Dienstag, 23. Februar 1915 

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915Ein Mißverständnis. In den ersten Nachmittagsstunden des gestrigen Tages hörte man in unserer Stadt vielfach von einem neuen Siege im Osten bei Augustowo erzählen, bei dem 100.000 Gefangene gemacht worden sein sollten. Die Veranlassung zu diesem Mißverständnis gab folgendes Telegramm des Bonner Generalanzeigers:
   „Köln, 22. Febr. Das Nachrichten-Büro des Guvernements teilt uns mit: Die Kämpfe im Walde von Augustowo sind abgeschlossen. Ueber 100.000 Russen, darunter mehrere andere Generale sind gefangen. Erbeutet wurden 165 Geschütze und 200 Maschinengewehre, sowie unübersehbares Kriegsmaterial.“
   Nach dieser sich auf eine Mitteilung des Auskunftsbüros des Generalguvernements in Köln berufenden Meldung konnte ihrer Abfassung nach, in der sie vom Generalanzeiger wiedergegeben wurde, allerdings die irrige Meinung entstehen – auch zu uns ist sie verschiedentlich ausgesprochen worden – daß in Kämpfen im Walde von Augustowo hunderttausend Russen gefangen worden seien. Dagegen besagt der amtliche Bericht der Obersten Heeresleitung, der von uns und auch von der Reichzeitung verbreitet wurde, folgendes: „Die Verfolgung nach der Winterschlacht in Mausuren ist beendet. Bei der Säuberung der Wälder nordwestlich von Grodno und bei den in letzten Tagen gemeldeten Gefechten im Bobr- und Narewgebiet wurden bisher 1 kommandierender General, 2 Divisionskommandöre, 4 andere Generale und annähernd 40.000 Mann gefangen, 75 Geschütze, eine noch nicht festgestellte Anzahl von Maschinengewehren nebst vielem sonstigen Kriegsgerät erbeutet. Die Gesamtbeute aus der Winterschlacht in Masuren steigt damit bis heute auf 7 Generale, über 100.000 Mann, über 150 Geschütze und noch nicht annähernd übersehbare Geräte aller Art, einschließlich Maschinengewehre.“
   Die 100.000 Gefangenen sind also das Gesamtergebnis der Winterschlacht in Masuren. 60.000 hatte die Heeresleitung bereits bekannt gegeben, 40.000 sind bei der Säuberung der Wälder noch hinzugekommen. Das sind wirklich Erfolge, die so großartig sind, daß man sie nicht noch zu vergrößern braucht. Man muß und darf mit Recht fordern, daß die Presse über unsere militärischen Angelegenheiten nur so abgefaßte Nachrichten verbreitet, die die Vorgänge so klar darstellen, daß Mißverständnisse, wie sie gestern in Bonn vorkamen, ausgeschlossen sind. Die Bonner Zeitung hat diese ganz selbstverständliche Forderung jurnalistischer Gewissenhaftigkeit stets zur alleinigen Richtschnur ihres Nachrichtendienstes gemacht.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915Ueber 100.000 Russen gefangen! Diese Siegesnachricht durcheilte gestern kurz nach 1 Uhr wie ein Lauffeuer unsere Stadt, und lawinenartig wuchs von Minute zu Minute die Menge vor dem „General-Anzeiger“ an, die sich durch unsere Aushänge und Sonderausgaben über die Einzelheiten des großen Erfolges Hindenburgs persönlich unterrichten wollte.
   Bereits am Sonntag abend war uns durch persönliche Beziehungen bekannt geworden, daß die Verfolgung der Russen nach der siegreichen Winterschlacht in Masuren zu einer völligen Vernichtung der 10. russischen Armee geführt habe. Wir versuchten noch in später Nachtstunde am Sonntag beim Wolffschen Telegraphen-Bureau und an anderen Stellen die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Nachricht zu erwirken. Unsere Bemühungen waren schließlich von Erfolg gekrönt, indem das Kölner Gouvernement uns im Laufe des Montag vormittags auf Grund einer aus dem Großen Hauptquartiere eingelaufenen Mitteilung unseren privaten Informanten vollinhaltlich bestätigte.
