Montag, 28. Oktober 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1918Die Sozialdemokratie hatte gestern Nachmittag eine öffentliche Versammlung in den Bonner Bürgerverein einberufen. Der Andrang war so stark, daß der große Saal und der mit ihm zusammenhängende kleinere lange vor dem angekündigten Termin überfüllt waren, daß auch eine zweite Versammlung, die in einem Saale des ersten Stockes veranstaltet wurde, dem Andrange noch nicht genügte und Hunderte Besucher zu keiner der beiden Versammlungen mehr Einlaß finden konnte. Im großen Saale sprach Reichstagsabgeordneter Meerfeld aus Köln. Es handle sich jetzt darum, zu einem Rechtsfrieden nach den Wilsonschen Grundsätzen zu kommen; ein Gewaltfriede würde die deutschen Arbeiter zu Sklaven ausländischer Kapitalisten machen. Den Glauben an den Völkerbund wolle die Arbeiterschaft noch nicht sinken lassen; die Gefahr drohe aber, daß durch einen Gewaltfrieden von drüben her der Völkerbund nicht zustande komme, daß es weder Abrüstung noch Schiedsgericht geben, daß der Friede nur ein Waffenstillstand sein werde. Preußen-Deutschland war bisher kein Staat, den man lieb gewinnen konnte, und doch haben wir Sozialdemokraten keinen Zweifel daran gelassen, daß wir den Staat halten wollen, weil er unser Vaterland ist und wir in diesem Staate das neue bessere Deutschland aufbauen wollen. Wir haben in Deutschland gelitten an einer maßlosen Ueberschätzung der eigenen Macht und einer ebenso maßlosen Unterschätzung der Gegner, und das Schlimmste ist, daß sogar unsere Heerführer die Unterschätzung der gegnerischen Macht teilten. Die Gegner haben mehr Menschen, mehr Geld, mehr Rohstoffe, mehr Nahrung; wir konnten nur einen Verteidigungskrieg führen, alle Eroberungspläne hätten von vornherein abgewiesen werden müssen. Der schlimmste Fehler war der uneingeschränkte Ubootkrieg, er hat Amerika in den Krieg getrieben und den Krieg um Jahre verlängert. Das deutsche Volk hätte einen besseren Frieden haben können, als er uns jetzt winkt, aber gewisse Schichten, die bisher die Macht hatten, haben die Verständigung stets hintertrieben. Das Volk wird die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Die Alldeutschen haben sich mit Blutschuld bedeckt; sie wollten die halbe Welt erobern und maßlose Kriegsentschädigungen einstecken. Heute sagen die Gegner: Wie Du mir, so ich Dir. Als Beispiel erwähnte der Redner u. a. eine Entschließung der Ortsgruppen Bonn des Alldeutschen Verbandes. Die deutsche Regierung sei, wenn auch wohl nicht mit bewusster Absicht, mitschuldig an diesem Kriege; [...] Der Geist der Gewalt, der uns in der ganzen Welt so verhaßt gemacht hat, [...] muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Die neue Regierung weiß, daß der Krieg beendet werden muß, weil wir gegen die ungeheure Uebermacht nicht lange bestehen können. Die Sozialdemokratie hat sich entschlossen, in der Regierung mitzuarbeiten, um zu retten, was zu retten ist, um den Volksstaat vor der Vernichtung zu bewahren und dann ein neues, besseres und schöneres Deutschland nach ihren Ideen aufzubauen. [... ] Ludendorffs Talente seien nicht anzuzweifeln, aber politisch sei er uns höchst verhängnisvoll gewesen. Er hatte den Ehrgeiz, ein politischer Führer zu sein, obwohl er nur der Vollstrecker des Willens einer konservativen Klique war. [...] Nationale Verteidigung ist schön und hehr, wenn sie möglich uns das Ziel lockend ist. Aber um der sog. Ehre willen noch weitere Hunderttausende zu opfern, den Krieg über den Winter hinaus fortzusetzen, im nächsten Frühjahr unsere schöne Rheinprovinz verwüsten zu lassen und schließlich einen noch schlechteren Frieden annehmen zu müssen, dazu sagen wir nein und abermals nein. Wilson wollen wir sagen, daß er an seinen Idealen festhalten muß, daß es danach keine Unterdrücker und Unterdrückte geben kann; wir wollen ihm zurufen, in was für einem Urteil er in der Geschichte dastehen würde, wenn er sich von den kapitalistischen Eroberungsgelüsten im gegnerischen Lager bestimmen ließe. Eine unmittelbare Gefahr liegt für unser Rheinland noch nicht vor. Wir sehnen den Frieden herbei und hoffen, daß er nicht mehr fern ist. Wir wollen kein Bettlervolk werden, sondern gleichberechtigt an der Tafel der Völker sitzen und mit ihnen gemeinsam eine neue Welt aufbauen, in der der Mensch das Maß aller Dinge ist, in deren Mittelpunkt nicht mehr der Profit steht, wo vielmehr „Gleichheit alles dessen gilt, was Menschenantlitz trägt.“ – An der Aussprache beteiligten sich vier Redner, deren Ausführungen in dem überfüllten Saale fast gar nicht zur Geltung kamen. Der Abgeordnete Meerfeld antwortete ihnen. Auf die Frage, wann wir Frieden bekommen werden, sagte er: Ein weiterer Widerstand, etwa den Winter hindurch, wäre Wahnsinn. Wir müssen so bald wie möglich Schluß zu machen suchen. Der Schluß wird kommen, weil er kommen muß. Den Bolschewismus brauche man in Deutschland nicht zu fürchten, die Verhältnisse seien doch hier ganz anders als in Rußland. Regelrechte Putsche seien nicht ausgeschlossen, könnten aber durch die Einigkeit der Arbeiterklasse, durch die Klugheit der Regierung und durch soziale Reformen vermieden werden.[...]
  
