derartige Aussprache der Verbleib solcher Vermissten ausfindig gemacht werden könnte, die in Gefangenschaft geraten sind, von denen aber noch keine Nachrichten zu ihren besorgten Angehörigen gelangt ist.
Wer sich an solcher Aussprache beteiligen will und zweckdienliche Angaben machen kann, möge sich Freitag, den 23 d.M., abends um 7 ½ Uhr, im Hotel Kaiserhof, Poppelsdorfer Allee 2, einfinden.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)
Vortrags-Zyklus des Deutschen Wehrvereins. Gestern nachmittag sprach Herr Kranz [Krantz] über die zwei Liebesgaben-Transporte, die er begleitet hat. Dabei konnte er Studien auf dem französischen Kriegsschauplatz machen. Der eine Transport war über Luxemburg, der andere über Belgien nach Frankreich hineingegangen. Interessanter, aber auch schrecklicher für den Anblick muß der Weg durch Belgien gewesen sein. Denn was Herr Dr. Kranz an Lichtbildern zeigen konnte, war schmerzlich anzuschauen. Gesprengte Brücken, zerschossene Kirchen und das allertraurigste: ganze Zeilen menschlicher Heimstätten, wo kein Stein mehr auf dem andern geblieben war. Fröhlichere Bilder, Bilder es oft beinahe heiteren Lagerlebens hatte das Ziel der Transporte gebracht (ein Teil der Automobile war zu den 160ern herangefahren, und ein Teil hatte sich der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt, die dann die Liebesgaben den bedürftigsten Truppen zukommen ließ). Ankunft der Feldküche, Ueberreichung des Eisernen Kreuzes, Feldgottesdienst und manches andere heitere oder erhebende Bild konnte der Vortragende zeigen. Aber er hatte es nicht leicht, denn Kinder, sehr viele Kinder, ein Saal voll Kinder wurde vor diesen Bildern laut, zumal wenn unter den 160ern ein bekanntes Bonner Gesicht auftauchte. Doch wird Herr Dr. Kranz seinen interessanten Vortrag trotzdem noch einmal halten müssen, weil eine zahlreiche Menge Erwachsener und Kinder wegen Mangel an Raum wieder umkehren mußte.
Vaterländische Reden und Vorträge. (Siebenter Abend.) Professor Dr. Wygodzinski: „Der englische Handelskrieg“. Mit steigendem Interesse und wachsender Befriedigung hörte man zu und warf, als das zuversichtliche Schlußwort „Wir werden siegen!“ erklang, mit freudigem Dankgefühl den obligaten „Rote Kreuz-Groschen“ in die Blechbüchse. Während man dann durch nebelfeuchten Novemberabend nach Hause schritt und nochmals den Vortrag überdachte, kam einem das Schmunzeln an und das alte deutsche Sprichwort „Blinder Eifer schadet nur“ fiel einem mit Bezug auf England ein. Denn das hört man immer und immer wieder gern, - es ist wie Friedensgeläut –, daß, wie schwer auch Deutschland durch den gegenwärtigen Krieg mitgenommen wird und welche Opfer es an Gut und Blut noch zu geben hat, Deutschland sich doch als die stärkere Nation auch in wirtschaftlicher Beziehung erweist. Und also darf man uns das Hohngefühl, das uns bisweilen beschleicht, nicht übel nehmen, denken wir daran, daß uns England zu Grunde richten wolle und daß ihm das nicht gelingt, daß es sich vielmehr ins eigene Fleisch schneidet, so viel es sich auch dagegen ereifert. – Blinder Eifer schadet nur.
Was den Vortrag wertvoll machte, waren die Zahlen der Statistik, die mehr ausdrücken, als das mitunter langatmige Sätze vermögen. England hat den Krieg systematisch vorbereitet, Deutschland war ihm zu groß geworden, dem England, das es durch seine Räuberpolitik verstanden hat, sich überall in der Welt durchzusetzen und das Stützpunkte in allen Ländern und in allen Meeren hat. (…)
Wer hält den Krieg am besten aus, England oder Deutschland? Unserer Wirtschaft ist derart gesund aufgebaut, daß wir bessere Aussicht haben, eine Katastrophe zu überstehen wie jeder andere Staat. Englands Ernährung ist durch den Seehandel bedingt. England hat nur für wenige Monate Nahrung, wir haben Nahrung für lange Zeit. Die Verwüstungen in Ostpreußen werden ausgeglichen dadurch, daß unsere Soldaten – keine schlechten Esser – draußen in Feindesland essen. Zwar ist Deutschlands Export seit Kriegsausbruch zurückgegangen, jedoch nicht so erheblich zurückgegangen wie der Export Englands. England schloß die Börsen, führte ein Moratorium ein, Deutschland führt kein Moratorium ein, als einzigster der kriegsführenden Staaten. Aus alledem geht hervor, daß Deutschland den Krieg besser aushalten wird als England. Auch die Aussichten für die Zukunft sind für Deutschland gegenüber England günstiger. Die Handlungsweise Englands hat den der ganzen Welt gezeigt, welche Krämerseele England beherrscht und jeder Staat wird nunmehr bei der Anknüpfung von Geschäften mit England die denkbar größte Vorsicht gebrauchen. Dies komme Deutschland zugute. Wenn wir also auch noch Schweres durchzumachen haben, so müssen wir das mit demselben Heroismus tragen, wie unsere Brüder im Felde. Drei guten Waffen, und damit schloß der Redner, sind uns gegeben: Disziplin, der Geist der Wirtschaft und der Geist der verständnisvollen Initiative. Also können wir mit Ruhe der Entscheidung entgegensehen: der Besitz der Waffen bedeutet uns: „Wir werden siegen!“
Städt. Lyzeum. Die Anregungen zu praktischer Liebestätigkeit fanden auch bei den Schülerinnen des Städtischen Lyzeums rechtes Verständnis. Eine umfangreiche Sammlung Liebesgaben konnte schon vor Wochen der Zentralstelle zugeführt werden. Ueber 300 Pakete Tabak, Zigarren und Zigaretten, viele Dutzend Paar Strümpfe, Kopfmützen, Untersachen, Leibbinden, Kniewärmer, recht zahlreiche Packungen Schokolade, Pfeffermünz u.v.a. wurden wohlverpackt den tapferen Helden im Argonnenwald übermittelt. Recht zahlreich sind die Dankeskarten, die an die Schülerinnen aus Feindesland eintrafen. Besonders die erste Klasse der Schule hatte in echt vaterländischer Gesinnung eine erhebliche Spende zusammengebracht. In nachstehendem Dankgedicht, das vor einigen Tagen aus den Schützengräben des Argonnenwaldes anlangte, kommt die Freude unserer Vaterlandsverteidiger über die Spende so recht zum Ausdruck:
Tief im Argonnenwald liegt ein Heer,
Seit Tagen im schärfsten Gefecht mit den Franzen,
Die Zahl ist schon klein, die Verluste schwer,
Die Kleider schmutzig, leer der Ranzen,
Schon lange die letzte Zigarre verraucht,
Die vor Zeiten kam von traulicher Stätte,
Schon wird russischer Tee, ja selbst Klee wird geraucht:
„Wenn man doch nur wieder Tabak hätte!“
Da plötzlich ein Raunen die Gräben entlang,
In den müden Gesichtern ein freudiges Blitzen, –
„Vom Rhein her wird uns Tabak gesandt!“ –
Und bald folgt dem Lächeln ein Scherzen und Witzen.
Denn das Rauchen belebt und gibt neuen Mut,
Gleich frischer fühlt sich der Mann im Felde,
Ein Pfeifchen voll – und frisch rollt das Blut
Durch die Adern dem preußischen Helden,
Und sitzen wir abends beim Feuerschein
Zu kurzer Rast nach dem Kampfe,
Dann denken wir Eurer, Ihr Mägdelein,
Beim duftenden Pfeifendampfe,
Ihr rheinischen Mädchen, nehmt unsern Dank,
Heißen Dank von den schlesischen Jungen! – –
Das Horn, es ruft, die Waffe blank!
Von neuem zum Kampf sie geschwungen!
Schnaps für unsere Soldaten. Als vor einigen Wochen vom Kronprinzen die Aufforderung nach Deutschland gelangte, daß alkoholhaltige Getränke für die kämpfenden Truppen gespendet werden möchten, hat die Firma E.F. Elmendorf sofort 100 Kisten Elmendörfer-Korn und Steinhäger-Urgroßvater dem Generalkommando des 7. Armeekorps als Liebesgabe zur Verfügung gestellt. Diese Spende ist jetzt mit verbindlichem Danke angenommen und an die Abnahmestelle freiwilliger Gaben Nr. 1 nach Münster erbeten worden, wohin der Waggon heute abgerollt ist. – Außerdem hat die Firma dem Kriegshilfeverein 5000 Mk. in bar überwiesen. (Hoffentlich wird davon von den einzelnen Soldaten nur ein bescheidener Gebrauch gemacht, denn in großen Mengen macht der Alkohol bekanntlich marschunfähig und wirkt lähmend auf die Energie.)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Studentische Abteilung des Wehrbundes. Die Universität erläßt zur Bildung einer studentischen Abteilung des Wehrbundes einen Aufruf, in dem es hießt, daß es dringend notwendig ist, auszuhalten in diesem Kriege, damit die furchbaren Opfer, die er uns bereits gekostet hat, nicht vergeblich seien. Damit alle den großen Anstrengungen, die der Feldzug an jeden einzelnen stellt, gewachsen sind, ist es nötig, schon jetzt, vor der Einberufung, sich darauf vorzubereiten. Im Verein mit der Jugend aus allen Kreisen der Bevölkerung steht die studentische Jugend im Felde. Auch im Wehrbund sollen sie sich alle vereinigen. Die Turnübungen sollen Samstags abends von 8 ½ Uhr in der städtischen Turnhalle stattfinden. Die Marschübungen an den Sonntagen werden mit den anderen Abteilungen gemeinsam unternommen. Die Konstituierung der studentischen Abteilung findet Dienstag, den 4. November, abends 7 Uhr, im Auditorium 18 der Universität statt.
Die Führung der Pfarr-Chroniken während der Kriegszeit betreffend. Die Herren Pfarrer und Rektoren werden ersucht, während der Kriegszeit auf die Führung der Pfarr-Chroniken besonderen Fleiß zu verwenden und, was in ihren Seelsorgebezirken für das geistliche und leibliche Wohl der ins Feld ausgerückten Krieger, der Verwundeten und deren Angehörigen, besonders auch was von Seiten religiöser Genossenschaften innerhalb und außerhalb von Lazaretten geschehen ist, aufzuzeichnen. Auch wollen die Herren Seelsorgsvorstände die Oberen der in ihren Bezirken bestehenden klösterlichen Niederlassungen veranlassen, über ihre Arbeiten und Opfer im vaterländischen Interesse die erforderlichen Aufzeichnungen zu machen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Straßenbahn nach Endenich. Seit den ersten Tagen unserer Mobilmachung fährt die Linie 5 unserer städt. Straßenbahnen nach Endenich nur noch bis zur Frohngasse. Warum dies geschieht, weiß niemand und ist allen unerklärlich. (…) Wenn man um die Ecke in der Frohngasse kommt und die Bahn fährt eben ab, so dürfen die Schaffner nicht mehr halten, weil sie sonst bestraft werden, aber der Fahrgast hat dann das Vergnügen, 12 Minuten auf den nächsten Wagen zu warten, oder aber, was auch die meisten dann tun, zu Fuß nach Bonn zu gehen. Einer, der viel fährt.