   Als wir gegen 1 Uhr mittags die große Siegesbotschaft auf Grund der vom Nachrichtenamt des Kölner Gourvernements uns gegebene Fassung bekanntgaben, zeigten sich die Häuser der Stadt im Nu in einem Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 23. Februar 1915wahren Meer von Flaggen, die Glocken des Münsters und der übrigen Kirchen erklangen alsbald in frohem Siegesgeläute, und allwärts begegnete man einer wahrhaft nationalfestlichen Stimmung über den vollendeten Sieg, den unsere wackeren Truppen unter Hindenburgs genialer Führung über ein russisches Riesenheer errungen haben.
   Als gegen 3 Uhr in Ergänzung unseres Berichts vom Kölner Gouvernement der vom Wolffschen Telegraphen-Bureau uns übermittelte amtliche Bericht über den Riesensieg von uns zur öffentlichen Kenntnis gebracht wurde, erreichte die Siegesfreude ihren Höhepunkt. Es war ein echter und rechter Festtag, der jedes deutschfühlende Herz höher schlagen ließ.
   Die lokalen Behörden gaben der allgemein herrschenden Stimmung dadurch Ausdruck, daß auch das Rathaus, die Universität, das Empfangsgebäude des Staatsbahnhofs und viele andere öffentliche Gebäude sich im Flaggenschmuck zeigten und dem kleinen Nachwuchs der Nachmittagsunterricht in den Volksschulen, soweit die Anordnung noch getroffen werden konnte, geschenkt wurde.

Eine gerechte Strafe erhielt ein Ackerer aus dem Kreise Waldbröl, der trotz des festgesetzten Höchstpreises für Kartoffeln anstatt 3 Mk. für den Zentner 3,50 Mk. verlangt hatte. Die Strafkammer verurteilte den Ackerer zu einer Geldstrafe von 50 Mk. Dieser Fall mag zur Warnung dienen!

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 23. Februar 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 23. Februar 1915Der Bonner Wehrbund veranstaltete am Sonntag nachmittag eine größere Geländeübung, bei der eine blaue Partei versuchen sollte, von Dransdorf aus die Mondorfer Fähre zu einer Ueberschreitung des Rheines zu erreichen, während es die Aufgabe einer von Grau-Rheindorf ausgehenden Partei sein sollte, den Versuch der Blauen zu verhindern. Die Roten hatten ein weitverzweigtes Netz von Anmarschstraßen zur Auskundschaft besetzt, durch die eine Annäherung der Blauen Buschdorf mit der Richtung auf den Rhein zwischen Hersel und Grau-Rheindorf festgestellt wurde. Die Roten zogen dementsprechend ihre Kräfte zusammen, die Blauen änderten aber ihre Marschrichtung nach Grau-Rheindorf zu. Zwar gelang es den Roten noch im letzten Augenblick nun auch ihrerseits ihre Stellung nach der Rheindorfer Seite zu verlegen, doch brachen die Blauen dort durch und rückten von Rheindorf aus gegen die Mondorfer Fähre vor, wo ihnen nun auch eine kleine Abteilung der Roten entgegen trat, die sich gegenüber der Uebermacht nicht zu halten vermochte. Kurz vor der Fähre hatten die Roten den Weg durch eine markierte Mine versperrt. Da die Blauen ohne jede Sicherung marschierten, so mußte der größte Teil dieser ganzen Partei als durch diese Wegsperrung vernichtet betrachtet werden. Nur ein kleiner Teil der Blauen erreichte noch die Fähre und hatte damit allerdings die Aufgabe erfüllt, die von den Roten als verloren betrachtet werden mußte.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 23. Februar 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 23. Februar 1915Der Kriegslehrgang für Lehrerinnen, Hausfrauen und erwachsene Mädchen aus Stadt und Land, den die Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz auf Anregung des Katholischen Frauenbundes, des Rheinischen Verbandes des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes und des Ausschusses für wirtschaftliche Kriegshilfe zu Bonn veranstaltet, hat gestern morgen um 9 Uhr im großen Saale des Bürgervereins begonnen. Saal und Galerie waren bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt; Lehrerinnen, Hausfrauen und Mädchen aus allen Gegenden des Rheinlandes, etwa 700 an der Zahl, nahmen an den Beratungen, die heute fortgesetzt und morgen zu Ende geführt werden, teil.
   Der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer, Landrat von Groote-Rheinbach, eröffnete den Lehrgang mit folgender Ansprache:
Meine verehrten Damen!
