Montag, 21. Dezember 1914
Der Goldene Sonntag. Der letzte Sonntag vor Weihnachten, von den Geschäftsleuten hoffnungsvoll der Goldene genannt – heuer wohl richtiger der Papierne – hat seinem klangvollen Namen auch in diesem Jahr keine Unehre gemacht. Man kann wohl behaupten, daß der Goldene Sonntag sich bei uns in Bonn in seinem Ergebnis für die Geschäftswelt recht erträglich gestaltet hat und daß trotz der Kriegszeit rege Kauflust vorhanden war. Gewiß, die Erwartungen und Wünsche, die der Geschäftsmann sonst in den Goldenen Sonntag zu setzen pflegte, die mußte man in diesem Jahre heruntersetzen, und einige Geschäftszweige – besonders wohl Luxusgeschäfte – haben sicher einen großen Ausfall gehabt. Einen Vergleich mit den Ergebnissen eines normalen Jahres darf man ja für das Weihnachtsgeschäft im Kriegsjahr nicht ziehen wollen. In den Geschäften mancher Branchen sind schon im November sehr zahlreiche Weihnachtseinkäufe für unsere Krieger im Felde gemacht worden. Sie haben dadurch, wenn auch die Einkäufe im eigentlichen Weihnachtsmonat vielleicht geringer waren, einen zufriedenstellenden Umsatz erzielt. Einige Geschäfte haben trotz der Kriegszeiten sehr gut verkauft. So teilt uns eine angesehene Firma der Spielwarenbranche mit, daß sie noch nie einen so guten Goldenen Sonntag erlebt habe wie heuer. Im allgemeinen hat das kaufende Publikum nach Möglichkeit den ihm seit langem immer wieder vorgetragenen Mahnruf befolgt und sich nicht lediglich von einer falsch angebrachten Sparsamkeit beherrschen lassen. – Der gestrige freundlich-helle Nachmittag brachte auch viel Zuzug von Käufern aus der Umgebung, abends sah man Käufer und Käuferinnen mit Paketen beladen zu den Bahnhöfen und den Abfahrtstellen unserer elektrischen Vorortbahnen eilen. Unsere Geschäftsleute hatten durch geschmackvolle Dekorationen ihrer Läden ihr möglichstes getan, die Kauflust des Publikums anzuregen. In den Nachmittagsstunden waren die Hauptgeschäftsstraßen unserer Stadt von einer tausendköpfigen Menge belebt. Es sind jetzt nur noch wenige Tage bis zum Christfest. Mögen die Bewohner unserer Stadt, soweit sie dazu in der Lage sind, diese Zeit noch recht ausgiebig ausnutzen für Einkäufe aller Art, damit unser Geschäftsleben nicht ins Stocken gerät; auch das gehört zur inneren Kriegsrüstung.
Der Bürgerverein „Eintracht“ hielt gestern um 4 Uhr seine Weihnachtsfeier im Vereinshause an der Rathausstraße ab. Der Saal war vollbesetzt. Die Feier begann mit dem Liede: „Wir treten zum Beten“. Dann sprach Herr Professor Dr. Sell. Er führte aus: Ein solches Weihnachtsfest hat noch keiner von uns erlebt. Starke Militärmächte wollten unsere Grenzen überschreiten und uns vernichten. Gott hat es anders gewollt. Unsere Soldaten müssen Schreckliches tun, um das Vaterland zu retten. Der gewaltige Trost in dieser ernsten Zeit ist die Engelsbotschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, an denen Gott sein Wohlgefallen hat“. Jesus ist gekommen auf die Erde, um den Menschen Frieden zu bringen. Gott wird ein Wohlgefallen an uns haben, wenn wir in uns gehen. „Ehre sei Gott in der Höhe“, heißt es. Wir sind es der Ehre Gottes schuldig, wenn wir den Kampf durchhalten bis zum siegreichen Ende. – Dann wurden abwechselnd Weihnachtsgedichte und Orchesterstücke vorgetragen. Besonders ansprechend wurde deklamiert „Die heilige Nacht“ von Kurz. Dann öffnete sich der Nebensaal und der helle Lichterbaum erstrahlte. Auf langen Tischen standen Teller mit Gebäck. Es war eine Freude zu sehen, wie die Kinder die Gaben einpackten und freudestrahlend den Saal verließen.
Der Wehrbund unternahm nach Besichtigung und Besprechung der von den Rekruten in Kessenich vorschriftsmäßig ausgehobenen Schützengräben am Sonntagnachmittag einen Uebungsmarsch in aufgelösten Schützenketten quer durch den Kottenforst. Die Werbestelle des Wehrbundes bliebt bis zum 27. Dezember geschlossen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Dritter städtischer Volksunterhaltungsabend. Zu einer leisen, stillen, aber die Saiten der Seele in sanfte Schwingung versetzenden Weihnachtsfeier, zu deren äußeren Vollendung leider die Lichtertannen der Vorjahre fehlten, gestaltete sich dieser jüngste Volksunterhaltungsabend. Er wurde von Kapellmeister Heinrich Sauer trefflich eingeleitet durch Eugen d'Alderts (?) Vorspiel zu dem Musikmärchen „Der Rubin“. Es wagnerianert darin nicht wenig, inhaltlich wie in der Behandlung des Orchesters; bleibt aber gleichwohl doch leidlich originell und ist stets lieblich anzuhören. Die Wiedergabe war – besonders von dem Allegro an --- gut. Das Charakterstück „In der Christnacht“ offenbart zwar nur geringen musikalischen Charakter des Autors B. Hanekam. Unser Orchester jedoch machte aus dem Stück, was sich machen ließ, und das erste Horn wirkte daran vorzüglich mit. Die Musikmärchen von Fr. Bendel (vorgestern gab's das „Aschenbrödel“) mit ihrer leicht eingänglichen Musik, ihrer rümlichen Situationsmalerei, ihrer klangreichen Instrumentationen, die nie dem Märchenhaften Gewalt antut, verfehlen selten ihre Wirkung.
Auch am Samstag nicht. Die prächtige Polonaiser war sogar ein Musterbeispiel von schwungvollem, temperamentreichem Spiel. Ueber die Musik zu „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck noch ein Wort zu verlieren, ist überflüssig. Ebenso über die samstägige Wiedergabe der Fantasie; denn sie erfüllte (soweit angängig) jeden berechtigten Wunsch. Zum zweiten trug zum guten Gelingen bei Emmy Krüger vom Bonner Stadttheater. Sie las und zunächst vor die Andersensche liebliche Mär von dem Mädchen mit den großen Pantoffeln und den brennenden Schwefelhölzchen. Und zwar mit einer sehr sympathischen, anheimelnden, zum Märchenerzählen recht geeigneten Stimme, die Emmy Krüger aber später für einen Saal (wie der „Bürgerverein“ ist) besser einstellen wird. Es folgten nachher der „Kindertraum“ von Robert Reimann und „Das Hellerlein“ von Leo Heller. Vortrag und Betonung wie oben schon bemerkt. Der Gesang aber bedarf noch einiger Nachhilfestunden.
Und Henny Wolff spendete einige Lieder moderner Richtung. Von Jakobus Menzen gemütsvollem, innigen Gesange „An das Christkind“ angefangen über Phil. Gretscher, der einigermaßen in seiner sonst sehr zu lobenden Musik janusköpfig vorwärts und rückwärts schaut – wir hörten von ihm „Rauhreif vor Weihnachten“ und „Maria am Rocken“ - bis zu dem sehr fortschrittlichen Fritz Fleck, dessen „Heilige Nacht“ allerdings in seiner leitmotivischen Arbeit eine ganz außerordentliche Leistung ist. Henny Wolff sang alle diese Lieder, für die wir ihr sehr danken, durchaus sinngemäß und mit dem schon oft erwähnten, wohltuenden süßen Klang ihres Organs. Wir erwähnen besonders die „Heilige Nacht“. Sie mußte sich zu einer Zugabe entschließen. H. Sauers Begleitung ist ebenfalls zu loben. Zu Ende der gemeinschaftliche Gesang „Stille Nacht“.
Jüdische Gemeinde Bonn. Gestern beging die jüdische Gemeinde in dem dichtgefüllten Gotteshause die Chanukkafeier. Nach einem Gebet des Herrn Oberkantors Baum wurden von zwei Jungen die Chanukkalichter (Weihelichter) angezündet. Hierauf richtete Herr Rabbiner Dr. Cohn unter Hinweis auf die Kriegswirren eine kernige, siegesfreudige Ansprache an die Gemeinde. Die Knaben und Mädchen boten alsdann Vorträge, die zeigten, daß den Kindern die Literatur ihres Glaubens, ebenso wie die deutsche Vaterlandsliebe tief im Herzen wurzelt. Ein Schlußwort des Herrn Rabbiners Dr. Cohn beendete die schöne Gemeindefestlichkeit.
Von der üblichen Bewirtung (Schokolade und Kuchen) der Kinder wurde in diesem Jahre Abstand genommen, jedoch die hierfür bei den Gemeindemitgliedern gesammelte Summe bedürftigen Familien der im Felde stehenden Krieger überwiesen.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz, über die wir in der Samstag Morgenausgabe ausführlich berichtet haben, eröffnete der Vorsitzende, Herr Landrat von Groste, mit folgender Rede:
Ich eröffne die ordentliche Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer. Meine hochverehrten Herren! Unsere diesjährige Hauptversammlung fällt in eine Zeit, wie sie ernster unserem teueren Vaterlande wohl kaum jemals beschieden gewesen ist. Haß- und neiderfüllte Nationen haben sich verbündet, um unser Deutsches Reich, das eine friedliche Entwicklung der Kultur anstrebte, frevelhaft zu überfallen. Schon fast 5 Monate tobt der Krieg. In schweren und blutigen Kämpfen sind unsere braven Truppen über die Grenze gedrungen, um die furchtbaren Verwüstungen des Krieges von den gesegneten heimischen Fluten abzuwehren. Unter Gottes gnädigem Beistand haben sie den Sieg an ihre Fahnen geknüpft. In der ganzen Welt bewunderte Heldentaten hat unsere Marine auf dem Weltmeere geleistet; fest geeint gedenkt das deutsche Volk unter der sicheren Führung seines Kaisers in tiefster Dankbarkeit der großen
Taten und der schweren Opfer unserer Truppen und der in treuer Waffenbrüderschaft mit ihnen kämpfenden österreichisch-ungarischen Armee. In fester Zuversicht erhoffen wir den endgültigen Sieg. Aber wir wissen, daß auch wir, die wir in der Heimat zurückgeblieben sind, alle nach Kräften mitarbeiten müssen, wenn uns der Sieg und nach dem Sieg ein ehrenvoller und dauerhafter Friede gesichert werden soll, daß wir durch alle Dinge, für die wir zu sorgen haben, unserem Vaterlande auch die wirtschaftliche Kraft und Widerstandsfähigkeit erhalten, und da fällt zumal der Landwirtschaft eine große und wichtige Aufgabe zu.