Die Kriegshilfe der Volksschüler hat sich in dieser schweren Zeit erfolgreich betätigt. Unermüdlich ziehen Schüler und Schülerinnen von Haus zu Haus, um Stöcke, Bücher und sonstigen Lesestoff für die verwundeten Krieger zu erbitten. Mit freudigem Herzen geben die Bürger und schwer beladen eilen die Kinder zur Schule, um die Gaben an die Lehrpersonen abzuliefern. Ein reger Wetteifer entspinnt sich, wer die meisten Sachen abliefern kann. Besonders groß war die Freude der Kinder, als sie in den letzten Tagen der vorigen Woche Stöcke, Bücher, Tabak und Zigarren selbst unter die Verwundeten der Lazarette und der Klinik verteilen durften. Ihr schönster Lohn waren die schlichten Dankesworte der Krieger und mit neuer Begeisterung gehen die Schüler auf’s neue ans Werk, um auf ihre Art der Kriegsnot zu steuern. Recht dankbar muß man den Bürgern sein, die mit patriotischer Hingabe den Kleinen gegenüber Herzen und Türen öffnen und durch ein freundliches Wort und eine passende Gabe den Bittsteller zu neuem Tun ermutigen. Recht bedauerlich ist es andererseits, wenn manche Leute, wie es in den letzten Tagen wiederholt geschehen ist, die Sammler und Sammlerinnen schroff abweisen und mit Vorwürfen überschütten, welche die Kinder wirklich nicht verdienen (Die Kinder müssen jedoch einen Ausweis der Behörde vorzeigen. Die Red.)
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Freitag, 23. Oktober 1914
„Mit Liebesgaben zu unseren 160ern nach Frankreich“. Der Vortrag, mit dem Dr. phil. Krantz am Mittwoch die Lichtbildervorträge des Deutschen Wehrbundes eröffnete, wird am Donnerstag, d. 29. d.M., abends ½9 wiederholt.
Wehrbund. Die fünfte Abteilung „Poppelsdorf“ des Wehrbundes veranstaltet am Sonntag abend in dem Gasthof von Julius Vianden, Klemens-August-Straße 50, eine gesellige Zusammenkunft für die Mitglieder der Abteilung und ihre Angehörigen. Der Abteilungsleiter Herr Dr. Fritz Brüggemann wird um 9 Uhr einen gemeinverständlichen Vortrag über den bisherigen Verlauf des Krieges und die heutige Kriegslage halten. Gäste, die nicht abgeneigt sind, dem Wehrbund näher zu treten, sind willkommen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Deutsche Gefangene in England. Das Kaiserliche Postamt schreibt: In England besteht eine Auskunftsstelle über Kriegsgefangene unter der Bezeichnung „The Prisoners’ of War Information Bureau.“ Postsendungen an Kriegsgefangene in England, deren Aufenthaltsort nicht bekannt ist, können an diese Auskunftsstelle gerichtet werden. Die Anschrift lautet:
„(Name des Gefangenen)
Care of the Prisoners’ of War information Bureau, London, 49 Wellington Street, Strand.”
Briefe an Kriegsgefangene in England sollen kurz und, wenn möglich, englisch geschrieben sein; auf der Rückseite der Sendung müssen Name und Wohnung des Absenders angegeben sein.
Schmucke Schilderhäuschen als Liebesgabensammler sind gestern an verschiedenen Straßen aufgestellt worden. Der Einwurf ist so groß, daß auch umfangreichere Sachen eingelegt werden können.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Vaterländischen Vorträge sollte man im großen Saale des Bürgervereins halten, da dieser Saal doppelt so groß ist wie die Aula des Gymnasiums. Am Montag morgen um ein Viertel nach 8 Uhr waren schon keine Karten mehr zu erhalten. Wäre es nicht angebracht, einen kleinen Betrag von vielleicht 20 Pfg. zu zahlen, um die etwa entstehenden Kosten zu decken? L.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Städtisches Orchester. In vielen deutschen Städten hat es sich gezeigt, daß ernstere Konzerte und Theatervorstellungen großen Besuch aufzuweisen haben und zur Erhebung des Volke erheblich beitragen. Damit hier auch Gelegenheit geboten ist, hin und wieder Zerstreuung und Aufheiterung zu finden und sich an den Werken unserer deutschen Meister zu ergötzen, hat die städtische Orchester-Kommission beschlossen, einige Symphoniekonzerte zu besonders billigen Preisen (50 Pfg. und 20 Pfg.) zu veranstalten. Da die Beethovenhalle unseren verwundeten Kriegern vorbehalten ist, wurde das Stadttheater, welches sich als Konzertsaal schon trefflich bewährt hat, für die Konzerte ausersehen. Das erste
Symphoniekonzert soll am Donnerstag den 29. Oktober stattfinden. Hierzu hat unsere geniale Elly Ney ihre Mitwirkung in liebenswürdiger Weise zugesagt. Sie wird Franz Schubert - Liszt’s Wanderer-Fantasie mit Orchester zu Gehör bringen.
Sonntag vor Allerseelen ist freier Geschäftssonntag und sind die Geschäfte bis abends 7 Uhr geöffnet.
Beschlagnahmte Post. Nach einer hierher gelangten Mitteilung sind die mit dem niederländischen Dampfer „Tambora“(ab Batavia am 20. Juli nach Rotterdam) angelangten Briefposten von Niederländisch-Indien nach Deutschland auf Veranlassung der französischen Admiralität in Brest beschlagnahmt worden. Ueber das weitere Schicksal der Posten ist nichts bekannt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 24. Oktober 1914
Die Arbeitsstube für Heimarbeit, Riesstr. 11, veranstaltet heute von 3 bis 7 Uhr und morgen von 11 bis 1 Uhr in ihren Räumen einen Verkauf von Kleidungsstücken für Frauen und Kinder, die sich zu Weihnachtsgeschenken für Landwehrfamilien und Dienstboten eignen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Übermäßig hohe Kartoffelpreise. „In dieser schweren Kriegszeit sind die Bauern die einzigen Geschäftsleute, welche keinen Schaden erleiden, indem dieselben ihre Erzeugnisse flott absetzen und gute Preise erzielen. Wie anders wäre es gewesen, wenn der Feind ins Land gekommen und alles verwüstet hätte, wie in Belgien, Ostpreußen und Frankreich. Da muß nun jeder ehrliche Deutsche mit Bedauern sehen, wenn diejenigen Familien, deren Ernährer im Felde stehen, ihr Leben für uns alle einsetzen, um den Feind von der Heimat fernzuhalten, so hohe Preise für Kartoffeln zahlen sollen. 4 Mark wurden gestern morgen von einem Landwirt für Industrie-Kartoffeln gefordert. Jeder Geschäftsmann muß verdienen; wenn aber zwei Drittel aller Geschäftsleute nichts verdienen und sich sehr schwer durchkämpfen, sollten auch hier die Landleute mit bescheidenem Nutzen zufrieden sein. Wenn diese unbegründeten Preistreibereien andauern, werden schließlich die Behörden eingreifen müssen. Man wird die Kartoffelvorräte für die Volksernährung beschlagnahmen, wie man die Benzinvorräte bereits für Heereszwecke mit Beschlag belegt hat. L.W.“
Wir bemerken zu den vorstehenden Ausführungen, daß der kommandierende General in Münster bereits Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln angeordnet und bei Weigerung der Produzenten, für diese Preise zu verkaufen, die Beschlagnahme der Kartoffelvorräte in Aussicht gestellt hat. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)
Der Hilfslazarettzug, der demnächst von hier aus in Tätigkeit tritt, bedarf zu seiner Einrichtung noch einer Vervollständigung seiner Leinenschränke. Gute Handtücher, weiche große Servietten und altes Leinen werden mit großem Dank im Oberbergamt Zimmer 39 entgegen genommen. Also die Herzen und Leinenschränke auf.
„Sonne“. Der Krieg hat in jeden Stand und Beruf mit lähmender Hand eingegriffen. Insbesondere hat das lustige Völkchen der Künstler unter der Kriegsnot zu leiden. Viele Künstler und Künstlerinnen sind brotlos, und nur allmählich sucht eine Bühne nach der anderen schüchterne Wiederbelebungsversuche. Nachdem das hiesige Stadttheater seine Tätigkeit wieder aufgenommen, hat auch das Spezialitäten-Theater „Sonne“ seine Pforten geöffnet und ein Programm zusammengestellt, das der Zeit Rechnung trägt. Musik, Gesang, Rezitationen, all das ist auf einen Ton gestimmt und dabei gelingt es trotz und alledem, daß der Besucher noch einmal herzlich lachen kann. Und man stellt fest, daß ein herzlich befreiendes Lachen gerade in den jetzigen Zeitläufen Arznei ist. Wer so lachen macht, ist Seppl Dammhofer, ein süddeutscher Humorist, der seinerzeit hier recht verwöhnt wurde. Er ist der Alte geblieben; ein lustiger Gesell, der ebenso lustig wie ernst, ebenso gefühlvoll wie sarkastisch sein kann, wie’s ihm passt. Es betätigen sich ferner Giesa Girardi, eine Wiener Soubrette, die Vortragskünstlerin Mizzi Oria als fesche österreichische Offfiziers-Kopistin und die Geschwister Langsdorf als Kunstläufer auf Einrad-Rollschuhen. Ein patriotisches Spiel „Ein Volk in Waffen 1914“ schließt das Programm, das allen denen empfohlen werden kann, die einmal lachen wollen.
Lehm op!
In Auré, einem französischen Ort,
Da liegen die Königshusaren;
Der Stab, das ganze Regiment,
Graf Lippe's Reiterscharen.
Als Elitetruppe sind sie bekannt,
Mutig, verwegen erfahren!
Der Franzmann kennt sie von 70 her;
Und heute kennt er sie noch mehr.
Wenns zur Attaque geht, Offiziere voran,
Dann folgt getreulich Mann für Mann;
Die Lanze in der Faust, voll Gottvertrauen,
Es werden die Feinde zusammengehauen.
Und kommt der Engländer uns in die Quer,
Dann geht es drauf und hinterher
In rasendem Lauf brechen oder biegen:
Die Bande die „englische Krankheit" muß kriegen!
Ob Engländer, Franzose, Japs oder Ruß,
Die deutsche Faust er fühlen muß!
Unserem Kaiser treu zur Seite geschart,
Das ist Königshusarenart!
