Montag, 15. März 1915 

  

Durch die Musterung und Aushebung des ungedienten Landsturms in Bonn sehen jetzt viele dieser bevorstehenden Dienstzeit entgegen, die vielleicht gar nicht mehr mit einer solchen gerechnet hatten. Für all diese bietet sich bis zum Tag ihrer Einstellung noch Gelegenheit genug, durch Beitritt zum Wehrbund ihre Körper an wachsende Anstrengungen zu gewöhnen und sich mit den Elementen des militärischen Dienstes vertraut zu machen. Die Anmeldung zum Wehrbund kann bei den Uebungen der einzelnen Abteilungen und jederzeit bei Herrn Emil Goldschmitt, Brückenstraße 10, erfolgen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Vaterländische Reden und Vorträge in Bonn. Im 26. Vortrag sprach Geheimrat Bonnet unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder über „Die Hand und ihr Ersatz“. Nach Schilderung der Bedeutung der Hand, unseres wichtigsten Schutz-, Trutz- und Arbeitsorgans, und der Wechselbeziehung zwischen Hand und Hirn, die sich beide gegenseitig in ihren Leistungen fördern, wurde betont, daß die Hand durch Herstellung von Werkzeugen und Waffen ihre Leistung über sich selbst hinaus vervollkommnete und den Menschen, das an natürliche Waffen ärmste Wesen, zum Beherrscher der Natur machen half. Eine kurze Besprechung des Baues der Hand und des Armes erleichterte eine richtige Auffassung von deren mechanischen Leistungen und von der Möglichkeit des Ersatzes der Ausfälle in den Leistungen der Finger und der Hand bei Verstümmelungen oder Verlusten durch die vorhandenen anatomischen Reserven. Es besteht somit die Möglichkeit, unsere Dankbarkeit gegen die heldenhaften Verteidiger unseres Vaterlandes dadurch zu betätigen, daß wir sie möglichst früh diese Reserven kennen und üben lehren oder daß wir ihnen Ersatz für verlorene Glieder durch künstliche und geeignete Ergänzungsstücke (Prothesen) schaffen. Die richtige Wahl wirklich brauchbarer Ersatzstücke an Stelle der meist recht unzulänglichen und teuren, bisher üblichen, könnte dem Staat ungeheure überflüssige Ausgaben und unseren Invaliden viele Unbequemlichkeiten ersparen. Unter Hinweis auf die genial erdachten Prothesen Dr. Höftmanns in Königsberg i. Pr,. die einem arm- oder fußlosen Manne die Befriedigung aller Tagesbedürfnisse und die erfolgreiche Ausübung seines Handwerks gestatten, wurden Bilder von Prothesen und Geräten vorgeführt, welche die Ausübung der verschiedensten Handwerke und Tätigkeiten ermöglichen. Der zufällig anwesende einarmige Schmied, Herr Matthias Natius aus Godesberg bewies die Richtigkeit der Behauptungen des Redners. Aber auch ohne Prothesen lassen sich mit handlosen Armstümpfen fast unglaubliche Leistungen ausführen. Redner besprach und zeigte ferner die Ergebnisse seiner eigenen Schreibversuche zum Teil unter Anwendung von ihm erdachter Schreib- und Zeichenringen, sogar mit einzelnen Fingern oder gar nur einem Fingerstummel unter Vorlage der Schreib- und Zeichenproben. Ebenso hat der Vortragende im Anschluß an das „Buch des Einarmigen“ des Grafen Zichy sehr rasch gelernt, sich mit einem Arme an- und auszukleiden u.a.m. Herr Kommerzienrat Soennecken teilte mit, daß ein besonderer Schreibkursus an der hiesigen Fortbildungsschule für Verletzte oder verstümmelte Kriegsinvaliden mit Erfolg abgehalten werde, und zeigte eine mit Hilfe der Zähne und eines Armstummels und eine mit den Füßen verfertigte kalligraphische Schriftprobe aus früheren Jahrhunderten vor.
  
Bei voller Einsetzung der zu überwindenden Schwierigkeiten darf unseren Kriegsinvaliden bei Anwendung der nötigen Willenskraft die Möglichkeit der Ausübung der verschiedensten Berufe und Handwerke in Aussicht gestellt werden. Wie ihre Kriegsleistung durch heldenmütige Tapferkeit, so wird ihr Leben in Frieden durch ihre in Arbeit betätigte Vaterlandsliebe geadelt werden. (...)