Gestärkt durch eine gesunde Wirtschaftspolitik ist die Landwirtschaft Gott sei Dank im Stande, diese Aufgabe zu erfüllen, aber nur dann, meine Herren, wenn jeder einzelne sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe, in den Dienst des Vaterlandes stellt und dazu anzuspornen, dazu beizutragen, ist eine ehrenvolle Pflicht der Organisation des landwirtschaftlichen Berufsstandes, der Landwirtschaftskammer. Das wollen wir in dieser Zeit mehr denn je betonen, und in diesem Geiste auch heute wiederum unsere Verhandlungen führen. Um dieser Gesinnung Ausdruck zu geben, bitte ich Sie, mit mir unserem erhabenen Kaiser und König das Gelöbnis unwandelbarer Treue und Ergebenheit zu erneuern, indem Sie einstimmen in den Ruf: „Seine Majestät unser Allergnädigster Kaiser und König Wilhelm II, er lebe hoch, hoch und abermals hoch!“
Winteranfang ist heute; das heißt, die Sonne hat ihren entferntesten Standpunkt von der Erde erreicht und nähert sich ihr langsam wieder. Auf der südlichen Hemisphäre beginnt heute der Winter, welcher sich aber nicht mit Eis und Frost, sondern in den meisten Ländern mit ergiebigen Regengüssen bemerkbar macht. Die Nacht von heute auf morgen ist die längste des ganzen Jahres.
Feldpostsendungen mit unzulässiger Adresse. Neuerdings werden öfters Feldpostbriefe, besonders Zeitungen unter Briefumschlag, mit der Adresse: „An ein beliebiges Regiment im Osten“ oder „An ein Etappenlazarett im Westen“ u. a. ausgeliefert. Derart unbestimmt adressierte Sendungen können von der Post nicht weitergesandt , müssen vielmehr als unzustellbar behandelt werden.
Die Gemäldeausstellung der Gesellschaft für Literatur und Kunst im Oberniermuseum wird nach Weihnachten geschlossen. Sie ist in den letzten Tagen erweitert worden durch einige Gemälde des Bonner Malers Seehaus.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 22. Dezember 1914
Unsere Studenten im Felde. Um davon Kenntnis zu erhalten, welche Studierende durch die Mobilisierung zu den Fahnen gezogen worden sind, hatte die Universität im September alle, im Sommersemester 1914 immatrikulierten Studenten deutscher Nationalität durch Karte mit Rückantwort ersucht, ihr Militärverhältnis angeben zu wollen. Wie vorausgesehen, sind die Karten derjenigen Studierenden, deren Eltern in großen Städten wohnen und deren genaue Adresse der Universität nicht bekannt war, unbestellbar zurückgekommen, so daß die folgende Statistik auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben kann. Immerhin dürfte die Bekanntmachung der bis jetzt ermittelten Beteiligung der Bonner Studentenschaft an dem heiligen Kampfe fürs Vaterland geboten erscheinen. Es haben die bis jetzt eingegangenen Mitteilungen ergeben, daß von den, bei der Mobilmachung immatrikulierten 4006 Studenten deutscher Nationalität 2091 dem Heere eingereiht sind. Trennt man diese Zahl in diejenigen, die bereits ihrer Militärpflicht genügt hatten oder als Einjährige einem Truppenteil angehörten und diejenigen, die sich bei der Mobilmachung freiwillig zum Dienstantritt meldeten und das Glück hatten, sofort eingestellt zu werden, so stellt sich die Zahl der ersteren auf 461. Von diesen sind einer Oberst und Chef des Stabes bei dem Guvernör in Belgien, einer Major und Kommandör eines Landwehr-Bataillons, achtzehn sind Reserveleutnants, 109 Offizierstellvertreter, 120 Unterärzte, 62 Unteroffiziere der Reserve, 75 Sanitätsunteroffiziere, 5 Feldgeistliche, 6 bei der Kraftfahrtruppe, 6 Feldmagazininspektoren, 48 Einjährige der Infanterie, 7 der Kavallerie und 3 wurden als Gefangene in England zurückgehalten. Freiwillig hatten sich gemeldet 2656, von denen eingestellt wurden 616 bei der Infanterie, 587 bei der Artillerie, 180 bei der Kavallerie, 67 bei den
Pionieren, 19 bei den Jägern, 22 bei den Telegraphenabteilungen, 22 bei den Luftschiffer-Abteilungen, 11 bei der Marine, 4 bei den Eisenbahntruppen, 35 beim Train, 10 bei den Landsturmtruppen, einer bei den Fortifikationstruppen und 56 bei Truppenteilen, die nicht angegeben waren. 181 sind tätig bei der Organisation des Roten Kreuzes im Etappengebiet, bei Begleitabteilungen, in Lazaretten und als Sanitätshundführer. Der Rest wurde teilweise zu einem Truppenteil angenommen und wartet auf Einberufung, teilweise als nichtmilitärdiensttauglich abgewiesen. Von den Angehörigen der Universität sind bisher 52 gefallen oder ihren Wunden erlegen. Eine größere Zahl hat sich das Eiserne Kreuz erworben, darunter einer das Kreuz erster Klasse. Die Universität wäre dankbar, wenn ihr noch ausstehende Nachrichten über ihre jetzigen Angehörigen, wie über die, welche bei Kriegsbeginn ihr noch angehörten, zukommen würden, damit sie in die Lage gebracht wird, den Anteil ihrer Studentenschaft an dem Kampfe festzustellen und späteren Geschlechtern zu überliefern.
Brieftaubenschützen. Die Militärbehörde hat wiederholt Verwarnungen gegeben für diejenigen Schützen, die es noch immer nicht unterlassen können, auf feldernde Tauben zu schießen. Es muß nochmals darauf hingewiesen werden, daß alle im Felde befindlichen nach Futter suchenden Tauben Militärbrieftauben sind oder Brieftauben der Zuchtvereine, die diese Tiere der Militärbehörde zur Verfügung stellen mußten und hierdurch Militärbrieftauben geworden sind. Da eine Anzahl Mitglieder der Brieftaubenvereine andauernd darüber Klage führen, daß ihre Tiere entweder gar nicht zurückkehren oder angeschossen, so wird hiermit nochmals auf die strengen Strafbestimmungen aufmerksam gemacht. Mitglieder des Brieftaubenvereins „Kriegpost“ haben Prämien ausgesetzt für denjenigen, der die unverbesserlichen Brieftaubenschützen so namhaft macht, daß diese zur Anzeige gebracht werden können. Feldernde Tauben bringen dem Landwirt keinen Schaden, da, wie einwandfrei festgestellt ist, die Nahrung felderner Tauben hauptsächlich aus Unkrautsamen besteht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
An das liebe Christkind im Himmel bei dem Engel, so schreibt ein kleiner Junge aus der Eifel: Liebes Kristkind. Ich will dieses Jahr nichts haben. Bringe es den Kindern, deren Vater im Krieg ist. Ich hatte schon in den Krieg gehen wollen. Ich wäre auch gegangen, aber meine Eltern wollten es nicht haben.
Die Ausstellung zeitgenössischer Künstler, die z. Zt. im Obernier-Museum untergebracht ist, erfreut sich eines ziemlich regen Besuches. Neuerdings ist die Sammlung um einige Bilder von Paul Seehaus vermehrt worden. Findet man sich mit der Tatsache ab, daß sich der Kubismus mit seinen Zwischenstufungen sich nun einmal im Kunstleben breitgemacht hat und geradezu „Modesache“ geworden ist, so kann man beim Betrachten der fünf Bilder feststellen, daß man es hier mit einem maßvollen Vertreter dieser Richtung zu tun hat. Ihm ist die „Idee“ des Gegenständlichen immer noch wichtiger, als die als das „schrankenlose Ausleben des farbigen Gefühles“ (wie Corinth dies einmal gesagt) auf die Leinwand. [sic!] – Der Zufall will, daß neben diesen Bildern ein Kinderbildnis des früheren Bonner Malers Paul Türoff hängt. Ein köstliches Bild, das dem Beschauer ebenfalls klar macht, wie sich dieses „farbige Gefühl“ in einer wenn auch gewagten Zusammensetzung (in diesem Fall Grün in Grün) auf eine „andere“ Art und Weise, jedenfalls aber mit künstlerisch stärkerem Temperament „auslebt“.
Die Kriegsnot machte eine Mutter, die wegen Hehlerei vor der Strafkammer stand, dafür verantwortlich, daß ihr Junge, ein 15jähriger Laufburschen, 60 Mark gestohlen hatte. Der Junge hatte das gestohlene Geld seiner Mutter gegeben, die es für die täglichen Lebensbedürfnisse verwendete. Auf die Frage, warum er das Geld gestohlen habe, erwiderte der Angeklagte, er habe seiner Mutter helfen wollen. Zu Hause sei Not. Das Gericht verurteilte den Burschen wegen Diebstahls zu vier Wochen, die Mutter wegen Hehlerei – weil sie gewußt hatte, daß es sich um gestohlenes Geld gehandelt habe – zu sechs Wochen Gefängnis.
Brieftaubenschützen. Die Militärbehörde hat wiederholt Verwarnungen gegeben für diejenigen Schützen, die es noch immer nicht unterlassen können, auf feldernde Tauben zu schießen. Es muß noch mal darauf hingewiesen werden, daß alle im Feld befindlichen, nach Futter suchenden Tauben Militärbrieftauben sind oder Brieftauben der Zuchtvereine, die diese Tiere der Militärbehörde zur Verfügung stellen mußten und hierdurch Militärbrieftauben geworden sind. Das eine große Anzahl der Militärbrieftauben-Vereine andauernd darüber Klage führt, daß ihre Tauben entweder gar nicht zurückkehren oder angeschossen werden, so wird hiermit nochmals auf die strengen Strafbestimmungen aufmerksam gemacht. Mitglieder des Brieftaubenvereins „Kriegspost“ haben Prämien ausgesetzt für denjenigen, der die unverbesserlichen Brieftaubenschützen so namhaft macht, daß diese zur Anzeige gebracht werden können. Feldernde Tauben bringen den Landwirten keinen Schaden, da, wie einwandfrei festgestellt ist, die Nahrung feldernder Tauben hauptsächlich aus Unkrautsamen besteht.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Sind nur die „Mieter“ im Krieg? Wenn man die fortwährenden Sprechsaalartikel gewisser Mieter liest, sollte man meinen, die Verteidigung unseres lieben Vaterlandes hinge nur von den Mietern ab.