Wenn wir auf die zum Teil sehr anfechtbaren Ausführungen des Abg. Meerfeld nicht erwidern, so tun wir das nur um des neuen Burgfriedens willen. Eine baldige und ihn und seine Utopien gründlich in ihrem wahren Lichte beleuchtende Antwort wird übrigens Meerfeld sicher von niemand geringerem als – Wilson erhalten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Einschränkung der Personenzüge. Durch die zahlreichen Erkrankungen an Grippe – gegenwärtig sind 45.000 Bedienstete im Betriebe der preußisch-hessischen Staatseisenbahn infolge der Grippe dienstunfähig – müssen zur Gewinnung von Lokomotiv- und Zugbegleitpersonal weitere Zugeinschränkungen vorgenommen werden. Diese Maßnahme ist in erster Linie erforderlich, um ernste Schwierigkeiten bei der Abwickelung des kriegswichtigen und des Nahrungsmittelverkehrs, insbesondere bei der Kartoffelversorgung, abzuwenden. [...]

Der gestrige geschäftsfreie Sonntag brachte regen Verkehr in unserer Stadt. In den Geschäftsstraßen flutete in den Nachmittags- und Abendstunden eine solch große Menschenmenge, wie man sie sonst nur an den freien Sonntagen vor Weihnachten gewohnt ist. Den Hauptprofit an diesem Massenbesuch hatten die Vergnügungslokale, die sämtlich ausverkaufte Häuser zu verzeichnen hatten.

Mehr Butter. Die Einfuhr von Butter aus den Niederlanden ist wieder gestattet.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Im Reiche der modernen Zauberei. Am Donnerstag und Freitag abend jeweilig 7½ Uhr wird unser bekannter Bonner Zauberkünstler, Herr A. Kretschmar, im großen Saale des Bonner Bürgervereins eine Anzahl neuer Zauberstücke zur Darstellung bringen. Wir hatten wiederholt Gelegenheit, die Kunst des äußerst begabten Zaubermeisters zu bewundern und zu würdigen. Er reicht mit seinen Darbietungen vollkommen an die Kunst unsere gefeiertesten Meister heran und verdient ein volles Haus. Es sei außerdem bemerkt, daß Herr Kretschmar stets im Soldatenheim und auch in den Lazaretten stets gerne mit seiner Kunst die Verwundeten erfreut.

Gegen die Geldhamsterei schreibt die Bonner Handelskammer: In letzter Zeit ist beobachtet worden, daß weit über den eigentlichen Bedarf hinaus bei Sparkassen und Banken Bargeld abgehoben worden ist. Uebertriebene Angst, Gedankenlosigkeit und Kleinmut sind die Ursachen dieser Erscheinung. Auch nichtswürdige Agenten, vom Feinde bezahlt, haben ihre Hände im Spiel und suchen durch unwahre Gerüchte die Bevölkerung zu pflichtvergessenem Tun zu bringen. Ungebrochen ist unsere Front im Felde, ungebrochen unsere Kraft im Inneren. Ein Grund zu feiger Furcht ist nicht vorhanden. [...] Die Zeit erfordert, daß ein jeder sich seiner Pflichten als Staatsbürger bewußt bleibt und in der Erfüllung dieser Pflichten nicht erlahmt. Die ganze Welt blickt auf uns und unser Tun. Deshalb sei ein jeder besorgt, daß wir uns nicht schämen müssen, Deutsche zu sein. Wenn durch Geldhamsterei ein Mangel an Bargeld entstanden ist, so ist er doch nur vorübergehend und wird in kurzer Zeit behoben sein. In Ueberweisungs- und Verrechnungsverkehr kann nach wie vor in jeder zuständigen Summe ausgeglichen werden. An die Geschäftswelt ergeht die dringende Mahnung, daß sie den Spar- und Bankverkehr in seitherigem Maße aufrecht erhält und alles überflüssige Geld an Banken und Sparkassen unverzüglich abführt.
Die Handelskammer zu Bonn
F. Soennecken, Vorsitzender. Dr. Uhlitzsch, Syndikus.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)