Freitag, 21. August 1914
In Lothringen war es zu heftigen Kämpfen gekommen, bei denen vor allem die Franzosen schwere Verluste erlitten hatten.
Der Freiwillige Hilfs-Ausschuß für durchfahrende Truppen hielt am Montag eine von etwa 300 Personen besuchte Versammlung ab über die wichtige Frage, wie der gegenwärtigen und in der nahen Zukunft noch zu erwartenden Arbeitslosigkeit wirksam vorgebeugt werden könne. Auf Grund dieser Besprechung hat Herr Prof. Wygodzinki nachstehende Leitsätze entworfen:
Arbeit ist besser als Almosen! Almosen drückt herab, Arbeit hebt! Wer arbeitsfähigen Menschen Arbeit geben kann, und stattdessen Almosen gibt, verschwendet unsere Arbeitskraft. Wir dürfen die Arbeitskraft des deutschen Volkes nicht verschwenden, denn von ihr leben wir alle. Auch die Wohlhabenden haben kein Einkommen mehr, wenn nicht die Arbeit des ganzen Volkes weiter geht.
Was kann man tun, um Arbeitsgelegenheit zu schaffen? 1. Entlaßt nicht Eure Dienstmädchen oder Kinderfräulein aus „Sparsamkeit“. Wer jetzt Mädchen auf die Straße setzt, kann dadurch die Schuld für ihren völligen Untergang auf sich laden 2. Wer gelegentlich Hilfskräfte hatte (Näherinnen, Wäscherinnen), wer seinen Kindern Musik- oder Sprachunterricht geben ließ, tue dies wie bisher. 3. Hunderte von Frauen sind durch die Einziehung ihrer Männer ins Feld oder durch Entlassung wegen Geschäftseinschränkung wirtschaftlich gefährdet. Beschäftigt diese Frauen wenigstens tageweise zur Aushilfe beim Waschen, beim Putzen oder zu anderen Zwecken im Haushalt. 4. Unsere Handwerker und Kaufleute müssen leben; sie müssen ihre Familien ernähren sowie die von ihnen beschäftigten Arbeiter und deren Angehörige. Gebt Handwerkern und Kaufleuten nach dem Maß eurer Mittel zu tun, sonst werden sie brotlos. Schränkt Euren Luxus ein, aber nicht Eure täglichen Bedürfnisse. Bezahlt auch die Rechnungen der Handwerker und Kaufleute sofort. 5. Es ist erhebend, in welchem Umfange sich jetzt die wohlhabenden Kreise zu unentgeltlicher ehrenamtlicher Tätigkeit melden. Eines aber darf nicht sein: es darf keine Arbeit ehrenamtlich getan werden, durch die bezahlte Arbeiter oder Arbeiterinnen verdrängt werden. Wer durch unentgeltliche Arbeit einen anderen brotlos macht, schadet statt zu nützen. 6. Was ihr tun wollt, tut sofort. Wartet nicht erst auf unsere Siege; vertraut auf Euer Vaterland. Der beste Wohltäter ist jetzt, wer Arbeit gibt.
Der Krieg bringt es an den Tag! (...) Zum Bespiel sendet jetzt eine Firma, die „englischen“ Stahl in Deutschland verkaufte, an ihre Kunden ein Rundschreiben des Inhalts, daß sie mit der Firma in Sheffield, der angeblichen Fabrikantin des Stahls, infolge des Krieges alle Beziehungen abgebrochen habe. Der Stahl, den sie bisher ihren Kunden als „Sheffield-Stahl“ geliefert habe, könne sie aber trotzdem jederzeit weiterliefern, da dieser schon immer deutscher Stahl aus Westfalen gewesen sei und nur von Sheffield aus berechnet worden sei! – Jetzt werden ja auch wohl bald die „englischen“ Stoffe Farbe bekennen dürfen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Ferienspiele. Unsere Jugend ist auf dem besten Weg, zuchtlos zu werden. Von vielen Seiten kommen Klagen. In unserer Stadt liegt ein großer Teil der Schuljugend noch drei Wochen auf der Straße. Wäre es da nicht zu empfehlen, wenn jetzt noch die alljährlich stattfindenden Ferienspiele abgehalten würden? Dann stände jedenfalls ein Teil der Jugend noch tagtäglich unter erzieherischer Aufsicht. Wenn auch eine große Zahl von Volksschullehrern unter der Fahne steht, so werden gewiß, so weit es nötig ist, geeignete Herren, Lehrer anderer Schulen usw. einspringen. W.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)
Ein Feldpostbrief ist einem jungen Mädchen in Bonn zugegangen. Er ist auf ein Stück eines Lazarettbuches geschrieben und lautet:
Liebes Schätzchen! Endlich komme ich einmal dazu, dir zu schreiben. Hoffentlich hast Du meine Karten erhalten. Konnte an meinem letzten Brief nicht weiter schreiben, denn es ging schon wieder an die Arbeit. Es geht mir noch sehr gut, und wenn es nicht toller kommt mit der Arbeit, so ist es noch schöner als auf dem Kommando in (...) wir liegen hier in einem kleinen Landstädtchen. Da haben sie am Montag drei Soldaten abgeschlachtet, trotzdem ein paar tausend Mann Militär hier lagen. Die Kerls, die das getan haben, wurden gleich aufgehängt. Wie fahren manchmal tagelang auf der Eisenbahn und sehen die Strecken nach. Da begegnet man allerhand Hindernissen, so z.B. Maschinen oder Waggons, die sie aufeinander haben fahren lassen. Auch haben sie kleinere Brücken gesprengt. Hier haben sie eine Ueberführung in die Luft fliegen lassen und wir können die jetzt wieder aufräumen. Da müssen wir nun alle Tage arbeiten. Die Zivilbevölkerung muß am Tage mithelfen, damit wir so schnell wie möglich fertig werden. Hoffentlich geht es Sonntag wieder weg von hier. Man hört hier sonst nicht das geringste vom Krieg. Wir setzen uns manchmal morgens in den Zug und kein Mensch weiß, wo es hingeht. Seit wir aus Deutschland weg sind, sind wir alle noch nicht aus den Kleidern gekommen. Dabei schwitzt man jeden Tag die Sachen durch und durch. Man muß sparsam sein mit der Wäsche. Ich bin noch gesund und außer dem Schnupfen fehlt mir nichts, auch am Essen und Trinken nicht.
Unsere Schuljugend hat auch schon seit einiger Zeit mobil gemacht. Allmorgendlich spielen sich u.a. im Hofgarten erbitterte Kämpfe zwischen Deutschen, Franzosen und Russen ab. Posten werden ausgestellt, Streifwachen ziehen umher, und das Hauptquartier, das meist auf dem großen Spielplatz aufgeschlagen ist, wird durch ein Zelt markiert, das aus Sackleinen, Handtüchern usw. zusammengesetzt ist. An Spionen fehlt es natürlich auch nicht. Die Zusammenstöße sind oft derart heftig, daß es faustgroße Beulen absetzt. Gestern morgen machte ein Deutscher seinem Oberst die Meldung, daß er einen „fiesen Spion aus der Hundsgaß“ abgefangen habe. Bei einem Gefecht, an dem sich etwa 80 Jungens beteiligten, erhielt ein Franzose eine gewaltige Ohrfeige. Der Franzose wurde nun auch blitzig und verdrosch seinen Gegner ganz gehörig. Kurz darauf wurde zum Sammeln geblasen, und der Geprügelte wurde als Anerkennung für sein mutiges Vorgehen vor versammelter Mannschaft zum Gefreiten befördert und erhielt auch gleich an Ort und Stelle „die Knöpp“.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Bonner Rheinbrücke. Während in der ersten Zeit jeder mit Urlaubspaß die Rheinbrücke frei passieren durfte, wird jetzt eine Sonderung vorgenommen. Leute, die beurlaubt sind, sollen jetzt ihren Obolus entrichten, es soll jeder Soldat, der nicht dienstlich die Brücke passiert, seinen Fünfer hergeben. Was versteht die Verwaltung unter dienstlich? Schreiber dieses würde unter dienstlich auch die Einkäufe zu seiner Ausrüstung, Wege zum Bezirkskommando, überhaupt alles, was nur im geringsten mit Militaria zusammenhängt, verstehen. Wäre es nicht einfacher, jede Person, die zum Militär eingezogen ist, frei passieren zu lassen. Sinds auch nur 5 Pfennig, aber jeder Soldat zählt heute auch auf diese. Also, man sei nicht so engherzig, sondern folge dem Beispiel von Köln nach, wo jede Militärperson, ob dienstlich oder nicht, frei passieren darf. Ein Beurlaubter.
Bevorzugt deutsche Waren. Seit den Mobilmachungstagen hat sich der Deutsche wieder in besonderem Maße auf sein Nationalbewußtsein besonnen. Da ist die Mahnung am Platze: Deutscher, kaufe deutsche Sachen. Es ist klar, viele Waren, die unter französischer und englischer Flagge segeln, sind in Deutschland hergestellt. Sie tragen nur den doppelten Zoll, um der Einbildung und dem Vorurteil ihrer deutschen Abnehmer zu genügen. Englische Tuche, Seidenstoffe, Parfümerien, Spiel- und Sportzeuge – alles das wird in Deutschland ebenso gut und noch preiswerter hergestellt als im Auslande. – Natürlich darf man nicht so weit gehen, daß man von jetzt ab überhaupt kein ausländisches Erzeugnis kauft. Viele Kaufleute und Geschäfte haben in der Tat noch große Bestände ausländischer Waren auf Lager. Werden sie nicht abgenommen, so bedeutet das eine große volkswirtschaftliche Schädigung. Aber dann – wenn diese Waren verkauft sind, deutscher Kaufmann und deutscher Käufer: dann beherzige den Satz: Kaufe als Deutscher deutsche Waren. B.
