Dienstag, 22. Dezember 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Unsere Studenten im Felde. Um davon Kenntnis zu erhalten, welche Studierende durch die Mobilisierung zu den Fahnen gezogen worden sind, hatte die Universität im September alle, im Sommersemester 1914 immatrikulierten Studenten deutscher Nationalität durch Karte mit Rückantwort ersucht, ihr Militärverhältnis angeben zu wollen. Wie vorausgesehen, sind die Karten derjenigen Studierenden, deren Eltern in großen Städten wohnen und deren genaue Adresse der Universität nicht bekannt war, unbestellbar zurückgekommen, so daß die folgende Statistik auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben kann. Immerhin dürfte die Bekanntmachung der bis jetzt ermittelten Beteiligung der Bonner Studentenschaft an dem heiligen Kampfe fürs Vaterland geboten erscheinen. Es haben die bis jetzt eingegangenen Mitteilungen ergeben, daß von den, bei der Mobilmachung immatrikulierten 4006 Studenten deutscher Nationalität 2091 dem Heere eingereiht sind. Trennt man diese Zahl in diejenigen, die bereits ihrer Militärpflicht genügt hatten oder als Einjährige einem Truppenteil angehörten und diejenigen, die sich bei der Mobilmachung freiwillig zum Dienstantritt meldeten und das Glück hatten, sofort eingestellt zu werden, so stellt sich die Zahl der ersteren auf 461. Von diesen sind einer Oberst und Chef des Stabes bei dem Guvernör in Belgien, einer Major und Kommandör eines Landwehr-Bataillons, achtzehn sind Reserveleutnants, 109 Offizierstellvertreter, 120 Unterärzte, 62 Unteroffiziere der Reserve, 75 Sanitätsunteroffiziere, 5 Feldgeistliche, 6 bei der Kraftfahrtruppe, 6 Feldmagazininspektoren, 48 Einjährige der Infanterie, 7 der Kavallerie und 3 wurden als Gefangene in England zurückgehalten. Freiwillig hatten sich gemeldet 2656, von denen eingestellt wurden 616 bei der Infanterie, 587 bei der Artillerie, 180 bei der Kavallerie, 67 bei den Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. Dezember 1914Pionieren, 19 bei den Jägern, 22 bei den Telegraphenabteilungen, 22 bei den Luftschiffer-Abteilungen, 11 bei der Marine, 4 bei den Eisenbahntruppen, 35 beim Train, 10 bei den Landsturmtruppen, einer bei den Fortifikationstruppen und 56 bei Truppenteilen, die nicht angegeben waren. 181 sind tätig bei der Organisation des Roten Kreuzes im Etappengebiet, bei Begleitabteilungen, in Lazaretten und als Sanitätshundführer. Der Rest wurde teilweise zu einem Truppenteil angenommen und wartet auf Einberufung, teilweise als nichtmilitärdiensttauglich abgewiesen. Von den Angehörigen der Universität sind bisher 52 gefallen oder ihren Wunden erlegen. Eine größere Zahl hat sich das Eiserne Kreuz erworben, darunter einer das Kreuz erster Klasse. Die Universität wäre dankbar, wenn ihr noch ausstehende Nachrichten über ihre jetzigen Angehörigen, wie über die, welche bei Kriegsbeginn ihr noch angehörten, zukommen würden, damit sie in die Lage gebracht wird, den Anteil ihrer Studentenschaft an dem Kampfe festzustellen und späteren Geschlechtern zu überliefern.

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Brieftaubenschützen. Die Militärbehörde hat wiederholt Verwarnungen gegeben für diejenigen Schützen, die es noch immer nicht unterlassen können, auf feldernde Tauben zu schießen. Es muß nochmals darauf hingewiesen werden, daß alle im Felde befindlichen nach Futter suchenden Tauben Militärbrieftauben sind oder Brieftauben der Zuchtvereine, die diese Tiere der Militärbehörde zur Verfügung stellen mußten und hierdurch Militärbrieftauben geworden sind. Da eine Anzahl Mitglieder der Brieftaubenvereine andauernd darüber Klage führen, daß ihre Tiere entweder gar nicht zurückkehren oder angeschossen, so wird hiermit nochmals auf die strengen Strafbestimmungen aufmerksam gemacht. Mitglieder des Brieftaubenvereins „Kriegpost“ haben Prämien ausgesetzt für denjenigen, der die unverbesserlichen Brieftaubenschützen so namhaft macht, daß diese zur Anzeige gebracht werden können. Feldernde Tauben bringen dem Landwirt keinen Schaden, da, wie einwandfrei festgestellt ist, die Nahrung felderner Tauben hauptsächlich aus Unkrautsamen besteht.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914An das liebe Christkind im Himmel bei dem Engel, so schreibt ein kleiner Junge aus der Eifel: Liebes Kristkind. Ich will dieses Jahr nichts haben. Bringe es den Kindern, deren Vater im Krieg ist. Ich hatte schon in den Krieg gehen wollen. Ich wäre auch gegangen, aber meine Eltern wollten es nicht haben.