Indem ich hiermit den Kriegslehrgang eröffne, ist es mir eine angenehme Pflicht und eine ganz besonders große Freude, namens der Landwirtschaftskammer die so zahlreich hier erschienenen Teilnehmerinnen auf das herzlichste begrüßen und willkommen heißen zu dürfen. Der außerordentliche Ernst dieser schweren Kriegszeit erfordert außerordentliche Maßnahmen. Unsere Feinde, die uns von allen Seiten in großer Uebermacht bedrängen, haben längst erkannt, daß es ihnen nicht möglich ist, gegen die Tapferkeit unserer Truppen und die Kriegskunst ihrer Führer und der obersten Leitung unseres herrlichen Kaisers etwas auszurichten, und darum wollen sie den Versuch machen, uns die Zufuhr der Lebensmittel abzuschneiden und uns durch den Hunger zum Nachgeben zu zwingen.
   Meine verehrten Damen, was das bedeuten würde, wenn wir sagen müßten, unsere Truppen haben zwar ruhmvoll gefochten und gesiegt, aber wir haben im Lande mit unserer wirtschaftlichen Kraft versagt und dadurch unsere Widerstandsfähigkeit verloren, das vermag man gar nicht auszudenken; es würde sicherlich ein schreckliches Ende für unser teueres Vaterland sein. Dazu darf es nie und nimmer kommen, und wir alle sind durchdrungen von der heiligen Pflicht, nach Kräften mitzuarbeiten, daß ein solches Ende abgewendet wird. Es ergibt sich aber daraus die Notwendigkeit im Lande selbst, zunächst an Nahrungsmitteln zu schaffen, was irgend geschafft werden kann, und das wird ja vorwiegend die Aufgabe der Landwirtschaft sein. Aber dazu tritt die zweite, vielleicht noch größere und wichtigere Aufgabe, und das ist, daß alles, was an Nahrungsmitteln im Lande vorhanden ist und erzeugt wird, auch erhalten und in der richtigen Weise verwendet wird, damit wir damit auskommen können bis zu einem guten Ende. Diese außerordentlich wichtige Aufgabe aber ist die Aufgabe der Frauen. Mit dem allergrößten Danke ist es zu begrüßen, daß die Frauenwelt in unserem Vaterlande sich immer mehr dieser Aufgabe bewußt wird und immer mehr bemüht ist, ihre Schwierigkeiten zu erfassen und nach Möglichkeit zu bewältigen. (...)
   Den ersten Vortrag hielt Herr Oekonomierat Kreuz-Bonn über „Die Volksernährung im Kriege“. Er wies auf die Naturgesetze der Ernährung hin und betonte die Pflicht jeder Hausfrau, dafür zu sorgen, daß die Nahrungsmittel nach ihrem Gehalt an Eiweißstoffen, Fett, Kohlenhydraten (stärkeartigen Stoffen) und Salzen ausgewählt werden, nach Stoffen also, die für die Erhaltung des Körpers unbedingt notwendig sind. (...)
Nach einer kurzen Pause sprach die Haushaltslehrerin Fräulein Marie Becker-Köln über „Die Kriegskost“. Ihre sehr wertvollen Ausführungen lassen sich in folgende Leitsätze zusammenfassen:
1. Sei sparsam mit allen Lebensmitteln.  
2. Sei aufmerksam bei der Zubereitung jeder, auch der einfachsten Speise.
3. Beschränke den Verbrauch von Fleisch, Weizenmehl, Hülsenfrüchten, Eiern, Reis.
4. Bringe Abwechslung in die Kost; die Gemüse, Fische, Getreidearten vertragen die mannigfaltigsten Zubereitungen; werde Erfinderin in der Zusammenstellung der Speisen.
5. Verwende zum Kochen reichlich Magermilch, laß die Vollmilch der Ernährung Kranker und der Säuglinge.
6. Koch Eintopfgerichte, sie sind billig, nahrhaft und schmackhaft.
7. Spare Butter, Schmalz und Oel; zum Brotaufstrich verwende Weiß-Käse oder Kraut, Marmeladen ec.
8. Verwende reichlich Zucker in der Küche. Zucker ist ein wertvolles Nahrungs- und Genußmittel.

9. Sei sparsam besonders im Brotverbrauch, abends schalte die Brotkost aus, auch die Morgensuppe ist der Gesundheit der Kinder sehr förderlich.
10. Benutze fleißig die Kochkiste, sie wird dein bester Freund werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)