Unteroff. G. Schneeweiß, 5. Schwadron
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Festsetzung von Höchstpreisen steht unmittelbar bevor. Wie aus Berlin berichtet wird, steht die Festsetzung von Höchstpreisen für Roggen, Hafer und Gerste sowie für Weizen unmittelbar bevor; der Bundesrat wird in seiner nächsten Sitzung über die ihm unterbreiteten Vorschläge Beschluss fassen. Die Festsetzung von Höchstpreisen für Mehl, die für die verschiedenen Landesteile verschieden ausfallen muß, ist dem Generalkommando zu übertragen. Für Kartoffeln sollen Höchstpreise im Augenblick noch nicht festgesetzt werden, das bleibt für einen späteren Zeitpunkt vorbehalten. Der Höchstpreis für Roggen dürfte dann etwa auf 225 Mark, für Weizen auf 245 bis 250 Mark bestimmt werden. Zur Erwägung steht ferner, ob nicht auch für Futtermittel die gleiche Maßnahme getroffen werden soll. Da die Ermittlungen des Reichsgesundheitsamtes ergeben haben, daß bei der Backware ein Zusatz von Kartoffelbestandteilen bis zu 20 Prozent gesundheitlich völlig unbedenklich ist, wird diese Beimischung auf dem Verordnungswege vom Bundesrat vorgeschrieben werden. Hocherfreulich ist, daß nach zuverlässigen Feststellungen der Getreidebedarf unseres Volkes bis zur nächsten Ernte reichlich gedeckt ist. Auch der Viehbestand ist so außerordentlich befriedigend, daß die Fleischversorgung des Volkes außer aller Frage steht.
Verkauf von Beutepferden. Am Dienstag, den 27. Oktober und Mittwoch, den 28. Oktober von 10 Uhr ab findet ein Verkauf von Beutepferden durch die Landwirtschaftskammer unter Mitwirkung der Rheinischen Pferdezentrale auf dem Schlachthofe in Köln statt. Es gelangen zur Versteigerung c. 400 Beutepferde (Absatzfohlen und Jährlinge, zweijährige Gebrauchspferde, 8 Hengste). Die Bedingungen sind dieselben wie früher.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Lebensmittelpreise. Die geradezu unwürdigen Preistreibereien auf dem heutigen Kartoffel- und Lebensmittelmarkte veranlassen mich, eine Stelle aus einem Feldpostbriefe meines in der Schlachtlinie stehenden Sohnes bekannt zu geben. Er schrieb am 29. September u.a.:
“Vater schreibt in seinem Briefe: “Hier zu Hause geht alles seinen gewohnten Gang.” Ich kann mir das fast nicht mehr vorstellen. Wohl manchmal im Träume erscheint mir nochmals ein solch liebes Bild; aber wenn ich aufwache, sieht es ganz anders aus. Lieber Vater, Ihr, die Ihr zu Hause im warmen Neste sitzt und in Frieden euern Kohl bauen und auch ernten könnt, wenn Ihr gleich dem Pharisäer in der Bibel nur ein Zehntel opfert von dem, was ihr besitzt, dann tut Ihr zu wenig angesichts solcher Not.“ Ich will es offen bekennen: Die Schamröte stieg mir ins Gesicht beim Lesen dieser Zeilen, als ich daran dachte, wie viel – oder besser – wie wenig ich bis dahin auf den Tisch des Vaterlandes niedergelegt hatte. Und wenn ich heute nun die künstlichen Preistreibereien bebachten muß, die von gewissenlosen Händlern und unverständigen Bauern hinsichtlich der notwendigsten Lebensmittel in Szene gesetzt werden, so steigt mir wieder die Röte – die Zornesröte – ins Gesicht. Solche Lebensmittel-Wucherer sind nicht wert, daß für sie und zum Schutze ihrer Felder unsere tapferen Jungen und unsere Arbeiter, die Frau und Kinder im Stiche lassen mußten, ihr Knochen zum Markte tragen, die großen Anstrengungen und Entbehrungen willig auf sich nehmen und Blut und Leben hingeben zum Wohle für uns alle. Einer vom Lande
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Sonntag, 25. Oktober 1914
Gefangene und Vermisste. Zu der am Freitag abend im Kaiserhof (Poppelsdorfer Allee) angeregten Aussprache der Angehörigen von Gefangenen und Vermissten hatte sich eine große Zahl Damen und Herren aus Bonn und Umgebung eingefunden. Herr Zinneke wies darauf hin, daß bei der ungeheuren Kopfstärke unseres Heeres und der gewaltigen Ausdehnung der Schlachtfronten die Gefangennahme einer – glücklicherweise nur geringen – Anzahl deutscher Krieger nicht verwundern dürfe. Wenn es auch andererseits bedauerlich wäre, daß diese Streiter nicht mehr mittun dürften, und sie zum Teil neben den körperlichen Leiden auch die seelischen zu ertragen hätten, sowie eine liebevolle Pflege von deutscher Frauenhand entbehren müssten, so dürfe es uns andererseits doch ein Trost sein, daß sie zweifellos alle ehrenvoll – teils in Folge der Wunden wehrlos – in Gefangenschaft geraten sind. (...) Die Aussprache solle vor allem dazu dienen, diejenigen Namen von Gefangenen bekannt zu geben, die von den mit bereits im Briefverkehr stehenden Söhnen uns mitgeteilt worden sind. (...) Bei der weiteren Aussprache wurden die Namen der bereits bekannt gewordenen Gefangenen und sonstige Mitteilungen über Behandlung usw. ausgetauscht; letztere lauteten übereinstimmig günstig, ferner wurden Notizen über die Vermissten gesammelt. (...) Es wurde noch mitgeteilt, daß der internationale Mädchenbund gleiche Bestrebungen über Auffindungen von Gefangenen in sein Programm aufgenommen hat. Eine zweite Aussprache soll am Montag, d. 2. November, stattfinden.
Strafkammer. Wegen Einbruchsdiebstahls war angeklagt der Sattler Horatzeck. Er erhielt ein Jahr und Monate Gefängnis. Wegen verbotenen Waffentragens – man fand bei seiner Festnahme einen Revolver bei ihm - war er vom Kriegsgericht zu 3 Mon. Gefängnis bestraft worden. (...) Wegen Majestätsbeleidigung wurde ein Zimmermann Sistig aus Euskirchen zu zwei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Unsere Angehörigen in Frankreich. In Zuschriften an Tageszeitungen haben Eltern ihrer Sorge um ihre Kinder, die in französischen Familien zur Erlernung der Sprache untergebracht waren und infolge des Ausbruchs des Krieges noch nicht zurückgekehrt sind, Ausdruck gegeben. Das Berliner Austausch-Komitee trat sofort mit den zuständigen Stellen wegen des Rückaustausches von zehn Berliner Kindern in Verbindung.
Der Direktor vom Düsseldorfer Prinz-Georg-Gymnasium, dem das Auswärtige Amt die Vermittlungen übertragen hat, teilt jetzt folgendes mit. Trotz aller Bemühungen steht die erwartete Antwort der französischen Regierung noch aus.
Deshalb sieht sich das Auswärtige Amt zu dem Hinweise veranlasst, daß von nun an alle Zivilpersonen, mit Ausnahme der 17 – 60jährigen Männer aus Frankreich und alle Franzosen aus Deutschland zurückkehren können, so daß besondere Maßnahmen in der Regel unnötig sind.
Es ist deshalb anzuraten, daß Eltern, die durch Vermittlung des Internationalen Friedensbureaus in Bern (Schweiz) mit ihren Kinder in Verbindung zu treten suchen, lateinisch schreiben und die Briefe offen senden, mit Auslandsporto! (...)
Die Verwundeten aus dem Mutterhaus vom Roten Kreuz, Coblenzerstraße 107, sprechen den Damen des Vorstandes vom Vaterländischen Frauenverein (Landkreis Bonn) für den schönen Ausflug nach dem Drachenfels am 22. Oktober und die liebevolle Bewirtung durch Kaffee, Süßigkeiten und die schönen Geschenke hiermit herzlichen Dank aus.
Der Bonner Fußball-Verein, welcher bis heute dem Roten Kreuz und der Kriegshilfe den Betrag von 100 Mk. überreichen konnte, veranstaltet heute Sonntag wiederum ein Wettspiel zugunsten der Kriegshilfe und zwar gegen „Germania“, Godesberg. Der Bonner Verein hat sämtliche noch hier anwesenden guten Spieler aufgestellt. Militär hat freien Eintritt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Zur Feier des Geburtstages Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin unternahmen die Vorstandsdamen des Vaterländischen Frauenvereins des Landkreises Bonn mit der Frau Oberin von Stramberg und 26 Verwundeten des Vereinslazaretts einen wohlgelungenen Ausflug nach dem Drachenfels. Bei herrlichem Herbstwetter brachten die Siebengebirgs- und Drachenfelsbahnen die Teilnehmer bis hinauf auf die sonnüberflutete Höhe. In zuvorkommender Weise hatten die Betriebsleitungen der beiden Bahnen besondere Wagen kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch die Bewirtung und Aufnahme auf dem Drachenfels verdient uneingeschränkte Anerkennung; sie bot ihren seltenen Gästen vier reich besetzte Tafeln. Welch großer Eindruck der Ausblick auf den vielbesungenen alten Vater Rhein mit seinen in goldiger Laubfärbung strahlenden Bergufern machte, war auf den begeisterten Zügen der Verwundeten zu lesen, die zum Teil die Schönheiten des Rheines nur vom Hören-Sagen kannten. Nach kurzer Ansprache der Vorsitzenden Frau Landrat von Nell, in der sie auf die Bedeutung des hohen Tages hinwies, tat man sich gütlich an Kaffee und Kuchen. Alsdann folgte eine Verlosung zweckmäßiger Gebrauchsgegenstände für die 26 Verwundeten, die viel Freude hervorrief. Den Abschluß bildeten vaterländische Lieder, unter deren Weisen die frohe Heimfahrt erfolgte. (...)
Ein neuer deutsche Gruß wird anstatt des französischen Adieu in Berlin, der Stadt der Abkürzungen, viel gebraucht, und er ist schon in viele andere Städte übergesprungen. Er lautet: Hided! Das nach den Vorbildern von Ila, Hapag, Bugra usw. gebildete Wort soll bedeuten: Hauptsache ist, die Engländer dreschen!
