Samstag, 7. November 1914

Nach dreimonatiger Belagerung wird das chinesische Tsingtau, Hauptort der deutschen Kolonie Kiautschou, von japanischen und britischen Truppen besetzt.

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Städtische Fortbildungsschulen. Der Herr Minister für Handel und Gewerbe hat angeregt, es möge an den Fortbildungsschulen für die Schüler vom Alter von 16 Jahren an der eigentliche Unterricht beschränkt und die dadurch freiwerdenden Stunden zur Ertüchtigung des Körpers für den Militärdienst verwandt werden. Der Schulvorstand der städtischen Fortbildungsschulen beschloß demgemäß, daß von jetzt ab für die Oberklassen militärische Übungen planmäßig als Pflichtstunden nach den vom Kriegsministerium festgelegten Richtlinien abgehalten werden sollen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Kriegsunterstützung. Es ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß Familien den Antrag gestellt haben auf Gewährung von Kriegsunterstützung, trotzdem bei denselben die im Gesetz als Grundlage bedingte Bedürftigkeit nicht vorlag. Sollten wider Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Erwarten derartige Personen bereits Kriegsunterstützung bezogen haben, so sind diese ohne Aufforderung gehalten, diese Bezüge zurückzuerstatten. Erforderlichenfalls wird strafrechtlich vorgegangen. Die Kriegsunterstützung gelangt auch nicht mehr zur Auszahlung, wenn 1. der zur Fahne Einberufene wegen Untauglichkeit, jedoch nicht durch Kriegsdienst hervorgerufen, wodurch die Bedürfigkeit wieder fortfällt; 2. bis auf unbestimmte Zeit zur Disposition gestellte Krieger, sofern dieselben lohnende Beschäftigung verrichten können. Ferner ist das Ableben eines Familienmitgliedes dem Kriegsunterstützungsbureau zu melden.

Der Bonner Turn-Verein hat seinen Turnbetrieb für Frauen und junge Leute im Alter von 14 bis 16 Jahren wieder eröffnet. Den Eltern kann nicht dringend genug geraten werden, ihren der Schule entwachsenen Söhnen den Beitritt zu den Jugendabteilungen der Turnvereine zu gestatten, damit sie körperlich und sittlich gestählt und so zu wehrfähigen Männern ausgebildet werden. Von der deutschen Turnerschaft, die sich in jahrzehnte langer Arbeit um die körperliche Ausbildung des Volkes verdient gemacht hat, sind über 600.000 Mitglieder zu den Fahnen geeilt. Wie groß der Wert einer körperlichen Ausbildung für Soldaten ist, beweist die nachstehende Mitteilung, die dem Bonner Turn-Verein von einem im Felde stehenden Mitglied (Turnlehrer L.) zugegangen ist. Er schreibt:
    Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Meine lieben Turngenossen! Wie so viele aus unserem Verein, so bin auch ich dem Ruf des Kaisers gefolgt. Hier im Felde merkt ein jeder, wie vorteilhaft es war, wenn er ein eifriger Turner gewesen ist, oder Leibesübungen betrieben hat. Die Kriegsmärsche, die Entbehrungen und alle anderen Strapazen sind viel leichter zu ertragen. Darum Ihr zurückgebliebenen jungen Turner stärkt und kräftigt Euren Körper, damit Ihr folgen könnt, wenn das Vaterland ruft.
Auf Wiedersehen
W.L.

„Wer Feldpostsendungen bestiehlt, ist ein so erbärmlicher Wicht, daß selbst ein gemeiner Verbrecher von ihm und seiner verächtlichen Handlungsweise übertroffen wird.“ Mit diesen Worten begründete der Staatsanwalt vor der 2. Strafkammer des Landgerichts II Berlin seinen Strafantrag gegen den Bureaugehilfen Hans Riese von den Siemens-Schuckert-Werken, der als Postaushelfer bei einem Postamt in Charlottenburg Briefe unterschlagen und sich den Inhalt von Feldpostsendungen angeeignet hat. Der Angeklagte wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Die in Bonn lebenden Engländer sind gestern von der hiesigen Polizei verhaftet worden.

