Dienstag, 30. März 1915  

  

Keine besonderen Osterliebesgaben-Sendungen. Wie aus verschiedenen Zeitungsanzeigen ersichtlich ist, werden anläßlich des bevorstehenden Osterfestes größere Liebesgaben-Paketsendungen für die Feldtruppen geplant und Aufrufe zur Sammlung von Geldspendungen für diese Zwecke erlassen. Die Heeresverwaltung macht wiederholt darauf aufmerksam, daß es nicht angängig ist, besondere Liebesgaben-Sendungen an die Front zu schicken. Weder die Militärpaketdepots noch die Güterabfertigungsstellen übernehmen die Vorführung derartiger besonderer Transporte. Eine Massenauslieferung von Osterpaketsendungen würde eine Sperrung des Militär-Paketdepots nach sich ziehen können. Soweit Sammlungen für Osterliebesgaben bereits im Gange sind, sind die Pakete auf dem einzig zulässigen Wege, nämlich durch die im Bezirke stellvertr. Generalkommandos errichteten amtlichen Abnahmestellen vorzuführen. Diese Abnahmestellen sorgen für die Weiterleitung unter Berücksichtigung des Bedarfs und der Möglichkeit der Weiterverfrachtung, ohne sich jedoch an einen bestimmten Zeitpunkt, wie das Osterfest, binden zu können.

Verbot der Sendungen von Osterkarten. Ein neues Armeeverordnungsblatt enthält u.a. folgende Verordnungen: Verbot der Versendung von Oster- und Pfingstkarten, in gleicher Weise wie die Versendung von Neujahrsglückwunschkarten wird Angehörigen des Heeres auch die Versendung von Oster- und Pfingstglückwunschkarten untersagt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915Kein Osterkuchen! Man schreibt uns: Es ist eine durch alte Gewohnheit geheiligte schöne Friedenssitte, alle Hauptfeste auch auf dem Familientisch mit Kuchen und Gebäck aller Art über den gewöhnlichen Alltag hinauszuheben. Niemand wird an ihr, schon wegen der Kinder, in gewöhnlichen Zeiten rütteln wollen. Im Frieden ist die Kuchenbäckerei Privatsache und jede Hausfrau hat frei, selbst zu entscheiden, ob sie einen oder mehrere Kuchen backen oder beim Bäcker bestellen will. In diesem Kriegsjahr ist es anders. In ihm müssen wir wohl auf vieles, auch wichtiges verzichten. Wir werden uns daher auch beim Osterfest von liebgewordenen alten Gewohnheiten, so selbstverständlich sie uns auch erscheinen mögen, trennen können. Kuchen, ob sie im eigenen Haus von den eingelegten Mehlbeständen gebacken oder in Konditoreien aus Bananen-, Reis- oder Maismehl, Eiern und Schlagsahne hergestellt werden, bedeuten einen unzeitgemäßen Aufwand, da sie nicht aus Nahrungsbedürfnis, sondern darüber hinaus aus Wohlgeschmack verzehrt werden. Ein jeder weiß aber, wie bitter Not Sparsamkeit mit allem, insbesondere mit Eiern, Sahne und Mehl jeder Art uns tut. Es sollte daher die Herstellung von Osterkuchen in diesem Jahr unterbleiben und die Festlichkeit des Ostertisches stattdessen durch Zugabe von Honig und Fruchtmarmeladen zum gewöhnlichen Kriegsbrot hergestellt werden!

In den Lichtspielen (Stern) wird in dieser Woche das große Drama aus der Zeit der Christenverfolgung „Quo vadis?“ in vollständig neuem Gewande vorgeführt. Außerdem gelangt ein Film zur Vorführung, der auch das Interesse der Besucher erregen wird: „Der Sanitätshund im Kriegsdienst“.

Kanonen, Kochlöffel und Pflugschar! Der bayrische Abgeordnete Steets hat in den letzten Tagen Vorträge über die sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen des Bundesrates gehalten. Dabei sagte er u.a. Jeder Haushalt müsse jetzt in Kriegszustand gesetzt werden. Kanonen, Kochlöffel und Pflugschar seien die drei Faktoren, die uns den Sieg erringen werden. Ein gutes, beherzigenswertes Wort!

  (Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Pfadfinder-Uebungen. Da demnächst der stellvertr. Landes-Feldmeister Dr. Brunzlow erwartet wird, macht sich beim Pfadfinderkorps eine lebhafte Uebungstätigkeit bemerkbar. An die große Sanitätsübung vom vorletzten Sonntag schloß sich am Samstag ein Uebung gegen die Höhe über Godesberg, die besonders den Radfahrer-Vortrupps Gelegenheit zu wirkungsvollem Eingreifen bot. Eine weitere Uebung unter Führung der 4. Kompagnie und Beteiligung aller Kompagnien findet am Mittwoch nachmittag statt.