Einen fröhlichen Gruß aus dem Felde sandte ein Mitglied des Bonner Münsterchores an einen Bonner Herrn. Er lautet
T., den 6. X. 14. Lieber Herr W..! Sämtliche Rauchgaben des Münsterchors richtig angelangt. Herzlichen Dank. Wir liegen augenblicklich wieder seit acht Tagen im Schützengraben und schicken dann und wann dem Franzmann vis a vis einen Bohnengruß. Da wir ihm nicht den Gefallen tun und angreifen - aus wichtigen Gründen – muß ihm die Sache langweilig und verdächtig geworden sein. Heute morgen war die Bande auf der ganzen Linie auf und davon (in die gestellte Falle). Die nächsten Tage werden die Ausreißer lange Gesichter machen. Das sind dann für uns mal wieder Kriegsfreuden. Dem Gesindel geschieht recht. Zu Lichtmeß hoffen wir ohne Kündigung entlassen zu werden. – Bis dahin wird sich wohl dort alles gesund halten. Uns geht es feldmäßig ebenso. Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank. Ihr I.P.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 26. Oktober 1914
Eine Schulkarte der westlichen Kriegsschauplätze hat der Verlag E. Rister, Nürnberg, zum Preise von nur 0,90 Mk. Erscheinen lassen. Der Verlag ist bei der Herstellung der Karte aufgrund von Anregungen, die er aus pädagogischen Kreisen erhielt, von der Absicht ausgegangen, in einfachen Hauptthemen ein Kartenwerk herzustellen, das, im Gegensatz zu anderen mit Details überfüllten Karten, einen eindrucksvollen Gesamtüberblick über die westlichen Kriegsschauplätze (Belgien und Frankreich) ermöglicht. Es sollte als Schablone, von der aus auf Einzelheiten eingegangen werden kann, soweit ihre Festhaltung erforderlich werden wird, nur dasjenige geboten werden, was den geographischen Durchschnittskenntnissen eines Schülers entspricht. Die Gliederung zunächst nach den bekannten Flüssen, ferner diejenige nach den großen Linien der Festungen, sowie der die letzteren untereinander verbindenden Forts sind ohne weiteres als die hauptsächlichen strategischen Gliederungen erkennbar. (...) In der mit dem Fortgange der kriegerischen Ereignisse fortschreitenden Tätigkeit der Eintragung ist ein willkommenes und wirksames Hilfsmittel für die Pflege der Kriegsgeographie zu erblicken. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Beileidstelegramm des Kaisers. Die Mutter des auf dem Feld der Ehre in Frankreich gefallenen Regierungsassessors Dr. jur. Otto Gerber, Frau Maria Gerber, geb. von Sandt, erhielt am Sonntag abend das nachstehende Beistandstelegramm des Kaisers:
Großes Hauptquartier
Erfahre soeben durch meine Schwester Ihren schmerzlichen Verlust, den ich mit herzlicher Teilnahme begleite. Möchte das Bewusstsein, daß Ihr Sohn sein Leben für das Vaterland ließ und den schönsten Soldatentod fand, der Mutter mit Gottes gnädiger Hilfe Kraft geben, den großen Schmerz zu tragen.
Wilhelm I. R.
Ein lustiger Feldpostbrief ist uns von einigen „Bumsköpfen“, meistens Bonner Jungens, zugegangen. Es heißt darin u.a., daß es mit tausend Freuden begrüßt wurde, als ein alter lieber Bekannter, der „Bonner General-Anzeiger“, in ihre Hände gefallen sei. Zufällig sei darin berichtet worden, daß einige Krieger wegen Mangel an Tabak „Kleeblüten“ geraucht hätten. Die Redaktion hätte dahinter ein Fragezeichen gesetzt. Die Schwarzkragen bestätigen nun allen Ernstes, daß noch weit Schlimmeres geraucht wird, und es wird folgende Episode erzählt. Kommt da eines Tages ein Offizier an mir vorbei und bleibt unmittelbar in meiner Nähe stehen. Ich war soeben vom Heuboden eines Bauerngehöftes gekommen und hatte zwei Zwiebacksäckchen mit einem Gemisch von Kleeblüten, Kleeblättern, Kamillenblüten, Hundsblumen, getrockneten Zwiebelstengeln aller Art gefüllt, um das dringende Rauchbedürfnis meiner Kameraden und auch das meinige zu befriedigen. Mit dieser Mischung hatte ich meine Pfeife gestopft, und dem Leutnant muß der Dampf unter die Nase gekommen sein, denn er fragte: „Mensch, sagen Sie mir bloß um Himmelswillen, was rauchen Sie denn da für ein Kraut oder Unkraut?“ Ich antwortete ihm, daß es mir unmöglich sei, eine richtige Antwort zu geben. Um die Zusammensetzung dieser hervorragenden Mischung festzustellen, sei schon das Gutachten eines ausgereiften Botanikers nötig, der die chemische Analyse wohl nach gründlicher sechswöchiger Forschung angeben könne. Darauf lachte der Leutnant. „Dem Geruch nach, scheint mir das schon richtig zu sein!“ In dem Brief heißt es dann weiter, daß die Unterzeichneten bei der leichten Min.-Kol. 2. Abt. Feldart.-Reg. Nr. 23 fast alle Unteroffiziere aus Bonn oder Umgebung seien. (...) „Alle Neun“ seien noch kerngesund und frohen Mutes, obschon sie mehrfach im heftigsten Kugelregen gewesen seien. Wenn Butter, Schmalz, Wurst und Speck auch Dinge seien, die man fast nur noch aus Märchen kenne, so schmecke trotzdem die „Königstorte“ (trockenes Komißbrot) ganz vorzüglich. Der Brief schließt mit der Bitte, man möge den Kriegern doch ab und zu den „General-Anzeiger für Bonn und Umgebung“ schicken, der noch immer „das am liebsten gelesene Blatt im bürgerlichen Leben sei“.
Erster städtischer Volksunterhaltungsabend. Um unliebsamen Weiterungen rechtzeitig vorzubeugen: wir halten nicht dafür, daß es genug sei, für das Volk überhaupt diese Abende zu veranstalten. So sie nicht eine geistige und seelische Bereicherung der Menge bringen, sind sie wert- und zwecklos. Soll aber das Ziel erreicht werden, dann ist – wir möchten nachdrücklich darauf hinweisen – auf die Auswahl des Gebotenen und – nicht zuletzt! – auf die Ausführung ein größeres Gewicht zu legen, als das vorgestern geschah. Mit einer Ouvertüre über den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ von O. Nicolai hätte uns z.B. Kapellmeister Sauer wirklich verschonen dürfen. Ein trockeneres Opus, in dem sich ein kaum konservatoriumsreifes Fugengebilde mühsam zu Ende schleppt, ist uns bisher selten zu Ohren gekommen. Aus diesem Grunde ist das beinahe noch eintönigere Spiel unserer Musiker uns wenigstens einigermaßen verständlich, wenn auch nicht ganz entschuldbar. Dagegen freuten wir uns aufrichtig über die Wiederholung der sechs „Altniederländischen Volkslieder“ in der Bearbeitung von Eduard Kremser. Kaum ein anderes Werk der Männerchorliteratur trifft so die Stimmung unseres Volkes, den Geist unserer Zeit, wie diese schlicht-ernsten Gesänge. Aber: man kann sie wirkungsvoller, eindringlicher zum Vortrag bringen. Von besonders aufgewandter Mühe seitens des „Bonner Männer-Gesangs-Vereins“ war wenig zu spüren. Dazu drückten die Tenöre, sonst der Stolz der rheinischen Männerchöre, derart auf die Stimmen, daß – abgesehen von wenig schönem Klang – ein stetes Sinken unausbleiblich war. Der uns neue Solist Rosseling muß sich abgewöhnen, nur Glutturaltöne zu formen, ebenfalls im Interesse des Klanges und der Aussprache. Einzig gut waren das „Kriegslied“ und „Berg op Zoom“, und „Der Abschied“, der von Fritz Tasche gut ausgelegt wurde. Anstatt der Ladenhüter von Dregert und van der Stücken möchten wir demnächst – wenn wirklich sonst nichts weniger bekanntes aufzufinden ist – lieber sämtliche Webersche Leyer- und Schwert-Lieder hören. Einstweilen haben wir genug „Ueber’s Jahr“. (...) Mit dem „Steuermannslied“ aus dem „Fliegenden Holländer“ und dem Schubertschen „Militärmarsch D dur“ zeigte das Orchester, daß es trotz seines jetzigen papierenen Dienstes das Spielen nicht verlernt hat, wenn wir auch hier des ewigen Einerleis sattsam überdrüssig sind. – Wertvolles boten die Rezitationen Georg Wittmanns. Er mocht nun lesen die von hoher Heimatliebe durchglühte Vision eines Prinzen zu Schönaich, das dramatische Gedicht von Julius Wolff, die Kriegidyllen eines Mautner oder Hofmann, die tragische „Anfrag“ oder die wundersamen Zeilen „Für uns“ des Charlottenburger Obertertianers, das ja den meisten Hörern wohl aus unserer Zeitung bekannt war. (...)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Katholischer Verein. In der heutige Versammlung um ½9 wird unser Präsident, Herr Kaplan Fuhrmanns, einen Vortrag halten über das Thema: „Der Krieg und die göttliche Vorsehung“. Unsere allwöchentlichen Abendversammlungen sammeln von Montag zu Montag immer mehr Mitglieder in unserem Vereinshause Josephstraße 46. Anregend und gemütlich verlaufen nur zu schnell die Stunden.
Geschmackvolle Postkarten. Aus Anlaß des Krieges kommen neben einer zum Teil recht guten Literatur auch Drucksachen, namentlich auf den Krieg bezügliche Postkarten, zum Verkauf, die wohl als Scherzkarten gelten sollen, aber als geschmacklos und roh zu bezeichnen sind und jedenfalls dem Ernst der Zeit nicht entsprechen. Da diese Art Darstellungen schon mehrfach Aergernis hervorgerufen hat, wird darauf hingewiesen, daß der Vertrieb solcher Karten als Verübung großen Unfugs angesehen und bestraft werden kann. Unseren Sodaten im Felde bereitet man mit diesen Karten gewiß keine Freude.
Bonner Bürger-Verein. Am verflossenen Donnerstag hielt bei Gelegenheit der Mitgliederversammlung Herr Rechtsanwalt Henry einen interessanten Vortrag über seine Fahrt mit Liebesgaben zum Kriegsschauplatz. Redner, der als Vorstandsmitglied des hiesigen freiwilligen Hilfsausschusses die Fahrt unternommen, gab in anregender Weise eine lebendige Schilderung der Fahrt und wußte seinen Zuhörern ein klares Bild über die jetzigen Verhältnisse im Feindesland zu bieten. Alsdann hielt Herr Lorenz Schröder einen Lichtbildervortrag über Belgien.
Etwa 80 Bilder zeigten die hervorragendsten Gegenden des belgischen Kriegsschauplatzes, Lüttich, Namur, Brüssel, Löwen, Antwerpen; eine Reihe der Bilder war nach der Zerstörung und der Einnahme der betreffenden Städte aufgenommen. Eine in der Versammlung veranstaltete Sammlung zugunsten hülfsbedürftiger österreichischer Krieger im Westen unseres Vaterlandes, ergab alsbald den Betrag von rund 175 Mark.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Ehrung unserer in Bonn verstorbenen Krieger
Kurz nach der Mobilmachung hatte die zuständige Kommission auch für einen Ehrenplatz zur Beerdigung unserer hier verstorbenen Krieger Sorge getragen.
Der schönste Teil, rechts und links des Hauptweges, im neuen Teil des Nordfriedhofes wurde dafür ausersehen. Es sind bis heute 44 Deutsche und 3 Franzosen bestattet worden. Nach Beendigung des Krieges soll dieser Ehrenfriedhof unsrer Vaterlandsverteidiger eine besondere in sich abgeschlossene gärtnerische Ausgestaltung erfahren. Sogar der Platz für ein künftiges Kriegerdenkmal ist bereits bestimmt (...)