Die Ausstellung zeitgenössischer Künstler, die z. Zt. im Obernier-Museum untergebracht ist, erfreut sich eines ziemlich regen Besuches. Neuerdings ist die Sammlung um einige Bilder von Paul Seehaus vermehrt worden. Findet man sich mit der Tatsache ab, daß sich der Kubismus mit seinen Zwischenstufungen sich nun einmal im Kunstleben breitgemacht hat und geradezu „Modesache“ geworden ist, so kann man beim Betrachten der fünf Bilder feststellen, daß man es hier mit einem maßvollen Vertreter dieser Richtung zu tun hat. Ihm ist die „Idee“ des Gegenständlichen immer noch wichtiger, als die als das „schrankenlose Ausleben des farbigen Gefühles“ (wie Corinth dies einmal gesagt) auf die Leinwand. [sic!] – Der Zufall will, daß neben diesen Bildern ein Kinderbildnis des früheren Bonner Malers Paul Türoff hängt. Ein köstliches Bild, das dem Beschauer ebenfalls klar macht, wie sich dieses „farbige Gefühl“ in einer wenn auch gewagten Zusammensetzung (in diesem Fall Grün in Grün) auf eine „andere“ Art und Weise, jedenfalls aber mit künstlerisch stärkerem Temperament „auslebt“.

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Die Kriegsnot machte eine Mutter, die wegen Hehlerei vor der Strafkammer stand, dafür verantwortlich, daß ihr Junge, ein 15jähriger Laufburschen, 60 Mark gestohlen hatte. Der Junge hatte das gestohlene Geld seiner Mutter gegeben, die es für die täglichen Lebensbedürfnisse verwendete. Auf die Frage, warum er das Geld gestohlen habe, erwiderte der Angeklagte, er habe seiner Mutter helfen wollen. Zu Hause sei Not. Das Gericht verurteilte den Burschen wegen Diebstahls zu vier Wochen, die Mutter wegen Hehlerei – weil sie gewußt hatte, daß es sich um gestohlenes Geld gehandelt habe – zu sechs Wochen Gefängnis.

Brieftaubenschützen. Die Militärbehörde hat wiederholt Verwarnungen gegeben für diejenigen Schützen, die es noch immer nicht unterlassen können, auf feldernde Tauben zu schießen. Es muß noch mal darauf hingewiesen werden, daß alle im Feld befindlichen, nach Futter suchenden Tauben Militärbrieftauben sind oder Brieftauben der Zuchtvereine, die diese Tiere der Militärbehörde zur Verfügung stellen mußten und hierdurch Militärbrieftauben geworden sind. Das eine große Anzahl der Militärbrieftauben-Vereine andauernd darüber Klage führt, daß ihre Tauben entweder gar nicht zurückkehren oder angeschossen werden, so wird hiermit nochmals auf die strengen Strafbestimmungen aufmerksam gemacht. Mitglieder des Brieftaubenvereins „Kriegspost“ haben Prämien ausgesetzt für denjenigen, der die unverbesserlichen Brieftaubenschützen so namhaft macht, daß diese zur Anzeige gebracht werden können. Feldernde Tauben bringen den Landwirten keinen Schaden, da, wie einwandfrei festgestellt ist, die Nahrung feldernder Tauben hauptsächlich aus Unkrautsamen besteht.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 22. Dezember 1914Sind nur die „Mieter“ im Krieg? Wenn man die fortwährenden Sprechsaalartikel gewisser Mieter liest, sollte man meinen, die Verteidigung unseres lieben Vaterlandes hinge nur von den Mietern ab.
  
