Donnerstag, 28. Januar 1915 

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Kaisergeburtstagsfeiern
Der Kaiser wurde gestern, dem Ernst der Zeit entsprechend, ohne lauten Jubel, ohne prunkende Veranstaltungen, aber mit einer ganz besonders warmen Herzlichkeit gefeiert. Ueberall, wo man sich zusammengefunden hatte, um des Kaisertages zu gedenken, hörte man Worte einer aufrichtigen, begeisterten, zu jedem Opfer entschlossenen Vaterlandsliebe und das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich. Die Straßen der Stadt, über denen in den Vormittagsstunden die freundliche Sonne eines hellen, klaren Wintertages lag, zeigten reichen Flaggenschmuck. Ueberall standen junge Mädchen, die mit unermüdlichem Eifer für die Kriegshilfe sammelten. Und die zahlreiche Spaziergänger gaben gern und freudig ihren Beitrag zu dem guten Zweck.
   Wie immer, bildete auch in diesem Jahre eine der schönsten und anregendsten Feierlichkeiten zu Kaisers Geburtstag der

Akademische Festakt in der Universitätsaula.
   Die Feier war diesmal so stark besucht, daß der Saal – geschmückt mit grünen Topfpflanzen und einer lorbeerbekränzten Kaiserbüste – die Zahl der Gäste kaum zu fassen vermochte. Die Studentenverbindungen, von denen die meisten Mitglieder ja im Felde stehen, waren durch einen Chargierten in Wichs vertreten. Unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches betraten die Professoren und Dozenten und die Ehrengäste die Aula. (...) Nachdem die Angehörigen des Lehrkörpers und die Ehrengäste Platz genommen hatten, betrat Herr Prof. Dr. phil. Et jur. A. Wilcken die Rednerkanzel, um die Festrede zu halten. Er wies in den einleitenden Worten auf die einzigartige Bedeutung dieser Kaiserfeier hin. Noch niemals habe man den Geburtstag des Kaisers mit den gleichen Empfindungen gefeiert wie in diesem Jahre, da man ein ganz besonders inniges Bedürfnis habe, das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue abzulegen. Wie ein reinigender Gewittersturm hat der Krieg alles hinweggefegt, was Deutsche jemals trennen konnte. In restloser Einmütigkeit ist das Volk von 67 Millionen Deutschen zusammengeschlossen. Das war nur möglich, weil dieser Krieg kein Angriffskrieg, kein Präventionskrieg war. (...)
  
