Mittwoch, 27. Januar 1915 

 

Anzeige in der Reichs-Zeitung vom 27. Januar 1915Anzeige in der Reichs-Zeitung vom 27. Januar 1915Sammelt altes Metall zum Nutzen unseres Vaterlandes! Auf diesen Aufruf im heutigen Anzeigenteil möchten wir ganz besonders aufmerksam machen. Alle können hier mitwirken, die Großen und die Kleinen, alle können sammeln helfen, denn in jedem Haushalte finden sich Gegenstände aus Aluminium, Blei, Zinn, Messing, besonders auch Kupfer, die nicht mehr gebraucht werden. Da ist es die vaterländische Pflicht eines jeden, diese Metallsachen den Sammelstellen zu überweisen, damit sie wieder nutzbar gemacht werden können zum Dienste des Vaterlandes. Das feindliche Ausland, besonders England sucht unsere Metallzufuhr zu hindern. Da heißt es, auch in diesem Punkte zu zeigen, was deutsche Art und Sparsamkeit vermögen. Sagt nicht, das, was ich habe, ist zu wenig, gebt auch die kleinste Gabe, viele Wenig machen ein Viel. Das gesammelte Metall wird nur für Lieferungen an das Heer und die Marine verwendet. Der Erlös fließt unseren Kriegsinvaliden zu. Diesem doppelten Zwecke der Sammlung sollte jeder dienen, keiner darf sich ausschließen. Sammelstellen hier in Bonn sind aus der Anzeige ersichtlich.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Schneefall. An den beiden letzten Tagen traf wiederholt Schneefall ein. Während sich in den Straßen der Schnee bald in Schmutz und Wasser auflöste, blieben die umliegenden Felder und Höhen mit einer weißen Schneedecke überzogen. Allenthalben sah man die Jugend mit Schlitten vor die Stadt ziehen, um sich dort in frischfröhlicher Fahrt zu ergötzen. Ueber Nacht trat Frost ein und heute früh waren die Wege durch das Glatteis schwer zu begehen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Anzeige in allen Bonner Tageszeitungen vom 27. Januar 1915Anzeige in allen Bonner Tageszeitungen vom 27. Januar 1915Der Geburtstag unseres Kaisers
muß in diesem Jahre eine Dankesabtragung an unseren edlen Herrscher sein. Das deutsche Volk darf und wird es seinem Kaiser nimmer vergessen, wie er mit aller Kraft in den unvergeßlichen Julitagen 1914 den Frieden aufrecht erhalten wollte. Vertrauensvoll schaute die Welt auf ihn, und als die letzten Wege vergeblich gegangen, da stand das deutsche Volk auf und scharte sich wie ein Mann um seinen Herrscher. Der Kaiser hat seine erzenen, wunderbaren Worte, die er in der denkwürdigen Reichstagssitzung gesprochen, herrlich gehalten. Kaisers Geburtstag ... Und der Kaiser im Felde bei seinem Heere! Deutschland umstellt von Feinden. Ueberall jedoch die eisernen Mauern unserer Armeen, die den Frieden im Lande schützen. Unseres Kaisers Friedens-Kulturarbeit bewährt sich selbst in diesem Völkerringen, in dem er mit zäher Energie, mit eiserner Macht, sein Land vor den beutegierigen Feinden bewahrt. Es mag sich wohl von selbst verstehen, daß in solcher Zeit allerorten von Kaiserfeiern im Kommersstil abgesehen wird, es wäre unwürdig. Dagegen finden heute auf Wunsch des Kaisers in den Kirchen Deutschlands Festgottesdienste statt. Die Volksschulen begehen den Kaisersgeburtstag still und schlicht in den Klassenzimmern, der Kreis-Krieger-Verband Bonn-Stadt wird von einer öffentlichen Feier Abstand nehmen, dahingegen an den Festgottesdiensten in allen Kirchen der Stadt Bonn sich beteiligen. Abordnungen aller Krieger- und Militärvereine des Verbandes werden mit Fahnen und Standarten in der Münsterkirche, evangelischen Kirche, Synagoge und in der Altkatholischen Kirche vertreten sein.
   Die Festgottesdienste beginnen in allen Kirchen Bonns vormittags um 10 Uhr.
   Und so wird heute All-Deutschland voll Dankbarkeit und Zuversicht seine Gedanken auf unseren Kaiser lenken, der heute vermutlich in das bedeutungsvollste Jahr seiner Regierung tritt. Und wir alle wollen uns wieder ins Gedächtnis rufen, was der Monarch zu seinen Soldaten sagte, als er 1888 den Thron seiner Väter bestieg:
   Wir gehören zusammen. Ich und ihr, mag Sturm sein oder Frieden.

Kaisergeburtstagsfeiern.
Städtisches Gymnasium und Realgymnasium. Nachdem sich die Schüler der unteren Klassen und der Vorschule gestern vormittag zu einer schlichten und würdigen Vorfeier in der Aula zusammengefunden hatten, vereinigten sich gestern nachmittag die Schüler der oberen Klassen mit ihren Angehörigen zu einer größeren Feier, in deren Mittelpunkt die Festrede des Herrn Oberlehrers Dr. Jungmuth stand. Er sprach über das Thema: Kaiser Wilhelm II. und der Weltkrieg. Dabei würdigte er die großen Verdienste unseres Kaisers um die Erhaltung des Friedens und gab in großen Zügen eine Geschichte des Weltkrieges. An das Kaiserhoch, in das die Festrede endete, schloß sich der gemeinsame Gesang der Nationalhymne. Vorher hatten Schüler der verschiedenen Klassen Kriegsgedichte aus unserer Zeit rezitiert. Ein sehr gut ausgebildetes Schülerorchester trug den Triumphmarsch aus „Tarpeja“ von Beethoven vor und begleitete den vorzüglichen Schülerchor zu dem machtvollen altniederländischen Volkslied: Wir treten zum beten ...