Es gibt in Bonn Fälle, wo Handwerker, die durch ihren Beruf gezwungen sind, Haus-„Besitzer“ zu sein, im Felde stehen. Der Zufall will es, daß die meisten in einem solchen Falle Bewohner des Hauses sind. Die Werkstelle legt brach, die hohe Miete in Form von Zinsen geht weiter. Könnten da die Mieter, so weit sie nicht im Kriege sind, nicht sagen, wir wollen der Hausfrau monatlich 3 – 4 Mark mehr Miete zahlen, wo jene meist wissen, daß Frau Sorge hier eingezogen. Ich stelle die Behauptung auf, Haus-„Besitzer“ im wahren Sinne des Wortes gibt es in Bonn wenig, die sich mit Mietern herumärgern müssen; die tatsächlichen Besitzer von Häusern wohnen meistens allein.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Der Naturheil-Verein feierte letzten Sonntag sein diesjähriges Weihnachtsfest. Der Saal im kath. Vereinshause war bis zum letzten Stuhl besetzt. Theaterstücke, von 31 Kindern des Vereins aufgeführt, sowie andere Bühnen- und Musikvorträge wechselten in bunter Reihenfolge und fanden großen Beifall. – Eine Festrede des Vorsitzenden legte die Ziele und Aufgaben des jungen Vereins dar, der nur der Wohltätigkeit und Aufklärung des Volkes sich widme, in letzter Zeit für die Linderung des Loses der in Feindesland stehenden Vaterlandsverteidiger arbeite und für dieselben große Opfer gebracht habe. – Eine Verlosung gediegener Gegenstände bildete den Schluß des Festes.

Sanitätshunde. Von der hiesigen Sammelstelle sind gestern abend wieder drei weitere Sanitätsführer mit Hunden nach der Front abgegangen. Führer sind die Herren Referendar Br. Beckhoff, Referendar Hölken und Gymnasialschüler Fritz Monreal aus Bonn. Die Hunde sind für das 1. bayrische Armeekorps bestimmt. Die Führer sind zunächst nach München beordert worden, wo ihre Einkleidung erfolgen wird. In den nächsten Tagen werden die übrigen Führer und Hunde der hiesigen Meldestelle sämtlich zur Front abgehen. Es werden daher wieder weitere Führer und Hunde eingestellt. Herren, die sich für diesen vaterländischen Dienst zur Verfügung stellen wollen, wollen sich umgehend bei dem Leiter der Meldestelle Herrn Polizeikommissar Flaccus, Kirsch-Allee 23 hier, melden. Es wird darauf hingewiesen, daß landsturmpflichtige und nicht mehr landsturmpflichtige Personen, auch solche mit geringen körperlichen Fehlern, die aber unbedingt marschfähig sein müssen, eingestellt werden können. Die Bestimmungen über die Versorgung der Militärpersonen finden daher auch auf sie Anwendung.

Ein 21jähriger Schmiedegeselle aus Frankfurt a. M., der am Samstag abend auf dem Kaiser-Karl-Ring und in der Adolfstraße versucht hatte, einer Dame das Handtäschchen zu entreißen, wurde von der Polizei festgenommen. Auf das Hilfegeschrei kamen drei Soldaten hinzu und faßten den Burschen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. Dezember 1914Wer ertragfähiges Land unbebaut liegen läßt, entzieht in ernstester Zeit dem deutschen Volke einen Teil der Nahrung. In Festungen wird der Anbau von oben herab erzwungen. Unser Vaterland ist aber eine große Festung, und auf das Aushungern hat England seine Hoffnung gesetzt. Bonn ist von Baugelände umgeben, das zum großen Teil ohne schwere Kosten mit Nutzen bestellt werden kann. In der Kriegszeit kann es uns Nahrung schaffen, aber auch in der Friedenszeit ist es dauernd nötig, die Selbstversorgung unseres Vaterlandes möglichst vollkommen zu machen. Die Besitzer von Baugeländen werden weiter auch bei dem glänzenden Friedensschlusse nicht viel Gelegenheit zum Verkaufe für sofortigen Häuserbau haben. Wer also jetzt sein Baugelände wieder bestellen läßt, dient nicht nur dem Nutzen der Allgemeinheit, sondern auch dem eigenen. Es ist die höchste Zeit, die Bestellung der Ländereien zu beginnen. An jeden Besitzer ertraglosen Bodens geht die dringende Bitte, diese Zeilen zu beherzigen, und sofort danach zu handeln. Wir haben vielerlei Ausschüsse; ein Ausschuß für Anbau jetzt unbestellter Ländereien wäre sehr notwendig. Aber niemand warte ab, sondern jeder handele! Er dient dann dem Vaterlande, dem Volke, der Stadt und sich selbst. Jede Zeitung eröffne eine Anzeigenspalte „Unbebautes Gelände“, damit sich Eigentümer und Bebauer zusammenfinden. Auch an die herrschaftlichen Gärtner, wie dessen Herren, geht die Lehre: Rosen und Chrysanthemen kann man nicht essen; das Volk aber muß ernährt werden! Civis

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)