Dienstag, 25. Juni 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 25. Juni 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 25. Juni 1918Neues Operettentheater. Grigri, die Tochter des Negerkönigs. Musik von Paul Lincke. Spielleitung: Direktor Adalbert Steffter. Schon der Titel, der zu unliebsam an Film-Schauerdramen denken läßt, versprach dem Kundigen nicht viel. Und nicht einmal das wenige hielt die Gesangsposse. Bei näherer Betrachtung bleibt von dem Machwerkchen nichts übrig, wovon mit Fug und Recht gesprochen werden könnte: Schade um die schöne Zeit, die Spielleitung, Darsteller und Orchester dafür aufwenden müssen! Das Publikum lacht natürlich über den schwarzen Spaß, ohne darüber nachzudenken, wie traurig es ist, daß in unseren Tagen so etwas aufgeführt und beklatscht wird. […]

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

    

Ueber Gewinnung und Verwertung der Brennessel sprach gestern abend im Vortragssaale der Fortbildungsschule Universitätsprofessor Dr. Küster. Die Brennessel ist nach dem Redner eine der wichtigsten, erfolgsversprechendsten Faserstoffpflanzen, die uns die bisher aus dem Auslande bezogene Baumwolle bis zu einem gewissen Grade zu ersetzen vermag. […] An der Besprechung, die Stadtv. Dr. Krantz einleitete, beteiligten sich Rektor Emons und Prof. Füchtjohann. Ersterer schilderte seine Nessel-Sammeltätigkeit mit der Bonner Schuljugend und erzählte Interessantes aus der Naturgeschichte der Nessel: Letzterer stellte einige kurze Leitsätze für Sammlung und Gewinnung der Nessel auf. Prof. Dr. Küster konnte zum Schluß noch einige Produkte der Nesselfasern vorzeigen. Der Saal war überfüllt von Besuchern.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Höchstpreis. Was will dieses Wort sagen? Es weist Dich auf die von behördlicher Seite erlassene Verfügung hin, nach welcher jeder Erzeuger, Händler und Verbraucher sich richten soll. Wer stört sich daran, keiner! Obwohl unsere Hausfrauen morgens in den Geschäften dieses Treiben ansehn und sich ärgern, wenn sie einen Haufen Geld für ein bißchen Gemüse bezahlen, hat bis jetzt keine den Mut, dies der Oeffentlichkeit zu übergeben. Erbsen und Bohnen liegen auf versteckt unter Körben in Nebenzimmern und wer weiß wo und wird nur an solche abgegeben, die höhere Preise zahlen und auf die man sich besonders denkt verlassen zu können. Unsere Hausfrauen wissen, daß es so gemacht wird. Jede hütet sich, etwas zu sagen, um nicht bei der Inhaberin in Ungnade zu fallen, aus Furcht, in Zukunft überhaupt nichts zu bekommen. Das Neueste, was man zuweilen hört, ist, die Erbsen, Bohnen oder Johannistrauben sind nur „für meine Kundschaft“. Woran liegt das Ganze hauptsächlich? Die Geschäftsleute holen jetzt viel ihre Waren auf den benachbarten Ortschaften ab. Einer überbietet den andern in dem Gedanken, du bekommst es ja zurück. Wem’s zu teuer ist, der läßt seine Finger davon. Der Erzeuger verkriegt sich hinter die bekannte Redensart: Es wird mir ja geboten, dann müßte ich schön dumm sein, wenn ich es nicht nähme. Zudem kommt noch, daß Händler von auswärts sich dort einfinden, die keinen Preis scheuen, um Ware zu erhalten. […]
   Man denke nur an das Obst. Erdbeeren sind fast zu Ende, ebenso die grünen Stachelbeeren. Wer hat von den Frühkirschen schon etwas gesehen? Frei zum Verkauf gelangt nichts, dagegen sieht man nachmittags Bauersleute mit sorgfältig verbundenen Körben in Gemüsegeschäfte wandern. Was sie bringen, bleibt ebensogut Geheimnis wie das, was meist auswärtige Händler, die vorwiegend Hotels versorgen, aus den Geschäften hinaustragen. […] Dem Ganzen kann wirksam entgegengetreten werden. Zwar nicht mit vielen Hin- und Herreden, wie es bis jetzt geschieht. Man setze nur den Hebel am richtigen Ende an, dann wird’s schon gehen.
Eine Hausfrau, die sich nicht scheut.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

   

Schwindler. Ein Deserteur, der sich hier in Bonn und in anderen Städten der Zechprellerei und Betrügerei schuldig gemacht hat, wurde am Samstag abend aus froher Gesellschaft verhaftet. Er hatte vor 14 Tagen die Bekanntschaft einer Bonnerin, im Alter von 18 Jahren gemacht und sich in dieser kurzen Zeit deren Liebe und Zuneigung der Eltern so sehr erworben, daß die Verlobung am Samstag von statten ging. In einer ersten Weinwirtschaft sollte ein solennes Festmahl gehalten werden, das aber durch die Polizei gestört wurde. Der Deserteur wird außerdem wegen Raubes und mehrerer Einbruchsdiebstähle gesucht.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)