Die Festrede von Professor Dr. Wilcken wird unter dem Titel „Werden und Vergehen der Universalreiche“ in den nächsten Tagen bei Cohen in Druck erscheinen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Der Kriegshilfstag der Stadt Bonn zum Besten der bedürftigen Familien unsrer wackeren Krieger, der von den vaterländischen Vereinigungen aus Anlaß des Geburtstages unseres Kaisers hier veranstaltet wird, hatte am gestrigen ersten Tag ein gutes Ergebnis. Kein Wunder auch: die jugendlichen Sammlerinnen waren schon vom frühen Morgen an mit großem Eifer tätig. Während ein Teil mit der Sammelbüchse von Haus zu Haus ging, hielten andere wiederum Straßen und Plätze besetzt und boten Schleifen in den deutschen und österreichischen Farben sowie Künstlerkarten mit dem Bildnis unseres Kaisers zum Kauf an. Und wer beides schon erstanden der hatte im Laufe des Tages noch reichlich Gelegenheit, einen Nickel in die vorgehaltenen Sammelbüchsen zu werfen. Gute Einnahmen hatten die jungen Damen, die am Morgen vor den verschiedenen Gotteshäusern Aufstellung genommen hatten, und ebenfalls auch diejenigen, die sich die Haltestellen der Straßenbahnen und die Wagen der Straßenbahn selbst als Feld ihrer Tätigkeit ausersehen hatten. Auch die Gastwirtschaften, die sich des nationalen Feiertages wegen eines guten Besuches zu erfreuen hatten, boten für die eifrigen Sammlerinnen gute Einnahmequellen.
   Auf die Neugier ihrer lieben Mitmenschen spekulierte eine junge Sammlerin, die auf den trefflichen Einfall kam durch eine Anzeige in der „Seufzerecke“ des General-Anzeigers „alle patriotischen Damen und Herren freundlichst einzuladen, zwischen 3–5 Uhr nachmittags an den Rhein zu kommen, und zwar vom Alten Zoll bis zur Mehlems Fabrik.“ Dieser Teil der Anlagen war nämlich dem spekulativ veranlagten Fräulein als Sammelfeld angewiesen worden. Und da sie befürchtete, bei ungünstigem Wetter schlecht abzuschneiden, nahm sie zu dieser List ihre Flucht. Die junge Dame hatte richtig gerechnet. Man wollte doch wissen, was da eigentlich los sei, und half so der Sammlerin, ihr gutes Werk zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen.
   Der volle Ertrag der gestrigen Sammlung läßt sich bis jetzt noch nicht übersehen, es kann aber heute schon gesagt werden, daß für unsere bedürftigen Kriegerfamilien ein recht ansehnliches Sümmchen vereinnahmt worden ist.
   Hoffentlich hat auch der heutige zweite und letzte Sammeltag ein günstiges Ergebnis.

Zum Geburtstag unseres Kaisers.
Kein lauter Festjubellärm wie in früheren Jahren. Statt dessen überall schlichtstille, aber auch würdige Feiern. So viel ist gewiß: Wie nie zuvor flog gestern eines jeden Deutschen Herz und Sinn mit doppelter Liebe und Verehrung unserm Kaiser – und wills Gott, bald Siegeskaiser – entgegen.
   Bei prächtigem Winterwetter – in der Nacht und den Tag über hatte es geschneit – läuteten die Glocken den Tag ein. In den Straßenzeilen wogten und wehte – reicher denn sonst – die schwarz-weiß-rote Fahne, häufig mit schwarz-gelbem Wimpel unsrer österreichisch-ungarischen Bundesbrüder vereint. Viele Schaufenster waren geschmückt mit Kaiserbüsten, Bildnissen und Blumen. Den ganzen Tag übe war reger Verkehr in den Straßen.

Die Festgottesdienste
in den Kirchen der Stadt waren überaus gut besucht. In der Münsterkirche fand morgens 10 Uhr ein Militär-Gottesdienst statt, dem sehr viele Soldaten, auch verwundete Krieger, bewohnten. Kaplan Reinermann hielt die Festpredigt. In der evangelischen Kirche sprach Pfarrer Kremers, in der altkatholischen Kirche Prof. Mühlhaupt und in der Synagoge Rabbiner Dr. Cohn.

Die Universitätsfeier
gestaltete sich zu einer Kundgebung, die von vaterländischem Geist und Gefühl getragen war. (...) Das Städtische Orchester und der Bonner Männer-Gesang-Verein brachten zum Schluß das altniederländische Dankgebet „Wir treten zum Beten“ eindrucksvoll zum Vortrag.

Königliches Gymnasium.
Die Kaisergeburtstagsfeier in der Aula des Gymnasiums war sehr gut besucht. (...) Mit dem Gesang „Heil dir im Siegerkranz“ wurde die Feier geschlossen.

Städtisches Lyzeum.
In der Aula des Städtischen Gymnasiums hielt Mittwoch morgen das Städtische Lyzeum seine sehr stimmungsvolle Feier ab, (...) Schulrat Baedorf gab der Feier durch eine überaus eindrucksvolle Festrede, die des Kaisers Religiosität und Pflichtgefühl hervorhob, einen würdigen Schluß.