Unsere Söhne ziehen hinaus in Feindesland und lassen ihr Blut; und vergnügungssüchtige Damen – spielen Tennis. So stand’s in der Zeitung zu lesen: „Von heute an Tennis zu den gewöhnlichen Stunden“. Und zwar für die jungen Mädchen der Studienanstalt, die doch, wie man annehmen sollte, ernster gerichtet sind. Die Tatsache soll hier festgenagelt werden, das Urteil über ein solches Gebaren dürfen wir getrost den Lesern überlassen. R.C.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Steckbrieflich verfolgt werden von Bonn aus: (...) der Musketier Ernst Adolf Hesse, 7. Komp. Inf.-Reg. Rt. 160, geb. 2.6.1891 zu Groß-Lichterfelde (Kreis Teltow), zuletzt wohnhaft in Bonn, Infanterie-Kaserne, wegen Verdachts der Fahnenflucht, begangen in Bonn im Juli 1914.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Einquartierung. In der Bekanntmachung hieß es: Die Gemeinden sind angewiesen, wenn es nötig ist, die Einquartierungsgelder im Voraus zu bezahlen. Nun hatte ich Einquartierung: 2 Mann 7 Tage, bekam jedoch nur einen Zettel für 5 Tage. Als ich persönlich darum bat, den Zettel zu verlängern, erhielt ich zur Antwort, die Stadt wisse, daß das Regiment 7 Tage hier sei. Nun ging ich zur Rathausgasse, um mein Geld zu holen. Da hieß es: warten, warten und abermals warten, bis daß es in der Zeitung bekannt gemacht wird. Zuerst müsse einmal Geld da sein. Aber wer kann so lange warten? Doch nicht jedermann. Ich denke doch, wenn man die Leute sieben Tage gut verpflegt hat, und alles jetzt nur gegen Vorzahlung erhält, so könnte man auch von der Stadt am 9. Tage seine Entschädigung gezahlt bekommen. Es sind genug Herrschaften, die ein ganzes Haus zur Verfügung hatten, erhielten aber nicht mehr wie zwei Mann Einquartierung, die auch jeder Handwerker nehmen muß. Man solle doch bedenken, daß nur der arme Soldat darunter leiden muß, wenn der kleine Mann mit Einquartierung überlastet wird und dann nichts zuzusetzen hat, während manche reiche Herrschaft, die dazu in der Lage ist aus Bequemlichkeit sich vorbeidrückt. Die treuen Vaterlandsverteidiger haben doch gewiß Anspruch auf gute Verpflegung und ein gutes Nachtlager. Darum sollte auch gleich gesorgt werden, daß die Bürger ihre Kosten zurück erhalten. Falls die Herrschaften ihre Leute ausquartieren, so sollten sie doch auch einen anständigen Preis drauf zahlen, damit die armen Krieger auch gut verpflegt werden. Wer selbst den Gatten oder Kinder dabei hat, der weiß ja, was den Soldaten zukommt, und daß man da nicht sparen darf an der Verpflegung. Eine Mutter, die auch zwei Kinder dabei hat.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Samstag, 22. August 1914
In Lothringen hatten die deutschen Truppen erfolgreich die französische Offensive gestoppt. An der Drina war die österreichisch-ungarische Invasion von der serbischen Armme gestoppt worden.
Siegesbotschaft: Die Nachricht, daß unser tapferes Heer in Lothringen einen entscheidenden Sieg erfochten hat, verbreitete sich gestern rasch in der Stadt. Die Franzosen auf der ganzen Linie zurückgeworfen, die alte deutsche Waffenehre wieder mal glänzend gerechtfertigt, das war die Botschaft, die alle Herzen mit einer großen, starken, stolzen Freude erfüllte und zugleich mit der unerschütterlichen Zuversicht, daß der Sieg in diesem Kampfe unser ist und unser bleiben muß. Bald nachdem die frohe Kunde eingetroffen war, wehten von den Häusern die schwarz-weiß-roten Fahnen. Und die deutschen Fahnen verkündeten den Stolz Deutschlands und den Ruhm unseres Heeres.
Hilfsbereitschaft: Frl. Selma Weiß, Bonn, Lessingstraße 39, hat ihr Institut für Turnen, Heilgymnastik und Massage den verwundeten Soldaten frei zur Verfügung gestellt. Von diesem freundlichen Anerbieten werden gewiß zahlreiche Verwundete, die durch die erhaltenen Verletzungen im Gebrauch ihrer Glieder behindert sind, gern Gebrauch machen.
Amerikanische Gäste. Ein Sonderdampfer mit amerikanischen Staatsbürgern, der von Mainz kam, ist gestern abend hier eingetroffen. Die amerikanischen Gäste, die zum großen Teil im Hotel „Königlicher Hof“ abstiegen, übernachteten hier in Bonn, Sie sind auf der Reise nach Rotterdam begriffen, von wo aus ein Sonderdampfer der amerikanischen Regierung sie in ihre Heimat bringen wird. – Die Amerikaner haben heute früh 6.30 Uhr mit einem holländischen Dampfer Bonn wieder verlassen.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Der erste große Sieg. Wie eine Granate platzte die Nachricht von dem großen Siege zwischen Metz und den Vogesen gestern um die vierte Nachmittagsstunde in die Stadt und riß die Bürgerschaft zu elementarer Begeisterung hin. Wo sonst ruhiges, bedächtiges Nebeneinanderhergehen, schlug die rote Flamme der Begeisterung riesenhoch empor und riß alle mit sich fort. Im Nu waren die Fahnen auf dem Rathaus und an vielen Häusern aufgezogen und auch vom Turm der evgl. Kirche wehte die schwarz-weiß-rote Flagge über der Stadt. Die Begeisterung spiegelte sich wider in den Augen der Vielen, denen die Schreibstube, der Arbeitstisch oder die Werkstatt zu klein geworden war und die hinausdrängten, um die frohe Botschaft Freunden und Bekannten zu sagen. Menschen, die sich sonst nur flüchtig kannten, drückten sich fest die Hand und sahen sich freudig an. Zu sprechen brauchte man nicht viel, die Augen sagten genug. Vor unserem Geschäftsgebäude schwoll die Menschenmenge nach der Siegesmeldung mehr und mehr an, und es kam zu patriotischen Kundgebungen. Angesichts der wogenden Begeisterung, der stolzen Zuversicht und dem Gedanken an unser tapferes braves Heer, das „mit unaufhaltsamen Drange nach vorwärts beseelt“ ist, mußte man mitunter fest auf die Zähne beißen, wenn es einem gar zu heiß werden wollte. Der erste große Sieg! Er war wie ein erfrischender Gewitterregen nach langer Dürre. Möge es so weiter gehen. Ehre unseren Tapferen im Felde. Heil dem Kaiser!
Erfrischungs- und Verbandsstelle für Verwundete. Die vom Roten Kreuz und dem Vaterländischen Frauenverein eingerichtete Erfrischungs- und Verbandsstelle für Verwundete an der Weststraße bittet dringend, Liebesgaben, wie Brot, Aufschnitt, Kaffee, Tee, Suppenwürfel, Tabak, Zigarren, Postkarten u. dergl. an der Weststraße abliefern zu wollen.
Die deutschen Mädchen wehren sich. Wir erhalten folgende Zuschrift: „In Erwiderung der vielen höchst überflüssigen (?) Artikel über unser Verhalten den Gefangenen gegenüber können wir nicht umhin, uns solche Verleumdungen für die Zukunft sehr energisch zu verbitten. Es ist leider vorgekommen, daß eine Dame einem Gefangenen eine Zigarette angeboten und sich in französischer Sprache mit ihm unterhalten hat. Und es war nicht eine unter uns, die das nicht tief empört hätte. Wir deutschen Frauen und Jungfrauen wissen selbst, was wir uns und dem Vaterlande schuldig sind und brauchen uns nicht von den Anhörern und Verbreitern falscher Gerüchte darauf aufmerksam machen zu lassen. Im übrigen sind unsere Vorstandsherren und -damen dazu da, um unsere Fehler zu rügen. Daß es sich nur um Gerüchte handelt, erhellt aus der Erzählung mit dem Glase Rotwein am Kölner Hauptbahnhof, die nun schon nach dem Berichte eines Krefelder Blattes in Krefeld passiert sein soll. Und wo ist es geschehen? Höchstwahrscheinlich nirgendwo, zumal da – wenigstens hier in Bonn – kein Tropfen Alkohol verabreicht werden durfte.
Also, liebe Bonner, beruhigt Eure Gemüter und glaubt keine Geschichten, die wir Beteiligten ganz entschieden als unwahr zurückweisen müssen, ebenso wie die Behauptung einer Bonnerin, daß nur Damen aus höheren Ständen angenommen würden. Ort und Stunde der Versammlung des Hilfsausschusses waren genügend bekannt gemacht. Warum haben Sie sich nicht wie wir zur Beethovenhalle bemüht? Uns hat dort niemand nach Stand und Vermögen gefragt. Also ist auch das eine grundlose Beschuldigung. Und wir halten es in dieser ernsten Zeit für die heilige Pflicht aller Frauen und Jungfrauen, einig und verträglich zu sein und nicht sich und andern das Leben durch kleinlichen Neid und grundlose Beschuldigungen zu vergällen.
Einige der Damen des Hilfsausschusses, die auch nicht zu den „Oberen Zehntausend“ gehören.
(Im Interesse des Ansehens und der Würde unserer deutschen Frauen und Mädchen geben wir vorstehende Zuschrift wieder, obwohl die Schreiberin nicht den Mut hatte, das Schreiben mit ihrem Namen zu decken. Red.)
Ein Redaktionsmitglied unseres General-Anzeigers, Herr Dr. Wilh. Hermanns, der seit Ausbruch des Krieges im Felde steht, zeigt auch angesichts der feindlichen Feuerschlünde seine starke dichterische Begabung. Der wackere junge Kollege, der uns seine von echt deutscher Männlichkeit zeugenden Verse sendet, möge uns so wiederkehren, wie es ihm in seinem hier folgenden Gedichte vorschwebt:
Das eiserne Kreuz.
Auf jedem Hügel, an jedem Hang
Und jeden Weg nach Paris entlang,
Da hängt es von eisernen Kreuzen voll,
Die warten nur, daß man sie holen soll.
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!
Es hat die Väter im Donner der Schlacht
Zum Siege gelockt, zu Helden gemacht.
Und stürmisch brandet und braust im Blut
Auch uns, den Söhnen, der gleiche Mut.
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!
Es ist kein Kleinod auf weiter Welt,
Das deutschem Herzen so wohl gefällt
Als schlicht das Kreuz am schlichten Band,
Des Mannesmutes Unterpfand.
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!
Und starren die Waffen, und drängt und droht
Aus tausend brüllenden Schlünden der Tod –
Besser gefallen auf blutigem Plan,
Als feige die Ehre verspielt und vertan!
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!
Und kehren wir heim aus dem heiligen Krieg,
Frohlocken die Glocken im Lande Sieg.
Dann schlagen die Herzen in stolzester Lust
wohl unter dem Kreuze auf unsrer Brust.
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!
Diekirch (Luxemburg), 17.8.14.
