Dienstag, 26. November 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 26. November 1918Fremdtruppen am Rhein. Inmitten der sich überstürzenden Nachrichten über die Entwicklung unserer inneren und äußeren Angelegenheiten, die so oft einander widersprechen und sich gegenseitig ausschalten, steht für uns Rheinländer nun das eine fest, daß wir im Laufe der nächsten Woche die Besetzung mit Fremdtruppen erhalten werden. Das dies eine Sache ist, die jeden berührt, zeigt auch ein Schreiben, das der Staatssekretär Erzberger als Vorsitzender der Deutschen Waffenstillstandskommission an Professor Kamp, den Herausgeber der Zeitschrift für Volksernährung, unter dem 22. November gerichtet hat. Ihm waren Vorschläge über die Beköstigung der Fremdtruppen unterbreitet worden. Er hat darauf erwidert, daß er die Zuschrift mit bestem Dank erhalten habe, die Anregung für das übrige Besetzungsgebiet von Interesse sei und dort weiter verfolgt werden soll. Für Anregungen solcher Art sei er stets dankbar, umso mehr, da die gesamte Bevölkerung mitarbeiten müsse, damit die kommende schwere Zeit überhaupt erträglich gemacht werde.

Die Schaufensterbeleuchtung mit Gas- oder elektrischem Licht ist des Kohlenmangels wegen bis auf weiteres verboten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

    

Reklamierte Heeresangehörige, die sich im linksrheinischen Gebiet aufhalten und noch nicht ordnungsgemäß entlassen sind, haben sich unverzüglich beim nächsten Bezirkskommando oder, wo solches nicht mehr vorhanden, bei der nächsten militärischen Dienststelle unter Vorlegung ihrer ordnungsgemäßen Reklamationspapiere zwecks Entlassung aus dem Heeresdienste zu melden. Andernfalls laufen sie Gefahr, von den Ententetruppen gefangen genommen zu werden.
Heeresgruppe Gallwitz

Schleunige Ablieferung von Waffen und Munition. Das Kommando der Bürgerwehr schreibt uns:
Bekanntlich hat der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat kürzlich eine Verfügung erlassen, nach der sämtliche Besitzer von Militärwaffen und Munition verpflichtet sind, diese bis zum 20. d. Mts. abzuliefern. Jedem Bonner Bürger wird empfohlen, sich einmal zu überlegen, welche Folgen Zuwiderhandlungen gegen diese Verfügung bei Eintreffen der feindlichen Besatzung haben könnten. Trotz alles dessen, was seit Kriegsausbruch unser Denken gefangen genommen hat, wird jedem noch in frischer Erinnerung sein, wie die bewaffnete Zivilbevölkerung Belgiens sich bei dem Einmarsch unserer Truppen am Kampfe beteiligt hat. Diese Vorkommnisse werden auch dem Führer der feindlichen Besatzungstruppen, die wir in unserer Mitte dulden müssen, zu denken geben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß Hausdurchsuchungen nach Waffen und Munition angeordnet werden. Wer dabei im Besitze von Militärwaffen und Munition getroffen wird, schwebt in größter Gefahr für Freiheit und Leben und gefährdet darüber hinaus auch die gesamte Bürgerschaft, Das eigenste Interesse sollte daher jeden, der solche Waffen und Munition besitzt, zur pünktlichen Abgabe anhalten, falls nicht schon sein Pflichtgefühl ihn dazu zwingt. Wirke jeder in diesem Sinne auf seine Mitbürger ein, damit uns allen größeres Unheil erspart bleibt!

