Montag, 7. Dezember 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 7. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. Dezember 1914Der Vereinslazarettzug K 1 Bonn, von dem wir schon in der Donnerstagsnummer ausführlich berichteten, war gestern zur Besichtigung freigegeben. Man staunt über die überaus praktische Einrichtung, wenn man sieht, was da, dank der fruchtbaren Arbeit des Ausschusses und der hilfsbereiten Bürgerschaft geleistet ist. In 29 Krankenwagen können 290 Schwerverwundete aufgenommen werden. Sie werden in gut federnden Betten untergebracht, die den Kranken Erschütterungen ersparen, da sie nach allen Seiten hin federn. Die Wagen sind außerdem in der Art der D-Zug-Wagen gekoppelt, so daß das Stoßen der Wagen möglichst vermieden wird. Zur Bequemlichkeit der Verwundeten sind Handgriffe über den Betten angebracht, daß sie sich selbst aufrichten und umlegen können. An den Betten sind auch kleine Tischchen angebracht. Außer den Krankenwagen sind noch Mannschaftswagen, der Küchenwagen, Vorratswagen, Magazinwagen, Heizkessel- und ein verdeckter Güterwagen in dem Zuge. Ein andere Wagen ist als Operationswagen eingerichtet, in dem die Verwundeten verbunden werden können. Für alles ist reichlich gesorgt, besonders an Wäsche ist viel gespendet worden. Im Laufe dieser Woche wird der Zug seine erste Fahrt antreten.
  
Wenn auch opferfreudig gespendet wird, wofür den Gebern herzlichst gedankt wird, so ist es damit noch nicht genug. Immer wieder werden Opfer von den Zurückbleibenden verlangt werden, so lange der Krieg dauert; und wir wissen, die Bonner Bürgerschaft wird sich nicht verdrießen lassen, immer und immer wieder das ihre dazu zu tun, damit unsere tapferen Krieger, die für uns Wunden empfangen haben, so schnell und so gut es möglich ist, Pflege und Heilung erlangen. Wie unsere Krieger nicht ermatten im Kampfe gegen übermächtige Feinde, so müssen wir aushalten in den Werken der Hilfsbereitschaft.

Ein Transport von Verwundeten kam Samstag abend hier an. Die meisten hatten durch Frost Schaden erlitten.

Preistreibereien von Wollwaren. Wir machen auf eine Bekanntmachung des Kommandierenden Generals v, Ploetz im heutigen Anzeigenteil aufmerksam, der darauf verweist, daß die ungebührliche Steigerung der Preise für Wolle und Wollwaren in dieser Zeit verwerflich ist und die schärfsten Maßnahmen gegen dieses Treiben in Aussicht stellt.

Vorsicht. Um ihre Spionage zu erleichtern, versuchen es jetzt die Franzosen mit einem neuen Kniff. Aus vorliegenden Schriftstücken geht hervor, daß deutsche Gefangene von Franzosen veranlasst werden, sich ihre Militärpapieren nachschicken zu lassen. Dieses wertvolle Ausweismaterial kommt gar nicht in die Hände des rechtmäßigen Eigentümers, sondern wird Spionen ausgeliefert, die damit ausgerüstet, ihrem lichtscheuen Gewerbe hier in Deutschland leichter nachgehen können. Eine Abwendung des Schadens ist nur dadurch möglich, daß überall in Deutschland größte Vorsicht gebraucht und solchen Aufforderungen zur Einsendung der Militärpapiere unter keinen Umständen Folge gegeben wird. Auch gebietet es die Pflicht, sofort den Behörden Meldung zu erstatten, wenn von irgendeiner Seite verdächtige Versuche dieser Art an einzelne Persönlichkeiten ergehen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Nikolausfeier im Privatlazarett. Der heilige Mann kehrte auch gestern abend in der Lazarettnebenstelle Kölnstraße 109 ein. Während die Verwundeten das „Nikolaus komm in unser Haus“ sangen, trat der Hl. Mann im Bischofsgewand ein, begleitet von Hansmuff, der mit reichen Gaben beladen war. Nach einigen Worten, in denen er unseres Kaisers und der im Felde stehenden Kameraden gedachte, erhielt jeder eine Düte voll Süßigkeiten und einen für ihn passenden Scherzartikel, wodurch die größte Heiterkeit hervorgerufen wurde. Die Begeisterung erreichte ihren Höhepunkt, als der hl Mann, Fräulein Anna Schumacher, für ihre liebevolle und besorgte Pflege den Küchenorden 1. Klasse – einen goldenen Stern, Karotten und Radieschen an seidener Schleife – in feierlicher Weise umhing. Durch heitere Vorträge wurde die übrige Zeit ausgefüllt. Eine Sammlung ergab die ansehnliche Summe vom 15 Mark.