W. Hermanns.
Eine amerikanische Reisegesellschaft kam gestern nachmittag mit dem Dampfer „Chriemhilde“ der Niederländischen Dampfschiffahrts-Reederei vom Oberrhein hier an. Die Chriemhilde, sowie auch der kurz darauf hier eintreffende Dampfer „Willem III“ wurden von einem militärischen Wachkommando, das sich hier an Bord begab, einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Dabei wurde ein Franzose und ein Japaner unter den Fahrgästen gefunden, die unter militärischer Bewachung zur Stadt gebracht wurden. Später wurde ihnen jedoch die Weiterreise gestattet, da sie im Besitz eines Passierscheines waren, der ihnen in Koblenz von der Militärbehörde ausgestellt worden war. Die Amerikaner, etwas 150 Damen und Herren, blieben bis heute morgen hier in Bonn und setzten gegen 7 Uhr früh die Fahrt rheinabwärts fort.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Was man nicht tun soll! Wir erhalten von geschätzter Seite nachstehende Zuschrift unter der vorgenannten Ueberschrift: „Es ist in den Tagen des Kriegszustandes so oft darauf hingewiesen worden, was man nicht tuen soll. Gerade in dieser Woche ist eine Ungehörigkeit zu Tage getreten, die mehr als alles andere öffentlich gebrandmarkt werden muß. Es ist dies das Zusammenströmen des Publikums am Güterbahnhof bei der Ankunft Verwundeter. Hauptsächlich Frauen und Kinder benehmen sich derart, daß eine öffentliche Rüge am Platze ist. Daß diese Leute nicht selbst einsehen, wie peinlich es für die Verwundeten ist, als Schaustück zu dienen und welche klägliche Rolle sie als Zuschauer spielen, wo nur Leid und Elend zu sehen ist, scheinen die meisten nicht einzusehen. Schreiber dieses hörte in einem Lazarett einen Soldaten sagen: „Hier müssen die Frauen wenig zu tuen haben, sonst wären sie nicht so außerordentlich vertreten“.
Unseren braven Soldaten, die verletzt in das Krankenhaus geschafft werden und oft nach längerem Transport hier anlangen, sollte man dieses Spießrutenlaufen wirklich ersparen. Hoffentlich genügt dieser Hinweis die müßigen Neugierigen daran zu erinnern, auch in dieser Hinsicht mehr Würde zu zeigen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Sonntag, 23. August 1914
Am Vortag siegten die deutschen Truppen in den „Grenzschlachten“ bei Neufchateau (Belgien) und bei Longwy (Lothringen). In Neufchateau kam auch das Rhein. Infanterie-Regiment 160, in dem sehr viele Bonner kämpften, erstmals zum Einsatz.
Die Frau Prinzessin zu Schaumburg-Lippe besuchte gestern Vormittag unter Führung von Geheimrat Rumpf die im Krankenhaus der barmherzigen Brüder untergebrachten Verwundeten und Kranken. Sie unterhielt sich mit jedem einzelnen einige Zeit, besonders mit den Angehörigen ihres Regiments, Inf.-Rgt. Nr. 53, das an den Kämpfen in Belgien beteiligt war.
Vaterländische Reden und Vorträge in Bonn. Auf Einladung des Rektors der Universität hat sich ein Ausschuß gebildet, der aus Professoren der Universität und höheren Schulen und aus angesehenen Männern des praktischen Lebens besteht und an dessen Spitze der Rektor Herr Geheimrat Schulte, der Prorektor Herr Professor Sell und der gewählte Rektor Herr Geheimrat Landsberg stehen, um während des Krieges wöchentlich öffentliche und unentgeltliche Reden und Vorträge zu veranstalten, zu denen jedermann Zutritt haben soll. Die Vorträge, die von dazu auserwählten, sachkundigen Rednern gehalten werden, sollen dem geistigen Leben in unserer Stadt während des Krieges einen neuen Mittelpunkt geben und über alles, was mit dem Kriege in politischer, geschichtlicher und weltwirtschaftlicher Weise und in allen Zweigen des Geisteslebens und der Kultur zusammenhängt, in gemeinverständlicher Weise unterrichten. Die Reden sollen zugleich den Geist vaterländischer Ausdauer und Geduld in schweren Tagen stärken helfen. (...)
Vaterländische Volksabende. Die Bonner Soziale Wohlfahrts-Vereinigung beabsichtigt, zur inneren Erhebung und Aufmunterung unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen eine Reihe von vaterländischen Volksabenden zu veranstalten. Der erste Abend wird voraussichtlich am Sedantage stattfinden. Näheres wird rechtzeitig bekanntgegeben werden.
Aufruf an deutsche Frauen und Mädchen. Auf Anregung meines Mannes, dem es wieder vergönnt ist, geschmückt mit dem eisernen Kreuz von 1870 und 1871 ins Feld zu ziehen, richte ich an alle deutschen Frauen und Mädchen die Bitte, wenn Gott uns in seiner Gnade den Sieg verleiht und wir wieder Gefangene ins Land bekommen:
Zeigt euch als Deutsche
Wir wollen gewiß die Gefangenen gut und menschlich behandeln, aber unter keinen Umständen dürfen wir uns etwas vergeben. Verpflegung auf Transporten und Sammelplätzen darf den Gefangenen nur von Angestellten, tunlichst von Männern verteilt werden. Wir deutsche Frauen und Mädchen dürfen dergleichen nicht als Vergnügen betrachten, nicht auf den Bahnhöfen bei den Transporten, nicht in den Lagerplätzen erscheinen, nicht zeigen wollen, daß wir Französisch können. Kommen unsere tapferen Krieger mit Gottes Hilfe siegreich zurück, dann wollen wir ihnen einen Empfang bereiten, viel schöner, als den Abmarsch. Ich bitte herzlich um Verbreitung dieser Bitte.
Margarethe von Busse, geb. v. Humboldt
Falschmeldungen. Gestern lief in unserer Stadt das Gerücht um, vier englische Kriegsschiffe seien an der dalmatinischen Küste von den Oesterreichern vernichtet worden. Diese Gerüchte stützen sich auf eine Meldung ähnlichen Inhalts, der von der Köln. Volksztg. verbreitet worden war. All diese Nachrichten sind, wie das Wolff-Büro mitteilt, falsch.
In der Verlustliste Nr. 6 wird auch als vermisst angegeben der Dragoner Landwehrmann vom Dragoner-Rgt. Nr. 9(Metz) Oskar Dahm aus Königswinter.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Es ist eine Freude, wenn man in die Altstadt Bonn kommt und sieht, wie die Bewohner durchweg durch Beflaggen ihrer Häuser ihre Begeisterung und Dankbarkeit über den letzten großen Sieg unserer braven Truppen gegen unsere Feinde zu erkennen geben. Bedauerlich ist aber, daß nur ganz wenige Bewohner der Neustadt von der Poppelsdorfer Allee ihre Freude über die letzten Siege durch Beflaggen ihrer Häuser zu erkennen gegeben haben. Viele dankbare Bürger
(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt ")
Zur letzten Ruhe getragen wurde am Samstag nachmittag gegen ½ 4 Uhr der Füsilier Franz Hicking von der 6. Kompagnie des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39 in Düsseldorf, der in einem Gefecht an der Westgrenze durch einen Kolbenschlag auf den Kopf verletzt und in das hiesige Johannis-Hospital gebracht worden war. Die Verwundung war so ernster Natur, daß der Soldat verstarb. Hinter dem Leichenwagen schritten in tiefem Leid Vater und Mutter des Verstorbenen sowie eine große Anzahl Soldaten verschiedener Truppengattungen; darunter bemerkte man wieder viele verwundete Krieger. Auf dem Nordfriedhofe, wo die Leiche beigesetzt wurde, hielt Oberpfarrer Dechant Böhmer eine kurze ergreifende Ansprache, in der er darauf hinwies, daß der Verstorbene in treuer Pflichterfüllung für Kaiser und Vaterland als Held gestorben sei. Am Grabe wurde von den Soldaten ein großer Lorbeerkranz niedergelegt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Grand Hotel Royal. Wie die Erfüllung eines lange im Stillen gehegten Lieblingswunsches war es mir, als in den verflossenen unvergeßlichen Tagen unser Volk sich endlich auf auf seine Muttersprache besann und selbst die Gasthöfe begannen, sich deutscher Ausdrücke zu bedienen. Hei, wie lachen den Vorübergehenden der „Nordische Hof“ und der „Gasthof zum Königlichen Hof“ da an, wo bisher französische Namen einen Mißklang in die beiden schönsten Straßen Bonns gebracht hatten!
Aber wie es scheint, war der Traum zu früh geträumt! Was aussah, wie ehrliches Selbstbesinnen, war in manchen Fällen doch wohl nur ein flüchtiger Rausch, der verflogen zu sein scheint, noch bevor unsre Heere draußen in Feindesland die erste große Schlacht geschlagen haben. Seit einigen Tagen sind die großen Schilder mit der deutschen Aufschrift am „Königlichen Hof“ wieder verschwunden, und nach wie vor steht in goldenen Buchstaben zu lesen „Grand Hôtel Royal“. – Ja, ist denn in ganz Bonn kein einziger Anstreicher aufzutreiben, der der vergoldeten französischen Geschmacklosigkeit mit ein paar kräftigen Pinselstrichen den Garaus macht? Warum kann denn der „Nordische Hof“ in der Poppelsdorfer Allee, was das „Hôtel Royal“ anscheinend nicht fertig bringt?? Wahrlich, wir Deutsche haben keinen Grund, den Feinden in unserm eigenen Land durch solche Namen weiterhin Denkmäler zu setzen, den Feinden, die die ganze Welt gegen uns in Harnisch bringen und gegen die wir die beste Blüte unserer Jugend hinausgesandt haben zum Kampf auf Leben und Tod! – Nebenbei bemerkt, ist das Grand Hôtel Royal zu einem Teil städtisches Eigentum.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Der Freiw. Hilfs-Ausschuß hat, wie im Anzeigenteil ersichtlich ist, in der Diskonto-Bank eine Sammelstelle von Lesestoff für unsere verwundeten und kranken Soldaten eingerichtet. Die gelieferten Bücher und Zeitschriften werden von fachkundiger Stelle geprüft, abgestempelt, dann nach Bedarf an die einzelnen Lazarette abgegeben.
Bücher für unsere Soldaten! In den letzten Tagen sind die Vertreter einer großen Reihe von Vereinigungen in Berlin zusammengetreten, um unter der Leitung des Kaiserlichen Kommissars ein einheitliches Vorgehen in der Versorgung unsrer Soldaten im Felde und der Verwundeten in den Lazaretten mit Büchern herbeizuführen. Die Einigkeit des deutschen Volkes hat sich auch auf diesem Gebiete glänzend bewiesen. Als Sammelstelle ist u.a. der unterzeichnete Borromäusverein, der schon im Kriege 1870/71 tausende von Büchern an deutsche Krieger verteilte, bestimmt worden. Wir wenden und hiermit an alle, denen es am Herzen liegt, unsere Soldaten durch gute Bücher Lebensmut- und -freude zu erhalten, Schmerzen zu lindern und Trost zu bringen, mit der Bitte, uns durch Ueberreichung von Büchern und Geld bei diesem Liebeswerk zu unterstützen. Erwünscht sind namentlich: Lebensbilder, Kriegsgeschichten, Reiseschilderungen, Erdbeschreibungen, Romane, kleine Erzählungen, Kalender, Naturwissenschaftliche Bücher, Illustrierte Blätter, ebenso religiöse Schriften. Die Bücher sollen in guten Einbänden oder broschiert sein. Hunderttausende werden gebraucht. Alle Sendungen sind zu richten an: Borromäus-Verein, Bonn, Wittelsbacherring 9.
