Sonntag, 8. November 1914

 

Verbands- und Erfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“. Nach einem gestern eingegangenen Telegramm des Beigeordneten Piehl wird die Verbands- und Erfrischungsstation „Prinzessin Viktoria“ voraussichtlich heute auf dem Hauptbahnhof in Lille in Betrieb gesetzt werden. Die zur Verfügung gestellten Räume eignen sich für den Zweck ausgezeichnet. Die Frage der Verpflegung ist geregelt, ebenso sind die erforderlichen Aerzte von der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 8. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 8. November 1914Eine Kaffeegesellschaft für die Verwundeten. Das war ein köstlicher Gedanke, der im Vorstande des Flottenbundes Deutscher Frauen entstanden war und schneidig durchgeführt wurde. Lange Wagenreihen der Elektrischen Bahnen brachten 150 Pfleglinge der Bonner Lazarette in die Gronau, wo ungefähr 160 Damen sie erwarteten und zu schöngedeckten Kaffeetischen geleiteten. Da wurde dann eingehauen, wie es braven und kampfmutigen Kriegern zukommt. Pardon wurde nicht gegeben, und Berge von Kuchen wurden vernichtet. Das braune Maß floß in Strömen. Neue feindliche Truppen rückten an, aber auch diese wurden dem Erdboden gleichgemacht. Der bald aufsteigende Rauch entflammte aber nicht der Artillerie und den Wachtfeuern, nein – es waren reichlich gespendete Zigarren und Zigaretten, welche dann zu ihrem Recht kamen. Während die Damen des Flottenbundes die Ehre des Hauses erwiesen, waren andere Kräfte am Werke, auch Kunst und Humor zur Geltung zu bringen und den materiellen Genüssen geistige bester Art folgen zu lassen. (...) Gar zu rasch kam die Trennungsstunde, aber die Hausordnung der Lazarette hatte ein Ziel gesetzt, und nach Dunkelwerden brachten die bereitgehaltenen Elektrischen die dankerfüllten Gäste heimwärts. Noch lange werden sie des froh verlebten Bonner Tages dankbar gedenken.

Gebt das Gold an die Reichsbank. Wie in anderen Städten hat auch im Bonn dem Vernehmen nach eine Bewegung eingesetzt, das im privaten Besitz noch befindliche Goldgeld in Reichbanknoten und Reichskassenscheine, die bekanntlich dem Metallgeld durchaus ebenbürtig sind, zum Umtausch zu bringen. Den eingeleiteten Bemühungen ist bester Erfolg zu wünschen.

Gefängnisverein. Am Montag, den 9. November abends 6 Uhr, findet im Schwurgerichtssaale des hiesigen Landgerichts eine Mitgliederversammlung statt. Herr Strafanstaltspfarrer Dr. Rath aus Rheinbach wird einen Vortrag halten über: Notwendigkeit der Fürsorge bei erblich belasteten Gefangenen. Der Vortrag ist für weite Kreise von größtem Interesse. Auch Nichtmitglieder sind willkommen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Ein imitierter Leutnant. Der hiesigen Kriminalpolizei ist es gelungen, einen 22jährigen Maurer aus Dorstfeld bei Dortmund festzunehmen., der sich seit einiger Zeit in Bonn aufhielt und in der Uniform eines Pionier-Leutnants bei bessergestellten Bürgern Pumpversuche machte, die ihm verschiedentlich gelangen. Als er gestern einen Kürassier-Einjährigen auf der Remigiusstraße „kameradschaftlich“ um 10 Mark ansprach, fiel dieser auf den Schwindel herein. Später stiegen dem Einjährigen Zweifel über die Echtheit des Leutnants auf, insbesondere, da dieser eine Infanteriemütze und eine Mannschaftshose trug. Der Einjährige meldete den Vorfall der Kriminalpolizei, der es dann gelang, den Schwindler nebst seinem helfershelfer, der die Uniform eines Wachmeisters vom Art.-Regt. Nr. 43 trug, festzunehmen und dem Gericht zuzuführen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 8. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 8. November 1914Godesberg, 6. Nov. Heute vormittag wurde der in der Lazarettstation des Herrn Dr. Schorlemer seiner schweren Verwun­dung erlegene Kriegsdienstfreiwillige A. Jahnke aus Doberau in Mecklenburg unter Teilnahme der vereinigten Orts-Kriegervereine und zahlreicher Bürger zu Grabe getragen. Mit ihm sind nunmehr fünf in den hiesigen Hilfslazaretten verstorbene deutsche Krieger und zwei Franzosen beerdigt worden. Auch letzteren war in jedem Falle die militärische Ehrung erwiesen worden. Auf Anord­nung der Gemeindeverwaltung waren an Allerheiligen die sämtlichen Gräber unterschiedslos in gleicher Weise geschmückt worden mit Kerzen, Tannenbelag und Blumenaufstellung. Ein jeder Grabhügel trug vier stattliche Topfpflanzen weißblühender Chrysanthemen und am Fußende stand je ein meterhoher Strauch dieser Blumenart. Desgleichen besuchten die Andächtigen jede dieser na­tional getrennt liegenden Grabstätten und verrichteten dort still ihre Gebete.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern“)

