Samstag, 31. Oktober 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. Oktober 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 30. Oktober 1914Stadtverordnetenversammlung. In der gestrigen Sitzung wurden die Punkte der Tagesordnung ohne Aussprache genehmigt. Es kam dann zum Schluß zu einer Aussprache über die Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln. Mehrere Stadtverordnete der liberalen Fraktion hatten eine Interpellation eingebracht, ob schon Maßregeln in Aussicht genommen seien, die große Steigerung der Kartoffelpreise durch Festsetzung von Höchstpreisen zu regeln. In der Aussprache hob der Geheimrat Schultze hervor, daß die bekannten Gründe, die als Ursache für das Ansteigen der Preise angeführt werden, im großen und ganzen nicht stichhaltig seien. Auf Antrag der Verwaltung wurde die Sache der Teuerungskommission überwiesen. In der Aussprache, ob eine Sonntagsruhe beibehalten werden sollte, kam es zu keiner Beschlussfassung.

Kriegsfreiwillige. Das Ersatz-Bataillon Garde-Grenadier-Regiment Nr. 5 in Spandau stellt wieder Kriegsfreiwillige ein. Mindestmaß: 1,68 Meter. Bedingung: Vollkommen gesund und kräftig. Möglichst eigene Schaftstiefel mitbringen, wofür monatliche Entschädigung gewährt wird.

Der Bonner Zitherklub erfreute am Donnerstag abend die in der Rumpfschen Privatklinik untergebrachten Verwundeten mit einem Konzert, dessen ausgewählte, sehr stimmungsvolle Stücke von den Zuhörern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und mit dankbarem Beifall aufgenommen wurden. Ein Zuhörer wies in einer Ansprache darauf hin, daß auch der Bonner Zitherklub dadurch, daß er die verwundeten Soldaten aufheitere, seine Kunst in den Dienst des Vaterlandes stelle. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 31. Oktober 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 31. Oktober 1914Die gestrige Kriegs-Wollsammlung hat, wie nicht anders zu erwarten war, einen vollen Erfolg gehabt. Schon am frühen Morgen sah man unsere Pfadfinder in Uniform und Schüler mit schwarz-weiß-roten Schärpen die geschmückten Handwagen zu den einzelnen Bezirken ziehen, um die von den Sammlerinnen „requirierten“ Sachen in Empfang zu nehmen. Unverdrossen gingen die Damen von Haus zu Haus, treppauf, treppab, kein Haus, keine Wohnung, möchte sie auch unterm Dach liegen, wurde überschlagen. Denn Alle, Alle sollten und wollten sich an dem Liebeswerk, das unsern tapfern Soldaten im Felde galt, beteiligen. Und alle, die Veranstalter sowohl, als auch die übrigen Damen und Herren, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt hatten, können mit dem Ergebnis zufrieden sein. Ganze Berge Wollsachen, Strümpfe, Pulswärmer, Unterjacken, Wollhemden, Unterhosen, Kopfschützer, Decken, Westen und Ueberzieher wurden im Laufe des Tages in den einzelnen Sammelstellen abgeliefert. Man hat hauptsächlich um gebrauchte Sachen gebeten, was aber alles an neuen Sachen, namentlich Strümpfen, Pulswärmern und Unterzeug hergegeben wurde, läßt sich heute noch nicht übersehen. In einer Sammelstelle war ein großer Wandschrank mit neuen Strümpfen bis obenan gefüllt. Auch viele Damensachen wurden abgeliefert, die nach dem fernen Osten wandern werden, um dort die von den Kosakenhorden beraubten Frauen und Kinder vor Kälte zu schützen. Jetzt sind fleißige Hände bei der Arbeit, alle die Liebesgaben zu sichten und zu ordnen, um am kommenden Dienstag, dem zweiten und letzten „Woll-Sammeltag“, bereit zu sein, nochmals für unsere tapferen Truppen bei Arm und Reich anzuklopfen.

Die Ausgabe der Dauerkarten für die Benutzung der Eisbahn auf dem städtischen Sportplatz an der Reuterstraße hat begonnen.

Ueber die Tätigkeit der Feldpost gehen uns verschiedene Klagen zu. Briefe aus anderen Teilen Deutschlands kämen sicherer und bedeutend schneller an, als solche vom Kriegsschauplatz in Nordfrankreich. Auch aus Russisch-Polen kommen Klagen, daß ein Kriegsteilnehmer und seine Kameraden der ganzen Abteilung bis heute keine Post von ihren Angehörigen erhalten hätten. Er sei seit Ende September dort und nicht einmal eine Geldsendung sei angekommen. Wenn man bedenke, wie jämmerlich die russischen Verhältnisse sind (Salz, Zucker und Kaffee seien seltene Artikel, Bier, Zigarren und Tabak überhaupt nicht zu haben), könne man ermessen, was die Soldaten entbehren müßten. Daher solle die Poste doppelt bemüht sein, die Sachen bis dorthin zu bringen. Die Abteilung sei durchaus nicht in der Gefechtslinie, habe vielmehr vom Feinde nichts gesehen. Ein dritter Brief aus Frankreich teilt u. a. mit, daß eine Frankfurter Behörde mehrere Waggons mit 25 000 Paketen sucht, die auf der Etappenlinie anscheinend verlorengegangen seien. Der Absender weist darauf hin, daß man die Sachen so genau wie nur möglich adressieren möge, namentlich den Unterschied zwischen 8. Armeekorps und 8. Reserve-Armeekorps möge man genau beachten. Er habe sich der Mühe unterzogen, innerhalb acht Tagen mehrere Tausend auf der Station lagernde Pakete, Kisten usw., um die sich niemand kümmerte, an die Adressaten befördern zu lassen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Der große Woll-Sammeltag. Es bedurfte nicht vieler Worte und langer Appelle durch die Zeitungen. Wie unsere jungen Damen gestern mit dem schwarz-weiß-rot geschmückten Körbchen von Haus zu Haus und von Stockwerk zu Stockwerk gingen, gab jeder gerne und freudig, was er an Wollsachen und an anderen Kleidungsstücken entbehren konnte. Und die nichts entbehren konnten, gaben Geld, die einen viel, die anderen weniger. Junge Burschen, Mitglieder des Pfadfinderkorps nahmen die Sachen auf der Straße in Empfang und brachten sie, wenn ihre, zum Teil mit viel Mühe und Fleiß gezierten Wagen und Karren gefüllt waren, zu den Sammelstellen. Je vier junge Damen hatten eine große, oder mehrere kleine Straßen übernommen. In den meisten Straßen mußten die Pfadfinder mehrere Male, einige bis zu dreißig Mal, ihre hochbeladene Karre an der Sammelstelle leeren. Strümpfe und warmes Unterzeug, Kopfwärmer und Ohrenschützer, wollen Decken und getragene Kleider, Strickwolle und Stoffreste, alles wurde dankbar angenommen. Aus manchen Häusern wurden wahre Berge an Wollsachen und Kleidern getragen. Was für unsere Soldaten davon zu verwenden ist, geht bald zum Kriegsschauplatz, das übrige erhalten unsere armen Landsleute in Ostpreußen. Der Woll-Sammeltag hatte in Bonn ein glänzendes Ergebnis. War das nicht der Geist unserer Vorfahren, der Geist von 1813?

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)