Gedichte sind uns in derart großer Zahl zugegangen, daß es uns unmöglich ist, sie einzeln auf ihren Wert zu prüfen. Wir danken für die freundliche Uebermittlung, glauben aber von einer Veröffentlichung weiterer Gedichte Abstand nehmen zu müssen, auch schon aus dem Grunde, weil wir niemand Anlaß zu der Auffassung geben möchten, er sei zurückgesetzt oder sein dichterisches Können sei nicht gebührend eingeschätzt worden. Es ist gewiß ein erfreuliches Zeichen, wenn jeder in dieser Zeit versucht, dem Vaterland in der Weise zu dienen, wie er seiner Veranlagung nach es am besten zu können meint, aber man muß den gegenwärtigen schwierigen Stand der Schriftleitungen von Zeitungen auch in Betracht ziehen. Die meisten Schriftleitungen haben einige ihrer Mitglieder und Mitarbeiter ins Feld geschickt und die übrigen teilen sich in die Arbeit dieser. Man soll ihnen die Arbeit in der gegenwärtigen Zeit nicht so schwer machen. Dies gilt auch von der endlosen Zahl der Stimmen aus dem Leserkreis. Die meisten sind derart lang, daß ihre Aufnahme nicht erfolgen kann, ohne daß man in mühevoller Arbeit sie zurechtstutzt. Daher können nur solche Anspruch auf Veröffentlichung erheben, die keine übermäßige Bearbeitung in Anspruch nehmen. Wir werden nach wie vor gern nutzbringende und verständnisvolle Anregungen, die uns zugehen, veröffentlichen, aber wir erwarten von den Einsendern, daß sie uns unsere Arbeit nicht in unnötiger Weise erschweren. Bei manchen Zusendungen ist eine eingehende Erkundigung notwendig, die erspart bleiben könnte, wenn stets die erforderlichen Belege (gegen Rückgabe) beigefügt würden. Zuschriften ohne genaue Unterschrift und Adresse bleiben unberücksichtigt.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Diese Nacht haben wir ein schauderhaftes Nachtgefecht in einem Dorf gehabt, haben zwei französische Infanterieregimenter da hinausgeschmissen, viele Tote und Verwundete. Es war schauerlich.
Ich bin wohl und grüße Euch alle herzlich.
(August Macke an seine Frau Elisabeth, Feldpostkarte)
Montag, 24. August 1914
Japan hatte am Vortag Deutschland den Krieg erklärt. Hindenburg hatte den Oberbefehl über die 8. Armee an der Ostfront übernommen. Im Westen setzten die Deutschen ihren Vormarsch fort. Im belgischen Dinant verübten deutsche Truppen ein Massaker an der Zivilbevölkerung, dem über 600 Menschen zum Opfer fielen.
Töchtern gefallener Offiziere gewährt die gemeinnützige Mathilde-Zimmermann-Stiftung (...) Freistellen in einem ihrer 11 Töchterheime.
Die Firma F. Soennecken hat zur Unterbringung von Verwundeten in Bonn-Poppelsdorf zwei Säle von zusammen 60:11 Meter und in Bonn Soenneckenfeld zwei mit Bahnanschluß versehene und mit Bädern verbundene Säle von zusammen 60:28 Meter zur Verfügung gestellt. Ferner hat die Firma F. Soennecken zur Unterstützung der Familien ihrer zu den Fahnen gerufenen Arbeiter und Beamten vorerst den Betrag von 25.000 Mk. vorgesehen.
Ein Schwarzer stellte sich dem hiesigen Husaren-Regt. Nr. 7 als Freiwilliger und wurde auch angenommen.
Unangebrachte Neugierde. Sobald die Kunde, Verwundete kommen an, die Stadt durchläuft, strömen Hunderte von Menschen zum Güterbahnhof oder zu den einzelnen Lazaretten, um ihre unangebrachte Neugierde zu befriedigen. Nicht nur stört diese Ansammlung von Menschen den Verkehr, sondern es muß unseren tapferen Soldaten, die verwundet heimgebracht werden, doch auch peinlich sein, als Schaustück zu gelten. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Die Bonner Synagogen-Gemeinde überwies dem Herrn Oberbürgermeister für das Rote Kreuz 2000 Mark.
Ein schwarzer „Lehm op“. Am Samstag morgen wurde bei den 7. Husaren ein Schwarzer aus unseren Kolonien eingekleidet, der seiner Militärpflicht in Afrika genügt und sich jetzt hier freiwillig gemeldet hatte.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Prozession. Auch die gestrige Bittprozession zur Erflehung des Sieges unserer Waffen wies eine sehr gute Beteiligung auf. Das Wetter war der Feier sehr günstig.
Ein Neger, der sich hier aufhielt, hat sich freiwillig zum Dienste beim hiesigen Husarenregiment gestellt und wird augenblicklich ausgebildet.
Ein großer Menschenauflauf entstand gestern Nachmittag am Markte und an der Rathausgasse. Eine durch ihre Körperlänge auffallende und durch ihre bunte Kleidung Aufsehen erregende Frauensperson war wegen Gewerbevergehens festgenommen worden. Die Leute glaubten nun, es sei ein Spion, der Frauenkleidung angezogen habe, und begleiteten den Transport zur Wache. Der angebliche Mann der Person wurde ebenfalls festgenommen.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Verwundeten-Transporte
Ein Zug Verwunderter sollte gestern in Bonn eintreffen und in der Beethovenhalle untergebracht werden. Kaum war das Gerücht in den Straßen bekannt geworden, als sich auch schon gegen 8-9 Uhr abends eine zahlreiche, schaulustige Menge
zwischen Beethovenhalle und städt. Gymnasium ansammelte; es waren weit über 100, etwa 130 Personen, die hier über eine Stunde fast den Straßenverkehr hemmten und die Verwundeten erwarteten. Kam nun eine Tragbahre, so drängte man sich heran, erging sich in unangebrachte Bemerkungen und suchte fast rücksichtslos seine Neugierde zu befriedigen. Meist waren es halbwüchsige Burschen, Frauen und Mädchen. Den einen oder anderen der dort Wartenden trieb vielleicht bange Sorge um einen Angehörigen an die Bahren der dort Eingelieferten, bei den weitaus meisten herrschte jedoch die schier unbezwingbare Neugier vor. – Es wäre doch wünschenswert, wenn unsere Krieger und Helden, die vorübergehend oder dauernd vom Felde der Ehre zu uns zurückkommen, bei ihrer Ankunft in für sie ganz gewiß peinlicher Weise nicht von neugierigen, halb teilnahmslosen, halb mitleidigen Blicken der Umstehenden ausgesetzt wären. Hier müßte, wie es nunmehr auch auf den Bahnhöfen gegenüber den sich würdelos benehmenden Frauen geschieht, ganz energisch eingegriffen und Abhilfe geschaffen werden. Unsere mit Ruhm und Ehre bedeckten Verwundeten werden dann nicht vor der schaulustigen Öffentlichkeit, sondern in sorgsamer Abgeschlossenheit und Ruhe den Heilstätten zugeführt.
Viele Bonner Bürger wären der Polizeibehörde dankbar, wenn sie jede Ansammlung von Menschen vor den Lazaretten durch Erlaß bezüglicher Bekanntmachungen und effektive Durchführung derselben verhindern würde. Sollten sich derart unliebsame Vorkommnisse in Zukunft auch anderwärts wiederholen, werden ganz gewiß die Generalkommandos auch in dieser Hinsicht die erforderlichen, gerechten Maßnahmen treffe. Dr. W.
Vorsicht. Fast tagtäglich kann man in den Zeitungen lesen von den Greueltaten, die an unseren Landsleuten in den verschiedenen Ländern, welche uns mit Krieg überzogen, begangen werden. Umsomehr muß man sich wundern, daß hier in Bonn Angehörige der betreffenden Länder, noch frei und frank umher laufen, und sich noch in abfälligen Redensarten dazu verstehen, unsere eigenen Landsleute glauben zu machen, wir wären an dem Kriege schuld. M.E. wäre es wahrhaftig angebracht, ich will damit absolut nicht sagen, man solle „Gleiches mit Gleichem“ vergelten, nein dafür wollen wir uns doch sittlich zu hoch halten, wenn wir uns dieser Leute versicherten, ehe sie uns Schaden auf irgend eine Art zufügten. Daß viele Ausländer zu Allem fähig sind, davon sind wir in den letzten Tagen zur Genüge überzeugt worden, trotz Ehrenwort und Ehrenhaftigkeit, womit von diesen Leuten oft geradezu in überschwänglicher Weise herumgeworfen wird. Es kann also nicht genug Vorsicht vor diesen Leuten angeraten werden. Drum nochmals, versichern wir uns „ihrer“ aber ohne Sibirien, Totschlag oder Kerker. Sch
Frauenmode. Unter der Rubrik „Eine Mahnung an die Frauen und Jungfrauen“ wird in einer rheinischen Zeitung eine Verfügung des Andreas Hofer erwähnt, worin er „dem Weibsvolk befahl, in ernster Kriegszeit ihr Brust, Arm- und Beinfleisch ausreichend zu bedecken“. Wie zeitgemäß wäre jetzt diese Verfügung!
O du getreuer Andreas Hofer, hättest doch du eine Ahnung davon, wie die deutschen Frauen und Mädchen heute dieser Mahnung bedürfen, vielleicht mehr als vor hundert Jahren, sähest du doch, wie sie in förmliche Balltoiletten herumlaufen und ihren täglichen Besorgungen nachgehen, wie ihre Blusen und Mieder hauptsächlich aus Löchern bestehen, und mehr zum Enthüllen als zum Verhüllen bestimmt sind, hättest du die engen, nach unten noch enger werden Kleiderröcke von heute gekannt, die bei jedem Schritt, den die Trägerin tut, die Körperformen durchblicken lassen, zu deren züchtiger Bedeckung die Gewänder doch eigentlich da sind! O, Andreas Hofer! Wüßtest du, wie selbst die Frauen, deren Ehrbarkeit über jeden Zweifel erhaben ist, unbedenklich die anstößigen Moden mitmachen!
