Freitag, 26. Februar 1915 


Anzeige im General-Anzeiger vom 26. Februar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 26. Februar 1915Städtischer Speckverkauf. Morgen Samstag findet wiederum ein Verkauf von Speck durch die Stadtverwaltung im Hause Rathausgasse 27 statt. Die Preise sind die gleichen wie beim ersten Verkauf, und zwar kostet der gesalzene Speck 1 Mk., der geräucherte 1.20 Mk. Die Verkaufszeit ist von 2 Uhr bis 7 Uhr nachmittags.

Das Kriegsgericht verhandelte gestern in mehreren Fällen wegen verbotenen Waffentragens und unerlaubte Entfernung. Es wurden u. a. vier Polen aus Russisch-Polen, die in der Umgegend in Arbeit waren und die Arbeitsstätte ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen hatten, um eine bessere Arbeitsmöglichkeit aufzusuchen, zu Gefängnisstrafen von jeweils drei Tagen verurteilt. Eine Polin, die sich von Quadenhof nach Duisdorf begeben hatte, weil ihr, wie sie durch den Dolmetscher sagen ließ, das Essen zu schlecht war, wurde unter Anrechnung mildernder Umstände zu einem Tag verurteilt. – Ein Ackerer, der erst kürzlich wegen Wilddieberei von der Strafkammer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurde wegen unerlaubten Waffentragens zu einer Zusatzstrafe von fünf Wochen verurteilt. Der Angeklagte war von einem Förster im Walde angetroffen worden, als er sich in der Nähe eines verendenden Rehs zu schaffen machte und bei dieser Gelegenheit ein zusammenlegbares Gewehr verbarg. Vor Gericht behauptete der Angeklagte, er habe das Gewehr verkaufen wollen und habe den nächsten Weg durch den Wald genommen. Natürlich schenkte ihm das Gericht keinen Glauben.

Umtausch von Goldstücken. Am Mittwoch und gestern waren die Gymnasiasten und Realisten – es sollen auch „höhere Töchter“ gesehen worden sein – auf der Jagd nach dem Golde. Manches Goldfüchslein haben sie aus dem Bau herausgeholt. An einer Schule wurden an einem Tage beinahe 12.000 Mk. umgetauscht. „Weidmannsheil“ den jungen Rimroden. Die Alten mögen den Jungen das Geschäft nicht zu schwer machen.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. Februar 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. Februar 1915Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande. Im Kreise der Mitglieder dieses Vereins und seiner Gäste sprach Geheimrat Paul Clemen in einem fast zweistündigen Vortrag von der Kathedrale von Reims. Sie gilt als die Königin unter den Kathedralen der französischen Gothik, bemerkte der Redner, weil sie in ihrem ganzen Gefüge ein glänzendes Beispiel war dieser wundervollen und in manchem so merkwürdigen Epoche. Was die Meister damals aus ihrer so sicher gehenden Empfindung und einem feinempfindenden Intellekt heraus geschaffen, das übersetzte, in der Nachempfindung selbst schaffend, Geheimrat Clemen in ein Kunstwerk des Wortes und der Rede, so daß belebt und durchseelt, das große, gewaltige und formenreiche Steingefüge vor einem dastand: im Grundriß und Gliederung, mit seiner Fassade und seinen unvergleichlichen Portalen, und auch mit den daran und darin angebrachten Skulpturen von köstlichster Schöpfung. Im Geiste und noch dazu im Lichtbild sah man, was die Kathedrale gewesen bis zum Herbst 1914. Wie sie geworden durch die den Deutschen aufgezwungene Beschießung, konnte Geheimrat Clemen an anderen Lichtbildern zeigen. Aber er konnte auch, als ein Kenner und Versteher solcher unvergleichlicher Kunstentäußerungen, das Leid mildern, das angesichts dieser Bilder den Kunstfreund erfüllen muß. Die Wunden, die die Granaten dem Kunstwerk geschlagen und es zum Teil unter Flammen gesetzt, seien ausheilbar, weil sein Grundgefüge nicht zerstört, in seiner Gliederung nichts zerbrochen sei. Allerdings, ein Teil des köstlichen Bildhauerschmuckes sei derart ausgeglüht, daß er wohl nicht mehr rettbar, kaum noch für Formenabgüsse zu Museumszwecken dienstbar gemacht werden könne.
  
Die politische Bedeutung der Beschießung der Reimser Kathedrale schätzt Geheimrat Clemen gleich einer verlorenen Schlacht; die französische Regierung habe eine Fanfare daraus gemacht, und seit jener Stunde sei Amerikas Sympathie für uns dahin. Daß die Beschießung uns mit Absicht von der französischen Regierung auggedrängt wurde, das könne er nicht glauben; und doch dränge sich bei logischem Denken dieser Verdacht immer wieder auf.
   Geheimrat Clemen gab auch noch eine Bilderschau von Zerstörungen in Belgien und in anderen Teilen Frankreichs. Aber auch hier dem Schrecklichen gegenüber wieder das Tröstliche: im Verhältnis zum Erhaltengebliebenen wenig Zerstörtes, und unter dem noch manches rettbar. Das deutsche Rettungswerk an den Dingen der Kunst sei im Gange. Es setze überall und sofort da ein, wo die Verhältnisse es gestatteten.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. Februar 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 26. Februar 1915Förderung der Ziegenhaltung. Die Ziegenhaltung kann nicht genug für die Milchversorgung der Bevölkerung empfohlen werden. Die Knappheit an Futter nötigt viele Landwirte, ihr Vieh abzuschaffen. Ziegenmilch bietet einen besonders wertvollen Ersatz, vor allem auch für Säuglinge, wenn sie entsprechend verdünnt wird. Die Beschaffung des Futters ist weniger schwierig, da kein anderes Tier so anspruchslos ist wie die Ziege. Auf Veranlassung der Behörden wird jetzt auch vielfach in den Schulen versucht, die Ziegenhaltung zu fördern. Vor allem sollen die Kinder über die Lebensweise und den Nutzen der Ziegen unterrichtet und ihr Interesse dafür geweckt werden.

Im Polizei- und Sanitätshundverein Bonn wird am 2. März, abends 8½ im „Nordischen Hof“ unser Bonner Dichter Hans Eschelbach eigene Kriegsdichtungen vortragen. Auch Gäste sind willkommen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)