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Montag, 9. Dezember 1918

   

Die Engländer in Bonn. Die erste Staffel der englischen Besatzungstruppen, etwa 150 Mann Kavallerie, kam gestern mittag kurz nach 12 Uhr in Bonn an. Sie besetzte die Rheinbrücke und wurde in der Nähe untergebracht. Sie wird nicht in Bonn bleiben. Ein Teil der Kavallerie nahm auf dem Markt Aufstellung, worauf sich die englischen Offiziere zum Rathause begaben. Einige Minuten später traf ein englischer General ein, der eine Besprechung mit Oberbürgermeister Spiritus hatte. Störend und verkehrshindernd wirkte auf dem Markt die trotz aller Ermahnungen zahlreich versammelte Volksmenge. Am Nachmittag sah man schon mehrfach englische Offiziere in Kraftwagen durch die Stadt fahren.
   In Bonn wird das Hauptquartier einer kanadischen Division untergebracht werden. Die Offiziere werden in Gasthöfen Quartiere beziehen. Ein Teil der Vororte wird mit kanadischen Truppen belegt werden, die Altstadt wird, wie mit Bestimmtheit zu erwarten ist, keine Einquartierung erhalten. Im ganzen werden etwa 1500 bis 1600 Mann kanadischer Truppen nach Bonn kommen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

   

Der Arbeiter- und Bürgerrat nahm in seiner gestrigen Sitzung die bereits in der Sonntagsnummer mitgeteilte Entschließung des Herrn Kolaß mit 11 gegen 3 Stimmen an. Zu dieser Entschließung brachte Stadtverordneter M. Schmitz folgende Erklärung für die Zentrumsfraktion ein:
   „Unsere Stellungnahme hängt ab von dem Beschluß der Arbeiter-, Bürger- und Soldatenräte in Berlin am 16. ds. Mts., sowie davon, ob die augenblicklichen Machthaber gewillt und imstande sind, anstelle des jetzigen Wirrwarrs schleunigst geordneter Zustände zu schaffen, die den drohenden Zerfall des Reiches verhindern und dem Feinde die Möglichkeit nehmen, den Friedensschluß mit der Behauptung zu verzögern, es fehle an einer als zuständige Vertretung des ganzen deutschen Volkes anzusehenden Regierung.“ […]

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

    

Die englische Besatzung.
Von C. Hauptmann.
Am 8. Dezember 1918 zogen die englischen Truppen in Bonn ein, sie kamen dieselbe Straße, welche wenige Tage vorher unsere siegreiche Armee gekommen war, welcher die sozialdemokratischen Tollhäusler in den Rücken gefallen waren. […] Die Engländer sind als Sieger eingerückt, in ein jetzt vollständig machtloses Deutschland, welches weder Widerstand leisten will, noch kann. Diese Ueberzeugung wird sich ihnen in einigen Tagen aufdrängen, so daß wahrscheinlich die Bedingungen für die Bevölkerung erleichtert werden und um so eher, je taktvoller und höflicher sich diese benimmt.
   Man muß nämlich bedenken, daß diese Leute nicht zu ihrem Vergnügen hierhin gekommen sind. Weitaus die meisten möchten ebenso gerne wie die unseren wieder zu ihrer Beschäftigung zurückkehren, die der Krieg nun schon länger als vier Jahre unterbrochen hat. Dieselben tragen ebenso wenig am Kriege die Schuld wie unser Volk […].

(Deutsche Reichs-Zeitung, Leitartikel)

   

Mit der Ankunft der ersten kanadischen Soldaten am Mittag des 8. Dezembers 1918 endet für Bonn die Zeit des Ersten Weltkrieges und es beginnt eine mehr als sieben Jahre dauernde Besatzungszeit. Wir nehmen diesen Tag zum Anlass, nach nunmehr fast viereinhalb Jahren unseren Blog zu beenden.

Bonner Geschichtswerkstatt e.V.

Sonntag, 8. Dezember 1918

   

Auf das falsche Gerücht, die Engländer seien im Anmarsch, sammelten sich gestern gegen Abend Hunderte von Menschen auf dem Markte an. Die Engländer, wenn sie wirklich gekommen wären, hätte dieser „Kundgebung“ wohl nur berechtigte Verachtung entgegengebracht. Ueber das Eintreffen der Besatzung war auch gestern abend nichts Bestimmtes bekannt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Zur Besetzung von Bonn. Vor Redaktionsschluß wird uns mitgeteilt, daß der Vortrupp der englischen Besatzungstruppen in Stärke von 150 Mann Kavallerie, die gegenwärtig in Meckenheim in Quartier liegen, voraussichtlich Sonntag früh in Bonn zu erwarten ist. Die uns von anderer Seite zugegangene Nachricht, wonach die Truppen bereits Samstag abend hier zu erwarten seien, scheint sich nicht zu bestätigen. Dem Besatzungsausschuß war nichts Bestimmtes bekannt.