In der Lese- und Erholungsgesellschaftfand gestern abend eine Kaisersgeburtstagsfeier statt, die vom Alldeutschen Verband, dem B. M.-G.-V. „Concordia“, der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, dem Deutschen Sprachverein und dem Deutschen Wehrverein und den vereinigten evangelischen Bürgervereinen Bonns veranstaltet wurde. (...) Mit dem Gesang des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ wurde die schöne Feier geschlossen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Januar 1915Die Klostermann’schen Anstalten
versammelten sich um 11½ Uhr in der vor kurzem neu ausgebauten Aula im Maarflachweg zu einer gemeinsamen Schulfeier zu Ehren des Geburtstages unseres Kaisers. Lieder und Gedichte, fast durchweg dem weltgeschichtlichen Erleben der Gegenwart entnommen, verliehen der Feier eine dem Ernst der Zeit und der Tiefe des gegenwärtigen vaterländischen Empfindens entsprechende Bedeutung. (...)

Die Vaterländische Volksfeier,
die der Bonner Wehrbund gestern abend im Bonner Bürgerverein veranstaltete, und der viele Ehrengäste, u.a. auch Oberbürgermeister Spiritus, beiwohnten, war so gut besucht, daß die Stühle nicht ausreichten. (...) Mit dem gemeinschaftlichen Gesang „Deutschland über alles“ nahm die Feier ein Ende.

Godesberg. 28. Jan. Zur Kaisersgeburtstagsfeier durchzog am Vorabend das Tambourkorps des Kath. Jünglingsverein den Ort mit einem Zapfenstreich. Am katholischen Pfarrhaus brachte Dechant Dr. Winter das Kaiserhoch aus. In der Aula des Pädagogiums hatten sich am Vorabend zur Feier 700 Gäste eingefunden, darunter viele verwundete Krieger aus den hiesigen Lazaretten. Der Knabenchor und das Orchester der Anstalt, sowie das Collegium musikum trugen stimmungsvolle Musikstücke vor. Herr Prof. Dr. Heinr. Kühne brachte das Hoch auf den Kaiser aus. Bei der Schulfeier der Fortbildungsschule wies der Schulleiter, Herr Lehrer Forsbach darauf hin, wie der Kaiser sich im Frieden und auch jetzt im Kriege bewährt habe. Am Festtage selbst war der Gottesdienst in den Kirchen abgehalten, auch einzelne Privatlazarette hielten ihre Sonderfeier. Bei der Feier des Wehrbundes, die gestern in der Tonhalle stattfand, hielt Schulrat Dr. Küppers die Kaiserrede. Ein vaterländisches Konzert, das nachmittags im Rheinhotel Dreesen abgehalten wurde, hatte sich eines regen Besuches zu erfreuen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 28. Januar 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 28. Januar 1915Kaisersgeburtstag
Ist in Bonn stiller verlaufen als sonst. Die übliche Parade auf der Hofgartenwiese konnte naturgemäß nicht stattfinden, der Kreis-Kriegerverband hatte keine besondere Feier und die Volksschüler versammelten sich nicht wie sonst in der Beethovenhalle. Aber man hatte den Eindruck, als ob die Bonner den gestrigen Tag als patriotischen Fest- und Feiertag tiefer erlebt hätten; als ob einem jedem bewußt gewesen wäre, daß das neue Lebensjahr, in das der Kaiser gestern getreten ist, vermutlich das Entscheidungsjahr über das Geschick unseres Vaterlandes sein wird. Dieses Gefühl hatte man nicht nur, wenn man am Vormittag in die überfüllten Gotteshäuser trat, man hörte es auch aus den Worten der Festredner bei den einzelnen Kaisersgeburtstagsfeiern und man sah es an dem winterlich festtäglichen Straßenbild, das dieses Mal mit seinen schneebedeckten Dächern, den schwarz-weiß-roten und schwarz-gelben Fahnen, unter denen hier und da auf rotem Grunde der weiße Halbmond aufleuchtete, eher einen ernststimmenden, denn einen fröhlichen Anblick bot. Von früh bis spät verkauften junge Damen auf den Straßen patriotische Schleifchen, Kaiser-Postkarten und Ansteck-Nadeln. Jeder kaufte gerne; denn es galt ja dem Wohl unserer Krieger.
   Dem feierlichen Hochamt im Münster, das in Vertretung des erkrankten Herrn Dechant Böhmer, Herr Kaplan Reinermann zelebrierte, wohnten die katholischen Soldaten der Garnison mit den Offizieren und Vertretern der Behörden bei. Das städtische Orchester und der Münsterchor unter Veith’s Leitung verherrlichten den Gottesdienst durch hervorragende Musik und Chorvorträge. Herr Kaplan Reinermann hielt die Festpredigt. Abordnungen aller Krieger- und Militärvereine des Kreis-Kriegerverbandes Bonn-Stadt nahmen mit ihren Fahnen und Standarten an den Festgottesdiensten im Münster, in der evangelischen Kirche, in der Synagoge und in der altkatholischen Kirche teil.
   Die Volksschulen feierten Kaisersgeburtstag mit Gesängen und Rezitationen der Kinder und mit Ansprachen der Lehrpersonen in ihren Räumen.

