Montag, 27. August 1917

        

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917Die von der Sozialdemokratie gestern nachmittag veranstaltete Volksversammlung in der Germaniahalle war außerordentlich gut besucht. Der Redner, Redakteur Sollmann aus Köln, behandelte in seinem zweistündigen Vortrage die Aufgabe „Brot, Freiheit, Frieden“. Der Verlauf des Krieges hat, wie er ausführte, bewiesen, daß rein kapitalistische Interessen den Krieg verursacht haben. Es handelt sich um einen Rivalitätskampf des englischen und des deutschen Kapitalismus. In der ganzen Menschheitsgeschichte hat kein Volk militärisch und wirtschaftlich so viel geleistet, wie das deutsche Volk in den letzten drei Jahren. Für unsere Ernährungsnöte solle man nicht die Engländer so stark verantwortlich machen; die Not, die in weiten Kreisen herrscht, ist das Werk deutscher Volksgenossen, des deutschen Wuchergeistes. Die Gegner glauben nicht, daß sie uns noch militärisch niederzwingen können, sie bauen aber auf die vaterlandslosen Gesellen im eigenen deutschen Vaterlande, die das Volk aushungern. Wer im ersten Kriegsjahre so anständig war, nicht zu hamstern, der kann heute hungern, während die anderen wohlgefüllte Speicher und Keller haben. Die Bauern soll man für die jetzigen Verhältnisse nicht verantwortlich machen, sie befolgen nur den Grundsatz des Kapitalismus: Bereichert euch! Die Munitionsindustriellen beschuldigt man ja auch nicht des Wuchers, sie bekommen im Gegenteil noch das Eiserne Kreuz und das Verdienstkreuz. Die Regierung könnte manches ändern, sie müßte mit den ländlichen, kaufmännische und industriellen Kapitalisten die selbe Sprache sprechen wie mit den Arbeitern. Warum kann man nur die Arbeiter, nicht auch andere Stände unter das Hilfsdienstgesetz stellen? Anständige Arbeiter kann man mit dem Zuchtshaus bedrohen, wo bleiben die Zuchthausdrohungen gegen die Bauern, Händler und vor allem gegen die ostelbischen Junker, die am meisten an der Aushungerung des Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917Volkes schuld sind? Das Schicksal Deutschlands hängt im kommenden Winter vom Brot, von den Kartoffeln und von den Kohlen ab. Gelingt es der Regierung aber nicht, dann mag sich die deutsche Regierung selbst für den Zusammenbuch verantwortlich machen. Auf einen Ruf hin würden dann vielleicht viele Tausende von Munitionsarbeitern die Arbeit niederlegen (!!). Beförderungsschwierigkeiten darf es nicht geben, im Notfalle sollte man den gesamten Personenverkehr einstellen. Der neue sozialdemokratische Unterstaatssekretär ist unzweifelhaft ein Fortschritt, denn man kann es jetzt keinem Beamten mehr verwehren, Sozialdemokrat zu sein. Dr. August Müller stand allerdings in der Partei so weit rechts, daß er mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen war. Das Dreiklassenwahlrecht zum Landtag, in den Städten sowie die Bureaukratie müssen beseitigt werden, sie dürfen diesen Winter nicht mehr überleben. Bringt man im Laufe des Winters nicht das gleiche Wahlrecht zustande, so ist das die Kriegserklärung der Regierung an das deutsche Volk (!!), und diese Kriegserklärung wird das Ende des Reiches bedeuten. Die Regierungen sind unfähig, den Krieg zu beenden, weil sie den Sieg wollen. Ein Sieg im alten Sinne des Wortes ist aber in diesem Krieg überhaupt nicht möglich, auch nicht wünschenswert (!!). Den Faustpfändern Deutschlands kann England ebenso wertvolle Faustpfänder entgegenstellen (?). Auch für den Kapitalismus ist der Krieg längst kein Geschäft mehr, eine weitere Dauer des Krieges bedeutet nur sinnloses Hinschlachten weiterer Hunderttausender. Die Sozialdemokratie hat die Macht, das Reich zusammenbrechen zu lassen (?), sie hält aber durch im Interesse des deutschen Volkes, denn wenn Deutschland niedergeschlagen würde, so würde ihm zu den eigenen auch noch die fremden Kriegskosten aufgeladen werden, die deutschen Arbeiter würden dann neben der Knechtschaft der deutschen auch Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917Anzeige im General-Anzeiger vom 27. August 1917die der englischen und französischen Kapitalisten zu tragen haben. Die deutsche Arbeiterschaft muß vielmehr erwarten, daß der Weltmarkt wiedererobert wird, denn sonst müssen die deutschen Arbeiter auswandern oder zu Hungerlöhnen arbeiten. (Sehr richtig! Dazu brauchen wir aber einen Sieg!) Kriegsentschädigung bringt den Arbeitern keinen Vorteil, um sie zu erhalten, müßte vorher noch das Blut vieler Hunderttausender geopfert werden. Die Lichtblicke der letzte Monate sind die russische Revolution, die den Zarismus, eine der gewaltigsten kriegstreiberischen Mächte, beseitigt hat, die Stockholmer Konferenz und die Friedensnote des Papstes. Die Stockholmer Konferenz lebt und marschiert, es besteht die Möglichkeit, daß dort die Vorverhandlungen für einen Frieden gemacht werden. [...] Dem Papst ist die Mehrzahl der Sozialdemokraten für seine Note dankbar, jeder Sozialdemokrat kann die päpstlichen Vorschläge bis auf das letzte Wort unterschreiben (?). Die rote und die schwarze Internationale mögen gemeinsam den Frieden herbeiführen. Vielleicht gelingt es aber dem Papst eher als der Sozialdemokratie, weil die Regierungen den Frieden lieber aus der Hand der Macht der Vergangenheit entgegennehmen als aus der aufstrebenden Macht der Zukunft. Auch in diesem Fall soll der Papst den Beifall der Sozialdemokraten haben, wenn auch durch seine Friedensvermittlung die Stellung des Klerikalismus vorübergehend (??) gestärkt wird. – Eine Aussprache, zu der aufgefordert wurde, fand nicht satt, da sich niemand zu Wort meldete.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

     

Veräußerungsverbot für Gasthauswäsche. Durch eine Verordnung der Reichsbekleidungsstelle im Reichsanzeiger vom 25. August 1917 sind die gesamten Bestände an Bett-, Haus- und Tischwäsche, die sich im Besitze von Hotels, Pensionen, Gast- und Schankwirtschaften und ähnlichen Betrieben oder in Wäscheverleihanstalten befinden, beschlagnahmt worden. Nachdem erst kürzlich die Verwendung der verschiedenartigen Gasthauswäsche eingeschränkt worden war, setzte sofort ein lebhafter Handel mit diesen Wäschevorräten ein, wodurch die Gefahr unberechtigter Preissteigerungen und unzweckmäßiger Verwendung dieser wertvollen Wäschebestände entstand. Die neuste Verordnung der Reichsbekleidungsstelle bringt ein Verfügungs- insbesondere Veräußerungsverbot dieser Wäsche, während eine Enteignung durch die Verordnung nicht angeordnet wird. [...]

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

      

Die Schalen der Falläpfel, die in vielen Haushaltungen achtlos weggeworfen werden, lassen sich in der Küche noch sehr gut verwerten. Durch gutes Kochen bei einem geringen Wasserzusatz und Aufkochen des so gewonnenen Saftes mit Zucker erhält man einen vorzüglichen Apfelgelee. Der dem aus Aepfeln hergerichteten Gelee kaum nachstehen dürfte.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)