Es gibt in Bonn Fälle, wo Handwerker, die durch ihren Beruf gezwungen sind, Haus-„Besitzer“ zu sein, im Felde stehen. Der Zufall will es, daß die meisten in einem solchen Falle Bewohner des Hauses sind. Die Werkstelle legt brach, die hohe Miete in Form von Zinsen geht weiter. Könnten da die Mieter, so weit sie nicht im Kriege sind, nicht sagen, wir wollen der Hausfrau monatlich 3 – 4 Mark mehr Miete zahlen, wo jene meist wissen, daß Frau Sorge hier eingezogen. Ich stelle die Behauptung auf, Haus-„Besitzer“ im wahren Sinne des Wortes gibt es in Bonn wenig, die sich mit Mietern herumärgern müssen; die tatsächlichen Besitzer von Häusern wohnen meistens allein.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Der Naturheil-Verein feierte letzten Sonntag sein diesjähriges Weihnachtsfest. Der Saal im kath. Vereinshause war bis zum letzten Stuhl besetzt. Theaterstücke, von 31 Kindern des Vereins aufgeführt, sowie andere Bühnen- und Musikvorträge wechselten in bunter Reihenfolge und fanden großen Beifall. – Eine Festrede des Vorsitzenden legte die Ziele und Aufgaben des jungen Vereins dar, der nur der Wohltätigkeit und Aufklärung des Volkes sich widme, in letzter Zeit für die Linderung des Loses der in Feindesland stehenden Vaterlandsverteidiger arbeite und für dieselben große Opfer gebracht habe. – Eine Verlosung gediegener Gegenstände bildete den Schluß des Festes.
Sanitätshunde. Von der hiesigen Sammelstelle sind gestern abend wieder drei weitere Sanitätsführer mit Hunden nach der Front abgegangen. Führer sind die Herren Referendar Br. Beckhoff, Referendar Hölken und Gymnasialschüler Fritz Monreal aus Bonn. Die Hunde sind für das 1. bayrische Armeekorps bestimmt. Die Führer sind zunächst nach München beordert worden, wo ihre Einkleidung erfolgen wird. In den nächsten Tagen werden die übrigen Führer und Hunde der hiesigen Meldestelle sämtlich zur Front abgehen. Es werden daher wieder weitere Führer und Hunde eingestellt. Herren, die sich für diesen vaterländischen Dienst zur Verfügung stellen wollen, wollen sich umgehend bei dem Leiter der Meldestelle Herrn Polizeikommissar Flaccus, Kirsch-Allee 23 hier, melden. Es wird darauf hingewiesen, daß landsturmpflichtige und nicht mehr landsturmpflichtige Personen, auch solche mit geringen körperlichen Fehlern, die aber unbedingt marschfähig sein müssen, eingestellt werden können. Die Bestimmungen über die Versorgung der Militärpersonen finden daher auch auf sie Anwendung.
Ein 21jähriger Schmiedegeselle aus Frankfurt a. M., der am Samstag abend auf dem Kaiser-Karl-Ring und in der Adolfstraße versucht hatte, einer Dame das Handtäschchen zu entreißen, wurde von der Polizei festgenommen. Auf das Hilfegeschrei kamen drei Soldaten hinzu und faßten den Burschen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Wer ertragfähiges Land unbebaut liegen läßt, entzieht in ernstester Zeit dem deutschen Volke einen Teil der Nahrung. In Festungen wird der Anbau von oben herab erzwungen. Unser Vaterland ist aber eine große Festung, und auf das Aushungern hat England seine Hoffnung gesetzt. Bonn ist von Baugelände umgeben, das zum großen Teil ohne schwere Kosten mit Nutzen bestellt werden kann. In der Kriegszeit kann es uns Nahrung schaffen, aber auch in der Friedenszeit ist es dauernd nötig, die Selbstversorgung unseres Vaterlandes möglichst vollkommen zu machen. Die Besitzer von Baugeländen werden weiter auch bei dem glänzenden Friedensschlusse nicht viel Gelegenheit zum Verkaufe für sofortigen Häuserbau haben. Wer also jetzt sein Baugelände wieder bestellen läßt, dient nicht nur dem Nutzen der Allgemeinheit, sondern auch dem eigenen. Es ist die höchste Zeit, die Bestellung der Ländereien zu beginnen. An jeden Besitzer ertraglosen Bodens geht die dringende Bitte, diese Zeilen zu beherzigen, und sofort danach zu handeln. Wir haben vielerlei Ausschüsse; ein Ausschuß für Anbau jetzt unbestellter Ländereien wäre sehr notwendig. Aber niemand warte ab, sondern jeder handele! Er dient dann dem Vaterlande, dem Volke, der Stadt und sich selbst. Jede Zeitung eröffne eine Anzeigenspalte „Unbebautes Gelände“, damit sich Eigentümer und Bebauer zusammenfinden. Auch an die herrschaftlichen Gärtner, wie dessen Herren, geht die Lehre: Rosen und Chrysanthemen kann man nicht essen; das Volk aber muß ernährt werden! Civis
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Mittwoch, 23. Dezember 1914
Weihnachtsfeier bei den Verwundeten. Am gestrigen Abend fand im Reservelazarett in der Rosenstraße hierselbst für die dort untergebrachten Verwundeten bei prächtig geschmückten Tannenbaum eine schöne Weihnachtsfeier statt. Dieselbe ging von der Wohltätigkeit einiger ungenannter hochherziger Damen der Poppeldorfer Allee aus. Dieselben hatten einen jeden dieser tapferen Krieger recht reichlich beschert. Mit sehr wirkungsvollen und zu Herzen gehenden Worten schilderte Herr Zahnarzt Heyden, der gleichzeitig leitender Arzt ist, das „Weihnachtsfest 1914“, wobei er u.a. die einzelnen gegen uns kämpfenden Nationen charakterisierte und hierbei die Vorzüge des deutschen Soldaten markant hervorhob. Jeder Teilnehmer war von den vortrefflichen Worten und den ganzen Darbietungen feierlich ergriffen und diese ließen die Schwergeprüften eine Zeitlang ihr trauriges Los vergessen. Die hochherzigen wohltätigen Damen mögen sich durch das ausgesprochene Dankesgefühl der Verwundeten für ihre Opferwilligkeit belohnt fühlen. Für dieses wie auch für alle anderen bisher jenen Schwergeprüften gewährten Zuwendungen sei ihnen hier nochmals der Dank ausgesprochen.
Die Gesellschaft für Literatur und Kunst veranstaltet am Sonntag, 27. Dezember, nachmittags 6 Uhr in der Lese einen Legendenabend. Dr. Richard Benz aus Heidelberg wird aus seinen oft gerühmten Nachdichtungen mittelalterlicher deutscher Legenden vorlesen.
Meldepflicht aller in Privatpflege befindlichen Verwundeten. Das Garnisonskommando gibt folgendes bekannt. „Alle in Bonn in Privatpflege befindlichen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften haben sich, wenn noch nicht geschehen, unverzüglich persönlich – und falls dies ihr körperlicher Zustand nicht erlaubt -, schriftlich beim Garnisonskommando anzumelden.“
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Einschränkung der Neujahrskarten für Feld und Heimat. Der Feldpostbriefverkehr nimmt dauern an Umfang zu; nur mit Aufbietung aller Kräfte ist es bis jetzt gelungen, ihn ordnungsmäßig zu bewältigen. Ihm drohen aber neue Gefahren, wenn ein Austausch von Neujahrskarten in dem in Friedenszeiten üblichen Umfange zwischen der Heimat und den Angehöriges des Heeres in diesem Jahre stattfindet. Es ist unmöglich, im Felde Aushilfspersonal einzustellen. Durch solche Massenversendungen würde nicht nur der Dienstbriefverkehr, sondern auch der persönliche Privatbriefverkehr leiden; aus diesen Gründen ersucht die Heeresverwaltung das Publikum dringend, die Absendung von Neujahrsglückwünschen durch die Feldpost zu unterlassen. Auch die Versendung von Glückwünschen in die Heimat sollte man einschränken. Die hierdurch ersparten Summen würden, wie dies auch bereits in früheren Jahren vielfach geschehen ist, wohltätigen Zwecken zuzuführen sein.
Die Weihnachtsbescherung der Verwundeten hat in der Kapelle des Friedrich-Wilhelm-Stift würdig und schlicht bei gemeinsamen Weihnachtsgesängen, Schwesternchören und einer Ansprache des Herrn Superintendenten Bleibtreu stattgefunden. Dann gingen die Leichtverwundeten mit zur Bescherung ihrer schwerverwundeten Kameraden in die große Baracke. Ein Bonner Student trug ein den Schwestern, Hilfsschwestern und freien Hilfen im Friedrich-Wilhelm-Stift gewidmetes Dankgedicht vor.
An die Feier schloß sich ein gemeinsames Abendessen, wozu das Kuratorium, die Aerzte mit ihren Damen, Offiziere, Mannschaften und Schwestern des Lazaretts, sowie eine große Anzahl Bonner Damen, die die Speisung der Ambulanten übernommen haben, sich eingefunden hatten. Darbietungen aller Art hielten die Teilnehmer noch lange zusammen. Superintendent Bleibtreu brachte ein Kaiserhoch aus, während Leutnant Füchtjohann allen dankte, die ihr Scherflein zur Feier beigetragen haben.
Ein „Weltreisender“ vor dem Kriegsgericht. Ein 46jähriger Mechaniker aus Düsseldorf hatte seinerzeit um 15.000 Mk. eine Wetter eingegangen, daß er in einer bestimmten Frist eine Fußtour durch ganz Europa machen werde. Der Wettbetrag wurde auf 15.000 Mk. festgesetzt und sollte zum Ankauf eines Flugapparates verwandt werden. Nach Antritt der Reise kaufte der Weltreisende in Hamburg einen Revolver, den er auf der ganzen Tour mit sich führte. Am Ende der schönen dreijährigen Reise kam er jetzt nach Köln, wo er in einer Wirtschaft von einem Wehrmann scharfe Patronen zu kaufen wünschte. Dem Soldaten kam das verdächtig vor und erließ jenen verhaften. Das außerordentliche Kriegsgericht verurteilte den Weltreisenden wegen verbotenen Waffentragens unter Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß er einen Soldaten zum Patronenverkauf anstiften wollte, zu zwei Monaten Gefängnis.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Die Landsturmmänner, welche Tag und Nacht im weiten Deutschen Reiche die Bahnwache versehen, bitten sehr, sie bei den Liebesgabenspenden nicht zu vergessen. Sie müssen bei Wind und Wetter, bei Regen und Kälte auf ihrem Posten ausharren und haben oft nichts, was ihnen die Beschwerden ihres eintönigen Berufes ein wenig erleichtert. Es fehlt ihnen vor allem an Tabak und Pfeifen, an Kartenspielen für die Mußestunden, gelegentlich auch an Speck und Wurst und nicht zuletzt an wärmender Unterkleidung.
Die Sammlung von Wollresten, die der Ausschuß für hauswirtschaftliche Kriegshilfe veranstaltete, hatte ein sehr erfreuliches Ergebnis. Es wurden gesammelt: 637½ Kilo Wolltuch, 74½ Kilo Gestricktes , 493 Kilo Gemischte Stoffe. Das entspricht einem Wert von etwa 1500 Mark.