 

Zur Feststellung der Lebensmittelpreise in Bonn. In den letzten Tagen ist von der Stadtverwaltung ein Polizeibeamter rund geschickt worden, um die Höhe der Bonner Lebensmittelpreise bei den Geschäftsleuten festzustellen. Es scheint, daß diese Angelegenheit in die unrichtigen Hände geraten ist. Wer auch nur einigermaßen mit dem prakti­schen Leben vertraut ist, weiß, daß, unbeschadet ihrer sonstigen lobenswerten Eigenschaften, unse­re Polizeibeamten nicht die geeigneten Persönlichkeiten sind, um eine zuverlässige Ermittlung der Lebensmittelpreise bewerkstelligen zu können. Die von der Stadt herausgegebene Liste gibt beispielsweise den Butterpreis mit 1.70 Mark und den Preis der Hafergrütze mit 65 Pfg. an. Ebenso muß der Geschäftsmann über den angegebenen Preis für Linsen und Bohnen staunen. Bei den Preisen von Bohnen und Linsen kann es sich nur um vorjährige Ware handeln, da Ware diesjähriger Ernte kaum mehr zu haben ist, beziehungsweise viel höher als angegeben, verkauft werden muß. Weit wichtiger als die Veröffentlichung dieser Preislisten, die auf Käufer wie Verkäufer nur verwirrend wirken, wäre die möglichst sofortige Festsetzung der Preise für Kartoffeln, die seit den schönen Reden, die in der letzten Stadtratssitzung darüber geschwungen worden sind, ganz erstaunlich im Preise emporgeschnellt sind. Es scheint übrigens fast, daß die Stadtverwaltungen mit dem Recht ausgestattet werden müssen, Zwangsverkäufe veranstalten zu dürfen, um dem Wucher zu begegnen. Eine großzügige Tat unserer Stadtverwaltung wäre es, wenn sie aus städtichen Mitteln einen Kartoffelgroßeinkauf bewirken würde und die Kartoffeln in kleineren Zentnerquanten an die Konsumenten direkt absetzte. Natürlich müßten die mit Recht „berüh–mt“ gewordenen holländischen Stärkekartoffeln beim Einkauf durch die Stadt diesmal ausgeschlossen sein. Ein Bonner Familienvater

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 8. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 8. November 1914Frau Prinzessin Karl von Hohenzollern kam gestern nachmittag mit ihrer zweiten Tochter aus Namedy nach Bonn, um dem Mutterhaus vom Roten Kreuz, Koblenzerstraße 107, dessen Ehrenvorsitzende sie ist, einen Besuch abzustatten und sich zugleich das Lazarett anzusehen. Mit großen Körben und Packeten, deren Inhalt teils dem Mutterhaus teils den Verwundeten zugedacht waren, erschienen die hohen Damen in Begleitung von Frau Baronin Levin von Loë. Zu dem Emp­fang hatten sich auch die Vorsitzende des Vaterländischen Frauen-Vereins, Landkreis Bonn, Frau Landrat von Nell und die auswärts stationierten Schwestern eingefunden. Unter den reichen und vielseitigen Gaben an Zigarren, Zigaretten, Schokolade, Obst und Postkarten, erfreuen die Verwun­deten besonders Ansichtskarten von Schloß Namedy, unter welche Ihre Königliche Hoheit uner­müdlich ihren Namenszug setzte. Die hohe Frau ist ein leuchtendes Vorbild für Alle, versorgt sie doch mit beiden Töchtern nur mit Hilfe einer einzigen Pflegerin ihr ganzes Lazarett allein und un­terzieht sich selbst jeder Arbeit, wie Reinigen des Bodens, Spülen usw., auch bringt sie ihren Patien­ten stets eigenhändig das Essen und zeigt sich so in dienender Nächstenliebe als echte deutsche Frau und rechte Fürstin aus Hohenzollernstamm.