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915

Sollen wir Ostereier essen? Wir haben bisher Darlegungen veröffentlicht, die sich gegen das gefärbte Osterei richteten. Nun mehren sich aber die Angaben, daß wir Eier genug haben, daß wir also auf unser geliebtes Osterei nicht zu verzichten brauchen. So schreibt ein Einsender dem Berl. Lok.-Anz.: In Berlin wurden in der Zeit vom 12. d. Mts. bis zum 19. d. Mts. also in einer Woche ca. 200 Waggonladungen Eier, darunter etwa die Hälfte Doppelladungen zugeführt. Der Inhalt einer Ladung beträgt ca. 60 Kisten, einer Doppelladung ca. 110 Kisten; im Durchschnitt also ca. 85 Kisten pro Wagen, oder im ganzen 17.000 Kisten. Eine Kiste enthält 1440 Stück. Es sind somit in einer Woche in Berlin eingeführt worden 17.000 Kisten à 1440 Stück = 24.480.000 Eier. Nimmt man die Bevölkerung von Groß-Berlin und seinen weiteren Vororten mit 3 ½ Millionen an, so ergibt sich pro Tag und Kopf der Bevölkerung ein Ei. Es kann also jedermann, ohne Kranke und Schwache zu schädigen, täglich ein Ei essen. Gerade in der jetzigen Jahreszeit kommt das Ei ganz frisch an den Markt, ist darum sehr fein im Geschmack und äußerst nahrhaft. Die weitere Zufuhr dieses für die Volksernähring so wichtigen Lebensmittels ist dauern gesichert. Während Ungarn sonst seine Hauptproduktion nach England, Frankreich und Belgien exportiert, liefert es jetzt ausschließlich nach Deutschland. Dazu kommen die großen Importe aus Dänemark, Schweden, Holland, und schließlich bleibt noch die gerade in den nächsten Monaten sehr starke Inlandsproduktion, so daß von einer Knappheit in Eiern in absehbarer Zeit gar keine Rede sein kann. Würde nur jeden fünften Tag ein Ei pro Kopf verbraucht werden, so müßten innerhalb fünf Tagen vier Eier pro Kopf der Bevölkerung zugrunde gehen, oder auf 3 ½ Millionen Einwohner 14.000.000 Eier. Da Eier leicht verderblich sind und nicht aufgespeichert werden können wie etwa Dauerwurst oder Dörrgemüse, so würden in fünf Tagen, das Ei zu 10 Pfg. gerechnet, 1.400.000 Mark dem Volksvermögen entzogen werden. Es kann also nicht dringend genug empfohlen werden, Eier zu essen; gerade dieser Artikel ist jetzt im Gegensatz zu anderen Lebensmitteln sehr wohlfeil geworden und wird täglich aus dem Auslände neu ersetzt. Die Eierimporteure Berlins sind in der Lage, mit Leichtigkeit noch erheblich größere Mengen an den Markt zu bringen, sobald der Konsum das verlangen sollte. Wenn also die Hausfrau und Mutter ihre Kinder zum Osterfest durch Schokoladeneier und sonstige Süßigkeiten erfreuen will, so läßt sich nichts dagegen einwenden, aber als Nahrungsmittel allerersten Ranges steht das Hühnerei obenan, und niemand braucht sich den Genuß desselben verkürzen zu lassen.

Kälte. In vergangener Nacht sank das Thermometer am Wetterhäuschen im Hofgarten auf 2 Grad unter Null.

Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

  

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 30. März 1915Der Bonner Wehrbund beteiligte sich unter der Führung von Herrn Geheimrat Brinkmann am Samstag und Sonntag an einer Geländeübung in größerem Verbande, die auf Anregung von Düsseldorf im Siebengebirge stattfand. Am Samstag abend vereinigten sich Teile des Bonner Wehrbundes mit den Freiwilligen-Regimentern und Jugendkompagnien von Düsseldorf, Beuel, Godesberg und anderen Orten der Umgegend in Niederdollendorf, um im Nachtgefecht den durch die Jugendwehren von Königswinter, Rhöndorf, Honnef und anderen rechtsrheinischen Ortschaften besetzten Petersberg zu erstürmen. Gegen 10 Uhr führte die Siebengebirgsbahn die Bonner aus Königswinter zurück, während die Düsseldorfer später in den verschiedenen Ortschaften Quartier bezogen. Am Sonntag vormittag galt es, den Gegner, der sich auf der Linie Drachenberg-Hirschberg-Ofenkaule festgesetzt hatte, umfassend anzugreifen und auf dem Drachenfels einzuschließen. Litt die Uebung am Samstag abend einigermaßen unter dem Mangel einheitlicher Leitung, so wurden diese Fehler am Sonnatg glücklich vermieden. Die Uebung gestaltete sich infolgedessen für alle Teilnehmer sehr lehrreich und anregend. Die Bonner Abteilungen, die morgens um 8 Uhr mit der Eisenbahn von Beuel nach Königswinter befördert worden waren, trafen nachmittags bereits um 3 Uhr nach flottem Rückmarsch wieder in der Stadt ein.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)