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

    

Sitzung des Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrates der Stadt Bonn vom 25. November.
Vorsitzender: Herr Schmitz.
Der Sicherheitsausschuß hat, wie Beigeordneter Bottler berichtete, am Samstag mit dem Regiment Nr. 59 über die Verteilung der Wachen zwischen Regiment und der Bürgerwehr Vereinbarungen getroffen.
   Ein Mitglied des A.-B.S.-Rates beantragt, die Polizeistunden für Wirtschaften auf 10 Uhr und das Verbot des Betretens der Straßen auf 11 Uhr festzulegen. Beigeordneter Bottler berichtete, daß der Sicherheitsausschuß für die bisher geltenden Zeitfestsetzungen sei. Der Vorsitzende bemerkte, der Vorstand habe die Absicht gehabt, eine Verlängerung zu beantragen. Der Vorstand werde sich wegen der Angelegenheit nochmals mit dem Sicherheitsausschuß ins Benehmen setzen.
[...]
Ein Mitglied des Arbeiterausschusses beklagte sich über das Vorgehen der Offiziere der 18. Armee dem Transportausschuß gegenüber. Es sei ihnen gedroht worden, daß die am Bahnhof tätigen Mitglieder des Transportausschusses verhaftet würden, wenn sie sich nicht fügten, die Tische seien umgestoßen worden. Eine Reihe von Fahrscheinen sei abhanden gekommen. Gegen ein derartiges Vorgehen der Offiziere müsse eingeschritten werden.
   Geheimrat Schultze vom Einquartierungsausschuß teilte mit, daß die 216. Infanterie-Division die Bewachung der öffentlichen Gebäude übernommen habe. Für Einquartierungszwecke sollen der Bürgerschaft noch 2500 Papierstrohsäcke leihweise überlassen werden.
   Die Gesundheitskommission teilte die Bitte der Militärverwatung mit, das Viktoriabad wieder zu eröffnen und den Soldaten zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung zu stellen. Die erforderlichen Kohlen werde die Militärverwaltung liefern. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, soll das Viktoriabad für Soldaten geöffnet werden.
   Die Frage der Bezüge der Ausschussmitglieder ist dahingehend geregelt worden, daß soldatische Mitglieder täglich 6,50 Mark, nichtsoldatische Mitglieder bis zu 11 Mark erhalten. Bei höheren Forderungen soll von Fall zu Fall entschieden werden.
   Der Vorsitzende legt folgende Entschließung als Antrag des Vorstandes vor:
   Der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat der Stadt Bonn stellt sich auf den Boden der neuen Regierung in ihrem Bestreben, Ruhe und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Als unbedingte Notwendigkeit wird die baldige Einberufung der Nationalversammlung gefordert.
   Der A.-B.-S.-Rat stimmte zu.
Herr Sarnes bemerkte, daß der Aufzug von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett und mit Stahlhelm seht unangenehm gewirkt habe. Außer den Ausschreitungen in der Nacht zum 9. November sei nichts mehr vorgekommen, so daß man sich einen derartigen Aufzug sparen könne. Die Militärmusik habe am Denkmal auf dem Kaiserplatz Heil Dir im Siegerkranz gespielt. In der heutigen Zeit sei dies nicht angebracht. Seine Partei sei mit allen Mitteln an der Arbeit, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. In Siegburg habe man große Versammlungen mit Besucherzahlen von 5000 Mann abgehalten, um eine Flut von Arbeitslosen von der Stadt Bonn abzuhalten. Die Maßnahmen des Generals Hutier seien geeignet, ein derartiges Bestreben durch die aufreizenden Gegensätze zu durchkreuzen. Die Bajonette und Pickelhauben müssen unbedingt verschwinden, sie sind eine Herausforderung des ganzen Bürgertums.
[...]
Ein soldatisches Mitglied teilte mit, daß er sich in Köln über die Existenzberechtigung der Soldatenräte nach Abzug der Garnisonen erkundigt habe, es sei ihm die Auskunft gegeben worden, daß die Soldatenräte weiter bestehen bleiben. Der Vorsitzende bemerkte, die Frage werde geprüft. Wenn die Besatzung überall wie in Straßburg verfahre, werde sich die Sache ja bald von selbst entscheiden.
[...]
Nächste Sitzung: Dienstag vormittag.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)