Der Bonner Maler Seehaus stellt jetzt im Oberniermuseum einige seiner Bilder aus. Nichts konnte für Seehaus vorteilhafter sein, als die nahe Nachbarschaft mit Türoffs grünem, flachsigem Kinderbildnis. Hier stoßen sich zwei Pole ab. Türoff begnügt sich mit der bloßen Zustandsschilderung, der er allerlei Impressiönchen und Sentimentalitäten zugibt. Seehaus wurde von dem Drang nach der mythischen Version aus der alten Malweise auf den Weg zum Kubismus geführt. Ich weiß Keinen zu nennen, dem man auf diesem Wege so weit folgen kann, wie Seehaus. Er löst seine Bilder nicht wie der strenge Kubismus (über dessen Berechtigung hier nicht gesprochen werden soll) in Pyramiden und Kuben auf, er verzichtet nicht so sehr auf die Bedeutung des Materiell-Gegenständlichen, daß eine perspektivische Raumvorstellung nicht mehr zustande kommt, seine Bilder sind nicht nur „Fläche“ wie bei Picasso. Aber da sein Streben nach Vergeistigung von einer ganz persönlichen Anschauungsweise getragen wird, muß seine Kunst wohl immer eine Angelegenheit für einen kleinen Kreis stiller Menschen bleiben. Sch.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Den Bonner Damen zu Nachahmung!
Am Sonntag besuchte ich eine Freundin in Meckenheim. Am abend holte ich sie aus einer Versammlung junger Mädchen ab, welche unter dem Vorsitz eines Bahnbeamten stattfand. Und was schaute ich, als ich in den Saal eintrat? Ein Märchenbild aus „Tausend und einer Nacht!“ – Auf langen Tischen standen vierzig kleine Weihnachtsbäumchen, von den Damen allerliebst herausgeputzt, der Gefahr halber ohne Kerzen. Sie waren für die Sanitätszüge bestimmt. Jeder Wagen soll ein Bäumchen erhalten und die Lokomotive ein größeres. Und noch mehr! Für jeden Verwundeten noch eine Weihnachtstüte mit Lebkuchen, Spekulatius, Schokolade usw. Durch diese sinnige Liebesgabe wird auch in die Herzen unserer lieben Krieger süßer Weihnachtsfriede einziehen und sie für einige Stunden vergessen machen, daß sie fern sind ihren Lieben. Alle Bäumchen waren mit Wurzel eingepflanzt und so werden sie zeitlebens ein liebes Gedenken der deutschen Treue sein.
Weiter erzählte mir der Vorsitzende, wie sehr sie für die durchfahrenden Truppen besorgt seien und seine Augen glühten vor patriotischer Begeisterung, als er hinzufügte, daß er und seine Meckenheimer Damen – die weder Mühe noch Wege scheuten – schon manchem das Leben gerettet. Davon zeugen viele rührende Dankeskarten. Doch auch Frohsinn war Gast in dem kleinen Kreise. Man spielte und sang und „Durch des Vorsitzenden ‚List und Tück’ - floß auch manches blinkende Stück – in sein Soldatensäckel.“
Aber nun behauptete man in Meckenheim, wir Bonner Mädchen wären nicht so patriotisch. Das dürfen wir uns nicht bieten lassen und darum, liebe Bonnerinnen, frisch an’s Werk: Noch haben wir zwei Tage und manches Bäumchen können wir noch schmücken. Das „Rote Kreuz“ am Bonner Bahnhof nimmt sie sicher gerne entgegen. Eine Bonner Patriotin
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Donnerstag, 24. Dezember 1914
Einschränkung der Neujahrsglückwünsche. Der Feldpostbriefverkehr nimmt andauernd an Umfang zu; nur mit Aufbietung aller Kräfte ist es bis jetzt gelungen, ihn ordnungsgemäß zu bewältigen. Ihm drohen aber neue Gefahren, wenn ein Austausch von Neujahrskarten in dem in Friedenzeiten üblichen Umfange zwischen der Heimat und den Angehörigen des Heeres in diesem Jahre stattfindet. Es ist unmöglich, im Felde Aushilfspersonal einzustellen. Durch solche Massensendungenwürde nicht nur der Dienstbriefverkehr, sondern auch der gewöhnliche Privatbriefverkehr leiden; aus diesen Gründen ersucht die Heeresleitung das Publikum dringend, die Absendung von Neujahrsglückwünschen durch die Feldpost zu unterlassen. Auch die Versendung von Glückwünschen in die Heimat solle man einschränken. Die dadurch ersparten Summen würden, wie dies auch bereits in früheren Jahren vielfach geschehen ist, wohltätigen Zwecken zuzuführen sein.
Hilfsstelle zu Ermittlung von Kriegsgefangenen. Bei der gestrigen Aussprache kam zunächst eine von dem Lager zu Mont Louis eingegangene Liste von 24 Gefangenen rheinischer Regimenter zur Verlesung. Aus sonstigen Nachrichten ging hervor, daß von einem seit August vermissten Wehrmann erst jetzt aus St. Nazaire Nachricht eingetroffen sei. Die Mitteilung eines gefangenen Bonners, daß er in dem gesandten Paket außer den Lebensmitteln eine leere Zigarrenkiste vorgefunden und der Inhalt der letzteren wohl unterwegs Liebhaber gefunden habe, war von der Zensur mit dem Vermerk „Verboten“ versehen worden. Es empfiehlt sich daher, Zigarren an Gefangene in Frankreich nicht abzusenden. Da aus manchen Briefen hervorgeht, daß die Gefangenen Lebensmittel sehr benötigen, wurde die Frage gestreift, ob nicht auch die Absendung von Liebesgaben, wenigstens an solche Gefangene, die von unbemittelten Angehörigen kaum etwas zu erwarten haben, am Platze sei. Solche ärmere Gefangene sind der Hilfsstelle bekannt. Zweifellos würde diesen Kriegern, zumal sie teils noch neben dem seelischen Leid der Gefangenschaft das körperliche zu tragen haben, ein solcher Gruß aus der Heimat das getroffenen Los mildern und sie erfreuen. Leider hat die Hilfsstelle keinerlei Mittel, um derartige Pflichten zu erfüllen. Die nächste Aussprache wurde für den 4. Januar angeordnet.
Die Hansa-Handels-Schule veranstaltete am Montag ihre diesjährige Weihnachtsfeier. Die Schüler und Schülerinnen hatten wieder einen reichen Gabentisch für armen Kinder aufgebaut und erfreuten die Anwesenden ferner durch Gesang-, Musik- und Gedichtvorträge usw. Zur Verschönerung der Feier trug namentlich auch die Lehrerin Frl. Funke durch ihre Lieder zur Laute bei. Außer den Armen wurden auch unsere tapferen Krieger nicht vergessen; eine Anzahl Verwundeter aus den hiesige Kliniken nahm teil an der Feier, ward vom Nikolaus – nicht dem russischen – mit allerlei Nützlichem und Angenehmen bedacht und verbrachte so etliche frohe Stunden im fröhlichen Kreise.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Katholischer Gesellenverein. Statt der sonstigen Weihnachtsaufführung findet in diesem Jahre am 2. Weihnachtstage abends 6 Uhr nur eine kleine, patriotische Veranstaltung verbunden mit kurzer Weihnachtsfeier statt. Herr Klutmann wird dabei einen Lichtbildvortrag über den Kampf im Argonnerwald halten (Eintrittsgeld wird nicht erhoben.)
Weihnachtsfeier im Garnisonlazarett. Am Mittwoche abend fand im Garnisonlazarett eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier statt. Angesichts des strahlenden, mit reichem Schmuck behängten Baumes, der im größten Krankenraume seine Aufstellung gefunden hatte, hielt Dechant Böhmer inmitten der Verwundeten und zahlreicher Gäste, die in den Kriegsmonaten ihr besonderes Interesse dem Lazarett bewiesen hatten, eine zu aller Herzen gehende Ansprache. Ein gemeinsam gesungenes Weihnachtslied spann die Gedanken der Rede in sinniger Weise fort. Nun öffnete sich die Tür, und eine Schar kleiner Kinder aus dem Kinderhort, zum Teil als Heinzelmännchen verkleidet, mit dem Weihnachtsmann an der Spitze, führte ein kleines volkstümliches Weihnachtssingspiel auf, das viel Beifall fand; es endete mit der Verteilung der für jeden Insassen des Lazaretts bestimmten Gaben. Hierauf erfreute Schwester Selma Weiß noch mit ihrem trefflichen Singchor, dem die LazaretteBonns schon manche schöne Stunde verdanken, die Festteilnehmer. Zum Schluß dankte ein verwundeter Unteroffizier im Rahmen aller in kernigen Worten sämtlichen Veranstaltern des schönen Abends. Ein besonderer Dank aber gebührt den unermüdlichen Krankenschwestern des Lazaretts sowie dem Herrn Oberinspektor Thaa, welche vereint die Vorbereitungen und die Durchführung des wohlgelungenen Festes übernommen hatten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Vaterländische Reden und Vorträge. Am sechszehnten Abend sprach der Bonner Benediktinerpater Albert Hammenstede über „Krieg und Soldatenstand im Lichte der katholischen Liturgie“. Kriegen, richtig verstanden, ist ein Kampf für Gott als die höchste Wahrheit, sagte P. Hammenstede. Diesen Krieg läßt die katholische Kirche nicht nur zu, sie befürwortet ihn sogar und gibt dieser ihrer Ueberzeugung in der Liturgie Ausdruck. Betend, segnend und opfernd tut die Kirche alles für das Vaterland und seine Söhne; jedem Krieger ist sie nahe. Nicht der Haß treibt uns ja das Schwert in die Hand, sondern die grenzenlose Liebe zum Inbegriff des Rechtes und der Wahrheit: zu Gott. So kann man von einer Heiligkeit des Krieges sprechen. P. Hammenstede erklärte sehr ausführlich die Zeremonien der liturgischen Handlungen, in welchen die katholische Kirche durch den Bischof den Soldat, seine Uniform, seine Waffe und die Fahne weiht, er wies auf die Gebete und Psalmen hin, in denen der Priester bei der hl. Messe Gott um seine Hilfe für die kämpfenden Heere anruft und er sprach von dem Gebet der Gläubigen, von den Bittprozessionen um einen glücklichen Ausgang des Krieges. Der Vortrag wird am 2. Januar wiederholt.
Im Mutterhaus vom Roten Kreuz fand, wie dies in vielen Mutterhäusern Sitte ist, eine Kinderbescherung statt, welche sich besonders schön gestaltete durch die Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Prinzessin zu Schaumburg-Lippe, die Ehrenmitglied des Mutterhauses ist. Die Bescherung trug in diesem Jahr einen ganz besonderen Charakter; denn neben den erschienenen Gästen scharten sich mit den Kindern unsere verwundeten Krieger um den silberglänzenden Weihnachtsbaum. Auch die außerhalb stationierten Schwestern waren vollzählig erschienen, sind sie es doch, die in wochenlanger Arbeit neben der Pflege die sämtlichen Bekleidungsgegenstände für die Kinder selbst angefertigt haben. – Die Verwundeten, welche sich bei den Vorbereitungen auch gerne und eifrig betätigt hatten, ließen es sich nicht nehmen, die Feier durch sorgsam einstudierte Darbietungen zu verschönen. (…) Möge der Wunsch des Geistlichen, daß der Friedensfürst unserem Vaterland nach erfolgreichem Kampfe einen ehrenvollen dauernden Frieden bescheren möge, recht bald in Erfüllung gehen!
