Dienstag, 17. September 1918

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. September 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 17. September 1918Einen Fliegeralarm gab es gestern abend ¾10 Uhr. Er dauerte bis kurz nach 11 Uhr. Bonn wurde nicht angegriffen. Wenige Minuten darauf wurden von neuem die Alarmzeichen gegeben.

Sammelt Brennesseln! Nesselfaser ist vollwertiger Baumwollersatz. Es gibt genug Nesselbestände in Deutschland, um unseren Faserbedarf zu decken. Die Nesseln brauchen nur geerntet zu werden. Die Nessel muß mindestens 60 Zentimeter lang sein. Beim Schneiden darf der Stengel nicht geknickt und beim Trocknen nicht naß werden. Jede Lieferung muß mit Adresse des Sammlers versehen sein. Die Nesselsammlung ist lohnend: Es werden für 10 Kilogramm trockener Stengel 4 Mark gezahlt, außerdem erhält der Sammler für je 10 Kilogramm einen Wickel Nähgarn umsonst als Prämie. […]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Durchlaßkarten für hoffende und stillende Frauen werden von jetzt ab nur noch für einen Monat ausgestellt. Die Karten müssen mit dem Lichtbild der Inhaberin versehen sein.

Das Kriegsgericht […] Wegen Desertion wurde gegen einen Husaren vom hiesigen Husarenregiment verhandelt, der in der Nähe von Brügge seinen Posten verlassen und bei Sluis über die holländische Grenze gegangen war, angeblich, um Lebensmittel zu holen. Die Grenze war mit einer elektrisch geladenen Leitung abgeschlossen, trotzdem gingen der Angeklagte und ein Mitdeserteur unter der mit Elektrizität geladenen Leitung her und wurden jenseits der Grenze interniert. Nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt, trat der Angeklagte mit feindlichen, namentlich mit russischen Spionen in Verbindung, um ihnen angeblich deutsche Militärgeheimnisse zu verraten. Da diese Angelegenheit nicht genügend aufgeklärt war, wurde die Sache vertagt. Der Anklagevertreter hatte eine Zuchthausstrafe von acht Jahren und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes beantragt und als einzigen mildernden Umstand angeführt, daß der Angeklagte sich freiwillig gestellt hatte. - […]

Der Martinsbrunnen. Der einstimmige Protest unserer Stadtverordneten-Versammlung gegen die Beschlagnahme des Martinsbrunnens, dieses volkstümlichsten und mit dem Volksleben so innig verknüpften Bonner Denkmals, hat bei unserer Einwohnerschaft die lebhafteste Zustimmung erweckt. […]

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Godesberg, 16. Sept. In einem längeren Vortrag sprach gestern nachmittag im hiesigen Kurparksaal der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete K. Hänisch aus Berlin über die Friedensarbeit der Sozialdemokratie. Er wandte sich vor allem gegen die alldeutsche Partei. In jahrelanger Friedensarbeit habe die Sozialdemokratie angestrebt, eine internationale Vereinigung der Sozialisten herbeizuführen, um diesen Weltkrieg zu verhindern. Leider sei aber die Sozialdemokratie zu schwach gewesen. Seit Beginn des Krieges habe seine Partei auf einen Verständigungsfrieden hingearbeitet, jedoch die Eroberungslust unserer Feinde lasse jedes Friedenswort verstummen. Redner begrüßte die Rote [Burlans?] und wünschte ihr baldigen Erfolg. Zum Schluß der Versammlung wurde eine Entschließung angenommen, die u. a. auch das allgemeine Wahlrecht und die Auflösung des Landtags forderte. Die Versammlung war stark besucht.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)

Trommeln und Pfeifen der Jugendwehr. Im Gemeindehause in der Rathausgasse übt sich seit mehreren Wochen an jedem Mittwoch abend von 8 bis 10 Uhr die Jugendwehr im militärischen Trommeln und Pfeifen. Diese Uebungen erregen wegen des starken Widerhalles, den das Trommeln und Pfeifen im geschlossenen Raume erzeugt, eine unerträgliche Belästigung der Nachbarschaft, die durch das ungebührliche Verhalten der Jungen verstärkt wird. Nach Beendigung der Uebungen abends nach 10 Uhr verüben sie auf der Straße durch Geschrei und Blasen auf den Militärpfeifen einen wüsten Lärm. Solche Trommel- und Pfeifübungen dürfen in engen dicht bewohnten Straßen nicht gehalten werden. Die durch diese Veranstaltung verursachte Belästigung der Anwohner ist so schwer, daß ihre Wiederholung unbedingt verhindert werden muß. Die Anwohner der Rathausgasse.

Pilzverkauf auf dem Markt. In den letzten Tagen werden auf dem Wochenmarkt Pilze in ungeheurer Menge angeboten. Für das Pfund werden 3 Mk. bis 3.50 Mk. verlangt und leider auch von vielen Hausfrauen bezahlt. Da bei der Zubereitung der Pilze durchgängig ein halbes Pfund Abfall ist und die Pilze beim Zubereiten außerordentlich zusammenschrumpfen, so wird der Pilzgenuß teurer als Fleisch. Fernern ist darauf hinzuweisen, daß die Pilzverkäufer meist selbst nicht Pilzkenner sind, sondern sie von Pilzsuchern aufkaufen. Es wäre deshalb empfehlenswert, daß der Pilzverkauf von sachkundiger Seite einer strengen Aufsicht unterzogen würde. Eine Hausfrau.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

   

Pilzwanderungen. Die seitens des örtlichen Kriegsausschusses in dankenswerter Weise unter Führung des Rektor Emons veranstalteten Pilzwanderungen bieten in dieser fleischarmen Zeit günstige Gelegenheit zum Sammeln guter und nahrhafter Pilze. Es wird Anleitung geboten werden zum Sammeln, Reinigen und Aufbewahren der besten eßbaren Pilzarten und im Gegensatz dazu werden die wenigen giftigen Pilze bekannt gegeben werden. Mögen in dieser für die Volksernährung schwierigen Zeit die reichen Gaben unseres Waldes voll ausgenützt werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)