Montag, 30. August 1915

   

Kastanien als Viehfutter. Zu unsere r Mitteilung, daß der Landwirtschaftsminister angeordnet habe, die Eicheln und Bucheckern in den Forsten der Volksernährung und der Viehzucht nutzbar zu machen, schreibt uns ein Landwirt, daß auch die wilden Kastanien, die in Bonn im Hofgarten und in der Poppelsdorfer Allee massenhaft wachsen, als Viehfutter verwendet werden sollten. Die Kastanien müßten rechtzeitig gesammelt werden, ehe sie, wie es leider bisher immer geschehen ist, zertreten oder von den Kindern als Spielzeug benutzt werden. Wir müssen alles ausnutzen und in allem sparen, denn der Winter ist lang.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. August 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 30. August 1915Die Kriegswallfahrt der Bonner katholischen Frauen nach dem Kreuzberg. Vor Wochen waren schon die Männer hinaufgezogen mit ernsten Gesichtern unter frommem Gebet, hatten den Worten und Wahrheiten des geistlichen Redners gelauscht und waren ernster noch hinabgekommen. Männer war da hinaufgewallt, denen der Schrecken des Krieges noch bevorstand, Männer, die ihn gekostet, Verwundete, die schon schwer unter seiner Geißel gelitten.
   Gestern wallfahrten die Frauen und Mädchen, die in ihrer Art nicht weniger unter dem Krieg leiden, die vielfach ihr Leben lang unter seiner Last zu tragen haben. So waren denn sorgenvoll, tiefernst alle Züge, gramdurchfurcht viele Gesichter, dunkel waren durchweg fast Kleid und Hut. Aber wie das Frauengemüt ist, trotz Schmerz und vielfach harter Not klangen weich und innig die Gebete, zuversichtlicher, hoffnungsfreudiger die frommen Lieder. Sie hallten wider und fingen sich in den breiten Wipfeln der Poppelsdorfer Allee, in den Straßen von Poppelsdorf, die schon so manches Jahrhundert die Gebete frommer Kreuzbergwaller gehört, Pilger in allen Nöten und von Gram geschüttelt, gesehen. Not lehrt beten, lehrt inniger beten, das bezeugten gestern wieder einmal die Tausende, die in Prozession zum Kreuzberg zogen. Kurz vor 3 Uhr riefen die Glocken vom hohen Münsterturm zur Sammlung. Ihr eherner Ruf fand schon die Straßen um das altehrwürdige Gotteshaus dicht von Teilnehmerinnen besetzt. So zogen die Tausende, geführt von der hochwürdigen Pfarrgeistlichkeit, an ihrer Spitze Oberpfarrer Dechant Böhmer denn zum Kreuzberg. Die Spitze muß am alten Wallfahrtskirchlein gewesen sein, da hatte der Schluß noch nicht das Münster verlassen; der weite Platz um und vor dem Kreuzbergkirchlein war dicht mit Pilgern besetzt, und noch immer war kein Ende der gewaltigen Prozession in der Bergstraße unter den Nußbäumen abzusehen, so stark war die Beteiligung an dieser Kriegswallfahrt. Tausende waren es.
   Am großen Kreuz droben am Kirchlein war ein schlichter Altar errichtet. Kurze Andacht hier und dann bestieg Pater Dositheus die Kanzel und sprach zu den Tausenden von Frauen und Mädchen vom Krieg, von Glauben und Unglauben, von Sitte und Unsitte in Mode und Leben, die in vielen Kreisen zur nackten Unsittlichkeit geführt, von der katholischen Familie, vom Vaterlande und von einem ehrenvollen Frieden und freudigem Wiedersehen. Der Krieg mußte kommen; er hatte seine Wurzeln im Unglauben, in Unsittlichkeit und Habsucht; Gebet, frommer Christenglaube, gute Sitten und Wohltun hätten zu Gott dem Lenker aller Geschicke um Abwendung dieser Völkergeißel zu flehen. Mit Gottvertrauen seien die Schicksalsschläge des Krieges aufzunehmen, so hart sie auch den Einzelnen und scheinbar ungerecht ihn träfen. Gott werde nach der harten aber notwendigen Prüfung das Uebel auch wieder von uns nehmen. Das deutsche Volk werde die Läuterung überstehen und nach einem gerechten Siege winke dann auch ein dauerhafter Friede. Mancher hoffnungsvolle Sohn, ehrbare Familienväter, seien freudig hinausgezogen in den Kampf für das Vaterland. Viele von ihnen ruhten nun schon in fremder Erde, ihr Wiedersehenswunsch sei verhallt, ohne in Erfüllung gegangen zu sein. Da sei namenloser Schmerz in Hütten der Armen und Häuser der Reichen eingezogen. Kein Schmerz sei aber so groß, daß er nicht Linderung im Gebet erfahre. In heißem Flehen um baldigen Frieden verklang die gewaltige Sprache des hochwürdigen Kanzelredners.
  Anzeige im General-Anzeiger vom 30. August 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 30. August 1915 Zu den vielen Pilgerinnen, die nicht mehr im Stimmbereich des Paters Dositheus standen, sprach dann Pfarrer Dr. Custodis von der Elisabethkirche herzhafte Worte, erinnerte an das Gottvertrauen unseres großen Hindenburg, erinnerte an das Kreuz, das unser Erlöser für uns alle getragen, und mahnte zum Aushalten und Gottvertrauen, was dieser Krieg auch an Leid bringen möge. So fanden auch diese Abseitsstehenden einen geistlichen Trostspender und auch sie konnten vom Kreuzberg wandern aufgerichtet durch Andacht und Gebet.
   Dann erklang ein lieblicher Frauenchor, der die gedrückten Herzen emporhob zu Gott. Mächtig hallten die Worte des sakramentalen Segens über die Andächtigen, die in die Knie gesunken, und dann brauste die ewig junge hinreißende katholische Hymne „Wir sind im wahren Christentum“ aus Tausenden von Kehlen über die Baumwipfel und mischte sich mit dem Donner eines heraufziehenden Gewitters.
   Unter strömendem Regen, zuckenden Blitzen und Donnerrollen zogen die Pilgerinnen dann zu Tal, der Münsterkirche zu. In ihr, die im Laufe der Jahrhunderte schon so manches Flehen um Abwendung der Kriegsnot und um Frieden gehört, beendete eine kurze Andacht die weihevolle Wallfahrt.

Böswillige Feuermeldung. Gestern morgen wurde die Feuerwehr nach der Meckenheimer Allee gerufen. Bei ihrem Eintreffen mußten die Wehrleute erfahren, daß sie böswillig alarmiert worden waren. Kinder hatten die Schutzscheibe an dem Feuermelder Ecke Meckenheimer Allee und Herwarthstraße zertrümmert und den Feuermelder in Tätigkeit gesetzt. Leider sind die jugendlichen Taungenichtse unerkannt entkommen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Das Viktoriatheater hatte mit seinen Eröffnungsvorstellungen am Samstag und Sonntag einen vollen Erfolg. Der Besuch war ein überaus guter. Dies war in erster Linie dem dargebotenen unübertrefflichen Kunstfilm „Spartakus“ zuzuschreiben, dessen Vorführung allseitige Bewunderung fand. Auch heute nachmittag bietet sich noch Gelegenheit, dieses seltene prachtvolle Lichtspiel besuchen zu können.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)