Arbeiter- und Bürgerrat. In der Samstagssitzung des Arbeiter- und Bürgerrats erklärte das Mitglied des Besatzungsausschusses Assessor Dr. Pape, daß über die Stärke der englischen Besatzung sowie über die Zeit ihres Eintreffens noch nichts Bestimmtes bekannt sei. Auf Grund weiterer Unterhandlungen habe die Universität vier Hörsäle und die Turnhalle für Besatzungszwecke zur Verfügung gestellt. Außer den Ställen der Artilleriekaserne sollen auch die Ställe der übrigen Kasernen sowie die militärischen und privaten Reitbahnen zur Unterbringung der Pferde in Anspruch genommen werden. Da die Offiziere der Besatzungstruppen es vorziehen, in Gasthöfen zu wohnen, sind mit verschiedenen größeren Gasthöfen, wie Stern, Rheineck, Rheinischer Hof, Königshof usw. diesbezügliche Verhandlungen gepflogen worden. Der Nordische Hof in der Poppelsdorfer Allee ist als Kommandatur in Aussicht genommen. Die Bonner Bürgerschaft braucht sich wegen Einquartierung keine Sorge zu machen, da man hoffe, mit den Kasernen, den Schulen und den übrigen öffentlichen Gebäuden auszureichen. Die Feststellungen bei der Bürgerschaft seien nur gemacht worden, um Unterlagen zu haben. Alleinstehende Frauen oder Mädchen würden von vornherein von Einquartierung ausgeschlossen. Für 6000 Mann sei jetzt schon Platz geschaffen. Da auch Betten genügend vorhanden sind, braucht auf die von der Bürgeschaft angebotenen Betten nur für den Fall zurückgegriffen zu werden, daß die Besatzung größer wird, als man annimmt. Wenn die zur Verfügung gestellten Betten benötigt werden sollten, dann würden sie auch selbstverständlich bezahlt werden. Es wurde erwogen, den Besatzungstruppen ein Soldatenheim mit Lesehalle usw. zur Verfügung zu stellen, das in einem unbewohnten Hause untergebracht werden soll. Die Artilleriekaserne, die Karlschule und das Lyzeum, die bereits zur Aufnahme von Truppen bezw. Offizieren hergerichtet sind, wurden am Samstag nachmittag von Mitgliedern des Arbeiter- und Bürgerrates besichtigt.
   Wie Polizeikommissar Burckardt erklärte, hat der Unfug des Schießens auf den Straßen schon bedeutend nachgelassen. Die Polizei habe Haussuchungen vorgenommen, wobei eine Menge Patronen usw. beschlagnahmt werden konnten.
   Es wurde angeregt, die noch hier beschäftigten Polen sobald als möglich zu entlassen, damit sie durch deutsche Arbeiter ersetzt werden könnten. Die Polen machten dadurch, daß sie sich zu billigeren Löhnen anböten, unsern Arbeitern Konkurrenz. Diejenigen Arbeitgeber, die heute noch Polen beschäftigenm, werden ersucht, sich in dieser Angelegenheit mit der Stadtverwaltung in Verbindung zu setzen.
   Nach einer längeren Aussprache über die von Köln ausgehende Bestrebung auf Errichtung einer Republik Rheinland-Westfalen brachte Herr Kolak folgende Entschließung zur Annahme ein:
   „Die vom Kölner Zentrum ausgehenden Bestrebungen auf Gründung einer rheinisch-westfälischen Republik verurteilt der Arbeiter- und Bürgerrat auf das entschiedenste. Die Absplitterung des Rheinlandes und Westfalens von Preußen bedeutet wirtschaftlich eine nicht absehbare Schädigung der Interessen Preußens bezw. Deutschlands, außenpolitisch haben diese Absplitterungsbestrebungen unabsehbare Folgen. Der Arbeiter- und Bürgerrat erneuert seinen Beschluß, der die baldige Einberufung der Nationalversammlung verlangt.“
In einer auf Sonntag vormittag 13 Uhr im Rathaus einberaumten Sitzung soll über diese Entschließung abgestimmt werden.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Die englische Besatzung war bis Samstag mittag noch nicht hier eingetroffen; wohl durchfuhr ein Kraftwagen mit englischen Offizieren heute mittag unsere Stadt, ohne Aufenthalt zu nehmen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Samstag, 7. Dezember 1918

   