Weihnachtsfeier der Kinderhorte. Im großen Saale des Bürgervereins fand am Dienstag nachmittag die Weihnachtsfeier der 4 Horte des Kath. Frauenbundes statt. Fast 400 Kinder hatten sich, zum Teil mit ihren Müttern, versammelt, um mitten in der harten Kriegszeit das Fest des Friedens, das Fest der Kinder zu feiern. Weihnachtsklänge, liebe, altvertraute, von Kindermund schlicht und fromm gesungen, trugen Weihnachtsstimmung in aller Herzen, gemischt freilich mit Wehmut beim Gedenken an all‘ die draußen im Felde Weihnachten Feiernden. Herr Oberpfarrer Böhmer hielt in warmen Worten eine Ansprache an die Kleinen, ihnen als echten, deutschen Kindern die Waffe des Gebetes zur Mithülfe an dem großen Kampfe empfehlend und sie auffordernd zu pünktlichem, freudigem Gehorsam. (…) Alle Darbietungen, vor allem auch ein allerliebster Engelreigen und der , von einer jungen Dame stimmungsvoll vorgetragene Prolog, dem Gedanken Ausdruck gebend, daß nur durch Kampf der echte Frieden zu gewinnen sei, fanden reichen Beifall und dankbare Anerkennung.
Ein Bonner Offizier erzählt uns folgende Begebenheit, die sich an einem Ort unserer Westgrenze zugetragen hat:
„Zweihundertzwanzig Landsturmleute stehen in Reih und Glied vor mir und erwarten meine Kommandos. Da ich das Recht habe, zwanzig von ihnen als überzählig zu entlassen, richte ich folgende Frage an sie:
„Leute! zwanzig von euch, die gerne entlassen wären, mögen vortreten; wir haben Mannschaften zuviel! …
Niemand tritt vor.
Da sage ich mit erhobener Stimme:
„Versteht mich recht, Leute! Es sind doch gewiß viele unter euch, die Frau und Kinder, vielleicht eine recht zahlreiche Kinderschar zu Hause haben und deshalb sicher gerne daheim blieben, anstatt ins Feld zu ziehen. Es wird euch gar nicht verübelt, wenn ihr vortretet; ich bin selbst ein alter Familienvater und fühle mit euch; also nachmals: vortreten wer entlassen sein soll!“
Stramm und stolz stehen 220 Landsturmleute vor mir, alles bärtige Männer und keiner von ihnen rührt sich, trotzdem ich weiß, daß der größte Teil von ihnen zu Hause Weib und Kinder hat. Nicht wahr, das ist echte, die große, ganz starke Liebe zum Vaterland. Ich bin stolz auf meine Landsturmmänner, und ich habe ihnen das auch gesagt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
An unsere Beamten.
Wie wäre es, wenn am 1. Januar d. Js. alle Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten, sowie auch alle Pensionäre Bonns eine kleine Spende für das „Rote Kreuz“ beisteuern wollten, es würde dann eine ganz schöne Summe in Bonn zusammen kommen; auch dürfte dieses patriotische Werk in andern Städten Nachahmung finden. Ein Pensionär.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Freitag, 25. Dezember 1914
Schwestern zur Front. Am 23. Dezember entsandte der Vaterländische Frauen-Verein, Stadtkreis Bonn, sechs Schwestern zur Arbeit nach St. Quentin. Die Schwestern waren vom Herrn Territorialdelegierten für freiwillige Krankenpflege dringend angefordert worden.
Weihnachtsgaben für die Verwundeten. Das Delikatessenhaus Braunschweig hat gestern sämtliche Lazarette mit Weihnachtsgaben (Wein, Kognak, Rum, Obst usw.) reichlich beschenkt. Dem Geber sei auch an dieser Stelle der Dank der Verwundeten ausgesprochen.
Der Wehrbund veranstaltet am dritten Feiertag (Sonntag) eine Marschübung über die Berge nach Mehlem und zurück. Alle Abteilungen treten hierzu um ½8 an der Südschule in Kessenich an. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Weihnachten 1914.
Wir starren in das Kerzenlicht
Und begreifen es nicht,
Daß in das Dröhnen der Weihnachtsglocken
Kanonendonner sich mischt,
Daß in das helle Kinderfrohlocken
Todbringend die Granate zischt.
Schmerzgeschrei die Luft durchgellt,
So mancher Soldat vornüber fällt.
Der noch im Tod das Schwert umklammert hält.
Menschenliebe, Menschheitsfrieden
Singen die Glocken
Allerwärts.
Erschrocken
Greifen wir ans Herz:
Noch ist uns nicht beschieden
Jener Frieden,
Von dem die Engel singen
Und die Herzen wiederklingen.
Haß, Wut und Neid hat den Frieden zerstört,
Die Menschen betört,
Daß sie sich in blutigen Schlachten
Zu erwürgen trachten. –
Und nun erstarrt die Welt im Leid.
Menschheitsfrieden? – Noch ist er weit.
Und noch viele werden zu Boden sinken,
Der Winterschnee wird ihr Herzblut trinken.
Und der Tod
Tritt noch in manche Stube, wo jetzt
der Christbaum loht.
Wir starren in das Kerzenlicht,
Wir trauern wohl, aber verzagen nicht.
Wir wissen, daß nach dieser Winternacht
Ein schönerer Morgen dereinst erwacht,
Wo Schlachtenlärm und Donner schweigt,
Der Sieg sich zu uns neigt
Und sich über das deutsche Land
Ein Friedenshimmel spannt.
Kommt dann das Christkind, werden
Die Glocken jauchzend erschallen
Und die Wahrheit wird in uns widerhallen:
„Frieden den Menschen auf Erden
Und den Menschen ein Wohlgefallen."
Heinz Dohm – Bonn
Weihnachten 1914 ist mit eisernem Griffel in unsere Herzen eingeschrieben. Der fröhliche Frieden, der sonst im Familienkreise unter dem brennenden Weihnachtsbaum heimisch war, ist in diesem Jahr ernster Nachdenklichkeit und hier und da banger Sorge um das Leben der Väter, Söhne und Brüder gewichen. Aber als dann die Frage auftauchte, ob die Weihnachtstage den Zauber des Christbaumes entbehren sollten, da stemmten sich hoch Tausende gegen dieses Ansinnen. Der Weihnachtsbaum sollte nicht fehlen, und fast noch mehr als in früheren Jahren wurde der Tannenbaum begehrt und gekauft.
Es ist wohl so, daß wir das Weihnachtsfest 1914 noch inniger, trautlicher gestalten wollen, um den Kindern, für die ja der Tannenbaum eigentlich bestimmt ist, keine bangen Gedanken aufkommen zu lassen, keine verwunderten Fragen „Warum haben wir keinen Weihnachtsbaum?“ Dann auch ist es für unsere Tapferen im Felde beruhigend, wenn sie wissen, daß daheim die Weihnachtslichter frohe, zufriedene Mienen bescheinen, und daß das Leben in der Heimat seinen ruhigen Gang weitergeht.
Das Bonner Stadtbild zeigte in den letzten Wochen einen regen Verkehr. Außer den Verwundeten, die in den Lazaretten untergebracht sind, sind viele Weihnachtsurlauber hier eingetroffen. Man sieht viele zugereiste Familienmitglieder der hier weilenden Krieger, die die Feiertage gemeinschaftlich mit ihnen verbringen wollen. Das Weihnachtsgeschäft hat sich in den letzten Tagen noch recht gehoben, und wenn man in Betracht zieht, daß man in den ersten Kriegswochen an ein völliges Darniederliegen des Geschäftsverkehrs dachte, so kann man jetzt mit freudiger Genugtuung feststellen, daß, dank unserer guten Wirtschaftslage, der Geschäftsverkehr eine starke Aufwärtsbewegung gemacht hat. Und auch diese Tatsache wird mit dazu beitragen, daß es uns gelingen wird, durchzuhalten.
Der Vaterländische Frauenverein des Stadtkreises Bonn entsandte am 23. Dezember auf dringende Anforderung des Territorialdelegierten für freiwillige Krankenpflege sechs Schwestern zur Arbeit nach St. Quentin.
Mehlem, 23. Dez. Für die Kinder der Suppenküche Mehlem-Lannesdorf veranstaltete Frau W. Th. Von Deichmann, Mehlemer Aue, am Samstag eine hübsch verlaufene Weihnachtsfeier, an der auch die Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, Frau Bürgermeister Dengler, teilnahm. Die Lehrerinnen Frl. Schütz und Hoff (Mehlem), Frl. Kalscheuer (Lannesdorf) haben durch Gesangsdarbietungen und ein Weihnachtsspiel die Feier verschönt. Die Aufsichts- und Hülfsdamen der Suppenküche hatten es übernommen, den Kindern Schokolade und Gebäck zu reichen. An 300 Kinder wurden am Schluß mit Spielsachen, Büchern und Leckereien beschenkt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Von der Handelskammer zu Bonn ist uns ein Aufruf zur Sammlung von Mitteln zur Ausrüstung des ersten deutschen Lazarettzuges für die türkische Armee mit der Bitte um Weiterverbreitung zugesandt worden. (…)
Wenn auch tagtäglich die Opferwilligkeit unserer Bevölkerung zur Linderung der Kriegsnot von den verschiedensten Seiten angerufen wird und verhältnismäßig große Opfer gefordert werden, so möchten wir doch der Zuversicht Ausdruck geben, daß vorstehender Aufruf nicht unbeachtet bleibt, sondern möglichst alle Kreise sich dazu bereitfinden, Spenden für den bezeichneten guten Zweck zu gewähren. Eilt es doch, dem türkischen Volke unsere Anerkennung dafür zu zollen, daß es uns in schwerer, ernster Zeit im richtigen Augenblick treue Freundschaft bekundete. Auch dem türkischen Volke gegenüber soll Treue um Treue gehalten werden.
Spenden, worüber öffentlich quittiert werden soll, nimmt unsere Expedition sowie die Geschäftsstelle der Handelskammer zu Bonn, Schumannstraße gern entgegen.
Eine nachahmenswerte Weihnachtsbescherung bereiteten die bemittelten Angehörigen der ersten Kompagnie des Landsturm-Infanterie-Bataillons Bonn ihren hilfsbedürftigen Kameraden von der gleichen Kompagnie. Sie zeichneten insgesamt einen Betrag von weit über 1000 Mark, kauften dafür von der Stadtverwaltung Gutscheine für Lebensmittel und Briketts und verteilten die Scheine an die Frauen jener Kameraden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Samstag, 26. Dezember 1914
Am zweiten Weihnachtstag erschienen in Bonn keine Zeitungen.
