Freitag, 19. November 1915

    

Wehrbund. Eine Abteilung des Bonner Wehrbundes besetzte am verflossenen Sonntage die Ortschaften Meßdorf und Lessenich, um sie gegen den von Endenich vorrückenden Gegner zu verteidigen. Dieser verschleierte seinen Anmarsch so geschickt, daß es ihm gelang, Duisdorf zu erreichen, ohne entdeckt zu werden. Obwohl schließlich Radfahrerpatrouillen der Verteidiger die Meldung brachten, daß gegnerische Mannschaften in Duisdorf lagerten, konnte doch nicht festgestellt werden, ob dies die gesamte gegnerische Mannschaft sei. Die Verteidiger waren durch das abwartende Verhalten ihrer Gegner zu scharfer Wachsamkeit gezwungen, die gut ausgeübt wurde. Ein Angriff, den der Gegner mit schwacher Mannschaft unternahm, konnte abgeschlagen werden. Während dies geschah, war es dem Angreifer gelungen, seinen Haupttrupp an Lessenich unentdeckt heranzubringen und den Ort zu nehmen. Nach dem Rückmarsch nach Bonn endigte ein stramm auf dem Kaiserpaltz ausgeführter Parademarsch die Uebung.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

     

Ein Bonner Studentengruß aus dem Schützengraben. Ein Bonner Student, der die Hälfte seiner schönen Studienzeit bei uns am Rhein verlebt hat, bekundet in nachstehenden Versen, welch trefflicher Geist trotz Regen, Kälte und Novemberstürmen in unseren Schützengräben und Unterständen angesichts des Feindes herrscht. Nachdem der wackere Studiosus uns in seinem Schreiben im einzelnen schilderte, wie ernst das Leben an der Front ist, bemerkt er, daß er trotzdem in seinen Mußestunden beim letzten Kerzenrest im Unterstande im „Faust“ lese und daß bei den Kameraden keine Klage laut werden über den zweiten Winterfeldzug. Dann bemerkt der tapfere Jüngling: „Kopf hoch!“ heißt hier unsere Parole und so soll es auch in der Heimat sein. Ebenso frisch und lebensfroh sind seine von echt vaterländischem Empfinden erfüllten Verse, die lauten:

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 19. November 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 19. November 1915Studios Spruch hieß: Fröhlich schwärmen,
Sich des heitern Lebens freun.
Keine Sorgen, weg mit Härmen;
Jugend lacht wie Sonnenschein.

Hell blitzt in der Faust der Schläger,
Golden perlt im Glas der Wein;
Waren keine Würdenträger,
Wollten freie Burschen sein,

Die den hohen Treuschwur halten,
Für das Vaterland erglühn,
Gegen Feind und Feindsgewalten
Hochgemut zu Felde ziehn.

Sangens! – Jäh stieg Kriegsgewitter
Drohend aus des Schicksals Schoß.
Kurzer Abschied riß uns bitter
Von den liebsten Freunde los.

Schnitter Tod ging durch die Fluren,
Schritt so emsig, mähte gut.
Flandern, Polen und Masuren
Tranken junges Heldenblut.

Nicht verzagt! Wen Erde deckt,
Der ruht aus nach reichem Leben,
Sieh, der Schild blieb unbefleckt,
Der ihm auch zum Schirm gegeben.

Neider, Eure Stunde schlägt! –
Starrt noch rings die Welt in Waffen,
Deutsches Schwert hat Bahn gefegt,
Hin zum Ziel, das wir erschaffen:

Künftig sollen fremde Reiche
In uns gute Nachbarn sehn,
Soll die sturmumbrauste Eiche
Still und breit im Frieden stehn.

Harret! – Noch ist in uns allen
Nicht der Funke ausgebrannt,
Stolz lebt das, wofür wir fallen:
Freiheit, Ehre, Vaterland!

Kriegsfr. Gefr. Engelhardt.

Ueber den Isonzo und Oesterreichs Adriaküste sprach gestern abend im 3. pop.-wissenschaftlichen Vortrag Prof. Dr. Schwahn aus Berlin. Es war eine ziemlich poetische Fahrt von herrlichen Lichtbildern begleitet. Hoch auf den Tauern begann sie, führte durch die Julischen Alpen den Isonzo entlang, zeigte Görz mit seinem heiß umstrittenen Brückenkopf und endete erstmalig bei Montfalkona und am Meerbusen und in Stadt und Hafen von Triest. Wildromantische Gebiete des Karst, jene öden Berglande von Kalk, wurden durchwandert. Doch Rede und Bild zeigten die Karstlandschaften von ihrer besten Seite, mit reich ausgestalteten Stalaktiten-Höhlen, schäumenden Wasserfällen und brandender See an zerklüfteten Kalkfeldern. Wilde groteske Szenerien.
  