(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)
Dienstag, 27. Oktober 1914
Ehrung unserer in Bonn verstorbenen Krieger. Kurz nach der Mobilmachung hatte die zuständige Kommission auch für einen Ehrenplatz zur Beerdigung unserer hier verstorbenen Krieger Sorge getragen. Der schönste Teil, rechts und links des Hauptweges, im neuen Teil des Nordfriedhofs, wurde dafür ausersehen. Es sind bis heute 44 Deutsche und 3 Franzosen bestattet worden. Nach Beendigung des Krieges soll dieser Ehrenfriedhof unserer Vaterlandsverteidiger eine besondere in sich abgeschlossene gärtnerische Ausgestaltung erfahren. Sogar der Platz für ein künftiges gemeinsames Kriegerdenkmal ist bereits bestimmt. Für Allerheiligen ist die städtische Gartenverwaltung mit der vorläufigen Ausschmückung der Kriegsgräber beauftragt. Wie wir hören, erhält jedes Grab ein einfaches schlichtes Holzkreuz mit Aufschrift, das noch mit einem kleinen Lorbeerkranz versehen wird. Die rohe Erde wird mit Immergrün abgedeckt und mit Rosen geziert. Bei Eintritt der Dunkelheit werden schwelende Feuer angebrannt, die leuchtend die letzten Ruhestätten der für ihr Vaterland gestorbenen Helden verkünden sollen.
Ein Ausschuß für die Unterstützung der evangelischen Militärfürsorge im Felde hat sich gebildet. Dem geschäftsführenden Ausschuß gehören aus Bonn Pastor Lorenz, als Beauftragter des evang. Feldpropstes der Armee, und Pastor Kremers an. Zweck des Ausschusses, der mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit tritt, ist es, die Tätigkeit der Feldprediger in jeder Weise zu unterstützen. (Ausführliche Meldung folgt.)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Bei der allgemeinen Empörung über die englische Roheiten gegen unsere Landsleute bleibt es eine merkwürdige Tatsache, daß die hiesige englische Teestube noch immer von einem nicht geringen Teil der Bonner Gesellschaft besucht wird. In dieser Teestube werden englische Erzeugnisse verkauft!
Ließe sich in Bonn nicht eine deutsche Teestube einrichten?
Meines Erachtens würde manche Dame, die durch den Krieg der Möglichkeit beraubt worden ist, ihr Brot wie bisher durch Beköstigung von Pensionären zu verdienen, die Gelegenheit freudig ergreifen, sich auf diese Weise ein neues Feld des einträglichen Verdienstes zu schaffen. Dsch.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)
Liebesdienst für unsere Truppen. Selten hält einer der Züge an der Kaiserstraße; wenn es aber mal geschieht, so sind die Anwohner auch bei der Hand, unseren Soldaten Erfrischungen zu reichen. So auch am Sonntag Nachmittag. Im Augenblick war von den an der Bahnlinie wohnenden Bürgern der Schumannstraße und der Kaiserstraße ein Hilfsdienst eingerichtet. Was nur das Haus bot an Rauch- und Essbarem wurde durch einen Bahnbeamten den Soldaten überreicht, die dankend quittierten und bei der Weiterfahrt allen ein „Wiedersehen“ zuriefen.
Zur Förderung der Nutz-Geflügelzucht gibt die Zentral-Geflügel-Zucht- und Lehranstalt in Neuß noch eine Anzahl Zuchthähne ab. Das von dort gelieferte Zuchtmaterial hat sich bisher sehr bewährt und es dürfte sich empfehlen, noch in diesem Herbst dort zu bestellen.
Zwei jugendliche Ausreißer. Bürschlein im Alter von 12 und 14 Jahren aus Köln, sind hier festgenommen worden. Sie hatten ihrem Vater 114 Mark gestohlen und damit eine Vergnügungsreise angetreten. Inzwischen hat der Vater seine hoffnungsvollen Sprößlinge in Bonn abgeholt und ihnen seinen Dank für die Reise auf väterliche Weise abgestattet.
Auswärtswohnen der Lehrer. Der Unterrichtsminister hat zum Auswärtswohnen der Lehrer durch Erlaß vom 17. Oktober Stellung genommen. Die Annahme, daß dem Auswärtswohnen der Lehrer in der Regel keine schuldienstlichen Interessen eintgegenstehen, sei nicht zutreffend. Es sei im Gegenteil wünschenswert, daß der Lehrer dort wohne, wo die Schüler wohnten, dann habe er Gelegenheit, die Schüler auch außerhalb des Unterrichts zu beobachten; auch werde auf diese Weise die Verbindung zwischen Schule und Elternhaus leichter aufrecht erhalten, und die Lehrer seien imstande, an der Lösung der sozialen Aufgaben erfolgreicher mitzuwirken. Das Auswärtswohnen könne nur mit Rücksicht auf besondere Verhältnisse gestattet werden.
Ein Fliegerpfeil, wie sie von den Franzosen zum Abwurf aus den Flugzeugen benutzt werden, ist uns von einem Bonner freiwilligen Flieger zugesandt worden. Der Pfeil ist etwas 12 Zentimeter lang und hat ein Gewicht von 18 Gramm. Die Spitze ist gleich einem Geschoß; durch Ausfräsen der Enden ist der Schwerpunkt nach vorne verlegt, wodurch das Ding von etwa 2000 Metern mit unglaublicher Geschwindigkeit absaust. Wir haben den Fliegerpfeil in unserem Schaufenster ausgestellt.
Alle Benzinvorräte, die von der Heeresverwaltung nicht vertraglich sichergestellt oder angekauft sind, werden laut Bekanntmachung des Gouverneurs der Festung Köln vom Kriegsministerium freigegeben.
Benzol ist im Bezirk des stellv. General-Kommandos des 8. Armeekorps ohne Freigabeschein für landwirtschaftliche, staatliche und kommunale Zwecke und für gewerbliche Betriebe als Motor-Betriebsstoff freigegeben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Sonntagsruhe. In den Kreisen der Gewerbetreibenden herrscht anscheinend Unklarheit über die Regelung der Sonntagsruhe und des Achtuhrladenschlusses. Lediglich den ersten Sonntag nach der Mobilmachung war die Sonntagsruhe aufgehoben, um den einberufenen Kriegern den Einkauf ihrer Bedürfnisse zu erleichtern. Da hierzu ein Bedürfnis aber nicht mehr vorliegt, ist die Sonntagsruhe und der Achtuhrladenschluß wieder genau zu beachten. Wie uns aus zuständiger Quelle mitgeteilt, werden für die Folge die Bestimmungen seitens der Behörde wieder streng gehandhabt werden. Jeder Geschäftsinhaber wird daher im eigensten Interesse gut tun, die Sonntagsruhe und den Achtuhrschluß gewissenhaft zu beachten, um unliebsamen Bestrafungen aus dem Wege zu gehen.
Von der Universität. (...) Am schwarzen Brett hängt folgender Anschlag. Die Herren Studierenden mache ich aufmerksam, daß nach den während der jetzigen Kriegstage geltenden Bestimmungen jegliches Waffentragen – z.B. Revolver, Stockdegen, Dolch, Schlagring - ohne Erlaubnis der zuständigen Behörde – Oberbürgermeister, Landrat – sowie jede Widerstandsleistung gegen die zur Aufrechterhaltung der Ordnung berufenen Polizei- oder Militärbehörden zur Aburteilung vor die Kriegsgerichte gehört. Es kann für die gedachten Handlungen nur auf Gefängnisstrafe erkannt werden und hat das Kriegsgericht in seiner letzten Sitzung als mildeste Verurteilung eine Gefängnisstrafe von 3 Wochen festgesetzt. Die vormalige mildere Bestrafung der gedachten Straftaten durch die Zivilgerichte ist also infolge der Zeitverhältnisse ganz erheblich verschärft. Aus diesem Grunde ermahne ich die Herren Studierenden angelegentlich zur Vorsicht.
Redet nicht zuviel – seid vorsichtig mit Euren Worten! Unsere Feinde, besonders die Engländer, haben auch jetzt noch Horcher und Späher unter uns. Dafür ein Beispiel. Die Londoner „Daily Mail“, die noch giftiger als die „Times“ gegen Deutschland hetzt, bringt einen Aufsatz über die Stimmung in Berlin, der zu sehr ernstem Nachdenken anregt. Der Verfasser, Stefan Black in Rotterdam, behauptet, daß ihm der Inhalt von einem Gewährsmann erzählt worden sei, der unter erheblicher Gefahr für seine Person in Deutschland gewesen sei, um die Wahrheit zu ergründen. Der Gewährsmann sei kein Engländer und habe ausgezeichnete Gelegenheit gehabt, sich in allen Schichten der Bevölkerung zu bewegen. Daß das letztere wahr ist, beweist der Aufsatz, der mit erschreckender Treue Gespräche und Aeußerungen wiedergibt, die man täglich von gedankenlosen Leuten hören kann. Man sieht so recht deutlich, wie berechtigt die Warnung vor Spionen in Deutschland ist. Wer seines Vaterlandes Wohl will, sollte Dinge, die anderen Quellen als den Zeitungen entspringen und die ihm zufällig zu Ohren kommen, nie weiter erzählen und insbesondere allen Ausländern und irgendwie verdächtigen Personen gegenüber größte Zurückhaltung beobachten. Politische Unterhaltungen in öffentlichen Oertlichkeiten müssten geradezu durch das Publikum selbst verhindert werden.
Sammelfässer. Bis gestern abend wurden abgeliefert 40.750 Zigarren, 27.784 Zigaretten, Tabak und viele Gaben an Pulswärmern und Strümpfen, sogar ein wollenes Hemd. Es fanden sich auch noch vor 1 Damenuhr, 1 goldener Ring und 1 Paar Ohrringe. Allen Gebern herzlichen Dank. Zur Aufklärung diene die Nachricht, daß die Geldbeträge, welche in den von Anfang an aufgestellten gelben Holzfässern vorgefunden werden (bis jetzt 1.776,38 Mark) ausschließlich zum Ankauf von Zigarren usw. verwendet werden, wie die Aufschrift auf den Fässern es auch sagt.
Die von anderer Seite aufgestellten Schilderhäuschen usw. dienen anderen Zwecken.