Anzeige im General-Anzeiger vom 7. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. Dezember 1914Stadttheater. „Bunter Abend.“ Gert Sascha, der Sprecher des Abends, hob nur den rechten Arm hoch und aus den weltbedeutenden Brettern war schon das weltbedeutende Brettl geworden; man lachte nämlich bereits brettlgemäß. Dann funkte er eine Rede Witz, die kunstvoll zum ersten Vortrag überging, ins Publikum hinein, und hatte später den guten Taster für wirklich wertvolle Kleinkunst. Man dankte ihm besonders, daß er von Christian Morgenstern ein paar Gedichte las, die die wundervolle humorig-groteske Welt dieses merkwürdigen und einzigartigen Menschen ahnen ließen. Auch Toni Eick hatte Gutes erwählt. Aber sie sang nicht so, wie man zur Laute singen soll. Dem deutschen Volksliede blieb sie den schlicht-herzigen, dem Soldatenliede den kühn-kecken Ton so ziemlich schuldig, Am besten gerieten ihr noch die alten Marienlieder, nur fehlte hier die Klarheit des gesungenen Wortes; was schade war, weil wenigen die poetischen Kostbarkeiten alter Marienlieder bekannt sind. Den rechten Ton aber fand Emmy Krüger, da sie den „Kindertraum“ von Robert Heymann wiederholte. So muß man sein, fühlen und sprechen, wenn man zum Kinde und seinen Welten niedersteigt. Darum veranstalte das Stadttheater einen Märchen-Nachmittag und lasse Emmy Krüger Märchen lesen; innerlich bereichert werden kleine, große und ganz große Kinder nach Hause gehen und nur eins bedauern: daß ein Nachmittag keine kleine Ewigkeit währt.
  
Daß man sich Deutschlands größter Dichterin, der Annette von Droste-Hülshoff, hin und wieder einmal erinnert, ist wahrlich Ehrenpflicht. Ob aber das schwerblütige Kind der roten Erde in einen bunten Abend hineinpaßt? Wohl kaum. Immerhin ließe sich aber Geeigneteres (und Wertvolleres) bei ihr finden, als das, was Georg Wittmann wählte und mehr mit Bühnenkunst denn mit Vortragskunst – es sind wirklich zwei verschiedene Künste – vermittelte. Auch Dr. Czempin ist mehr Schauspieler als Vortragender; seine Gestaltung des jungen Dessauer übertraf seinen Vortrag des Gedichtes des kraftvollen Ernst Lissauer über die gleiche Persönlichkeit entschieden. Dem Brettl näher standen Fritz Schäfer und Otto Salomon mit mundartlichen Sachen. (...) Brettl im wahrsten aber auch im schönsten Sinne war das Tanz-Duett, gesungen und getanzt von Willy Birgel und Else Knoop als Menschen jener schlichten und gefühlvollen Zeit, in der der Großvater die Großmutter nahm.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 7. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 7. Dezember 1914Das Herumziehen von Zigeunern im Bereiche des Festungsgebietes Köln ist von Gouverneur der Festung verboten worden. Zum Bereich des Festungsgebietes Köln gehören bekanntlich auch der Stadt- und Landkreis Bonn, die Kreise Euskirchen, Rheinbach und ein Teil des Kreises Sieg.

Populärwissenschaftliche Vorträge. Mit dem heutigen Vortrage „Die Zukunft der Türkei“ behandelt der Vortragende, Herr Univ-Prof. Dr. Becker-Bonn, ein überaus wichtiges zeitgemäßes Thema, das schon vor dem Anschluß der Türkei an den Zweibund und erst recht nachher unsere vollste Beachtung verdiente. Die Türkei kämpft mit uns, hofft mit uns auf einen siegreichen Ausgang des Weltkrieges, und auf eine spätere Entwicklung. Ihr Geschick ist daher in mehr als einer Hinsicht für jetzt und später an das unsere geknüpft, so daß wir allen Anlaß haben, uns mit diesem Lande und seinen Entwicklungsmöglichkeiten, seinen Bewohnern, ihren Eigenschaften, Fähigkeiten und Bestrebungen eingehend zu beschäftigen. Welche Kräfte schlummern in diesem Riesenleibe der Türkei, der bisher kraftlos daniederlag? Von ihnen hängt ihre spätere Entwicklung ab. Dem Uneingeweihten ist die Beantwortung dieser Frage unmöglich; nur der Forscher weiß es mehr oder minder, ob sich ein frischer Pulsschlag in ihrem Körper erwecken läßt. Zu ihnen gehört in allererster Reihe der heutige Vortragende, von dem wir orientierende Aufklärung, so weit sie sich überhaupt geben läßt, mit Zuversicht erwarten dürfen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)