„Wehe den Besiegten!“ So heißt der neue, große Film, der von heute ab bis Dienstag im Viktoria-Kinema in der Gangolfstraße vorgeführt wird. Er schildert in einem ungemein fesselnden einaktigen Drama, zu dessen Inszenierung alle technischen und künstlerischen Mittel der Kinematographie verwendet wurden, eine tragische Episode aus dem verheerenden Krieg der Illegier gegen Persanien. Eine Episode nur, und dich viel mehr als eine Episode, Ein Schicksal geht seinen Lauf und findet seinen Abschluß. Frauenehre und Gerechtigkeit siegen und rücksichtslose Gewalt erhält die verdiente Strafe. Es ist eine der besten und vollendetsten Filme, die bisher in einem Kinotopp gezeigt wurden. Jeder sollte ihn sehen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 7. November 1914Von unserer rheinischen Landwehr im Felde berichtet uns Herr Hermann Burbach aus Honnef, der jüngst zum dritten Male mit Liebesgaben auf den Kriegsschauplatz gefahren ist. Er schreibt:
    Unsere dritte Fahrt mit Liebesgaben zur Front in der Zeit vom 20. bis 29. d. Mts. galt vornehmlich den Landwehrregimentern Nr. 25, 65 und 68. Entsprechend der Größe unseres Transportes benötigten wir diesmal einen ganzen Güterwagen, den uns die Eisenbahn nach Verständigung mit der Militärbehörde bereitwillig zur Verfügung stellte. Neben ca. adressierten Paketen waren uns Liebesgaben, besonders wollene Sachen, in großer Menge von nah und fern zugegangen – ca. 200 Paar Strümpfe, 150 Leibbinden, 150 Stück Unterzeug, 300 Stanchen (?) usw. – die wir nun über Metz, wo es große Schwierigkeiten wegen des Weitertransportes gab, zunächst nach C. leiteten. Es war ein gutes Stück Arbeit, von hier aus den in einem Umkreis von ca. 25 Kilometer liegenden Truppen die Pakete auf Leiterwagen zuzustellen und gleichzeitig die Verteilung de Liebesgaben zweckmäßig vorzunehmen. Für viele Freunde und Bekannte hatten wir Liebesgaben und persönliche Mitteilungen von ihren Lieben in der Heimat. Wie dankbar sie gerade dafür sind, wird jeder verstehen. Ueberhaupt ist der moralische Eindruck, den der persönliche Besuch auf die Kameraden macht, ungleich höher einzuschätzen als der materielle Wert der Gaben. In letzterem sind aber gerade unsere dort stehenden rheinischen Wehrmänner sehr stiefmütterlich bisher bedacht worden, denn die meisten hatten von Liebesgaben noch nichts gesehen. Ganz Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 7. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 7. November 1914besonders waren sie darüber erfreut, daß wir uns persönlich um ihre Wünsche und Anliegen bekümmerten und sie nach Möglichkeit aus unseren Vorräten befriedigten. Von den mit Adresse versehenen Paketen konnten wir nahezu 300 persönlich aushändigen, nur die für das Landw.-Regt. 68 bestimmten mußten wir dem Regimentsstab übergeben, da sämtliche Kompagnien weiter vorgerückt waren und erst in diesen Tagen in ihre Stammquartiere zurückgekehrt sind. Die Absender dieser Pakete wollen sich also beruhigen, wenn sie noch keine Empfangsanzeige aus dem Felde erhielten; das Regiment stellt die Pakete so bald als möglich zu. –
    Das 3. Batt. 25 hat nun auch die Feuertaufe erhalten; es kehrte gerade aus dem Schützengraben zurück. Die furchtbare Schießerei der Franzosen mit Geschossen aller Art hatte dem Bataillon nur einen Mann Verlust gekostet.Im übrigen herrscht unter unseren rheinischen Jungen wie im Frieden so auch im Kriege eine ganz gehobene Stimmung und, was die Hauptsache ist, ein ganz brillanter Gesundheitszustand. Wenn auch viele von ihnen „garantiert“ Weihnachten wieder daheim sein wollen, so befürchten wir doch sehr, daß dieser Wunsch zu „Wasser“ wird und wir rechnen heute schon damit, den Weihnachtsbaum vor oder hinter Verdun bringen zu müssen. Da der Weihnachtsmann dann viele, viele Gaben braucht, so klopft er jetzt schon an, damit sie Anfang Dezember fertig sind.
Honnef
Herm. Burbach

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)