Zigarren usw. sind nach wie vor die begehrtesten Liebesgaben unserer Helden im Felde, also bitte die Herzen, die Geldbeutel und Zigarrentaschen für diesen Zweck auf.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 28. Oktober 1914
Der in den äußersten Nordwesten des Landes zurückgedrängten belgischen Armee gelingt es, durch das Öffnen der Schleusen bei Nieuwpoort, das Gelände entlang der Yser unter Wasser zu setzen und so den deutschen Vormarsch zu stoppen
Zum Eingesandt über die Englische Teestube wird folgendes mitgeteilt: Die Besitzerin der Teestube ist geborene Irländerin, aber seit vielen Jahren in Deutschland durch Heirat mit einem Deutschen naturalisiert. Ihr Mann ist Reserveoffizier eines Artillerie-Regiments und steht in der Front gegen Frankreich. Die Bezeichnung „Englische Teestube“ wurde nur gewählt, um das in die Sürst verlegte Geschäft von der Konkurrenz auf dem Kaiserplatz zu unterscheiden. Seit dem Ausbruch des Krieges werden nur deutsche Erzeugnisse verkauft mit Ausnahme des Tees, der aus Ceylon stammt, aber auch durch ein deutsches Haus bezogen wird. Es ist uns sehr erfreulich, diese Berichtigungen bringen zu können. Doppelt erfreulich, weil es sich hier um ein Unternehmen handelt, das durch seine gute und gediegene Führung und durch den liebenswürdig behaglichen Geschmack der Aufmachung alle Sympathie verdient. Diese Sympathie dürfte aber nicht hindern, dem Befremden über den Besuch eines englischen Geschäfts Ausdruck zu geben, zumal uns die Angaben über die englische Herkunft und Führung des Geschäfts von durchaus glaubwürdiger Seite zugingen. Daß diese Angaben nun richtig gestellt werden können, wird jeden freuen, der die Teestube im Münsterhaus kennt. Die Bezeichnung „Englische Teestube“ wird in Kürze wohl geändert werden. Frau Marioth, die Besitzerin der Teestube schreibt: „ Ich bin zur Ernährung meiner beiden deutschen Kinder von der Teestube abhängig und hoffe, daß meine seit längeren Jahren mir treu gebliebene Kundschaft mich jetzt nicht verlässt, weil eine ungenau unterrichtete Dame solche Angaben über meine Teestube veröffentlichte.“ Man wird sich diesem Wunsche nur gerne anschließen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Straßenbild. Klingelnd kommen verschiedene Straßenbahnwagen mit der Flagge des Roten Kreuzes durch die Wilhelmstraße zum Wilhelmplatz. Behutsam heben die Krankenträger die Tragbahren, auf denen verwundete Krieger in Decken gehüllt liegen, aus dem Wagen. Sorgfältig wird eine Bahre nach der anderen zum Hospital getragen. Der Platz ist umsäumt mit Menschen, die den traurigen Transport teilnahmsvoll verfolgen. Eine Tragbahre steht auf der Straße. Der blutjunge Offizier, der mit aschfahlem Gesicht in seinen Wunden liegt, muß warten, bis die Reihe an ihn kommt. Seine wachsgelben Hände umschließen einige Herbstblumen, die ihm wohl von einer lieben Seite in die Hände gedrückt sein mögen. Nicht weit von ihm ab steht ein 14jähriges Mädchen, auf dem Arm ein etwas zweijähriges Kind, das vor Vergnügen um sich strampelt. Die Augen des Schwerverletzten gehen müde über die Zuschauer und bleiben an dem Schwesternpaar haften. In den großen blauen Augen der Vierzehnjährigen blinken dicke Tränen und vergebens versucht das Mädchen das fröhlich strampelnde Kind zu beruhigen. Ueber das bleiche Gesicht des Offiziers huscht ein flüchtiges Lächeln. Mit Mühe hebt er seinen Arm und reicht dem kleinen Kinde seine Blumen. Erschrocken will die Vierzehnjährige zurücktreten. Der Leutnant winkt sie heran: „Laß sie man, die Kleine freut sich ja so.“
Elektrische Straßenbahn Bonn-Mehlem. Vielfachen Wünschen entsprechend läßt die Direktion jetzt noch einen Zug um 10 Uhr 55 abends von Bonn nach Mehlem fahren. Der neue Zug ist bereits am vergangenen Montag eingelegt worden.
Den verwundeten Soldaten in der Medizinischen Klinik wurde gestern nachmittag durch Frl. Lisl Schneider sowie die Herren Bachem, Kirchenmeyer, Röttgen, Weckherlin, Löwe und Schweppe durch Veranstaltung eines Konzerts eine große Freude bereitet. Die Schwerkranken waren mit ihren Betten in den Hauptsaal und in die Vorsäle gebracht worden, während die leichter Verwundeten auf Stühlen Platz genommen hatten. Ein dankbareres Publikum haben die Veranstalter, die sowohl instrumentelle als auch gesangliche Vorträge zum Besten gaben, wohl selten gehabt. Auch für humoristische Darbietungen war gesorgt. Jede Vortragsnummer wurde von den Verwundeten stürmisch applaudiert und auch die Leitung der klinischen Anstalten gab nach Beendigung der Veranstaltung, die etwa zwei Stunden dauerte, ihrer Freude lebhaften Ausdruck.
Unter der Flagge des Roten Kreuzes hat eine hiesige Fabrikarbeiterin eine ganze Reihe hiesiger Einwohner um Geldbeträge geschädigt. Die Schwindlerin hatte sich ein Kontobuch gekauft, das sie als „Sammelliste für das Rote Kreuz“ bezeichnete. Eine ganze Anzahl Adressen hiesiger Bürger hatte sie mit fingierten Beträgen in das Buch eingeschrieben. Sie ging von Haus zu Haus, zeigte das Buch vor und bat im Hinblick auf die bereits gezeichneten Beträge um eine Spende für das Rote Kreuz. Durch dieses Manöver hatte sie in kurzer Zeit 21,45 Mark gesammelt, bis schließlich der Schwindel ans Licht kam. Gestern wurde die Schwindlerin von dem Schöffengericht zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Als Entschuldigung hatte die Angeklagte angegeben, sie habe f. Z. ihre Stellung aufgegeben, um in das Rote Kreuz Euskirchen einzutreten. Dort sei sie aber wegen Ueberfüllung abgewiesen worden und sei nun beschäftigungslos gewesen. Aus Not habe sie dann den Schwindel verübt
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Preissteigerung für Strickwolle. Unsere Soldaten brauchen Strümpfe, aber die Strickfreudigkeit der Frauen wird gelähmt durch den unerhörten Preisaufschlag der Wolle. Mit 1 ½ Lagen zu 1,10 Mk. konnte man bis vor kurzem ein Paar wollene Socken stricken. Von 3 Mk. hat sich indessen der Preis auf 5 Mk. erhöht, also 1,50 Mk. pro Paar nur die Wolle, ohne die Arbeit! Womit läßt sich diese verhältnismäßig große Verteuerung begründen? Ist sie nicht ein bitteres Unrecht gegen unsere Soldaten? Wie manche beschäftigungslose Lehrerin z.B. möchte selbst die Wolle kaufen, um auch die Genugtuung zu haben, für unsere Tapferen zu stricken, aber diese Preiserhöhung macht es selbst einem Opferwilligen fast unmöglich. Kann hier nicht Abhilfe geschafft werden. E.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
An den Theater-Neubau ist in dieser ernsten Zeit natürlich nicht zu denken. Unser altes Theaterchen ist nun sogar zu groß geworden, die Stuhlreihen sind leer, und dünn dringt der – gewiß ehrliche und verdiente – Applaus über die Rampe zur Bühne. Unsere städtische Finanzkommission schlägt darum den Stadtverordneten vor, die als Beitrag für den geplanten Theater-Neubau beschlossene Anleihe von 3mal 100 000 Mark bis auf weiteres bei der städtischen Sparkasse nicht aufzunehmen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 29. Oktober 1914
Kriegs-Wollsammlung. Der Kriegsausschuß bittet die Lehrherren der Mitglieder des Pfandfinderkorps, diese Jungen am Freitag, dem Tage der Wollsammlung, zu beurlauben. Die Jungen sollen für die sammelnden Damen das Fortschaffen der gesammelten Sachen übernehmen. Angesichts des Zweckes der Sammlung und der geschäftsstillen Zeit dürfte der Ausschuß keine Fehlbitte tun.
Kartoffelpreissteigerung. In der letzten Zeit ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß die Kartoffelpreise zu einer Höhe angestiegen seien, welche direkt eine Notlage unter der städtischen Bevölkerung und namentlich demjenigen Teil derselben erzeuge, welcher durch Arbeitslosigkeit und Einberufung des Ernährers zu den Fahnen in eine schwierige Lage geraten ist. Die Schuld an der Preissteigerung wird der Landwirtschaft zugeschoben, welche die Kartoffelzufuhr zurückhielte, um möglichst hohe Preise zu erzielen. In einem Artikel „Erscheinungen im Kartoffelhandel“, der im Organ der Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz, der „Landwirtschaftlichen Zeitschrift für die Rheinprovinz“ abgedruckt ist, wird nun ausgeführt, die Gründe, die zu dem ungewöhnlichen Ansteigen der Kartoffelpreise führten, seien andere: In diesem Jahre lägen die Verhältnisse ganz anders wie in früheren Jahren. So sei die Nachfrage besonders stark und zeitig aufgetreten, weil jeder wegen des Krieges seinen Bedarf rechtzeitig decken will, in der Vermutung, daß später die Preise steigen könnten. Dann wollten viele Familien ihren Haushalt sparsam einrichten und gingen darum im erhöhten Maße zur Verwendung der Kartoffel über. – Ferner sei der Grund für die Preissteigerung darin zu suchen, daß in diesem Jahr Herbstbestellung und Kartoffelernte verzögert wurde durch die Einberufung der Arbeitskräfte. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Welche Kleidung erfordert ein Winterfeldzug? Von ärztlicher Seite wird uns geschrieben: Die Oeffentlichkeit beschäftigt sich, besonders angeregt durch die große Wollsachensammlung, mit Recht mit der Lösung der Frage, wie sie unsere Soldaten im Winter anziehen sollen. Die ungeheuren Ballen von Wollwaren, die ins Feld hinausgeschickt werden, tragen bereits viel zur Lösung dieser Frage bei. Andererseits werden Vorschläge gemacht, die sich bei Nordpolfahrten gut bewährt haben. Es fragt sich nun, ob eine große Reihe dieser Vorschläge nicht weit über das Ziel hinauszeigt. In Frankreich sind die Winter wärmer als in Deutschland. Sie erfordern also durchaus nicht größere Vorbereitungen, als man in Deutschland treffen würde. Der Regen ist dort viel schlimmer als die Kälte. Es wäre darum erfreulich, wenn die Fürsorgemaßnahmen bei Herstellung der Liebesgaben sich auch auf wasserdichte Umhänge und wasserdichte Mützen erstrecken würden. Nun die Vorbereitungen für einen voraussichtlichen Winterfeldzug in Rußland! Hier wird stark über das Ziel hinausgegangen. Das russische Gebiet, in dem der Winterfeldzug stattfinden wird, ist selbst, die nordöstliche Grenze genommen, noch durchaus europäisch. Russische Winter haben bei uns einen harten Klang, aber man muß bedenken, daß der Krieg nicht in Nordrußland oder Sibirien geführt wird. Gewiß gibt es selbst in den Kriegsgebieten Rußlands scharfe Winter und starke Kälte, welche die unsrige übertrifft. Aber die Kältetage wechseln doch ganz unberechenbar mit wärmeren Tagen ab, in denen der Schnee schmilzt, auch für diese Tage muß gesorgt werden. Erste Vorbedingung für Gesunderhaltung des Leibes und des Magens sind warme große Stiefel, die am besten mit Stroh ausgefüllt werden. Wasserdichte Sohleneinlagen sind streng zu vermeiden, da sie meist luftundurchlässig sind und das Kältegefühl steigern. Warme Unterkleider sind selbstverständlich. Aber das wollene Hemd sei nicht so dick, daß es bei warmem Wetter eine Plage bildet. Das Wichtigste aber sind dicke warme Ohrschützer. Jeder, der in Petersburg war, weiß, daß den Ohren die größte Gefahr von der Kälte droht, und daß die Petersburger sich gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn die Ohren gefährdet sind. Also warme Stiefel, ein erträglich warmes wollenes Unterhemd, dicke wollene Beinkleider, die selbst an wärmeren Tagen nicht lästig werden, und sehr dicke wollene Kopf- und Ohrschützer.