Wann endlich werden wir von der Nachäffung der Pariser Moden ablassen, wann endlich wird der brave deutsche Familienvater sich dazu aufraffen, zu Frau und Tochter zu sagen: „In diesem Aufzug gehe ich nicht mit euch aus!“ Wann endlich werden unsere Frauen und Jungfrauen sich darauf besinnen, daß sie mitschuldig sind an der sittlichen Verheerung, welche diese Tracht anrichtet, wann endlich wird die Frau, namentlich die auf einer höhern Sprosse der gesellschaftlichen Leiter stehende, sich entschließen, der Näherin zu sagen: „Können Sie mir einen anständigen weiten Rock machen, der für meine Dimensionen bezw. meine Körperfülle passt, oder können Sie es nicht? Dann gehe ich weiter.“ Das Beispiel der bessern Stände ist es ja, das im Guten sowohl wie im Schlechten auf die untern Klassen bestimmend einwirkt.
All der wohlverdiente Spott und Hohn, der die Unsitten der heutigen Mode trifft, alle dagegen veranstalteten, großartig besuchten Versammlungen der Frauenvereine samt den dazu gehörigen schönen Resolutionen, ja, die ernstesten Mahnungen unserer hochwürdigen Bischöfe und Seelenhirten, alles ist bisher in der Praxis abgeprallt an der maßlosen Eitelkeit der Evastöchter, an dem sträflichen Unverstande der Mütter, an der unbegreiflichen Gleichgültigkeit der Väter und Ehemänner. (...)
Heute, wo der Herr der Heerscharen die schlimmste Geisel der Menschheit, die Kriegsfackel grausig drohend über Europa schwingt, wird heute die deutsche Frau „die Zeit ihrer Heimsuchung“ erkennen?
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)
Ich habe zwei schwere Gefechte mitgemacht und bin unverletzt. Im zweiten lag Walter [Mackes Schwager Walter Gerhardt] plötzlich neben mir. (...) Die Franzosen lagen zu Hunderten herum. Es war schauerlich, was ich erlebt habe. Ich mag nicht daran denken. Es ist zu traurig.
(August Macke an seine Frau Elisabeth, Feldpostkarte aus Chairiere-sur-Semois, nahe der frz. Grenze)
Dienstag, 25. August 1914
Die Allgemeine Sterbekasse Bonn hält am nächsten Sonntag, den 30. d. Monats, vormittags um 11 Uhr im Hähnchen eine außerordentliche Mitgliederversammlung ab. Zur Beschlussfassung kommt ein Vorschlag des Vorstandes, den infolge des Krieges zur Fahne gerufenen Mitgliedern der Kasse auch den Anspruch auf Sterbegeld einzuräumen. Die Kasse hat nach ihrer Satzung die Kriegsversicherung der Mitglieder nicht, will aber ihre vorhandenen Ueberschüsse verwenden, um den Hinterbliebenen der gefallenen Mitglieder auch die Wohltat der Versicherung zukommen zu lassen.
Großes Wohltätigkeitskonzert. Der Bonner Männer-Gesangverein und die Bonner Liedertafel, die beide am Sonntag Konzerte zu wohltätigen Zweck geben wollen, haben sich zu einer erfreulichen Einigung entschlossen und werden nun um 6½ Uhr im Stadttheater ein großes gemeinsames Konzert für die Angehörigen der zur Fahne einberufenen Bonner Bürger veranstalten.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Ein bewunderungswürdiges Beispiel edler Menschenliebe gibt in diesen Tagen schwerer Bedrängnis den Bewohnern der Stadt Bonn Ihre Königliche Hoheit Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe. Fast kein Tag vergeht, wo sie nicht ein oder mehrere Krankenhäuser besucht, in denen verwundete Soldaten Aufnahme gefunden haben. So besuchte sie wiederholt das St. Josef Krankenhaus in Beuel, das Johannis-Hospital, das Friedrich Wilhelmstift, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, die Chirurgische Klinik, das Vereinslazarett vom Roten Kreuz in der Luisenstraße, die Verbands- und Erfrischungsstation in der Weststraße. Sie nimmt herzlichen Anteil an dem Befinden der Verwundeten, mit denen sie sich stets auf das Liebenswürdigste unterhält. Eine besondere Freude machte es den ins Schlachtfeld ziehenden Soldaten, die hier bewirtet wurden, wenn die Prinzessin die Ansichtskarten, welche die Soldaten an ihre Angehörigen sandten, mit ihrem Namen unterschrieb. Eine derartige Leutseligkeit der Schwester unseres obersten Kriegsherrn wird ihren Eindruck auf die Soldatenherzen gewiß nicht verfehlt und ihre Begeisterung für den Kampf um unser mit Füßen getretenes heiliges Recht sicherlich erhöht haben.
Kriegshilfstätigkeit. In der Stadt Bonn haben der Zweigverein vom Roten Kreuz, der vaterländische Frauenverein und ein aus der Bürgerschaft gebildeter freiwilliger Hilfsausschuß in gemeinsamer Arbeit die infolge des Krieges auf dem Gebiet des Roten Kreuzes zu lösenden vielseitigen Aufgaben tatkräftig in die Hand genommen. Die veranstalteten Sammlungen haben – abgesehen von den reichlich gespendeten Naturalien – bis jetzt die stattliche Summe von 288.000 Mark erreicht. Ein vorzüglich ausgestattetes Vereinslazarett vom Roten Kreuz mit 25 Lagerstellen ist in dem dafür gemieteten Haus Luisenstraße Nr. 6 eingerichtet und seit mehreren Tagen in Betrieb. In der an der Weststraße, gegenüber dem Güterbahnhof, errichteten großen Verband- und Erfrischungsstation wird nicht nur für die mit der Eisenbahn die Stadt passierenden Verwundeten in bester Weise gesorgt, sondern auch den ihr zugewiesenen zahlreichen Kriegern die nötige Verpflegung zuteil. Für die Erfrischung der durchfahrenden Truppen ist zudem auf dem Hauptbahnhofe durch zweckmäßige Einrichtungen in weitgehendster Weise Sorge getragen. Der Transport der in die hiesigen Lazarette aufzunehmenden Verwundeten wickelt sich glatt und sachgemäß ab. Dank rühriger Friedensarbeit war der Vaterländische Frauen-Verein in der Lage, den hiesigen Lazaretten 49 Schwestern und 44 Helferinnen zur Verfügung stellen zu können, die nahezu alle für die Pflegetätigkeit in Anspruch genommen worden sind.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Mittwoch, 26. August 1914
Am Vortag hatte in Belgien die Festung Namur kapituliert. Die Universitätsstadt Löwen samt der weltberühmten Bibliothek war durch deutsche Truppen zerstört worden.
Ungefähr 900 Kriegsfreiwillige und Ersatzreservisten haben gestern morgen gegen ½11 Uhr auf dem Kasernenhof der I
nfanteriekaserne den Fahneneid geleistet. Vorher hatten in den Kirchen Gottesdienste stattgefunden. In der Münsterkirche hielt Herr Oberpfarrer Dechant Böhmer an die Soldaten eine zu Herzen gehende Ansprache.
In der altkatholischen Kirche fand, gleichzeitig wie auch im Münster und in der Schlosskirche, am Dienstag morgen die kirchliche Vorbereitung der Kriegsfreiwilligen zur Vereidigung statt. Pfarrer Prof. Dr. Mühlhaupt hielt dabei eine eindrucksvolle Ansprache über das Apostelwort. „Fürchtet Gott, Ehret den König!“
Deutsche Staatsangehörige aus Belgien , die dort entweder ausgewiesen wurden und flüchteten und sich in Bonn aufhalten, werden vom Polizeiamt gebeten, sich möglichst bald dort – sofern es noch nicht geschehen ist – zu melden und ihre Schadenersatzansprüche oder dergl. anzugeben.
Belgische Grausamkeiten. Ein aktiver Hauptmann sandte folgende Feldpostkarte nach Bonn:
Julémont, 17 Aug. 1914. Lieber Vater! Seit gestern bin ich in Belgien. Stimmung und Begeisterung vorzüglich. Gegend herrlich, Bevölkerung aber hundsgemein. Unsere Leute sind an allen Enden angeschossen und gemein ermordet worden; dafür sind ganze Straßen von Städten und ganze Dörfer angezündet. Hier haben wir auch Teile von Menschen und Ausrüstungsgegenstände gefunden. Sechs Dorfbewohner sind schuldig befunden worden, unsere Leute ermordet zu haben. Wahrscheinlich werden sie morgen erschossen und das Dorf angezündet.
[Am 18. August wurden von deutschen Truppen in Julémont 12 Männer hingerichtet und 27 Gebäude, darunter die Kirche, niedergebrannt.]
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Türkische, deutschfreundliche Gesinnung zeigt sich überall. St. Vitos, der Geschäftsinhaber der Türkischen Zigarettenfabrik in Bonn, schenkte für die verwundeten Soldaten dem Roten Kreuz für einige Hundert Mark Tabak.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Wir sind kurz vor Mezieres, einer französischen Festung, deren Sturm wohl hauptsächlich von unserer ausgezeichneten Artillerie besorgt wird. Die Franzosen sind in wilder Flucht. Sie ziehen durch die Dörfer vor uns her und schreien »sauve qui peut«. Ich glaube, Lothar [Lothar Erdmann, Freund der Familie Macke, als Kriegsfreiwilliger seit dem 5. August beim Militär] hat nicht mehr viel zu tun.
(August Macke an seine Familie, Feldpostkarte)
Donnerstag, 27. August 1914
Am Mittwoch hatte die Schlacht bei Tannenberg begonnen.
Gegen Preistreiberei auf dem Arbeitsmarkt richtet sich folgende städtische Bekanntmachung: In letzter Zeit sind der städtischen Armenverwaltung wiederholt Fälle mitgeteilt worden, daß kräftige Tagelöhner, die 4 Mark täglich verdienen, ihren Arbeitgebern erklärt haben, sie arbeiteten nicht unter 5 Mark täglich, in einem Falle wurden sogar 6 Mark Tageslohn verlangt. Alle Arbeitgeber, denen derartige Forderungen gestellt werden, wollen die Namen der Arbeiter der städtischen Armenverwaltung mitteilen, damit gegebenenfalls entsprechend verfahren werden kann.