Die Städtische Realschule hatte ihre Schüler und deren Angehörige ebenfalls auf gestern nachmittag zur Kaisergeburtstagsfeier eingeladen. Vorträge des Schülerchores, den Herr Lehrer Rech leitete, wechselten mit Deklamationen. Herr Oberlehrer Dr. Schmidt wies in seiner Festrede auf die starke Einigkeit des deutschen Volkes hin und schilderte den Zuhörern die Vorgänge, die in Deutschland dem großen Kriege kurz voraufgingen, und die ihm in der gewaltigen, einigen Erhebung des deutschen Volkes folgten. Seine Rede klang in eine Hoch auf den Friedens- und – so hoffen wir – Siegeskaiser aus. Dann sangen die Anwesenden gemeinsam: Stolz weht die Flagge ...

Anzeige in der Reichs-Zeitung vom 27. Januar 1915Anzeige in der Reichs-Zeitung vom 27. Januar 1915P. Thimotheus Kranich, der Dichterpater aus dem O.S.B. der kunstsinnigen Beuroner Mönche, sprach am Montag abend zu den Mitgliedern der Bonner Ortsgruppe des Katholischen Frauenbundes über „Das Frauenlob des Evangeliums“. An den großen Frauengestalten des Evangeliums und an Aussprüchen Jesu Christi erklärte P. Thimotheus die Tugenden der Frau: Entsagung, Tapferkeit im Leid, Pflichtbewußtsein als Mutter und Gattin, Güte und Liebe. Und er wies darauf hin, wie sich diese Tugenden in die Not der Gegenwart übertragen lassen, wie sie seit dem Mobilmachungstag jeden Tag wieder neu mit ungeahnter Kraft flammengleich emporschlugen und wie sie sich fernerhin auswirken müßten, wenn auch die deutsche Frau an dem Kampf und dem – so hoffen wir – endlichen Sieg für die Existenz unseres Vaterlandes teil haben wollen.

Ein falscher Ritter des Eisernen Kreuzes ist von der Bonner Strafkammer zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der frühere Photograph Luhmer hatte sich eine Unteroffiziers-Uniform zu beschaffen gewußt und ein Eisernes Kreuz angesteckt, und betrog nun als Verwundeter in unglaublich raffinierter Weise mildherzige Bonner Bürger um große Geldbeträge, Nahrungsmittel und sonstige Liebesgaben. Luhmer hat vom Kriege nichts gesehen, ja er hat noch nicht einmal gedient. Um anderen glaubhaft zu machen, daß er im Felde gewesen sei und unter Einsetzung seines Lebens waghalsige Aufträge mit gutem Erfolg ausgeführt habe, schrieb er Postkarten an seine eigene Adresse. Und zwar so, als ob sein Leutnant ihm für seine Tapferkeit danke und ihn als einen mutigen Helden verehre. Einmal zeigte er den leuten eine solche Karte, auf der zu lesen stand, der angebliche Leutnant habe ihm zum Dank dafür, daß er des Leutnants Leben gerettet habe, 2500 Mk. überwiesen. Ein andermal telephonierte er seiner Hauswirtin mit verstellter Stimme, als ob er der Herr Leutnant sei, der seinen „lieben, tapferen Unteroffizier“ zu sprechen wünsche. Der Schwindel kam aber, obwohl er mit der größten Geriebenheit eingefädelt war, aus. Luhmer wird nun hinter Schloß und Riegel Gelegenheit haben, über seine Heldentaten nachzudenken.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

An unsere Stadtväter. Die Arbeiter und Angestellten der Geschoßfabrik Siegburg arbeiten jetzt Sonntags und Werktags, bei Tage und bei Nacht. Für die 6 Wochentage berechtigt sie die Wochenkarte der Siegburger Bahn zur Benutzung der Fahrgelegenheit. Am Sonntag, dem siebenten Wochentag, aber müssen die Leute den vollen Fahrpreis (mit Brückengeld 90 Pfg.) bezahlen. Ist das richtig? Frauen und Mädchen, deren Männer und Brüder jetzt dem Vaterlande große Opfer bringen, müssen von den 3 Mark, die sie in Siegburg täglich für die Familie verdienen, am Sonntag 90 Pfg. an die Bahn abgeben. Dazu kommt dann noch die Art der Verladung. Die Wagen, welcher der Aufschrift im Wagen gemäß 36 Sitzplätze und 24 Stehplätze enthalten, nehmen mehr als die doppelte Zahl, 120-150 Personen auf. Auf gemeinsame Beschwerde über die Beförderungsart und den hohen Preis am Sonntag, folgt jetzt vom 1. Februar ab die Erhöhung des Preises für die Wochenkarten von 1,25 Mark auf 1,50 Mark pro Woche. Unsere Stadtverwaltung muß doch auch ein Interesse daran haben, daß die Bürger bei so anstrengender Tätigkeit ordnungsgemäß befördert werden und den Sonntag nicht so teuer bezahlen müssen. Hoffentlich nehmen sich unsere Stadtverordneten einmal dieser Sache an und vertreten die Bürger, welche auf so schwierige Art ihren Erwerb suchen müssen. F.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)