Sonntag, 27. Dezember 1914
Die Weihnachtstage sind bei klarem Frostwetter zu Ende gegangen. Morgens glitzerte Rauhreif auf den Feldern und Bäumen. Die Kälte ließ es zu Hause in der warmen Stube noch einmal so behaglich sein. Während der Christbaum strahlte und Weihnachtslieder gesungen wurden, flog dankbar-inniges Gedenken zu unseren braven Kriegern in Feindesland. In dieses Gedenken kam die hoffnungsvolle Zuversicht, daß der Krieg bald zu einem für uns glücklichen Ende geführt werden, damit unsere Feldgrauen, das Siegeslorbeer-Reis am Helm, wieder zu uns zurückkehren können. Den Kindern aber, die unbekümmert um Not und Krieg lachend in den Kerzenschein staunten, denen wünschte man aus tiefster Seele heraus, daß ihnen ihr Leben hindurch keine Kriegsweihnachten beschieden sein möchten, sondern Weihnachtstage unter der nie verlöschenden Sonne des Friedens.
Die Weihnachtstage von 1914 werden nicht vergessen Not, Bitternis, Entsagung, zerstörte Hoffnungen, ja die ganzen Phasen des Menschenleidens sind mit diesen Weihnachtstagen unlöslich zusammengeschmiedet. Aber noch eines haben uns die Kriegsweihnachtstage gegeben: die eisenfeste Entschlossenheit, trotz Not und Leid durchzuhalten, auf die Zähne zu beißen, mag noch kommen was will, und nicht eher Ruhe zu geben, als bis uns dieser Krieg für all das Schwere, was er uns aufgebürdet , entschädigt hat, d.h., daß uns der Frieden beschert wird, der nicht mehr von irgend einem feindlichen Nachbar gestört werden kann.
Die Weihnachtstage von 1914 hatten stahlharten Klang. Es waren Prüfungstage besonderer Art, deren uns der Krieg so viele schon gebracht hat, aber eben deshalb werden sie un vergeßlich sein. Sie haben uns geläutert und darum möchten wir sie trotz ihrer Schwere nicht missen.
Der Straßenverkehr war am ersten Feiertage, wie nicht anders zu erwarten, sehr still, da es die Meisten nicht vom Hause fortlockte. Der zweite Feiertag brachte mehr Verkehr, insbesondere sah man viele Bewohner der Umgegend in den Straßen und Lokalen der Stadt. Auch die verwundeten Krieger, die in den hiesigen Lazaretten untergebracht sind, haben ihr Weihnachtsfest gefeiert. Ueberall brannte der Christbaum und freundliche Hände hatten für die Krieger zweckdienliche Gaben bereitgestellt. Hier und da wurden den Verwundeten Unterhaltungen von Gesangsvereinen usw. dargebracht, sodaß die Krieger, wen auch nicht zu Hause, so doch friedliche Weihnachten erleben durften. In der Bonner Bahnhofshalle war ein riesiger Tannenbaum mit vielen Lichtern aufgestellt, der den vorbeifahrenden Truppenzügen freundliche Weihnachtsgrüße zurief. Viele Eisenbahnzüge waren mit Tannengrün geschmückt und hier und da sah man sogar kleine Christbäumchen in den Zügen; Beweise, wie eng deutsches Wesen mit dem Weihnachtsbaum verknüpft ist.
Im Vereinslazarett vom Roten Kreuz „Glück auf“ fand am Mittwoch eine schöne Weihnachtsfeier statt. Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe, die Protektorin des Lazaretts, war hierzu erschienen und überreichte den Schwestern, Aerzten, Helferinnen prächtige Gaben. Inzwischen hatten sich die nicht bettlägerischen Verwundeten unter dem strahlenden Weihnachtsbaum versammelt. Es wurden Weihnachtslieder gesungen. Weihnachtsgedichte vorgetragen und Geheimrat Dr. Walb sprach über die Bedeutung des Festes. Die Frau Prinzessin überreichte jedem Verwundeten mit freundlichen Worten sinnig gewählte Geschenke. Auch die bettlägerischen Kranken wurden durch Geschenke erfreut.
Kath. Gesellenverein. An Stelle der sonst zu Weihnachten üblichen Theateraufführung zum Besten des Gesellenhauses fand gestern abend für die Mitglieder und deren Familien eine Weihnachtsfeier statt, die derart zahlreich besucht war, daß im großen Saale des Gesellenhauses kaum noch ein Stehplatz zu finden war. Der Präses, Her Kaplan Rütters, betonte in seiner Begrüßungsansprache, daß infolge des Krieges die Weihnachtsfeier in diesem Jahre bescheidener sein soll, aber das Programm wies dennoch eine große Fülle von schönen Darbietungen in Gesang, Musik, Deklamationen, lebenden Bildern und einem Theaterstück auf. Von besonderem Interesse war der Lichtbildvortrag des Herrn Klutmann, der die Zuhörer in Wort und Bild durch den jetzt so heiß umstrittenen Argonnerwald führte. Die Anwesenden folgten mit großer Aufmerksamkeit den Ausführungen und spendeten lebhaften Beifall. Große Begeisterung erweckte der inzwischen vom General-Anzeiger eingetroffene Tagesbericht des Großen Hauptquartiers, welcher verlesen wurde, worauf die Zuhörer die Nationalhymne und Deutschland über alles sangen. Den Schluß des Abends bildete die Aufführung eines Theaterstücks von Th. Körner: „Deutsche Treue“, bei dem die Spieler des Gesellenvereins ihr bekanntes schauspielerisches Talent zur Geltung bringen konnten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Neujahrskarten und Rotes Kreuz. Auf die gegebene Anregung, keine Neujahrskarten zu versenden, und das Geld, das für derartige Karten sonst ausgegeben wird, dem Roten Kreuz zu überweisen, muß erwidert werden, daß die Papiergeschäfte dem nicht zustimmen können. Die Lage dieser Geschäfte würde noch verschlechtert, wenn der Anregung Folge gegeben würde. Wenn für die Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Lebens das Wort geredet wird, dann muß man auch den Papiergeschäften gestatten, daß sie sich durchhalten können. Grade das Neujahrsgeschäft bedeutet aber für viele Geschäfte einen sog. „Raußreißer.“
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Montag, 28. Dezember 1914
Weihnachtsfeier der Verbands- und Erfrischungsstelle Bonn „Prinzessin Viktoria“ Lille. Man schreibt uns: In Feindesland, umgeben vom Donner der Geschütze, in jedem Quartier, selbst in den unwirtlichen gefahrvollen Schützengräben, läßt der Deutsche es sich nicht nehmen, seinen Weihnachtsabend zu feiern. Und so auch hier in Lille. – Ich schreibe diese Zeilen noch am Abend selber, ganz im Banne des tiefen erhebenden Eindruckes, den diese Feier auf alle Teilnehmer gemacht hat. Wir hatten den uns mit dem Weihnachtsboten zugesandten Christbaum in der größten Halle (45 : 70) aufgestellt, herrlich geschmückt von unseren Schwestern und auf allen Seiten umgeben von langen, mit weißem Leinen (auch temporäre Liebesgaben) gedeckten Tischen. Auf dem längsten waren die Geschenke für unsere Schwestern, Sanitäter, Küchenpersonal usw. ausgelegt.
Um 5 Uhr erschienen die zur Feier eingeladenen Gäste, vom Vorstand herzlich begrüßt. Es waren gekommen der Guvernör von Lille, von Heinrich mit seinem Stabe, ferner General von Grävenitz, Oberst von Dührer, Erlaucht Graf Reipperg, Obergeneralarzt Burge, Bahnhofskommandant Oberst Wupperer und viele andere. Von Fürst Adolf zur Lippe war folgendes Telegramm eingetroffen:
„Verbands- und Erfrischungsstelle Prinzeß Viktoria, Lille, Bahnhof. Vielen Dank für das hübsche Gruppenbild. Wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und bedauere, von hier aus nicht mehr Ihnen behilflich sein zu können wie frührer [sic]. Adolf.“
Nach der Ansprache des Generals Clemens verabschiedete sich der Guvernör von Heinrich mit besonderem Danke für die Harmoniumspielerin – denn auch ein Harmonium hatten wir requiriert – Frl. S. und den Leiter des Eisenbahnsängerchors (50 Mann), hauptsächlich aus Bonnern und Solingern bestehend. Dann entwickelte sich das Programm weiter. Zugleich mit der Bescherung unserer festangestellten Leute fand auch die der übrigen aus den vorderen Hallen herbeigeströmten Soldaten statt. Und das waren etwa 250. Auf den Tischen standen Teller mit Aepfeln und Nüssen, mit Spekulatius und Lebkuchen; Zigarren und Zigaretten wurden von den Schwestern und Sanitätern herumgereicht. Nach dem Konzert wurden dann die gespendeten Fässer Bier aufgelegt und jedem konnten zwei bis drei Glas des heimischen Trankes verabreicht werden. Wie waren sie alle so glücklich und zufrieden! Ein Hauch der Heimat war herübergeweht, und noch lange hörten wir die uns vertrauten Weihnachtslieder erklingen.
Ich hätte noch viel zu schreiben, doch es ist sehr spät und in aller Früh will Bankdirektor Weber diese Zeilen mit nach Bonn nehmen.
Ehe ich aber diesen kurzen Bericht schließe, muß ich meinem Herzen Luft machen. Oh, Ihr guten Bonner, wie habt Ihr in so überreicher, aufopfernder Weise für unsere lieben Truppen gesorgt. Das war das schönste Weihnachtsfest: wir konnten geben und glücklich machen, dank der wirklich großzügigen Wohltätigkeit der Bonner Bürgerschaft. J.
Vaterländische Reden und Vorträge. Den nächsten Vortrag hält entgegen früherer Bekanntmachung bereits am nächsten Mittwoch, den 30. Dezember, abends 8 ½ Uhr, in der Aula des Städtischen Gymnasiums Herr Professor Dr. Schumacher über „Volksernährung und Krieg“. Die Wiederholung dieses Vortrags findet am Freitag, den 1. Januar, statt. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Für bedürftige Familien Bonner Krieger veranstaltete am ersten Feiertage nachmittags 5 Uhr der Freiwillige Hilfsausschuß in der neuen Baracke an der Quantiusstraße eine Weihnachtsfeier. Etwas 50 Frauen mit 200 Kindern wurden unter dem strahlenden Weihnachtsbaum von den anwesenden Damen mit Kaffee, Milch und Kuchen bewirtet. Weihnachtslieder leiteten die Feier ein und schlossen sie. In einer Ansprache hob Dr. Kranz hervor, wie gerade dieser Kriegsweihnachten besonderen Segen spende, indem er gegenüber dem Kampfe im Feindesland hier die Herzen umso fester mit einander verbunden hatte und zu weitgehender Liebestätigkeit geführt habe. Die Frauen mögen ihren Männern und Söhnen von der gemütvollen Weihnachtsfeier, die sie hier mit ihren Kindern begehen können, berichten und damit auch ihnen eine Weihnachtsfreude bereiten. Fräulein Kurt und Fräulein Dr. Springer trugen in wirkungsvoller Weise einige prächtige Lieder zur Laute vor. Die eingegangenen Spenden wurden darauf verteilt und jeder Frau noch ein Geldgeschenk überreicht. Erst gegen 7 Uhr fand die schöne Familienfeier ihr Ende.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Nach dem Fest.