In der Verlustliste Nr. 9 wird als leicht verwundet angeführt Musketier Joh. Fuß aus Bonn-Endenich vom Infantrie-Regt. Nr. 70 (Saarbrücken) 7.Komp.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Französische Gefangene kommen, so wird uns geschrieben, jetzt häufiger durch Bonn. Gestern Mittag gegen 11 Uhr kam wiederum ein Zug französischer Gefangener durch unsere Station. Der Zug hielt hier eine halbe Stunde. Im ganzen befanden sich 261 Gefangene in dem Zuge. Im allgemeinen machen die Franzosen keinen guten Eindruck. Es sind meistenteils kleine Gestalten, die den meisten deutschen Soldaten nicht bis an die Schulter reichen. Im übrigen ist ihre Kleidung und Ausstattung sehr mangelhaft. Im Vergleich mit den deutschen Soldaten und ihren soliden Uniformen sehen die Gefangenen geradezu verwahrlost aus.
Auch in der Synagoge wurden durch Herrn Rabbiner Dr. Cohn die jüdischen Kriegsfreiwilligen auf den Fahneneid vorbereitet.
Kriegsunterstützung. Der Reichszuschuß beträgt für die Sommermonate (Mai – Oktober) mindestens 9 Mk., in den übrigen Monaten 12 Mk. Für die Ehefrau und 6 Mk. für jedes Kind unter 15 Jahren sowie die anderen berechtigten Personen (Verwandte in aufsteigender Linie und Geschwister, sowie Kinder über 15 Jahren, sofern sie von Einberufenen unterhalten wurden). Die Beträge sind in halbmonatlichen Raten vorauszuzahlen durch die Zahlstelle Bonn-Mitte. Jeder, dem die Kriegsteilnehmerunterstützung bewilligt worden ist, erhält hierüber eine Ausweiskarte vom städtischen Militärbureau.
Ein größerer Truppentransport verwundeter Soldaten ist gestern morgen hier eingetroffen. Es handelte sich meistenteils um leichter Verwundete, die auf Straßenbahnwagen zu den verschiedenen Lazaretten und Krankenhäusern übergeführt wurden. Unter den verwundeten befanden sich Soldaten aller Truppengattungen.
Bonner Jugend! Unserer Jugend soll es gewiß nicht verargt werden, wenn sie sich draußen in frischer Luft, anstatt im Zimmer vergnügt. Und sicher freut man sich über die Jugend und ihre jetzt aktuell gewordenen Kriegsspiele. Solange diese Spiele Jungdeutschlands mit Franzosen, Russen oder Engländern kindlich blieben, hatte Niemand hiergegen etwas einzuwenden. Da aber merkte die Jugend, daß man ihr zuschaute und sich über das Spiel freute. Jetzt änderte die Jugend die Taktik, sie spielte nicht mehr für sich, sondern für die Erwachsenen. Dabei sind die Spiele ausgeartet und es kam Roheit und wüster Lärm in das kindliche Treiben. So sieht der Erwachsene das Treiben auf der Straße, insbesondere im Hofgarten, Alten Zoll, Baumschul-Wäldchen, Nussallee, Rheinanlagen, kurz an allen größeren Plätzen mit steigenden Unmut. Bliebe es bei dem Spiel, ginge es noch an. Aber in ihrer kriegerischen Stimmung vergreift sich die Jugend auch an städtischem und privatem Eigentum. So werden die Rasen- und Blumenbeete zertreten, Zweige, ja ganze Aeste von Bäumen und Sträuchern abgerissen, Obstbäume geplündert und dergleichen Unfug mehr. Gutes oder ernstes Zureden nutzt nichts. Die Jugend wird obendrein noch frech. Im Hofgarten treiben die Kinder es so toll, daß den Ruhesuchenden, insbesondere Soldaten, die leichtverwundet in hiesigen Lazaretten untergebracht sind und in den Anlagen spazieren gehen, der Aufenthalt dort verleidet wird. Im Interesse der gesamten Bürgerschaft dürfte hier Abhülfe oder doch Einlenkung des wüsten Treibens in ruhigere, anständigere Bahnen geboten sein.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Deutsche Sprachreinigung. (...) Der Allgemeine Deutsche Sprachverein arbeitet schon lange und mit nachweisbar gutem Erfolge an der Beseitigung aller Fremdwörter, die sich durch gute deutsche Worte ersetzen lassen. Der Verein darf die in diesen
Tagen aufgetretene erfreuliche Verdeutschungsbewegung als eine Frucht seiner jahrelangen Bemühungen ansehen. Seinem weiteren planvollen Vorgehen wird es auch gelingen, das deutsche Volk allmählich zu der Einsicht zu bringen, daß es ein Schimpf für unsere Sprache und damit für unser deutsches Empfinden ist, wenn wir unsere so schöne und reiche Sprache mit fremden, besonders französischen Wörtern verschandeln. Adieu ist grade eins der geschmacklosesten und wird nur noch von gedankenlosen Leuten gebraucht; langes Leben ist ihm in unserer Sprache sicher nicht mehr beschieden. Der Franzose gebraucht es übrigens garnicht in der bei uns üblichen Weise; das macht die Sache für uns nur beschämender.
Wer also noch ein wenig weiter blicken kann als nur unmittelbar auf die uns ja am nächsten anliegenden kriegerischen Ereignisse; wessen gut deutsch gesinnter Mut den nicht leichten Kampf um die Reinhaltung unserer Muttersprache selbstbewusst aufnehmen will; der tue es ohne Spielerei aus vaterländischer Ueberzeugung. Also fort nicht nur mit dem törichten Adieu, sondern auch mit allem übrigen fremden Flitterwerk in deutscher Rede und Schrift!
Dr. Hans Krieg,
Vorsitzender im Bonner Zweigverein des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
Einquartierung. Notschrei eines Fabrikarbeiters. Ich bin Fabrikarbeiter und arbeite von Anfang des Krieges nur halbe Tage; ich bin verheiratet, habe drei Kinder von 13, 10 und 7 Jahren und 4 Räume gemietet, was doch für meine Haushaltung nicht zuviel ist. Jetzt soll ich auch noch 2 Mann Einquartierung bekommen. Ich möchte doch die Stadtverwaltung bitten, einem armen Arbeiter, der jetzt noch nicht einmal die Miete zahlen kann, mit der Einquartierung zu verschonen. Es gibt doch noch genug Leute, welche besser die Mittel dazu haben, als ein Fabrikarbeiter. K.Z.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Ein Zug mit verwundeten Soldaten traf gestern hier ein. Es waren meist belgische und französische Soldaten, auch einige Zuaven befanden sich darunter.
Unbezwingliche weibliche Neugier. Unzählige Frauen, Mädchen und Kinder standen gestern Vormittag vor dem Johannishospital und wartete auf verwundete Soldaten, die man dorthin bringen sollte. Es ist tief bedauerlich, daß ein Teil unserer Frauen immer noch nicht zur Einsicht gekommen ist und ihre Neugierde beherrscht. Es handelt sich doch nicht um ein Schauspiel, dessen Anblick man sich nicht entgehen lassen dürfte. Jeden Verwundeten muß es schmerzlich berühren, wenn er Gegenstand der Neugierde wird. Unsere tapferen Soldaten haben das aber nicht verdient. Man sieht zumeist solche Weibsbilder, an deren Kleidung und Aeußerm man gleich erkennen kann, daß sie besser täten, in diesen ernsten Tagen der Not zu arbeiten, anstatt Maulaffen feil zu halten. Da bis jetzt alle Ermahnungen fruchtlos geblieben sind, wäre es vielleicht angebracht, sämtliche Teilnehmer an einem solchen Menschenauflauf, der stets verkehrsstörend wirkt, auf Grund unserer Polizeiverordnung über Verkehrsstörung auf Straßen und Plätzen zu bestrafen. Vielleicht lernen sie es dann auf diesem Wege. Es tut dringend Not.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Freitag, 28. August 1914
Keine Überführung von Leichen Gefallener in die Heimat. Es laufen bei der Heeresverwaltung von Zeit zu Zeit Anträge zur Ueberführung von Leichen gefallener Krieger in die Heimat ein. Diese Erlaubnis kann, wie das Wolffsche Büro mitgeteilt hat, leider nicht erteilt werden. Es liegt in der Natur der Kriegsverhältnisse, daß die Bahnen in jetziger Zeit gerade im Operationsgebiet durch Verwundeten-, Gefangenen- und andere Transporte in Anspruch genommen sind. Die Angehörigen gefallener Krieger werden im patriotischen Empfinden die Maßnahmen verstehen, auch wenn ihr Wunsch unerfüllbar ist.
Hofrat Beck ist in seinem Münchener Volkstheater in Anzensgrubers „Pfarrer vom Kirchfeld“ als „Wurzelsepp“ zum ersten Mal als Darsteller vor das Münchener Publikum getreten. Daß man auch in München die Darstellungskunst unseres langjährigen Theaterleiters zu würdigen versteht, bewies der starke Beifall, den dieser prächtige „Wurzelsepp“ hatte. (...)
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Sämtliche Reservisten ersten und zweiten Aufgebots aller Waffengattungen des Landwehrbezirks Bonn haben sich am Freitag
den 4. September, vormittags 8 Uhr, zur Kontrolle auf dem Reitplatz an der Loékaserne auf der Rheindorferstraße zu melden und ihre Militärpapiere mitzubringen. Nicht zu stellen haben sich Leute, die in ihrem Militärpaß als dauernd felddienstunfähig oder nur garnisonsdienstfähig bezeichnet sind, oder die vom Waffendienst zurückgestellten oder als unabkömmlich anerkannten Personen.
Ein großes Wohltätigkeits-Konzert für die Angehörigen der zur Fahne einberufenen Bonner Bürger veranstaltet, wie bereits bekanntgegeben, der Bonner Männer-Gesangs-Verein und die Bonner Liedertafel. Ursprünglich war von jedem der genannten Vereine ein Sonderkonzert vorgesehen. Im Interesse der guten Sache aber haben sich beide Vereine zu einem gemeinsamen Konzert zusammengeschlossen. Dadurch wird aller Voraussicht nach auch der finanzielle Ertrag stärker. Eine besondere Anziehungskraft erhält das Konzert durch die Mitwirkung von Frau Elly Ney-van Hoogstraten und des Städtischen Orchesters. Das Konzert findet im Bonner Stadttheater statt. Auch bei dieser Gelegenheit wird unsere Bürgerschaft sicher ihren Opfersinn dokumentieren.
Der jüngste Rekrut. Auswärtige Blätter verbreiteten in diesen Tagen Nachrichten von den jüngsten Rekruten, die ins Heer eingetreten sind. Dabei wurde erwähnt, daß der jüngste Rekrut am 7. Mai 1898 geboren sei und Heinrich Voß heiße. Demgegenüber dürfen wir zu unserer Freude feststellen, daß sich der jüngste Rekrut beim Rekruten-Depot des hiesigen Infanterie-Regiments Nr. 160 befindet und grade ganze 15 Jahre alt ist. Der jüngste Vaterlandsverteidiger – übrigens ein strammer und schmucker Kerl – ist am 29. Juni 1899 als der Sohn des Diplom-Ingenieurs Peter Ritzen in Düren geboren und ist als Kriegsfreiwilliger beim hiesigen Infanterie-Regiment eingetreten. Er wird jetzt sein Notexamen machen und damit zum „Einjährig-Freiwilligen“ avancieren. Der Bruder dieses jungen Soldaten steht übrigens als Kriegsfreiwilliger und Leiter des Autoparks in Aachen.