Ueber 100.000 Flaschen „Roisdorfer“ hat die Roisdorfer Brunnenverwaltung (W. Custor in Roisdorf) wiederum dem Roten Kreuz und verschiedenen Militärlazaretten zur Verfügung gestellt.

Vier Bonner Pfadfinder befinden sich in Brüssel, um dort auf Wunsch des Kommandanten Ordonanzdienste zu verrichten.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

Wo kann gespart werden an Weizenbrot?
Tausende Kameraden liegen in Bonn, Heilung und Gesundung zu finden von den Wunden, die sie auf dem Felde der Ehre erhielten. Der größte Prozentsatz ist von Herzen gesund, erfreut sich eines guten Hungers und einer regen Verdauung. Sie haben gekämpft für des Vaterlandes Ehre und Bestand wider eine Welt voll Feinde; nun haben aber noch viele den Wunsch, der volkswirtschaftlichen Kraftprobe, die das Vaterland zu bestehen hat, ihr Scherflein beizutragen. Sie sind alle voll des Lobes über die Verpflegung und beklagen sie sich bitter, daß ihnen zum Früh-, 10 Uhr- und Nachmittagskaffee kein Kriegsbrot gereicht wird. Müssen auch hier die Weizenmehlvorräte erst aufgebraucht werden, um anzufangen am Sparen, wenn die Vorräte zur Neige gehen? – Den berufenen Behörden möge diese Kriegerbitte genügen, dafür Sorge zu tragen, daß diesbezüglich Wandel geschaffen wird. Dort kann gespart werden. Einer für Viele.

Zu viel Wirtschaften. Wirtschaften dürften wohl in Bonn zu viel sein, alleine in der Meckenheimerstraße von Nr. 2 bis Nr. 18 gibt es 7 Stück; dazu kommt, daß in dieser schweren Zeit ungefähr die Nacht von wüsten Burschen und Frauenzimmern Lärm herrscht, am Morgen muß man zu ihrer Schande noch die Spuren von dem entdecken, was zu viel genossen wurde. – Ob es da wohl nicht an der Zeit wäre, um 10 Uhr die Wirtschaften zu schließen und ihre Zahl zu vermindern. Vielleicht gibt es für die Herren Wirte und alle Angestellten nach dem Kriege oder auch jetzt schon irgend einen anderen Erwerbszweig. – Gewiß wäre die Verminderung der Wirtschaften eine Wohltat, warum, wenn es denn sein muß, kann man nicht zu Hause gemütlich im Familienkreise seinen Wein oder Bier verzehren. Einer, der gerne um 10 Uhr Wirtschaftsschluß hätte.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)