Das war eine stille, ernste Weihnacht. Am Heiligen Abend wurden die Cafees und Restaurants früher als sonst am Weihnachtsabend geschlossen. Manche ließen schon um 8 Uhr keine Gäste mehr hinein. Und auch in den Häusern, in denen das Christkind unter dem glitzernden Tannenbäumchen seine Gaben ausgebreitet hatte, war es stiller als sonst. Denn aus jedem Hause gingen die Gedanken dorthin, wo Deutschlands Söhne im blutigen Streit um Deutschlands Ehre kämpfen. Nur die frohe Sorglosigkeit der Kinderherzen vergaß über der bunten Weihnachtsherrlichkeit die Gedanken an den Ernst dieser großen Zeit.
Am Weihnachtsmorgen lag Reif auf Feld und Flur. Und alle Teiche und Tümpel waren mit einer festen Eisdecke überzogen. Auf dem Sportplatz des Eisklubs war eine glatte Eisbahn, auf der Jung und Alt sich mit Schlittschuhlaufen erfreute. Der Wald leuchtete im Rauhreif von Ferne, als ob er sein schneeiges Wintermärchenkleid angezogen habe.
In allen Lazaretten wurden für die verwundeten Soldaten Weihnachtsfeiern veranstalet. Christbäume brannten, Gesang- und Musikvereine brachten Unterhaltung und freundliche Hände hatten für reichliche Gaben gesorgt. An dem Bahnhof aber fuhren an den drei Tagen unaufhörlich Militärzüge vorüber, neue Truppen für kommende Kämpfe. Ein großer Tannenbaum mit vielen Lichtern stand auf dem Bahnsteig und rief den Kriegern die Weihnachtsgrüße der Bonner zu.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Dienstag, 29. Dezember 1914
Wer Brotgetreide verfüttert, versündigt sich am Vaterlande und macht sich strafbar.
(Bonner Zeitung, Bonner General-Anzeiger, Deutsche Reichs-Zeitung)
Für bedürftige Familien Bonner Krieger veranstaltete am ersten Feiertage, nachmittags um 5 Uhr der Freiwillige Hilfsauschuß in der neuen Baracke an der Quantiusstraße eine Weihnachtsfeier. Etwas 50 Frauen und 200 Kinder wurden unter dem strahlenden Weihnachtsbaum von den anwesenden Damen mit Kaffee, Milch und Kuchen bewirtet. Weihnachtslieder leiteten die Feier ein und schlossen sie. In einer Ansprache hob DR. Krantz hervor, wie gerade diese Weihnachten besonderen Segen spenden, da sie gegenüber dem gewaltigen Kampf in Feindesland hier im Vaterlande die Herzen umso fester verbunden halten und zu weitgehender Liebestätigkeit geführt haben. Frl. Koort und Frl. Dr. Springer trugen in wirkungsvoller Weise einige prächtige Lieder zur Laute vor. Die eingegangenen Spenden wurden darauf verteilt und jeder Frau noch ein Geldgeschenk überreicht. Erst gegen 7 Uhr fand die stimmungsvolle Familienfeier ihr Ende.
Weihnachtsfeier im Säuglingsheim Hohen-Eich. Wie in so manchem deutschen Hause, so vereinte der Christbaum trotz des Ernstes der Zeit auch auf Hohen-Eich am ersten Weihnachtstage eine frohe Kinderschar mit ihren Müttern und Pflegerinnen. Herzen und Hände hatten sich wieder einmal für das Heim geöffnet und so war die Möglichkeit geschaffen, alle Kinderchen neu und schön säuberlich gekleidet unter dem Christbaum mit allerlei Spielsachen und auch mit Süßigkeiten zu beschenken. Ein ernstes, aus warmem Herzen kommendes aufrichtendes Wort an die Mütter, dem Augenblick entsprechende Lieder, machten diese Weihnachtsstunden zu einer Jung und Alt erhebenden Feier.
Weihnachtsfeier in der Mehlemschen Fabrik. Wenn auch am diesjährigen Weihnachtsfeste in erster Linie unserer Krieger gedacht werden mußte, sollte doch die übliche Feier in der Mehlemschen Fabrik nicht ausfallen. Wieder eine stattliche Anzahl von Familienwurde von den Inhabern der Firma, wovon drei Herren im Felde stehen, durch die Hand der Frau Geheimrat Guillaume reichlich beschenkt. Die schlichte, aber erhebende Feier fand durch Gesang, Musikvorträge, Aufsagen von Gedichten und eine herzliche, wohldurchdachte Ansprache ihren Abschluß.
Erklärung! Das stellvertretende Generalkommando gibt folgendes bekannt: Die große Anzahl der täglich beim stellvertr. Gen.-Kommando eingehenden anonymen Anschuldigungen (Schriftstücke ohne Unterschrift über Personen und Zustände in der Heeresverwaltung, insbesondere über vermeintliche Ungerechtigkeiten bei der Heranziehung zur Wehrpflicht) geben dem Generalkommando Veranlassung zu erklären, daß derartige Schriftstücken, deren Urheber nicht den Mut haben, für ihre Behauptungen mit ihrer Person einzutreten, von hier aus keine Folge gegeben wird.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Ausbacken von Wecken, Kränzen, Brezeln usw. Der kommandierende General des 8. Armeekorps, General von Ploetz, hat für den Bereich seines Korps eine Bekanntmachung erlassen, wonach unter Hinweis auf die dringend notwendige Schonung unserer Vorräte an Weizenmehl das Ausbacken von Wecken, Kränzen, Brezeln, Pfannkuchen usw. von heute bis einschließlich Dreikönigstag verboten ist. Demselben Verbot unterliegt das Ausspielen derartiger Backwaren in Wirtschaften und Vereinen. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bestraft.
Der Vorstand der Bonner Bäcker-Innung weist in unserer heutigen Nummer auf diese Bekanntmachung hin.
Der Liberale Bürgerverein hielt gestern abend im Krug zum grünen Kranze seine diesjährige Hauptversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Dr. Kranz, wies in einer Ansprache darauf hin, daß keine politische Partei vor ihren Wählern die Verantwortung übernehmen werde, wegen einiger Stadtverordnetensitze seinen Wahlkampf zu entfesseln. Die Gedanken aller deutschen Männer seien auf die Gefahr des Vaterlandes gerichtet. Die nötig gewordene Ersatzwahl könne nur in gegenseitiger Verständigung unter Anerkennung des bisherigen Besitzstandes erledigt werden. (…)
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Eifelverein. Die hiesige Ortsgruppe unternimmt am nächsten Sonntag nach längerer Pause eine Wanderung (hoffentlich im Schnee!) in den Ahrbergen, und zwar von Ahrweiler (Walporzheim) auf wenig bekannten Wegen nach Dernau oder Rech, mit einer Marschlänge von etwa 15 Kilometern. Die Abfahrt von Bonn ist 8.32 Uhr mit Sonntagskarte Ahrweiler, die Rückfahrt von Dernau (Rech) 3.15 (3.10), die Ankunft in Remagen 4 Uhr. Dort wird im Westfälischen Hof Kaffee getrunken, wozu die Anmeldung auf dem Bahnhofe Bonn nötig ist, um 5.50 Uhr zurückgefahren. Eilige können um 4.09 Uhr gleich weiterfahren. – Mundvorrat ist mitzunehmen. Eingeführte Gäste sind wie immer willkommen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 30. Dezember 1914
Die Weihnachtsfeier im Reservelazarett III (Beethovenhalle). Ein Verwundeter sendet uns den folgenden Bericht über die Weihnachtsfeier im Lazarett in der Beethovenhalle: Die Weihnachtsfeier am Heiligen Abend verlief sehr stimmungsvoll. Kein Wunder, denn der Chefarzt, Herr Professor Dr. Schmidt, sowie die Aerzte des Lazaretts, die Schwestern unter ihrer Oberin Fräulein Pohl, die Helferinnen, die Wärter sowie eine ganze Reihe von Einwohnern Bonns, sie alle waren eifrig bemüht gewesen, den Verwundeten der Beethovenhalle durch eine recht gelungene Weihnachtsbescherung die Trennung von den Angehörigen am Christfeste vergessen zu machen, das war schon tagelang vor dem Fest ein Raunen und Flüstern, ein Hin und Her unter Schwestern und Wärtern. Galt es doch, die Ausschmückung de Halle vorzubereiten, die geheimen Wünsche der einzelnen Krieger in Erfahrung zu bringen, die Körbchen mit den Gaben zu füllen. Zu der Feier prangte die Halle im Festschmuck. An jedem Pfeiler prangten künstliche Rosensträuße, die miteinander durch Tannengrün verbunden waren. Die Betten waren mit Tannenzweigen und mit kleinen Fahnen in den verschiedensten Farben geschmückt. In der Mitte des weiten Raumes aber und auf der Galerie erfüllten die Kerzen an zwei mächtigen Tannen die Halle mit hellem Lichterglanz. Der Schülerinnenchor der Klostermannschen Privatschule trug zur Einleitung der Feier das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor. Dann hielt Herr Prof. Dr. Schmidt eine Ansprache an die Verwundeten. Er wies zunächst auf den eigentlichen Zweck der Beethovenhalle hin, schilderte dann in großen Zügen die glänzende Entwicklung Deutschlands und ging dann kurz auf den Anlaß zum Kriege ein. Mit herzlichen Wünschen zum Fest schloß der Redner seine Ansprache. Ein jeder der Verwundeten wurde herzlich bedacht und stimmte gewiß im Innern von Herzen den Dankesworten zu, die der Chefarzt zu Schluß an alle diejenigen richtete, die das schöne und unvergessliche Fest den Kriegern bereitet hatten.
Das Metropoltheater steht in dieser Woche wieder unter dem Zeichen des Krieges. „Iwan Koschula“ heißt der Fim, der den Zuschauer auf den galizischen Kriegsschauplatz versetzt und ihn teilnehmen läßt an mancher packenden Szene des Krieges. Auch der zweite Schlager, „Fifi, der Liebling der ganzen Garnison“, verfehlt seinen Eindruck auf die Besucher nicht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Chronik der Stadt Bonn für das Jahr 1914.