Universität. Heute mittag hat die letzte öffentliche Immatrikulation in diesem W.-S. stattgefun­den. Bis jetzt sind 739 Studierende neuimmatrikuliert worden (i.v. W.-S. 974). Und zwar 114 (i.V. 29) katholische Theologen, 17 (38) evang. Theologen, 176 (244) Juristen, 193 (182) Mediziner, 239 (481) Philologen, im Ganzen 405 erste Semester.
    Diese, trotz des Krieges sehr hohe Zahl erklärt sich aus der großen Zahl der Not-Abiturs, die beim Kriegsausbruch abgelegt wurden, damit die Examinanten ins Heer eintreten konnten. Viele der neuimmatrikulierten Studierenden sind dann auch zum Dienst im Heere ausgemustert worden und warten nun auf ihre Einberufung.

Der Kath.-Kaufm. Verein versammelte seine Mitglieder in den Sälen des Bürgervereins zu einem sehr eindrucksvollen Vortrage mit Lichtbildern über Belgien, den in liebenswürdiger Weise ein Mit­glied, Herrn Jos. Schröder, übernommen hatte. Bild um Bild zeigte die schrecklichen Spuren, die der Krieg in diesem armen, vor kurzem noch so blühenden Lande hinterlassen. Manch traurige Sze­ne und der Anblick der Massengräber, denen Herr Schröder durch Rezitation stimmungsvoller Verse den rechten Rahmen zu geben verstand, bewirkten die rechte Stimmung zum Allerseelentage. Auf die musikalisch-künstlerischen Darbietungen der Geschwister Gördes und einiger Mitglieder des Jugendvereins waren der herrschenden Stimmung angepaßt, so daß die Veranstaltung einen doppel­ten Erfolg zu verzeichnen hatte: eine sehr reichlich ausgefallene Sammlung für mehr wie 70 im Fel­de stehende Mitglieder und ein Herz voll sorgender Liebe und Dankbarkeit für unsere Krieger im Felde und unsere gefallenen Helden.

Gebt das Gold heraus! Wie in anderen Städten hat auch in Bonn eine Bewegung eingesetzt, daß in privatem Besitz noch befindliche Goldgeld in Reichsbanknoten und Reichskassenscheine, die be­kanntlich dem Metallgeld durchaus ebenbürtig sind, zum Umtausch zu bringen. Den eingeleiteten Bemühungen ist bester Erfolg zu wünschen. Jeder Bürger sollte im vaterländischen Interesse schon jetzt bestrebt sein, für diesen Umtausch das zur Verfügung stehende Goldgeld zurückzulegen und auf Bekannte einzuwirken, daß sie dasselbe tun. Bonn darf auch in dieser Hinsicht nicht hinter an­deren Städten zurückbleiben. Wir kommen noch näher auf die Angelegenheit zurück.

Einen unglaublichen Schwindel hatten sich der 22 Jahre alte Maurer Josef Helper aus Dorstfeld und der 19 Jahre alte Fabrikarbeiter Robert Zorn aus Barmen ausgedacht. Der Maurer gab sich bei einem Kölner Schneider als Leutnant eines Pionierregiments, der Fabrikarbeiter als Vizefeldwebel der Feldartillerie aus. Sie ließen sich von dem Schneider, natürlich ohne zu bezahlen, Uniformen machen, der Maurer eine feldgraue, der Fabrikarbeiter eine blaue. In diesen Uniformen besuchten sie viele Wirtschaften, sagten, sie seien Verwundete, erzählten die haarsträubendsten Kriegsge­schichten und – das war ihnen natürlich die Hauptsache – pumpten die Gäste an. Der Maurer trug sogar das Eiserne Kreuz auf der Brust. Wie und wo er das gestohlen hat, ist unbekannt. Die Bonner Kriminalpolizei hat die Schwindler heute verhaftet. Man stellte fest, daß beide keine Militärperso­nen sind und daß der Maurer von zwei Staatsanwaltschaftsbehörden steckbrieflich verfolgt wird.

Verdun sei gefallen, wurde heute nachmittag auch von sonst vorsichtigen und ernsten Leuten behauptet; in ein paar Stunden war das Gerücht in der ganzen Stadt verbreitet. Dem amtlichen Wolff-Telegraphen-Büro war aber um 7 Uhr heute abend von einem „Fall Verduns“ nichts bekannt.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)