Mittwoch, 6. Oktober 1915

   

Erhöhung der Unterstützungen an Kriegerfamilien. Wie uns aus Berlin berichtet wird, erhielt der Reichsverband deutscher Städte auf sein Gesuch an den Reichskanzler die Nachricht, daß eine Erhöhung der Unterstützungen für die Familien der Kriegsteilnehmer vom 1. November an in Aussicht genommen sei. Eine entsprechende Verfügung wird demnächst ergehen.

Der Bonner Lazarettzug K.1 hat auf seiner 17. Fahrt in Laon 215 Verwundete geladen und in Beurig-Saarburg, Mettlach, Beckingen, Wadgassen, Völklingen, Saarbrücken ausgeladen.
   Als Liebesgaben sind nach wie vor erwünscht: Zigarren, Zigaretten, Hemden, Pantoffeln, Marmeladen in Blecheimern. Dies alles ist abzugeben Bahnhofstraße 40.
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(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 6. Oktober 1915Opferwillige Vaterlandsliebe eines Mädchens. Aus Rheinbach wird uns geschrieben: In das Haus eines Hofbesitzers auf dem Lande treten einige Primaner des Gymnasiums. Sie zeigen dem Hausherrn ihr Berechtigungsschreiben und tragen ihm die Bitte vor, sich an der neuen Kriegsanleihe zu beteiligen und auch etwas noch vorhandenes Goldgeld abzugeben. Das Hausmädchen hat der Unterhaltung beigewohnt. Als die jungen Leute sich anschicken, weiter zu gehen, tritt das Mädchen an sie heran und zeigt ihnen eine Brosche mit einem 20 Markstück von 1888, welches das Bild unseres Kaiser Friedrich III. trägt. Sie bittet, das Goldstück anzunehmen. Sie hat diese Brosche von ihrem Bräutigam erhalten, der in den Krieg gezogen und gefallen ist. Die Jünglinge erklären, daß sie eine solches Andenken nicht annehmen können. Aber das Mädchen beharrt auf ihrer Bitte. Sie sagt: „Ich gebe das Andenken mit Freuden hin. Mein Bräutigam hat für sein Vaterland sein junges Leben geopfert, sollte ich mich nicht von seinem Abschiedsgeschenk trennen können? Ich werde das Goldstück durch die Photographie des lieben Toten ersetzen.“ Endlich nehmen die Jünglinge das seltene Goldstück an. Gerührt und herzlich dankend setzen sie mit gutem Erfolg ihren Bittgang fort.

Gegen den Butterwucher. Der Reichsverband der deutschen Städte hat das Reichsamt des Inneren auf die unbegründete Steigerung des Butterpreises aufmerksam gemacht und um Abwehrmaßregeln gebeten.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 6. Oktober 1915Sanitätshunde. Herr Gerichtsreferendar Clementz aus Lövenich bei Köln, der als Sanitätshundeführer noch mit anderen Bonner Führern auf dem östlichen Kriegschauplatze tätig ist, hat das Eiserne Kreuz 2. Klasse erhalten. Aus einem Bericht an die Meldestelle geht hervor, daß gerade die Bonner Führer in letzter Zeit große Erfolge durch Auffinden von Verwundeten hatten. Der Hund des Herrn Clementz „Asta“ hat neben anderen Verwundeten zwei Schwerverwundete, die bereits 4 Tage unaufgefunden im Walde lagen, aufgefunden. Die beiden Aufgefundenen werden voraussichtlich wieder geheilt werden. Die Hündin selbst ist durch Schrapnellschuß verwundet worden. Von den Bonner Führern besitzen bereits 4 das Eiserne Kreuz und 4 das Friedrich-August-Kreuz.

An den städtischen Fleischverkauf werden jetzt große Anforderungen gestellt. Da sich in letzter Zeit, zum Teil auch wieder infolge von übertriebenen Angsteinkäufen in einigen Geschäften der Vorrat an Speisefetten sehr verringert hat, war Fett ein sehr begehrter Artikel und deshalb auch schnell vergriffen. Der Andrang der Käufer war bis zum Schlusse ein ganz ungeheurer. Fett kostete 3 Mark das Pfund. Fettspeck und Magerspeck ebenfalls 2 Mark, Schinkenspeck 2,20 Mark.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

   