Wie hat das große Welterlebnis, das heute die ganze Menschheit gepackt hält, wie hat der Krieg auf den Gang der Dinge in Bonn gewirkt? Was ging in Bonn der Mobilmachung voraus, was folgt ihr? Das zu zeigen ist die Aufgabe dieser Chronik:
Das Attentat von Sarajewo löste wie überall, so auch in Bonn große Erbitterung aus. Eine unheimliche Stille befiel die zeit zwischen diesem und der Stellung des Ultimatum Oesterreich-Ungarns an Serbien. Am 25. Jul verbreiteten sich die ersten Kriegsgerüchte und ganz Bonn lebte in Erwartung und Spannung. Die Haltung Rußlands bringt endlich die Erklärung des Kriegszustandes, aber niemand ist zufrieden damit, das Volk verlangt den Krieg.
„Wir sind ein einziges Volk.“ In unser sonst so friedliches Bonn brachten schon die ersten Kriegsnachrichten viele Aenderung. Bürger und Studenten schlossen sich allabendlich zusammen, zogen zum Kaiserdenkmal, und gelobten dem Kaiser ewige Treue. Die Studenten vereinigten sich vor der Wohnung ihres Rektors, und auch hier hörte man das Treue-Gelöbnis aus tausend frischen Kehlen. So war unsere ganze Stadt bereit. Daß die Lage ernst war, sah man an der Bewachung der Brücke zunächst noch durch die Polizei, der Heimkehr der beurlaubten Truppen in ihre Garnisonen. Die Erklärung des Kriegszustandes brachte die Bewachung der Bahnen und der Brücke durch Militär mit scharfer Waffe. Nur wer genügend Ausweis hatte, konnte passieren. Das Publikum aber begann etwas Unsinniges, den Sturm auf Sparkasse und Bank, die Auskaufung aller Vorräte der Lebensmittelgeschäfte, sodaß hier in einem Tage eine Teuerung entstand, die ganz unberechtigt war. Nur dem vereinten Bemühen der Stadt, der handelskammer, der Zeitungen, gelang es schließlich, der Preissteigerung ein langsames aber sicheres Ende zu machen. Der Verkehr auf den Straßen war in den Abendstunden geradezu gefährlich. Menschen wogten auf und nieder, standen vor den Zeitungen, erwarteten neue Telegramme. Nur Neues, neues. Das Neueste war nicht neu genug. So erlebte man denn am 1. August in den Nachmittagsstunden das Bekanntwerden der Mobilmachung. Die Menge wurde furchtbar ernst. „Fest steht und treu die Wacht am Rhein“, man hörte es von morgens bis abends, und „Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen“, sangen die eingezogenen Reservisten und Landwehrmänner. Der Verkehr wurde gewaltig. Die Eisenbahnzüge kamen mit großer Verspätung hier an, alle überladen mit Zurückkehrenden, mit Soldaten, Regel brachte hier erst die Einführung des Kriegsfahrplanes. Die Stadt selbst glich einem großen Kriegslager. Soldaten und immer wieder Soldaten. In allen Straßen Einquartierung. Junge Leute, alte Leute strömten zu den Regimentern, dem Bezirkskommando, um sich freiwillig zu melden. Wie viele kamen mit traurigen Gesichtern zurück, sie kamen zu spät, mußten warten. Dann gab es andere Arbeit. Hin gings zum roten Kreuz, zur Krankenträger-Kolonne, zum Freiw. Hilfsausschuß; hier konnte man Leute brauchen. Junge Damen meldeten sich als Krankenschwester, als Pflegerin, aber auch hier war der Andrang so groß, daß eine Menge abgewiesen werden mußte. So setzte denn nun alles ein, was im Frieden organisiert, und was sich jetzt im Ernstfalle so wunderbar bewährt hat; Verpflegung der Truppen am Bahnhof, Einrichtung von Lazaretten, Errichtung einer Erfrischungsstation usw. Die Stadtverwaltung brachte Mehl und Salz zum Verkauf u. Kartoffeln, richtete eine Kriegs-Beratungs- und Auskunftsstelle ein, gab Brot ab an die Angehörigen der im Felde stehenden Soldaten, kurzum, es geschah alles Mögliche zur Linderung der augenblicklichen Not. Der Vaterl. Frauenverein, der Verein vom Roten Kreuz und der Freiw. Hilfsausschuß erließen einen Aufruf an die Mitbürger, man brauchte Geld, Geld. Aber auch lebensmittel usw. wurden gewünscht. Und wie betätigte sich da der Opfersinn der Bewohner Bonns. Schon am 7. August konnte der Oberbürgermeister im Stadtrat bekanntgeben, daß in Bonn so reichlich und viel gesorgt worden sei, wie in keiner anderen Stadt. Auch kämen Preistreibereien nicht mehr vor. Die Zeit kam, wo alles wieder, wenn auch allmählich, in geregeltem Geleise ging.
Die ersten Verwundeten kamen, darunter auch Franzosen, sie wurden alle gut versorgt in den bereiteten Lazaretten. Später nach dem kriege, wird man erst bemessen können, welche Verdienste unser Bonn als Lazarettstadt hat. Die Stadt hatte noch eine Aufgabe, zu sorgen für die Armen, die doppelt zu leiden hatten, zu sorgen für Frau und Kinder des im Felde stehenden Vaters. Auch hier war sie vorbildlich wie überall. Aber man brauchte immer noch Geld und andere Sachen. So erließ denn der Oberbürgermeister einen Aufruf der Sammlung „Kriegshilfe“, es gab eine solche für das bedrängte Ostpreußen, für Elsaß-Lothringen, eine Haus-Wollsammlung wurde veranstaltet; man brauchte nur zu verlangen, ganz Bonn gab, klein und groß, arm und reich. Man denke nur an die „Liebesgaben“. Kleider, Wolle, Bücher, Stärkungsmittel usw. alles vereinigte sich zur freudigen Ueberraschung. In Bonn allein wurden 18 Millionen für die Kriegsanleihe gezeichnet.
Pflege des Vaterländischen Geistes, das ar das Motiv, welches die Vaterländischen Reden und Vorträge ins Leben rief. Sie wurden gehalten von Gelehrten, Kaufleuten und Künstlern. Auf diese Weise sorgte man für den Sinn des Ausharrens während der Kriegszeit bei den Zurückgebliebenen. Zur Vorbereitung auf die Militärzeit gründete man den Wehrbund. Er beschäftigte Jünglinge und Männer von 16 Jahren ab mit militärischen Uebungen.
Auf das künstlerische Leben Bonns hat der Krieg selbstredend auch seine Wirkungen gehabt. Das Theater sollte der Meinung vieler nach geschlossen bleiben. Nach Erwägung der Zustände war man schließlich doch für eine Oeffnung , im Hinblick darauf, daß Vorstellungen, dem Ernste der zeit angepaßt, gegeben, auf das Publikum nur erbauend wirken könnten. So eröffnete man für drei Monate, dehnte aber später die Zeit auf die üblichen sechs Monate aus. Die Gesellschaft für Literatur und Kunst arbeitete ebenfalls mit einem wesentlich kleineren Programm. Die Populär-wissenschaftlichen Vorträge, die Volkshochschulkurse, gaben ein Kriegs-Programm. Konzerte hatten wir weniger, und die, die stattfanden, waren meistens der Wohltätigkeit gewidmet.
Wie wirkte der Krieg auf das Leben unserer Stadt, das zu zeichnen war die Aufgabe dieser Kriegs-Chronik. Man hat gesehen, daß Bonn überall, wo es Not tat, geholfen hat, daß nicht nur Pflicht erfüllt wurde, sondern daß das Herz ein großes Wort mitgeredet hat. Und so wird es weiter sein, so lange der Krieg dauert.
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(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Donnerstag, 31. Dezember 1914
Der Bonner Lazarettzug ist am letzten Freitag von seiner ersten Fahrt zurückgekehrt Von zuständigerSeite ist erklärt worden, daß die Anforderungen, welche an den möglichst schonenden und raschen Transport unserer wackeren verwundeten Krieger von der Front nach den Heimatlazaretten heute gestellt werden müssen, mit gutem Erfolge auch von dem Bonner Zuge bewältigt worden sind. 260 größtenteils Schwerverwundete sind aus der Gegend von Rethel aufgenommen worden. In verhältnismäßig rascherFahrt ging es über die Pfalz in das schöne schwäbische Land, wo bestimmungsmäßig in Heilbronn und Umgebung der weitaus größte Teil der Verwundeten ausgeladen wurde, aber auch unsere Stadt erhielt eine Anzahl von ihnen. Der Schluß der Fahrt geschah in der Christnacht. Eine wunderschöne Weihnachtsfeier, teils in den einzelnen Wagen der Verwundeten, teils im Mannschaftswagen, vereinte das gesamte Personal. (...) Niemand von ihnen wird diese erhebenden Stunden vergessen. Schon die Tatsache einer möglichen Weihnachtsfeier im fahrenden Zuge zeigt, wie sehr liebevoll sorgende Hände gewacht haben, und unsere tapferen Soldaten vergaßen wohl für Augenblicke all ihr Weh. Dankbare Blicke und Worte lohnten die so aufgewendete Mühe. – (...)
Stadttheater. Man schreibt uns: Für den Silvesterabend hat die Theaterleitung drei Einakter angesetzt, die jedem Geschmack Rechnung tragen dürften. Den Auftakt bildet das stimmungsvolle Lebensbild von Ernst Wichert: „Das Eiserne Kreuz“, dann folgt der immer wieder gerne gesehene Scherz von Louis Schneider: „Der Kurmärker und die Pikarde“. Den zweiten Teil der Vorstellung bildet das hier seit vielen Jahren nicht gegebene „Fest der Handwerker“ von Angely. Dieses humorvolle Singspiel ist überall wieder zu Ehren gekommen, in Berlin hält es sich ständig auf dem Spielplan des Kleinen Theaters. Der musikalische Teil ist von Herrn Kapellmeister Sauer eingeübt worden.
Für die Silvesternacht ist für die sämtlichen Wirtschaften im Polizeibezirk Bonn (Gastwirtschaften, Schankwirtschaften, alkoholfreie Wirtschaften, Kaffee-Wirtschaften usw.) die Polizeistunde allgemein auf 1 Uhr festgesetzt. (...) Durch diese Verordnung wird das Silvestertreiben auf den Straßen eingedämmt werden. Mit Recht! In den jetzigen furchtbar ernsten Zeiten ist lärmendes Straßentreiben nicht am Platze. Für Silvesterfeiern ist jetzt nicht Zeit noch Stunde. Es entspricht der ernsten Gegenwart und der weltgeschichtlichen Bedeutung dieser Jahreswende, wenn sich in Ruhe und Stille der Jahreswechsel von 1914 zu 1915 vollzieht.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)
Der städtische Kartoffelverkauf, Bachstraße, Ecke Thomastraße, findet vom 1. – 4. Januar nicht statt. Fortsetzung des Verkaufs von Dienstag, den 5. Januar ab täglich vormittags 8 – 12 Uhr zu dem ermäßigten Preise von 4,15 Mark für den Zentner und 1,30 Mark für 30 Pfund.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)