Mehrere hundert verwundete Franzosen sind in der vergangenen Nacht von der Westgrenze nach Bonn transportiert worden. Die Verwundeten (meistens Leichtverletzte) wurden vorläufig am Güterbahnhof in der Lazaretthalle untergebracht.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Nochmals die Einquartierung! Dieser Tage war ein Angestellter der Stadt bei mir und einem meiner Verwandten und forschte nach der Anzahl und Einteilung der Zimmer, um Einquartierung unterzubringen. Ein solches Verfahren trifft natürlich die Zimmervermieter, die jetzt kein Verdienst haben, besonders hart. Gestern war an dieser Stelle zu lesen, daß man einem auf halbem Verdienst gesetzten Arbeiter, der mit seiner dreikindrigen Familie eine kleine Vierzimmerwohnung inne hat, auch noch zwei Mann Einquartierung aufgebürdet hat. Es drängt sich da einem unwillkürlich die Frage auf, ob in den Villen im südlichen Stadtteil die Einquartierung auch immer nach der Zahl der Zimmer berechnet wird. Die einzig richtige Verteilung der Einquartierung ist die nach dem Steuersatz, wie sie auch in anderen Städten gehandhabt wird. Nicht die Unbemittelten, sondern die Begüterten müssen die Last der Einquartierung tragen, denn sie allein sind in der Lage, einen Mann bei der für die Lebensmittelpreise der Stadt unzureichenden Vergütung ordentlich zu verpflegen. C.H.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)
Wir liegen hier auf dem Bauch, Walter und ich, und schreiben Ansichtskarten. Vor uns wird feste mit Kanonen geschossen. In den letzten Tagen hatten wir allerhand Ruhe. Ich erhielt von Dir einen Brief vom 16ten und war sehr froh darüber.
(August Macke an seine Frau Elisabeth, Feldpostkarte)
Samstag, 29. August 1914
Ein Seegefecht mit einem britischen Geschwader bei Helgoland hatte am Freitag der deutschen Flotte starke Verluste beschert. Die deutsche Kolonie Togo war von Briten besetzt worden.
Ein Matrosenbrief: Von befreundeter Seite wird uns der Brief eines Obermatrosen d. R. zur Verfügung gestellt, dessen frischer, kampfesfroher und zuversichtlicher Ton bezeichnendfür die ausgezeichnete Stimmung unserer Marine ist:
Sehr geehrter Herr! (...) Ich denke augenblicklich an den Sonntag, der meiner Ankunft hier auf Helgoland vorausging, an dem ich in Ihrem Hause schöne Stunden verleben durfte, an dem ich mit Ihnen vom Ernst-Moritz-Arndt-Denkmal aus auf den Rhein schaute, das Herz voll von den Ereignissen, die diesem Völkerkriege vorausgegangen. „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“. Wir sprachen noch davon, jetzt ist dies stolze Wort in jedermanns Munde. Jetzt ist er da, der große Volkskrieg, Deutschland ist einig und jeder Deutsche willig, sein Blut für die gute Sache zu geben. (...)“
An unsere deutschen Frauen! Wir werden um die Aufnahme folgenden Aufrufs ersucht: „Durch den jäh über uns hereingebrochenen Krieg sind viele unserer Schwestern in große Not geraten. Es ist festgestellt, daß manche Frauen und Mädchen hungern. Das soll und darf nicht sein. Wir wollen uns in dieser schweren Zeit fest zusammenschließen und diese über uns hereingebrochene Not zusammen tragen, wie sich’s für echte deutsche Frauen geziemt. Es soll keine Almosen sein, die wir geben, wir wollen nur einen Weg suchen, zu helfen, bis die Wege geebnet sind, welche dauernd Hilfe schaffen. Wer in Not ist, wende sich vertrauensvoll an die Geschäftsstelle der Bonner Ztg. zur erfragenden Adresse.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Ein 16jähriger Kriegsfreiwilliger. Der Sohn eines bekannten Bonner Bürgers, H. Scharrenbroich, zog gestern mit der Infanterie an dessen Bestimmungsort. Er wurde am 12. Juni 1914 erst 16 Jahre alt.
Der B. M.-G.-V. Apollo gibt Samstag Nachmittag auf der Kasselsruhe ein Wohltätigkeitskonzert zum besten des Roten Kreuzes. In Anbetracht der guten Sache wäre ein zahlreicher Besuch zu wünschen.
Eine jugendliche Diebesbande hat seit längerer Zeit in Bonn und Umgebung ihr Unwesen getrieben. Gestern standen fünf jüngere Leute, die sich bei diesen Diebesstreifzügen in besonderem Maße beteiligt haben, vor der Strafkammer. Die Angeklagten hatten in mehreren Fällen der im Bau befindlichen Artillerie-Kaserne einen Besuch abgestattet und dort Rohmaterialien weggeschleppt und verkauft. Ebenso hatten sie aus einer hiesigen Badeanstalt Wäschestücke usw. entwendet und in anderen Fällen aus Geschäften und Privathäusern Gegenstände gestohlen Die Sachen wurden meistenteils verkauft. Den Erlös verteilten sie unter sich. Die Strafkammer erkannte gegen den Hauptbeteiligten eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 3 Wochen sowie 5 Jahre Ehrverlust. Die anderen kamen mit Gefängnisstrafen von 6 und 2 Monaten davon. Ein Angeklagter wurde wegen Hehlerei zu einer Woche Gefängnis verurteilt.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Lesezimmer der Deutschen-Reichszeitung. Die Deutsche Reichs-Zeitung hat seit Anfang der verflossenen Woche im Hause Gangolfstraße 11 ein Lesezimmer zur freien Benutzung für jedermann eröffnet, in welchem die neuesten Zeitungen ausliegen. Das Lesezimmer ist dem Publikum täglich geöffnet von morgens 9 bis 1 Uhr und nachmittags von 3½ bis 7 Uhr, Sonntags von 11–1 Uhr. Diese Wohlfahrtseinrichtung findet allgemeinen Anklang, wofür der zahlreiche Besuch wohl der beste Beweis sein dürfte.
Militärisches. Beim hiesigen Husarenregiment sind die Prinzen Anton und Franz Robert, Herzöge zu Arenberg, als Leutnants, vorläufig ohne Patent angestellt worden.
Ein Zug mit verwundeten Soldaten ist gestern morgen hier eingetroffen. Es handelte sich meistenteils um leichter Verwundete, die auf Straßenbahnwagen zu den verschiedenen Lazaretten gebracht wurden. Zum größten Teile waren es französische Soldaten.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
(...) Wir sind seit drei Tagen mit den Franzosen in Berührung. Ich habe zwei schauerliche Gefechte mitgemacht, eins nachts in einem brennenden Dorf. Die Franzosen haben furchtbare Verluste (1000 Mann). Wir viel weniger. (...)
(August Macke an seine Mutter, Feldpostkarte aus Chairière)
Sonntag, 30 August 1914
Die Hauptsammelstätte des Vaterländischen Frauen-Vereins Stadtkreis Bonn, in der Lese, bittet um Ueberweisung von Leinen, Stoffen, Wolle, und dergl., durch deren Verarbeitung bedürftigen Frauen und Mädchen Verdienst geschaffen werden soll.
In der Verlustliste Nr. 13 werden vom Landwehr-Regiment Nr. 65 in Koblenz als vermisst angegeben der Landwehrmann Joh. Roth aus Dransdorf, als verwundet der Wehrmann Joh. Pfaffenholz aus Meckenheim und der Wehrmann Joh. Schneider aus Oberwinter. Von dem Husaren-Regiment Nr. 7 in Bonn gibt die Verlustliste Nr. 13 den Vizewachtmeister Rud. Rendler als verwundet an.
Ein Zug Schwerverwundeter kam gestern Nachmittag hier an. Es wurden davon ungefähr 130 in hiesigen Lazaretten untergebracht, die übrigen nach Brühl weitertransportiert.
Ein Soldatenbrief. Von befreundeter Seite erhalten wir folgenden Brief eines jungen Bonners, der als Artillerist die Belagerung von Namur mitgemacht hat:
Vor Namur, 25. August
Liebe Eltern,
Schreibe Euch hier den versprochenen Brief. (...) Am schlimmsten ist die Zivilbevölkerung. Hier ist ein kleines Städtchen Ordenne [Andenne]. Von dort wurden wir und Infanterie stark beschossen. Natürlich wurden nun die Häuser gestürmt und die betr. Zivilisten gefangen und erschossen. Ebenso wurden die Läden ausgekauft und die Möbel in Ordnung gestellt, dann der ganze Kram angezündet. Im großem und ganzen schrecklich, wenn man die Toten alle sieht. Jetzt bin ich schon daran gewöhnt. Wir beköstigen uns hauptsächlich von Fleisch und Kartoffeln, welche wir vom Felde nehmen. Kühe usw. werden einfach geschlachtet und geteilt. (...)
[In Andenne wurden am 20. August von deutschen Truppen mehr als 200 Zivilisten hingerichtet und zahlreiche Gebäude niedergebrannt.]
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Im Lazarett. In der Beethovenhalle: sonst harmonische Offenbarungen auserlesener Musikfeste, rauschende Feste, helle Luft fröhlicher Stunden in jedem Winkel und jetzt – Schmerzlaute wundgeschossener Soldaten. Der große Saal, Bonns feierlichste
Musikstätte, ist in ein Kriegslazarett umgewandelt. Reihe an Reihe stehen Betten mit verwundeten Soldaten: deutsche und französische. National-Unterschied wird nicht gemacht. Hier gilt einer wie der andere. Deutsche oder Franzosen, es sind Menschen, die für ihr Vaterland gekämpft und geblutet haben.