Erweiterter Geschäftsverkehr ist nach den gesetzlichen Bestimmungen für die nächsten drei Sonntage, die letzten vor Weihnachten, zugelassen. Wenn von der fremden Besatzung keine anderslautenden Bestimmungen erlassen werden, dürfen die Geschäfte bis 7 Uhr abends zum Verkauf offen bleiben.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Fleisch. Am Samstag werden in den Metzgergeschäften Rindfleisch, Kalbfleisch, Leberwurst und Blutwurst verkauft. Für jede Person werden 150 Gramm, an Kinder unter 6 Jahren 75 Gramm einschließlich Wurst abgegeben.
   Fett. Auf die Abschnitte Butter und Fett der Speisefettkarte werden in der kommenden Woche insgesamt 50 Gramm Margarine ausgegeben.
   Kartoffeln. Die zeitige Lage läßt befürchten, daß die Kartoffelzufuhr unzureichend wird. Es kann daher der Bürgerschaft nicht dringend genug geraten werden, rechtzeitig gelbe Erdkohlrabien zur Streckung der Kartoffeln einzuschlagen. Bis auf weiteres wird jede gewünschte Menge Erdkohlraben in den städtischen Gemüseverkaufsstellen (Wochenmarkt und Moltkestraße 1) abgegeben. […]
Kriegsküchen. Der Speisezettel für die Woche vom 9. bis 15. Dezember lautet:
   Montag: Möhren mit Kartoffeln.
   Dienstag: Hausmacher-Suppe.
   Mittwoch: Nudeln mit Gulasch.
   Donnerstag: Weiße Rüben mit Rindfleisch.
   Freitag: Wirsing mit Kartoffeln.
   Samstag: Sauerkraut mit Schweinefleisch.
   Sonntag: Salzkartoffeln mit Schmorfleisch und Beilage

(Bonner Zeitung, Rubrik „Nachrichten des Lebensmittelamts der Stadt Bonn“)

  

Engländer in Bonn. Heute wird unsere Stadt voraussichtlich von englischen Truppen besetzt. Viel ist geschrieben und noch mehr ist gesagt worden über die Art, wie wir sie empfangen sollen. Nun, wir glauben in einem einzigen deutschen Wort ist alles enthalten und das heißt: Würde. Denn darin liegt sowohl jene angemessene Höflichkeit, welche die englische Heeresleitung ihren Truppen uns gegenüber empfahl, als auch eine ruhige Zurückhaltung, die gerade einem so stolzen und selbstbewußten Volke, wie dem Engländer gegenüber, angezeigt ist. Ein Sichwegwerfen würde nur zu einer verächtlichen und daher schließlich schlechten Behandlung führen.
   Die Nachricht, daß unserer Vaterstadt gerade englische Truppen zugedacht sind, wurde von der Bevölkerung mit einer gewissen Befriedigung aufgenommen. Wir glauben mit Recht. Es ist hier nicht die Stelle, Fragen des Krieges aufzuwerfen und zu erörtern. Ueber Entstehung und Dauer, über Hungerkrieg und U-Bootkrieg, über ungezählte andere Fragen, die Schuld und Sühne der Völker bedeuten, kann dereinst nur die Geschichte urteilen. Sie wird uns ein gerechter Richter sein. Was wir zum Ausdruck bringen wollen, ist, daß in der reinpersönlichen Kampfesweise, in dem Ringen von Mann zu Mann, der Engländer der humanste unserer Feinde war, daß ihm ein gewisser infamierender Zug persönlicher Grausamkeit meist gefehlt hat. Das bestätigt wohl jeder Feldgraue. Ebenso die an sich so betrübliche Tatsache, daß fast alle Ueberläufer sich gerade den „Tommy“ aussuchten.
   Das Gesagte ist kein Versuch, Wohlwollen zu gewinnen. Das wäre gegen unsere Würde. Doch sei hier auch an Bismarcks Wort erinnert, daß ungeachtet der Rücksichtslosigkeit der britischen Politik der einzelne Engländer ein anständiger Mensch sei, und daß der Fürst sich eines gewissen Hinneigens zum englischen Volke nicht erwehren könne. Und Fürst Bismarck konnte, was Nationalgefühl angeht, es sicherlich mit dem enragiertesten Alldeutschen aufnehmen.
   Berücksichtigen wir ferner, daß die gegnerische Besatzung nicht im Kriegszustande erfolgt, sondern in einem Zustande, der formell ein Zwischending, materiell aber sicherer Friede bedeutet, so können wir schließlich der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Beziehungen zwischen unserer Bevölkerung und der englischen Besatzung sich zum mindesten erträglich gestalten.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Die englische Besatzung ist auch gestern noch nicht in Bonn angekommen. Ueber die Zeit ihres Eintreffens ist noch immer nichts bekannt.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)

Erster Weltkrieg in Bonn
Auf dieser Seite wollen wir genau 100 Jahre danach für jeden Tag, den der Erste Weltkrieg andauerte, lokale Nachrichten aus Bonn veröffentlichen. Alle bislang erschienen Einträge sind in der der Chronik unter dem jeweiligen Monat nachzulesen. Soweit es unsere Zeit zulässt, wollen wir darüber hinaus weitere Informationen zum Thema Erster Weltkrieg ins Netz stellen.

Bonner Geschichtswerkstatt e.V.