Eine Schweinezählung findet auf Beschluß des Bundesrates heute im Deutschen Reiche statt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Lederpreissteigerung. Von der seit Ausbruch des Krieges anhaltenden Preissteigerung für Leder, auf die der General-Anzeiger wiederholt hingewiesen hat, werden ausnahmslos alle Kreise der Bevölkerung – vorwiegend jedoch die kleineren Bürger – betroffen. In erster Linie bekommt naturgemäß der Schuhmachermeister Klagen und Vorwürfe – in den verschiedensten Tonarten – zu hören. Das große Publikum ist allzu leicht geneigt, im Schulmacher das schuldige Karnickel zu erblicken, weil er für eine lappige Schuhsohle oder Absätze „unverschämt“ hohe Preise fordert, sodaß es fast nottut, barfuß zu laufen, um der „unerschwinglich hohen Schusterrechnung“ aus dem Wege zu gehen.
  
Wie unrecht diese Ansicht ist, bewies die gestrige außerordentliche Mitglieder-Versammlung des Vereins selbständiger Schuhmachermeister Bonns im Bonner Hof, die sehr gut besucht war.
   Der Vorsitzende, Schuhmachermeister Eismann, führte die enorme Preissteigerung des Leders in der Hauptsache auf eine gewissenlose Spekulation, die sich zwischen Militärverwaltung und Händler geschoben habe, zurück. Seit Beschlagnahme der Ledervorräte durch die Militärbehörde sei diese Spekulation doppelt spürbar geworden. (...) Die Lage sei so kritisch, daß viele Schuhmacher ihren Beruf aufgegeben und einen anderen ergriffen hätten, um ihre Existenz behaupten zu können. Nur eine Aufklärung es Publikums könne die Lage ändern. (...)
   In der sich anschließenden lebhaften Aussprache wurde u.a. darauf hingewiesen, daß es vorteilhaft gewesen sei, wenn der Staat neben anderen Höchstpreisen auch solche für Leder angesetzt hätte. Auf diese Weise hätten ungeheure Summen gespart werden können. (...) Allgemein wurde betont, daß der Schuhmacher, um existenzfähig zu bleiben, alle Scheu von sich werfen und einen Aufschlag fordern müsse, der angesichts der schwankenden Preislage für Leder, vielleicht von Monat zu Monat festgesetzt werden könne. (...)

Die Hühnerfütterung, wenigstens die, die auf Eierlegen hinausläuft, wird bei dem Mangel an Körnerfrucht Schwierigkeiten bereiten. Es empfiehlt sich, alle Küchenabfälle, alle Reste von Speisen, ja sogar das Satz- und Spülwasser hierfür zu verwenden. In diesem Satz- und Spülwasser werden die Nahrungsreste gekocht und dann durch Hackmaschinen getrieben und gestampft. Knochen würden zweckmäßig gemahlen; sie müssen aber mindestens klein gestoßen werden. Dieses Futter wird zweckmäßig vor dem Verfüttern etwas angewärmt. Am besten für Eierleger ist und bleibt der Auslauf, wie die Hühner ihn auf dem Lande haben. Dort streifen die Tiere durch Wiesen, Hecken, über Gärten und Felder, und ihr natürlicher Trieb läßt sie vieles finden, was ihnen gut bekommt. Auf dem Futterplatz hängt man zweckmäßig eine Knolle oder Erdkohlrabi auf, woran die Hühner picken können.

Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 15. März 1915Spielplan des Stadttheaters vom 14. bis 21. März. Sonntag, den 14. März, nachm. 4 Uhr. Die Rabensteinerin, Schauspiel in 4 Akten von Ernst von Wildenbruch. Abends 8 Uhr. Als ich noch im Flügelkleide. Ein fröhliches Spiel von Albert Kehm und Martin Frehsee. – Dienstag, den 16. März, abends 6½ Uhr 24. Vorst. Reihe A. Im weißen Röß’l. Lustspiel in 3 Akten von Blumenthal und Kadelburg. – Donnerstag, den 18. März, abends 8 Uhr, zugunsten des darstellenden Personals. Zum letzten Male: Der Verschwender. Original-Zaubermärchen in 3 Aufzügen von Ferd. Raimund. Musik von Konradin Kreutzer. Unter Mitwirkung des Städtischen Orchesters. Kapellmeister Heinr. Sauer. – Freitag, den 19. März, abends 8 Uhr. 24. Vorst. Reihe B. Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich v. Schiller. – Sonntag, den 21. März, nachm. 4 Uhr. Im weißen Röß’l. Abends 8 Uhr. Unbestimmt.

Der Vaterländische Frauen-Verein Stadtkreis Bonn hält am Donnerstag nachmittag in der Lese seine Generalversammlung ab.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)