Dann fuhr Redner die Küste der blauen Adria entlang, und lieblich und wunderlich wurden die Bilder und poetischer die Sprache. Reich gegliedert ist die Küste, voller stiller Meerengen und Buchten. So kam er von Pola durch Wirrnisse von Inseln, zweckmäßige Stützpunkte und Schlupfwinkel der österreichischen Flotte und an der Küste von Dalmatien vorbei bis zu den Hammeldieben, über die König Nikita von seinen schwarzen Bergen aus gebietet. Und in blumenreicher Rede und farbenprächtigen Bildern schritt die Geschichte einher. Die ging über reiche Römerspuren, haftete an Miramar, dem Landsitze des unglücklichen österreichischen Erzherzogs Maximilian, dem die mexikanische Kaiserkrone den Tod brachte, lauschte den Manen Dante’s, der an diesem blauen azurblauen Meere in der Verbannung lebte und hielt an im stolzen Landsitze des Deutschen Kaisers, auf Korfu. Land und Leute lebten auf, ein bezauberndes Land, dem die Sehnsucht gleich zuflog; wilde, seltsame Menschen, mit kräftigen Gliedern, die seltsam gekleidet recht faul in die Welt hinein zu leben scheinen. Der Handel erschien; der Handel zur See mit reicher Schifffahrt sehr bedeutend: der Handel mit Fischen, mit Brennholz, mit Obst und mit Insektenpulver, das auf den Bergen Kroatiens und Montenegros aus einer Wucherblume gewonnen wird. Ein erbärmlicher Handel schien dies. Die Hörer aber lauschten auf, als Redner verkündete, daß hier der echte französische Bordeaux-Wein beheimatet sei und über Frankreich den Deutschen zum Trinken gereicht wird.
   Allem in allem, es wurden beachtenswerte Landstriche in Wort und Bild gezeigt, und daß Oesterreich sich diese niemals abnehmen lassen wird, ist verständlich. Niemals kann unser Bundesgenosse sich vom Meer abdrängen lassen. Wir werden ihm ja auch dabei mit besten Kräften und mit bewährten Mitteln helfen.
   Recht erheiternd lief nebenbei ein ergötzlicher Kampf des Redners mit dem Projektions-Apparat und verstellten Bildern: „In Berlin kommt das nicht vor!“

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 19. November 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 19. November 1915Bonner Kriegsnagelung. Die Vaterländischen Vereinigungen haben die Errichtung eines Kriegsmals so gefördert, daß seine feierliche Einweihung voraussichtlich am 18. Dezem­ber d.J. stattfinden wird. Wie bereits mitgeteilt, hat Herr Kommerzienrat Soennecken das Standbild selbst gestiftet. Ueber dieses Standbild fand ein Preisausschreiben zwischen namhaften Künstlern statt und das Preisgericht hat nach längeren Beratungen einstimmig beschlossen, dem Bonner Bildhauer, Herrn Karl Menser, den 1. Preis in Höhe von 500 Mark zuzuerkennen. Es ist erfreulich, daß auf diese Weise gerade ein Bonner Künstler dazu kommt, seine Kunst auch noch für spätere Zeiten festzulegen. Der Menser'sche Ent­wurf kann als ein in künstlerischer und allegorischer Auffassung überaus glücklicher be­zeichnet werden. Er hat die Ernst Moritz Arndt-Säule dem Wesen Arndts entsprechend in schlichten, ernsten und wuchtigen Formen gehalten. Aus mächtiger Basis, mit dem Wel­lenband, als Sinnbild des deutschen Rheins, geschmückt, wächst die Deutsche Reichsei­che empor und soll dem Volk Arndts Bild als Mahnung vergegenwärtigen. Umschlungen wird der kraftvolle Sockel von dem gerade in unsere harte Kriegszeit passenden Arndt­schen Ausspruch: „Nun brause fröhlich Rhein, nie soll auf meinem Hort, ein welscher Wäch­ter sein, das brause fort und fort.“ Die Verästelung der Reichseiche umschlingt den Na­menszug Kaiser Wilhelm II, das Eiserne Kreuz, das Bonner Wappen und ein Bildnis Ernst Moritz Arndts und trägt als Abschluß die deutsche Kaiserkrone, die Ernst Moritz Ernst vor­ahnend ersehnt, Friedrich Wilhelm IV. angeboten hatte und um die sich heute in schwerer Zeit das ganze deutsche Volk in Treue und Einigkeit schart. Um die Eiche halten 4 Adler, Schlangen in den Klauen haltend, den Deutschen Stamm beschützend, als Sinn­bild unse­res tapferen Heeres, das eine Welt von Feinden niederzwingt, Wacht. Das Kriegsdenkmal wird in einem einfach gehaltenen, als dorischen Tempelbau geplanten Um­bau auf dem Münsterplatz aufgestellt und der Tempel wird den Spruch tragen: „Das Vater­land gehört al­len und alle gehören dem Vaterland.“ Als Nagelflächen sind vorgesehen: die Grundflächen um den Sinnspruch, der Eichstamm, die Sockel und die Flügel der Adler. Auch ist reichlich Gelegenheit für Vereine und hochherzige Stifter gegeben, entweder sich durch Anbringung eines beschrifteten Eichenblattes oder anderer Schildflächen zu verewi­gen. Auch werden für die Krone goldene Nägel und für das Wellenband des Rheins silber­ne Nägel eingeschlagen werden. Die weiteren Vorbereitungen, mit de­nen sich auch bald ein größerer Ehrenausschuß beschäftigen wird, versprechen das güns­tigste Ergebnis und die Bonner Bürgerschaft wird in ihrem bekannten opferfreudigen Sinn auch bei der Kriegs­nagelung beweisen, daß sie echt vaterländischer Geist durchweht. Nach der Benagelung soll das Standbild im Ernst Moritz Arndt Hause aufgestellt werden. Der Architekten- und In­genieur-Verein hat es in seiner steten Hilfsbereitschaft freundlichst übernommen, die bauli­che Anlage zu entwerfen und bei dem Hallenbau für das Standbild selbst die Leitung zu übernehmen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)