Die Fremdwörterplage treibt manchmal Blüten unfreiwilligen Humors, besonders wenn Unberufene sich bemühen, Ausdrücke und Bezeichnungen, die schon Gewohnheitsrecht bei uns erlangt hatten, durch deutsche zu ersetzen. Wie soll beispielsweise der „Frisiersalon“ verdeutscht werden? Ersatz ist wohl vorhanden. Man könnte beispielsweise schreiben „Stube für Haar- und Bartpflege“ oder „Haar- und Bartkräusler“ oder sonst irgendetwas Sinngemäßes? Aber wer findet gleich das richtige Ersatzwort, wenn das lieb und vertraut gewordenen fremdsprachliche weichen soll? Ein Meister der Schere und des Bartmessers in der durch Heine weithin bekannt gewordenen schönen Stadt Göttingen stand eines Tages auch vor der Notwendigkeit, seinen „Frisier-Salon für Damen und Herren“ den heutigen Anforderungen entsprechend umzutaufen. Ohne Zaudern ließ er den welschen „Frisier-Salon“ einfach überpinseln. Seitdem heißt es auf dem Schilde nur noch: „Für Damen und Herren“.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 6. Oktober 1915Was lernen wir aus dem Kriege?
Das Thema, über das Landtagsabgeordneter Dr. Traub Montag abend im großen Saale der Germaniahalle vor einer zahlreichen Zuhörerschaft sprach, war auch dem Redner ei­gentlich, wie er gestand, etwas zu ausgedehnt, lieber hätte er sich darauf beschränkt, nur zu Christen darüber zu sprechen. Aber das passe nicht mehr in der heutigen Zeit in der das deutsche Volk zu einer Einheit geworden ist. Und zu diesem einheitlichen deutschen Volke, das in dem gewaltigsten Kriege seiner Geschichte nicht mehr durch religiöse oder politische Gegensätze zerrissen, sprach der Redner, der, wie er verriet, noch ganz unter der Wucht seiner Erlebnisse an den Dardanellen stand, von wo er Samstag zurückgekehrt, sehr warm, sehr eindringlich, ganz aus der Fülle eines reichen und tiefen Gemütslebens. Traub gehört zu dem engen Kreise Naumanns. Das hört man aus jedem Satze. Auch er will die Politik wieder mehr im Volke selbst verankern. Er glaubt an sein Volk und seine Zu­kunft, von der er viel erhofft. Sein Glaube teilt er mit den besten der Zeit. Mag sein, daß die Skeptiker auch diesmal Recht behalten und die vielen Hoffnungen, die sich jetzt aller­seits regen, nach dem Kriege wieder grausam enttäuscht werden. Aber es ist ein Genuß, gerade in dieser argen Zeit; die noch so reich ist an Widerwärtigkeiten, die noch leidet un­ter dem Drucke jener, die nach Ansicht des Redners nach dem Kriege aus der Gesellschaft ausgeschieden werden müßten, einem Manne wie Traub zuzuhören. Wen wir auch seinen Glauben nicht in allen Dingen teilen, so hoffen doch auch wir auf gesundere innerpoliti­sche Zustände nach dem Kriege. Die Außenpolitik ist bei uns leider noch allzusehr wie eine Geheimwissenschaft behandelt worden, die zu erforschen manchem wie ein Frevel erschien; die wenigsten haben gerade hier ein Urteil. Hier müßte noch viel aufgeklärt, ein gewaltiges Stück Erzieherarbeit geleistet werden. Leider haben gerade die freiheitlichen Politiker sich bisher allzuwenig um die Außenpolitik gekümmert. Die Besprechungen der auswärtigen Lage im Reichstage machte bisher einen geradezu kläglichen Eindruck. Hof­fen wir, daß nach dem Kriege auch hier alles anders wird. Auch wir sind der Ansicht, daß die Außen- von der Innenpolitik nicht getrennt werden kann. Ohne Verständnis für die Vor­gänge im Ausland läßt sich die Innenpolitik gar nicht beurteilen.
   Auf dem volkswirtschaftlichem Gebiet aber wird nach dem Kriege bei uns, wie auch an­derswo, der Kampf entbrennen, darauf deuten schon jetzt alle Anzeichen hin, und wenn es nicht gelingt, den Willen zur gegenseitigen Verständigung, der jetzt oft so schöne Erfolge zeitigt, über den Krieg hinaus zu retten, dann wird auch Dr. Traub manche schöne Hoff­nung fahren lassen müssen. Aber auch wir glauben, daß unser Volk noch in seinen tieften Wurzeln noch gesund ist und auch gesund bleiben wird. Und ob sich der Wille zur Volks­vermehrung gerade in den breiten Schichten neu beleben wird, hängt doch vornehmlich von den wirtschaftlichen Bedingungen ab, die nach dem Kriege von Grund aus umgestal­tet werden müssen. Auch wir glauben, daß die Frau nach dem Kriege vor schwierigen Auf­gaben gestellt wird; die Vereinigung von Mutterschaft und Beruf ist eine Aufgabe, die zu lö­sen die ganze menschliche Gesellschaft ein hohes Interesse hat. Die Pflege des persönli­chen Verantwortlichkeitsgefühls aber müßte zur Grundlage der ganzen Erziehung ge­macht werden. Dazu gehört freilich auch die Achtung vor dem Menschen überhaupt. Auch die ist zu pflegen, und zwar ganz besonders. Bei allseitig gutem Willen kann ruhig aner­kannt werden, daß in diesem Kriege jeder seine Pflicht erfüllt, das Heldentum des Einzel­nen nicht von seiner Zugehörigkeit zu irgendeiner kirchlichen Gemeinschaft abhängig war. Aber ich fürchte, auch nach dem Kriege wird auf religiösem Gebiet der Kampf nicht abbre­chen, wird der Streit der Kirchlichen unter einander und gegen die Außerkirchelichen, die doch auch religiös sein können, wieder anheben. Die Hingabe an das, was über uns steht, wird leider nur zu oft auch später noch mißverstanden. Seine Hoffnung auf die Zukunft aber wollen wir teilen. Es steht gut, sagte er, es steht sogar sehr gut, auch im Orient. Die Freude an deutschem Wesen und deutsche Kraft soll uns alle zum Gemeingut werden.

(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)