Mittwoch, 29. September 1915

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 29. September 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 29. September 1915Einen Freifahrschein von Bonn nach Trier hatte sich ein Kellner ausstellen lassen, um sich dort freiwillig zum Militär zu melden, obwohl er im Oktober v. Js. als dienstuntauglich entlassen worden war. Er war mit dem Schein von Bonn nach Köln und wieder zurück gefahren. Als er den Bahnhof verlassen wollte, hielt die Bahnhofswache ihn an. Er behauptete, man habe ihm in Köln verweigert, über Euskirchen nach Trier zu fahren, er müsse über Koblenz fahren. Bei seiner ersten Vernehmung sagte er, der Verkehr sei gesperrt gewesen. Er habe in Bonn seinen vergessenen Regenmantel noch holen wollen. Das Schöffengericht verurteilte ihn gestern wegen Betrugs zum Nachteil des Eisenbahnfiskus zu einer Woche Gefängnis. (...)

Ein Lehrer a. D. aus Beuel hatte der Bonifatius-Druckerei zum Abdruck in dem Leoblatt eine angeblich von ihm selbst verfaßte Erzählung eingesandt. Die Täuschung wurde in der Druckerei erkannt. Ferner hatte der pensionierte Lehrer an zwei weitere Druckereien in Frankfurt Erzählungen eingesandt und unter der Behauptung, sie seien von ihm verfaßt, sich dafür Beträge von 20 bis 40 Mark bezahlen lassen. Das Schöffengericht verurteilte ihn gestern wegen Betrugsversuchs in einem Falle und vollendeten Betrugs in zwei Fällen zu insgesamt 100 Mark Geldstrafe.

Der gestrige Wochenmarkt war gut besucht und die in großen Mengen angebotenen Waren fanden flotten Absatz. Obst war wieder in besonders großer Auswahl vorhanden, aber hoch im Preise. (...)
   Der Großmarkt auf dem Stiftsplatz war gut beschickt und der Verkauf flott. Die Preise waren hier im Verhältnis dieselben wie auf dem Wochenmarkt. (...)
   Der städtische Gemüse-, Kartoffel- und Obst-Verkauf war gestern nicht besonders flott. Verkauft wurden: Kartoffeln 10 Pfund zu 45 Pfg., Aepfel drei Pfund zu 25 Pfg., Birnen drei Pfund zu 20 Pfg., Rotkohl das Pfund zu 6 Pfg.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Anzeige im General-Anzeiger vom 29. September 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 29. September 1915Godesberg, 28. Sept. Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Zander tagte heute im Rathause eine Bürgerversammlung, um darüber zu beraten, wie der Zentrale für das Rote Kreuz in Zukunft die Mittel zu beschaffen seien, in der bisherigen Weise die Suppenküchen weiter zu führen, Liebesgaben an die Front zu senden, für Frauenbeschäftigung zu sorgen usw. Der Vorsitzende wies mit warmherzigen Worten auf den Beginn der schlechten Jahreszeit hin. Der Soldat sei gezwungen, im Felde jeder Witterung Trotz zu bieten und deshalb müsse die Liebestätigkeit jetzt in erhöhtem Maße einsetzen. Die vornehme Pflicht, nach Kräften die Kriegsfreudigkeit unserer Truppen durch Liebesgaben zu erhalten, sporne alle Bürgerkreise zu gesteigertem Opfermut und Sammelfleiß an. Angesichts der übermenschlichen Leistungen unserer braven Truppen, die uns mit Bewunderung und Stolz erfüllen, dürften wir vor keinem Opfer zurückschrecken. Aus gutem Herzen kommend, wird auch die kleinste Gabe bei der Sammlung von Haus zu Haus willkommen sein. Alle anwesenden Herren erklärten sich bereit, mit frischem Mut an einer Listensammlung teilzunehmen, die nächste Woche beginnen soll. In der Gemeinde werden monatlich rund 4000 Mark für Milch-Suppenverteilung u. dergl. aufgewendet.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)

  

Für Schwerhörige und Ertaubte. Es ist im allgemeinen noch zu wenig bekannt, daß es auch für die Schwerhörigen die Möglichkeit gibt, sich eine große Erleichterung zu verschaffen, die sie befähigt, sich wieder gut mit ihren Mitmenschen zu verständigen. Es ist dies die Kunst, das Gesprochene vom Munde abzulesen. In dieser Woche eröffnet Frau R. Grosse in Bonn, Gasthof zum goldenen Stern, einen Lehrgang zum Erlernen des Ablesens vom Munde nach einer bewährten, ohrenärztlich empfohlenen Art. Dieser Unterricht ist geeignet, das fehlende Gehör zu ersetzen, indem er befähigt, der Unterhaltung in der gewöhnlichen Umgangssprache zu folgen. Aus den Bewegungen des Mundes und des Kinns wird das Gesprochene abgelesen und verstanden. Der Unterricht ist durchaus dem Leben angepaßt, er wird einzeln erteilt und es wird planmäßig vom Leichten zum Schweren übergegangen. Schon nach einigen Stunden fängt der Schüler an, von anderen Personen das Gesprochene abzulesen. Allerdings erfordert der Unterricht Aufmerksamkeit und festen Willen von den Lernenden, dafür pflegt er aber auch durch überraschend schöne Erfolge gekrönt zu werden. Diese Rückkehr zur leichteren Verständigung wirkt auf die Gemütsverfassung und die Lebenslust des bisher als unheilbar geltenden Schwerhörigen belebend und beglückend. Um sich selbst von dem Nutzen des Absehens zu überzeugen, teilt Frau Grosse jedem Bewerber kostenlos Auskunft und drei Probestunden. (...)

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)