Vaterländische Reden und Vorträge. (Achter Abend.) Prof. Dr. Holldack: „Der Automobilmotor und die Verkehrsmittel im Kriege.“ Mit Papierdrachen, Flugzeugmodellen, Kreide, Lichtbildern und sonstigen Vorrichtungen und Apparaten wurde gestern abend operiert, um das Leben des Motors zu veranschaulichen. (...) Es wurden technische Einzelheiten auch des Bootsmotors klargelegt, der Diesel-Motor als Schiffsmotor gewürdigt und zum Schluß der komplizierte Mechanismus des Unterseebootes, dem in diesem Krieg eine ganz besondere Rolle zufällt, besprochen. Aus allen diesen Darlegungen ging immer wieder hervor, wie sehr deutscher Fleiß und deutsche Arbeit auch auf dem Gebiete des Motors führend geworden sind. Und wenn England auch deutsche Patente klaut und Frankreich versucht, Diesel-Motore zu bauen, so kann uns das weniger anfechten, denn: Deutschen Geist, deutschen Fleiß und deutsche Arbeit können unsere Feinde uns nicht nehmen. Das ist neben der braven Tapferkeit unseres Heeres ein weiterer Trost im gegenwärtigen Kriege.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Etwas für die Bayern. Ein für den Kriegsschauplatz bestimmter Militärzug, der an Bonn vorüberfuhr, enthielt zwölf Wagen Münchener Flaschenbier, zusammen 50.000 Flaschen. Die Wagen waren durch weithin lesbare Doppelschilder als Liebesgabe der Vereinigten Münchner Brauereien an das 1. bayerische Armeekorps bezeichnet. Wie werden die Bayern sich freuen, in Feindesland diesen Heimattrunk zu erhalten.
Die Arbeitgeber, welche Mitglieder des Pfadfinderkorps als Lehrlinge usw. beschäftigen, werden auch an dieser Stelle ersucht, den jungen Leuten morgen (Freitag) freizugeben. Sie sollen bei der Kriegs-Wollsammlung, die morgen von Haus zu Haus stattfindet, mithelfen. Wir sind überzeugt, daß jeder Handwerker, Gewerbetreibende und Kaufmann seinen Lehrling gerne für einen Tag entbehrt, wenn es sich um einen Dienst im Interesse unserer wackeren Soldaten handelt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Liebesgaben. In allen Aufrufen, die in Zeitungen wegen des Versandes von Liebesgaben an die im Feld stehenden Truppen erlassen werden, befindet sich immer wieder auch Schokolade aufgeführt. In fast allen Briefen, die unsere tapferen Soldaten an ihre Lieben daheim schicken, bitten sie immer und immer wieder um Schokolade. Dieser Wunsch ist durchaus verständlich, wenn man den der Schokolade innewohnenden großen Nährwert berücksichtigt. (...) Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die von vielen deutschen Schokoladefabriken meist von der Firma Gebr Stollwerk in Köln in den Handel gebrachten Feldpostbriefe mit Schokolade und Pfeffermünz einen außerordentlichen Anklang bei allen denen gefunden haben, die ihren Lieben im Felde etwas Gutes zukommen lassen möchten. Wir verweisen auf das Inserat genannter Firma in unserer heutigen Nummer, das alles Nähere über diese Packungen enthält.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Geschäftliches“)
Freitag, 30. Oktober 1914
Liebigs Fleischextrakt, ein englisches Erzeugnis. Die Pharm. Ztg. Nr.77, 1914, bringt folgende, dem Matin entnommene Notiz: „Die Liebig Co. Bringt zur öffentlichen Kenntnis, daß sie eine 1865 zu London unter der Firma ‚Liebigs Extract of Meat Company, Ltd’ gründete englische Gesellschaft ist. Sie versorge gegenwärtig die französischen und englischen Truppen und deren Sanitätspersonal mit Fleischextrakt, Fleischkonserven und Oxo-Buillon.“ Die Schlussfolgerung für die deutschen Verbraucher ergibt sich von selbst.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Ein Straßenbild. Eine alte, einfach gekleidete Frau mit einem Reisekörbchen hält mich auf der Straße an: Ob ich ihr das Reserve-Lazarett Nr. … zeigen könne? „Gewiß kann ich das“, und da ich gleichen Weg habe, gehen wir zusammen durch die regennassen Straßen. Wir kommen ins Gespräch. „Na, Mutter, wollen Sie ihren Sohn besuchen?“ Ja, das wollte sie, und erst stockend und dann allmählich warm werdend, erzählt mir das Mütterchen, daß sie seit vorgestern unterwegs ist, um ihren Sohn, ihren Jüngsten, zu besuchen. Er sei bei … (Sie spricht den französischen Namen in der Schreibweise aus) verwundet worden, aber wie, das wisse sie nicht. Hoffentlich sei es nicht gefährlich. Sie komme aus der Eifel (Sie nannte ein traumstilles Restchen hinter Malmedy), und sei zunächst nach Königswinter gefahren, weil dort ihr Sohn , der bei den Jägern stehe, im Lazarett liegen solle. Dort sei ihr bedeutet worden, ihr Sohn liege in Köln. Aber auch dort habe sie ihn nicht gefunden, und so sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als hier in Bonn ihr Glück zu versuchen. Ob ihr das Reisen nicht beschwerlich sei, frage ich. „Mit 77 Jahren sei es nicht gerade angenehm, aber sie besuche ja ihren Sohn, und da komme man gern.“ Ob sie nur den einen Sohn habe? Sie erzählt, daß sie drei Söhne im Felde hat. Von dem Aeltesten habe sie seit einem Monat nichts mehr gehört, der zweite, setzt sie mit zittriger Stimme hinzu, ist gefallen. – Wir gehen schweigend weiter. Dann spricht sie leise für sich hin: „Ja, der Krieg, sein Elend ist groß wie das Meer. Die Frauen wissen das am besten.“ Aber dann guckt mich das einfache Mütterchen mit dem verschrumpften lieben Gesicht nd den welken Händen von der Seite an: „Aber mein Jüngster ist für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen.“ In ihrer Stimme liegt freudiger Stolz. „Wissen Sie“, sagt sie dann, „das läßt mich das andere leichter ertragen.“ Und dann erzählt sie mir noch viel von ihrem Jüngsten, der als Freiwilliger ins Feld gegangen sei, weil er es als Jagdhüter in den stillen Wäldern nicht aushalten konnte.“
Mittlerweile sind wir am Lazarett angekommen und ich frage nach dem Sohn der Mutter. „Ja, der sei da, leicht verwundet, Streifschuß am Arm.“ – „Gott sei Dank“, das ist alles, was die alte weißhaarige Frau sagt, aber man fühlt, wie ihr mit diesem „Gott sei Dank“ eine Zentnerlast vom Herzen fällt. Ich verabschiede mich von der alten Frau und gebe ihr den Rest meiner Zigarren für ihren Jüngsten. Sie drückt mir beide Hände und bedankt sich umständlich. Dann sehe ich, wie sie mit ihren alten Beinen schnellfüßig wie ein Kind die Steintreppe hinaufeilt, zu ihrem Jüngsten, der für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen ist.
Gedenket der Armen im Winter. Im Interesse der Armen wird auf folgende zweckmäßige Einrichtung der städt. Armenverwaltung aufmerksam gemacht. Diese verkauft: Gutscheine für 1 Zentner Briketts zu 0,75 Mk., für 10 Portionen kräftiger Suppe zu 1 Mk., für 10 Fläschchen Schulmilch zu 0,60 Mk., ferner Gutscheine für Lebensmittel (Brot, Reis, Gerste, Haferflocken). – Das Verabfolgen dieser Gutscheine anstatt Geld bietet dem Wohltäter die sicherste Gewähr, daß die Armen diejenige Unterstützung, die ihnen am meisten hilft, auch tatsächlich erhalten, und aß das zu diesem Zweck etwa gegebene Geld nicht für geistige Getränke und andere unnütze Zwecke verausgabt wird.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
„Kriegslügen“? Wenn Verwundete erzählen, ihr Truppenteil sei völlig ausgerieben, mehr als die Hälfte der Kameraden sei gefallen, sie seien umzingelt gewesen, die Engländer hätten einen Damm gesprengt und viele Soldaten seien ertrunken – und nachher stellt sich heraus, daß das alles nicht wahr ist, dann hat der Verwundete noch lange nicht immer bewußt die Unwahrheit gesagt. Die erschütternden Erlebnisse auf dem Schlachtfeld haben viele Soldaten in einen Depressionszustand versetzt, für den solche Urteilsfälschungen typisch sind. Die Phantasie arbeitet bei ihnen – wie Prof. Willy Hellpach im „Tag“ ausführt – fast durchgehend stärker und üppiger, als in gewöhnlichen Tagen. Durch das Ungewohnte des Erlebnisses erregt – so sagt Prof. Hellpach weiter – überwuchert sie leicht die kritische Verarbeitung der Eindrücke – wie es schon in allen stark erregten Situationen des Lebens im Frieden der Fall ist. Sie schafft sich gern, was sie glaubt, und sie glaubt gern, was sie glauben möchte. Für die breiten Massen ist das gewissermaßen stets der Fall. Auffallend wird aber, wie die ausschmückende und leichtgläubige Phantasie im Kriege auch von den sonst viel kritischer gestimmten Gebildeten Besitz ergreifen kann. Alle, auch die abenteuerlichsten Gerüchte finden da Chancen, geglaubt zu werden, und erweisen sich einer kritischen Widerlegung unzugänglich. Die gleiche Phantasie aber, die sie begierig aufnimmt, vergrößert und schmückt sie unbewußt wieder selbst weiter – und nach einer Art seelischen Schneeballsystems verwandelt sich durch den Mund weniger Menschen hindurch irgendeine aufgeworfene Vermutung in eine abenteuerliche Behauptung, die sich jeder Korrektur unzugänglich zeigt.
Kathol. Frauenbund (Zweigverein Bonn). In der sehr gut besuchten Mitgliederversammlung im großen Saale des Bürgervereins erstattete die Vorsitzende, Fräulein Boettrich-Godesberg, Bericht über die Kriegsarbeit des Zweigvereins. Gleich zu Anfang des Krieges schloß sich der K. F. B. an den Vaterländischen Frauenverein an und stellte seine Mitarbeit im Rahmen der allgemeinen Kriegshilfe zur Verfügung. Dem K. F. B. fiel an erster Stelle die Kinderfürsorge zu, die er ja auch in Friedenszeiten in seinen vier Kinderhorten in umfassender Weise ausübt. Da jetzt aber drei dieser Horte zum Teil zu militärischen Zwecken belegt werden mußten, sah man sich gezwungen, nach neuer Unterkunft zu suchen. Nach vieler Mühe und Arbeit konnte man zwei leerstehende Häuser in der Thomasstraße zu diesem Zweck einigermaßen wohnlich herrichten. Die doppelte Anzahl Kinder wurde dann in den Horten von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends verpflegt, insgesamt 400 Kinder. Zu den erheblichen Unkosten werden städtischerseits Zuschüsse geleistet. – Ferner übernahm der K. F. B. in seinem Geschäftszimmer Martinstraße 3 eine allgemeine Auskunftsstelle und die Eintragung von Arbeitswilligen. Täglich morgens und nachmittags (auch jetzt noch) sind dort Sprechstunden. In den ersten Kriegswochen ließen sich 1066 Frauen und Mädchen eintragen. Aus der neueingerichteten Nähstube des K. F. B. wurden 300 Deckenbezüge als Geschenk des K. F. B. an das Lazarett des Vaterländischen Frauenvereins abgeliefert. Alten und kränklichen Personen wurde Krankenkost verabfolgt, Bedürftige erhielten Brotmarken und Suppen. Der K. F. B. beteiligte sich ferner an der Einrichtung eines Speisehauses für bürgerlichen Mittagstisch und an der Bildung einer Kommission für hauswirtschaftliche Kriegshilfe. Belehrende Vortragsabende, Näh- und Flickabende sollen noch veranstaltet werden. Der Vorstand bittet besonders alle jene Frauen und Mädchen, die infolge des Krieges einen Teil des Tages unbeschäftigt sind, sich seiner Arbeit zu widmen. – Allen Vermittelten ruft der K. F. B. zu: Gebt unseren Frauen Arbeit, nicht Almosen! Unendliche sittliche Werte werden unserem Volke erhalten, wenn unsere Frauen selbsterarbeitetes Brot essen.