Es ist still hier, und nur ab und zu seufzt, stöhnt ein wunder Soldat auf seinem Lager. Graue Krankenschwestern gehen sanft, geräuschlos von Bett zu Bett, richten Kissen und Decken, reichen Durstlippen kühlen Trank und Speise. Aerzte in weißen Kitteln untersuchen mit gewissenhafter Sorgfalt die Wunden, lösen blutbefleckte Verbände, legen neue an, oder stehen leise beratend zusammen. Herber Jodoformgeruch durchzieht die Halle, vermischt mit süßlichem Duft letzter Sommer- und erster Herbstblumen, die freundliche Hände in reicher Fülle hier zusammentrugen. Für die Soldaten auf ihrem Schmerzenslager ein lieber Augenrichtpunkt. Rote Rosen, gelbe Sommerblumen, weiße Nelken, flammende Georginen und bunte Dahlien machen den Ernst des Bildes milder. Man versteht den Blick des Soldaten von den Betten zu den Blumen: in der Heimat im Frieden seines Hauses mögen vor seinem Fenster oder im kleinen Gärtchen auch solche Blumen sein und Frauenhände, die sie pflegen. Dieser Heimgedanke macht den Schmerz leichter, die Gedanken schwingender.
Die Augustsonne fällt schräg durch die Oberlichtfenster, wirft blinkende Lichter auf die Bett-Messingteile, die Geräte des Arztes und auf die Blumenschalen. Ueberall peinliche Sauberkeit. Kaum daß einige kleine Staubpünktchen in den schrägen Lichtbalken auf- und niedertanzen. Die Sonne scheint auf die vielen roten Franzosenkäppis, die über den Kopfenden der Betten an den Namentafeln der Verwundeten hängen. Aber auch ohne die Franzosenkäppis kennt man die Welschen. Der Typ weicht ab von unseren deutschen breitknochigen Soldatenantlitzen. Jene sind durchweg kleiner und haben, wie das Zola einmal treffend gesagt, „nervöse, zigarettendurchqualmte Soldatengesichter.“
Die hier liegen, sind durchweg schwerer mitgenommen; man sieht, die Unsrigen schießen gut. Stehen sie sich im Felde als Feind gegenüber: hier kennt man das Wort nicht. Ein kleiner schwarzer Franzose, dem das Geschoß den rechten Arm wegriß, will vergebens nach seinem Taschentuch greifen, das ihm zu Boden gefallen ist. Daneben ein baumlanger deutscher Grenadier, der selbst in Schmerz liegt, sieht das und hebt unter Anstrengung das Taschentuch des Franzmanns auf. „Da,“ meint er gutmütig. Der sagt leise: „Merci Monsieur“. Und immer wieder gehen graue Schwestern an den Reihen vorbei mit Trostworten und Linderung. Die Zeitung kommt und danach greifen sie hastig. In großer Druckschrift liest man von einem neuen Sieg deutscher Waffen an der Westgrenze. Und wieder beobachtet man: in den deutschen Augen ist frohbegeistertes Aufleuchten, heller Siegesjubel. Einer schlägt mit der gesunden Faust auf den Bettrand und sagt: „Wenn man doch wieder dabei wäre!“ Instinktiv fühlen die Franzosen, was die Augen der Deutschen heller macht, und einige drehen sich, so der Schmerz es erlaubt, auf die andere Seite.
Ueber der neuen Siegesfreude rückt wieder ein neuer Verwundetentransport an. Rote Kreuz-Leute mit Tragbahren, Soldaten der verschiedensten Waffengattungen, zerschossen, mit verschwitzten Kleidern, blutbefleckten Röcken und Verbänden. Aber auch sie umfängt bald die kühle Friedensstille der Lazaretthalle und gewaschen, gereinigt, verbunden und gestärkt liegen sie in den sauberen Betten und werden gehegt, gepflegt von den grauen Krankenschwestern. Bis die Wunden verheilt, haben Deutsche und Franzosen, die sich für ihr Vaterland schlugen, hier eine Stätte, die so gut ist, wie die, wo die Mutter für sie sorgte.
Und dem Beobachter geht der Gedanke durch den Kopf: Ob auch unsere deutschen Jungens, die zerschossen in Feindesland liegen, ebenso gut aufgehoben sind?
Ehe man die Halle verläßt, wirft man noch einen Blick auf die Habseligkeiten der Franzosen, die in einem abgeschlossenen Raum aufbewahrt liegen. Und da will einem das Kopfschütteln kommen. Wie können Soldaten mit diesem Plunder siegreich sein? Abgesehen von den Uniformstücken, die nichts, aber auch so gar nichts von deutscher „Däftigkeit“ haben, ist es das Schuhwerk und die Fußbekleidung, die das Minderwertige des französischen Soldatentums kenntlich macht. Da liegen zwischen den roten Hosen, blauen Jacken, Koppeln, Gamaschen eine Menge dünne bunte Florstrümpfe, wie die Damen sie tragen. Und mit diesen lila und grünen Söckchen sollen die Franzosen Tagemärsche machen! Die ganze Ausstattung mit Unterzeugen mutet an, wie aus einem Zigeuner- und nicht aus einem Soldatenlager. Dann denkt man mit Stolz und Freude an unsere Jungens und an ihre Ausrüstung, wie sie von Kopf bis zu Fuß ausgestattet sind, däftig, solid bis zum letzten Knopf.
Und dann weiß man, daß die Dinge ihren Lauf so nehmen müssen, wie sie sich bis jetzt mit geradezu mathematischer Sicherheit und Genauigkeit entwickelt haben.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Ihre königliche Hoheit, Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe, besuchte gestern das Lazarett I sowie die Kliniken unter Führung von Geheimrat Schulze und Prof. Hoffmann. Vorgestern hatte sie den Verwundeten in der Beethovenhalle einen Besuch abgestattet. Als sie wieder auf die Straße trat, hatte sich eine größere Menschenmenge angesammelt, die gerade von den letzten Siegen an der Westgrenze erfahren hatte. Mit jubelnder Begeisterung und lauten Zurufen wurde die Prinzessin begrüßt.
Kindesaussetzung. Ein 21 Jahre altes Dienstmädchen aus Bonn war im Juli ds. Js. aus einer hiesigen Anstalt entlassen worden. Mit ihrem Kind kam es dann nach Köln und trieb sich in der Nähe der Andreaskirche umher. Einem dort stehenden Manne fiel das Mädchen durch sein scheues Wesen auf und er ging ihm eine Zeitlang in Begleitung eines Schutzmannes nach. Verschiedentlich machte das Mädchen den Versuch, das Kind irgendwo hinzulegen, es wurde aber immer durch Passanten gestört. So kam es schließlich auf die Straße Unter Sachsenhausen. Hier beobachteten die beiden Verfolger, wie das Mädchen in einen Torweg hineinging und bald nachher ohne das Kind wiederkam. Es sah sich schnell nach beiden Seiten um und wollte sich eiligst entfernen. Die Davoneilende wurde aber von dem Beamten zur Rede gestellt und zeigte nun auf Verlangen, wo sie das Kind hingelegt hatte. Es war hinter einen Flügel eines großen Tores geschoben worden. Nun hatte sich das Mädchen wegen Kindesaussetzung vor der Kölner Strafkammer zu verantworten. Es gab die Tat im allgemeinen zu und machte zu seiner Entschuldigung geltend, daß sie aus Not gehandelt habe. Das Gericht zog dies bei Feststellung der Strafe in Betracht und beließ es bei der geringst zulässigen Strafe von sechs Monaten Gefängnis.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)
Montag, 31. August 1914
Die zweite russische Armee war am Tag zuvor von den Truppen Hindenburgs bei Tannenberg vernichtend geschlagen worden – ein Sieg, der den Ruhm Hindenburgs begründete.
Eine stimmungsvolle Morgenfeier fand gestern Vormittag um 11 Uhr im Lazarett III (Beethovenhalle) zur Erbauung der Verwundeten statt. Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe wohnte mit ihrer Begleitung der Feier bei, ebenso der Oberbürgermeister und der Chef des Bonner Lazarettbezirkes, Herr Generaloberarzt Dr. Jäger. Herr Kapellmeister Sauer trug auf der Orgel ein eindrucksvolles Präludium und das niederländische Dankgebet vor, Herr Konzertmeister Scheidhauer spielte das Largo von Händel. Diese musikalischen Darbietungen, bei denen die Künstler mit Innerlichkeit und Hingabe spielten, fanden in den Verwundeten dankbare und empfängliche Hörer. Am Nachmittag trug in der Beethovenhalle ein mehrfach besetztes Quartett des Bonner Männer-Gesangvereins einige gut gewählte Lieder vor.
(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")
Unsere patriotische Jugend. Eine Dame schreibt uns: Vorige Tage passierte folgender heiterer Vorfall auf einem der Bonner Plätze. Sechs Jungens schickten sich an, den deutsch-englisch-französischen Krieg im Kleinen vorzuführen. Als nun die beiden „Franzosen“ und „Engländer“ sich auf die zwei „Deutschen“ stürzen wollten, um sie zu schlagen, riefen die begeisterten Deutschen einstimmig: „Enäh, ihr maht et so verkieht, ihr mött üch krije losse, un mir mösse siege! Wenn ihr och mieh sett, dat eß ons Wuesch. Noch emol ahnfange!“ Und nun teilten zum Ergötzen der Umstehenden die „Deutschen“ fürchterliche Keile aus.
Der M.-G.-V. „Apollo“ hat am Sonntag nachmittag auf der Casselsruhe ein sehr gut besuchtes Wohltätigkeits-Konzert zum Besten des Roten Kreuzes veranstaltet. Die Leistungen des Vereins, der von Herrn Lehrer Eschweiler anstelle des im Feld stehenden Dirigenten geleitet wurde, waren sehr gut. Das ganze Programm war der ernsten Zeit angepasst. Die von Vereinsmitgliedern gestellten Bilder fanden vielen Anklang. Dem Roten Kreuz konnte ein erheblicher Betrag übernwiesen werden.
Der deutsche Kaiser als Bonner Schützenkönig. Der hiesigen Sebastianus-Schützengesellschaft ist ein Schreiben zugegangen, wonach unser Kaiser die auf ihn gefallene Königwürde dankend angenommen hat. Wir haben also in Bonn den seltenen Fall zu verzeichnen, daß wir zwei Schützenkönige haben: Kaiser Wilhelm II. und Herr Joh. Bodiset. Der glückliche Schütze, der den Kaiserschuß getan hat, war Herr Philipp Reeb.
Für’s Vaterland! Ein hiesiger Miltärinvalide gibt eine dankenswerte Anregung. Er schreibt uns, daß er während der Dauer des Krieges auf seine Pension verzichtet und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß, da der 1. September vor der Tür steht und die Pensions-Gelder bald abgeholt werden, noch recht viele Pensionsberechtigte gleich ihm auf die Pension verzichten.
(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)
Der Hilfsausschuss bittet um Ueberweisung von Gesellschafts- und Geduldspielen für unsere verwundeten und kranken Soldaten.
Der Verkauf von Brot, Mehl und Salz in den städtischen Verkaufsstellen Franziskanerstraße 8a und Verwaltungsgebäude Bonn-West, Kirsch-Allee 23 ist mit heute eingestellt worden.
(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)