Zur Deckung der erheblichen Geldmittel, die die Tätigkeit des K. F. B. erfordern, steuerten die Mitglieder des Zweigvereins annähernd 1000 Mark aus freiwilligen Beiträgen bei. (…) Die Stadt Bonn leistete einen Zuschuß von 300 Mark und ebenso die „Kriegshilfe“. Vom Roten Kreuz und von privater Seite gingen namhafte Aufträge und größere Mengen Stoff ein. Um die Arbeitsvermittlung, die wichtigste Aufgabe des K. F. B., aufrecht erhalten zu können, bittet der Vorstand um Aufträge einfacher Näharbeiten, um Stoffreste und Nähzeug und um Zuwendung von Barmitteln. Am Sonntag, den 15. November, sollen im Arbeitszimmer, Clemensstraße 3 nützliche Gegenstände, die durch die Arbeitsvermittlung angefertigt wurden, verkauft werden. Möchten viele an diesen Tag denken und ihren Bedarf dort decken. (...)
Kriegsbrot. In Befolgung der von sachverständiger Seite erteilten Ratschläge, die dringende Sparsamkeit beim Verbrauch von Roggen empfehlen, haben verschiedene Städte und Kreise Versuche mit der Beimischung von Kartoffeln zum Roggenbrot gemacht. Das mit Kartoffelmehl vermischte Brot zeigte mancherlei Mängel. Dagegen hat das Brot, dem eine Prozentsatz von gekochten Kartoffeln zugesetzt wurde, nicht nur einen ausgezeichneten Geschmack, sondern auch eine gute Haltbarkeit. Es ist deshalb verschiedentlich die Einführung dieses „Kriegsbrotes“ beschlossen worden. Die Polizei achtet darauf, daß nicht mehr als 25 Prozent Kartoffeln zugesetzt werden. Wesentlich ist auch, daß ein sog. 50-Pfennigbrot mit Kartoffelzusatz nur 45 Pfg. kostet.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Kinderschutz. Die Kinder werden jetzt seitens der Schule zum fleißigen Stricken für die Soldaten angehalten. Der hierdurch entstehende praktische, und mehr noch der erzieherische Nutzen ist gewiß sehr zu begrüßen. Wenn man aber bedenkt, daß die Gesundheit eines beträchtlichen Teiles unserer Volksschüler viel zu wünschen übrig läßt, ferner daß durch die stetig steigenden Anforderungen der Schule die Kräfte der Kinder voll in Anspruch genommen werden, so grenzt dieses anhaltende Stricken bis in die Nacht hinein doch hart an gesundheitsschädliche Ueberanstrengung, die man nicht ohne dringende Not fordern oder dulden sollte. Warum opfert man nicht auf dem Altare des Vaterlandes ein minder wichtiges Lehrfach oder erläßt den Kindern die häuslichen Schularbeiten, um die nötige Zeit zum Stricken zu gewinnen? Gegen die Ausbeutung durch die Eltern schützt die Kinder das Gesetz, wer aber schützt sie vor der drohenden Ausbeutung durch die Schule? K.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus dem Leserkreise“)
Samstag, 31. Oktober 1914
Stadtverordnetenversammlung. In der gestrigen Sitzung wurden die Punkte der Tagesordnung ohne Aussprache genehmigt. Es kam dann zum Schluß zu einer Aussprache über die Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln. Mehrere Stadtverordnete der liberalen Fraktion hatten eine Interpellation eingebracht, ob schon Maßregeln in Aussicht genommen seien, die große Steigerung der Kartoffelpreise durch Festsetzung von Höchstpreisen zu regeln. In der Aussprache hob der Geheimrat Schultze hervor, daß die bekannten Gründe, die als Ursache für das Ansteigen der Preise angeführt werden, im großen und ganzen nicht stichhaltig seien. Auf Antrag der Verwaltung wurde die Sache der Teuerungskommission überwiesen. In der Aussprache, ob eine Sonntagsruhe beibehalten werden sollte, kam es zu keiner Beschlussfassung.
Kriegsfreiwillige. Das Ersatz-Bataillon Garde-Grenadier-Regiment Nr. 5 in Spandau stellt wieder Kriegsfreiwillige ein. Mindestmaß: 1,68 Meter. Bedingung: Vollkommen gesund und kräftig. Möglichst eigene Schaftstiefel mitbringen, wofür monatliche Entschädigung gewährt wird.
Der Bonner Zitherklub erfreute am Donnerstag abend die in der Rumpfschen Privatklinik untergebrachten Verwundeten mit einem Konzert, dessen ausgewählte, sehr stimmungsvolle Stücke von den Zuhörern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und mit dankbarem Beifall aufgenommen wurden. Ein Zuhörer wies in einer Ansprache darauf hin, daß auch der Bonner Zitherklub dadurch, daß er die verwundeten Soldaten aufheitere, seine Kunst in den Dienst des Vaterlandes stelle. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Die gestrige Kriegs-Wollsammlung hat, wie nicht anders zu erwarten war, einen vollen Erfolg gehabt. Schon am frühen Morgen sah man unsere Pfadfinder in Uniform und Schüler mit schwarz-weiß-roten Schärpen die geschmückten Handwagen zu den einzelnen Bezirken ziehen, um die von den Sammlerinnen „requirierten“ Sachen in Empfang zu nehmen. Unverdrossen gingen die Damen von Haus zu Haus, treppauf, treppab, kein Haus, keine Wohnung, möchte sie auch unterm Dach liegen, wurde überschlagen. Denn Alle, Alle sollten und wollten sich an dem Liebeswerk, das unsern tapfern Soldaten im Felde galt, beteiligen. Und alle, die Veranstalter sowohl, als auch die übrigen Damen und Herren, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt hatten, können mit dem Ergebnis zufrieden sein. Ganze Berge Wollsachen, Strümpfe, Pulswärmer, Unterjacken, Wollhemden, Unterhosen, Kopfschützer, Decken, Westen und Ueberzieher wurden im Laufe des Tages in den einzelnen Sammelstellen abgeliefert. Man hat hauptsächlich um gebrauchte Sachen gebeten, was aber alles an neuen Sachen, namentlich Strümpfen, Pulswärmern und Unterzeug hergegeben wurde, läßt sich heute noch nicht übersehen. In einer Sammelstelle war ein großer Wandschrank mit neuen Strümpfen bis obenan gefüllt. Auch viele Damensachen wurden abgeliefert, die nach dem fernen Osten wandern werden, um dort die von den Kosakenhorden beraubten Frauen und Kinder vor Kälte zu schützen. Jetzt sind fleißige Hände bei der Arbeit, alle die Liebesgaben zu sichten und zu ordnen, um am kommenden Dienstag, dem zweiten und letzten „Woll-Sammeltag“, bereit zu sein, nochmals für unsere tapferen Truppen bei Arm und Reich anzuklopfen.
Die Ausgabe der Dauerkarten für die Benutzung der Eisbahn auf dem städtischen Sportplatz an der Reuterstraße hat begonnen.
Ueber die Tätigkeit der Feldpost gehen uns verschiedene Klagen zu. Briefe aus anderen Teilen Deutschlands kämen sicherer und bedeutend schneller an, als solche vom Kriegsschauplatz in Nordfrankreich. Auch aus Russisch-Polen kommen Klagen, daß ein Kriegsteilnehmer und seine Kameraden der ganzen Abteilung bis heute keine Post von ihren Angehörigen erhalten hätten. Er sei seit Ende September dort und nicht einmal eine Geldsendung sei angekommen. Wenn man bedenke, wie jämmerlich die russischen Verhältnisse sind (Salz, Zucker und Kaffee seien seltene Artikel, Bier, Zigarren und Tabak überhaupt nicht zu haben), könne man ermessen, was die Soldaten entbehren müßten. Daher solle die Poste doppelt bemüht sein, die Sachen bis dorthin zu bringen. Die Abteilung sei durchaus nicht in der Gefechtslinie, habe vielmehr vom Feinde nichts gesehen. Ein dritter Brief aus Frankreich teilt u. a. mit, daß eine Frankfurter Behörde mehrere Waggons mit 25 000 Paketen sucht, die auf der Etappenlinie anscheinend verlorengegangen seien. Der Absender weist darauf hin, daß man die Sachen so genau wie nur möglich adressieren möge, namentlich den Unterschied zwischen 8. Armeekorps und 8. Reserve-Armeekorps möge man genau beachten. Er habe sich der Mühe unterzogen, innerhalb acht Tagen mehrere Tausend auf der Station lagernde Pakete, Kisten usw., um die sich niemand kümmerte, an die Adressaten befördern zu lassen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der große Woll-Sammeltag. Es bedurfte nicht vieler Worte und langer Appelle durch die Zeitungen. Wie unsere jungen Damen gestern mit dem schwarz-weiß-rot geschmückten Körbchen von Haus zu Haus und von Stockwerk zu Stockwerk gingen, gab jeder gerne und freudig, was er an Wollsachen und an anderen Kleidungsstücken entbehren konnte. Und die nichts entbehren konnten, gaben Geld, die einen viel, die anderen weniger. Junge Burschen, Mitglieder des Pfadfinderkorps nahmen die Sachen auf der Straße in Empfang und brachten sie, wenn ihre, zum Teil mit viel Mühe und Fleiß gezierten Wagen und Karren gefüllt waren, zu den Sammelstellen. Je vier junge Damen hatten eine große, oder mehrere kleine Straßen übernommen. In den meisten Straßen mußten die Pfadfinder mehrere Male, einige bis zu dreißig Mal, ihre hochbeladene Karre an der Sammelstelle leeren. Strümpfe und warmes Unterzeug, Kopfwärmer und Ohrenschützer, wollen Decken und getragene Kleider, Strickwolle und Stoffreste, alles wurde dankbar angenommen. Aus manchen Häusern wurden wahre Berge an Wollsachen und Kleidern getragen. Was für unsere Soldaten davon zu verwenden ist, geht bald zum Kriegsschauplatz, das übrige erhalten unsere armen Landsleute in Ostpreußen. Der Woll-Sammeltag hatte in Bonn ein glänzendes Ergebnis. War das nicht der Geist unserer Vorfahren, der Geist von 1813?
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)