Freitag, 18. Dezember 1914

 

Spione überall. In vielen Eisenbahnwagen hängen neuerdings Plakate folgenden Inhalts: Achtung! Soldaten! Zum Schutze gegen feindliche Spionage und ihren Helfershelfern, die sich nachweislich in Menge auf unseren Bahnhöfen und in den Zügen herumtreiben, ist es allen Heeresangehörigen, besonders auch unseren Verwundeten, durch das Kriegministerium verboten, über Truppenstellungen, Truppenverschiebungen, Neuformationen und andere militärische Maßnahmen irgendwelche Mitteilungen zu machen, besonders nicht an unbekannte Männer und Frauen. Soldaten! Seid bei euren Unterhaltungen in Gegenwart anderer vorsichtig! Laßt euch nicht ausfragen! Ein unbedachtes Wort kann vielen Kameraden das Leben kosten! Fremde, die sich an euch herandrängen und euch aushorchen wollen, meldet sofort den Bahnbeamten! Der deutsche Soldat muß für sein Vaterland nicht nur kämpfen, sondern auch schweigen können.

Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Unsere verwundeten Krieger bei den Studentinnen. Man schreibt uns: Ein paar gemütliche Stunden verlebten die verwundeten Krieger aus der Beethovenhalle (Reservelazarett III), die der Einladung des Studentinnen-Vereins Hilaritas am Mittwoch Folge leisteten. – Bei Kaffee und Kuchen und zuletzt bei edlem Gerstensaft und der Zigarre (letztere natürlich nur von den Soldaten genossen), verging der Nachmittag in angeregter Unterhaltung. Studenten- und Kriegslieder, die die Studentinnen selbst verfaßt hatten, wurden gemeinsam gesungen. Recht eindrucksvoll war es, als plötzlich ein Vorhang beiseite gezogen und unter dem Gesang des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht“, ein hübsch aufgeputzter Weihnachtsbaum sichtbar wurde. Zum Schluß dankte der Sprecher der Krieger in launigen Versen den Studentinnen für ihre freundliche Aufnahme. Die Soldaten sagen auch an dieser Stelle den Gastgeberinnen nochmals ihren herzlichsten Dank.

Der Zigarren-Abschnitt-Sammel-Verein Bonn e.V. veranstaltet in diesem Jahr seine 38. Weihnachtsbescherung. 125 Kinder aller Konfessionen, sollen warme Kleidungsstücke usw. erhalten. Meistens sind es Kinder, deren Väter zu den Fahnen einberufen sind. Eine Weihnachtsfeier kann der Verein in diesem Jahre nicht veranstalten, weil die Beethovenhalle nicht zur Verfügung steht und ein anderes Lokal für den Zweck nicht in Frage kommen kann, besonders nicht bei der großen Anzahl der zur Bescherung kommenden Kinder. Welch eine Fülle von Arbeit die Herren des Vorstandes zu bewältigen haben, bis den Kindern die Geschenke übergeben werden können, kann nur der beurteilen, der einmal einer Bescherung des Zigarren-Abschnitt-Sammel-Vereins beigewohnt hat. Die Hauptsorge ist alljährlich das Aufbringen der erforderlichen Geldmittel. Der Verein hat in den letzten Jahren durchschnittlich jährlich 3600 Mark für dieses Werk der Nächstenliebe verausgabt. Er ist hauptsächlich auf die Unterstützung der bessergestellten Bürger angewiesen, die auch gerne ihr Scherflein für den guten Zweck hergeben.; denn das segensreiche Wirken des Vereins ist ihnen längst bekannt. In diesem Jahre hat der Verein wieder Bittschreiben abgesandt, damit er die Mittel erhält, um seine gewiß nicht leichte Aufgabe erfüllen zu können. Trotz aller Kriegsspenden, hofft er, daß für den Zigarren-Abschnitt-Sammelverein, der schon so viele hilfsbedürftige Kinder an Weihnachten erfreut hat , noch ein Scherflein übrig geblieben ist.
   Der Vorsitzende, Herr Polizeikommissar Flaccus, und der Kassenführer, Herr Polizeikommissar Fuchs, nehmen Spenden gern entgegen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 18. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 18. Dezember 1914Alle Jahre wieder ...“ (Bonner Straßenbild). Ich hatte grade den Tagesbericht aus dem Großen Hauptquartier gelesen; meine Gedanken waren vom Krieg erfüllt, als ich um eine Straßenecke bog und mir harziger Tannenduft entgegenwehte. Gegen einen Bretterzaun gelehnt, standen grüne Tannenbäume in jeder Form und Größe und immer mehr Bäume wurden, von einem Leiterwagen, dessen Räder Spuren weiter Landfahrt trugen, abgela­den. Um die grünen Tannenbäume standen viele Leute, die gleich mir, den Duft der Tan­nen einatmeten. Da fiel das Wort „Weihnachten“. Richtig, da ist nun bald Weihnachten. --- Sonderbar, daß die Gedanken an Weihnachten in diesem Jahre so fern liegen, daß es pa­radox erscheint, Krieg und Weihnachtsfrieden miteinander zu verbinden. Beides paßt nicht zusammen, und so werden wir in diesem Jahre keine „fröhlichen“ Weihnachten begehen, sondern Weihnachten in ernster, besinnlicher Nachdenklichkeit. Aber die Erinnerung, daß wir den Krieg nicht gewollt, nicht verschuldet haben, daß er für uns ein bitteres Muß war, wird uns beruhigen. Daran wollen wir denken. Können wir also kein fröhliches Fest bege­hen, so sollen die Weihnachtstage zu einer ernsten und würdigen Feier werden. Dann werden die Weihnachtstage 1914 an Glanz und Tiefe gewinnen. Der eigentliche Sinn des schönsten aller deutschen Feste wird uns wieder zum Bewußtsein kommen, wie denn im­mer erst Not und Sorge kommen müssen, um uns wach zu rütteln, damit wir uns auf uns selbst besinnen. Denn es ist ja wohl so, daß in den langen Jahren des Wohlstandes unse­re meisten Feste verflachten und ihr Sinn, ihr Zauber, sich verflüchtigte. So mußte erst der Krieg kommen, um uns vor weiterer Verflachung, Veräußerlichung zu retten.
    Unter dem lastenden Druck des Krieges erhoben sich hier und da Stimmen, Weihnachts­baum und Gabentisch in diesem Jahr zu verbannen. Die Zeit sei nicht dazu angetan, einen solchen „Luxus“ zu gestatten. Diese Stimmen sind glücklicherweise vereinzelt. --- Schon mit Rücksicht auf die Jugend, die Kinder, müssen wir die Weihnachtstage in ge­wohnter Weise feiern. Was wissen unsere Kinder vom Kriege? Der Krieg hat ihre jungen Gedanken noch nicht getrübt, und sie würden es nicht verstehen, wenn am Tannenbaum keine Lichter aufgesteckt würden. Gewiß, es gibt Familien, --- viele sind es, --- denen der Vater am Weihnachtsfeste fern ist. Aber das darf nicht ausschlaggebend sein. Je heller die Weihnachtslichter brennen, je schöner der Weihnachtsgabentisch aufgebaut ist, um so größer ist die Freude, der Jubel der Kinder. Und die Zurückgebliebenen werden sich am Jubel der Kleinen erfreuen, aufrichten und über die ernsten Gedanken, die wohl kommen und gehen werden, leichter hinwegsetzen. Auch ist es wohl nur im Sinne unserer im Felde Stehenden, wenn das Weihnachtsfest in althergebrachter Weise begangen wird. Sie wer­den in ihren Schützengräben noch einmal so beruhigt an die Heimat zurückdenken, wenn sie wissen, daß daheim der Weihnachtsbaum glitzert und die Kinder, wie sonst, froh ihre Weihnachtslieder singen. Und darum sollen wir Weihnachten 1914 in würdiger Weise fei­ern. Jeder aber, in dessen Kraft es steht, sollte daran denken, daß er zu Weihnachten sei­ne Menschenliebe betätigen kann: viele Familien werden nicht in der Lage sein, den Weih­nachtsbaum so herauszuputzen, die Kinder so zu bescheren, wie sie das wohl gerne möchten. Hier kann jeder Licht und Freude in arme Stuben tragen.
   Harziger Duft weht aus den grünen Tannen und die glänzenden Schaufenster zeigen aller­lei Verlockendes. Weihnachtstimmung liegt über der Stadt. Wenn am Weihnachtstage die Glocken dröhnen und den Frieden auf Erden verkünden, wollen wir unsere heißen Gedan­ken, die uns bei dem Friedensgeläute überkommen, zerstreuen, auf die Zähne beißen und daran denken, daß uns die Zukunft diesen Menschheitsfrieden – dank unserem guten Schwert – auf lange, lange Zeit bringen wird. Dann werden die nächstjährigen Weih­nachtstage um so heller sein.

Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Sammeln von Küchenabfällen. Vielfachen Anregungen folgend, beabsichtigt die Stadt, Küchenabfälle für die Fütterung landwirtschaftlicher Nutztiere getrennt von der Müllabfuhr sammeln zu lassen. Diese Abfuhr soll durch private Unternehmer anstelle des städt. Fuhrparks ausgeführt werden. Interessenten können sich umgehend auf dem Rathause melden.

Wehrbund. Uns geht folgende Erklärung zu. In dem Bericht über die letzte Uebung des Bonner Wehrbundes (...) war zum Schluß ohne jede weitere tadelnde Kritik von dem Berichterstatter kurz bemerkt, daß leider die Abteilungen der beiden Bonner Gymnasien nicht teilgenommen hätten. Herr Oberlehrer Dr. Kentenich hat nun durch eine Erklärung in diesem Blatte vom 16. ds. festgestellt, daß die Schüler des Königlichen Gymnasiums an dem betreffenden Sonntag durch die Kommunion verhindert waren. Damit war selbstverständlich das Fernbleiben dieser Abteilung entschuldigt. Herr Dr. Kentenich glaubt aber hinzufügen zu müssen, daß „Uebungen, die sich im Winter von 9½ bis abends 7 Uhr ausdehnen, für 16jährige Schüler eine ernstliche Gefährdung der Gesundheit bedeuten.“ Als Vorsitzender des Wehrbundes muß ich dieser öffentlichen Anschuldigung gegenüber auf das Allerentschiedenste bestreiten, daß der Wehrbund Uebungen unternimmt, welche „die Gesundheit gefährden.“ Die Abteilungen des Wehrbundes rückten am vergangenen Sonnatg nach 10 Uhr aus. Die Witterung war nichts weniger als eine „winterliche“, sondern im Gegenteil überaus milde. Die Entfernung von Beuel nach Heisterbach beträgt etwa 7 Kilometer, von da zum Nonnenstromberg noch nicht einen Kilometer. Die erforderte Marschleistung war also eine sehr geringe. An der Uebung nahmen ebenso junge Pfadfinder teil, die noch keine 16 Jahre alt waren, als bereits ergraute Universitätsprofessoren und sonstige Herren. Diese Leistung soll also die Gesundheit von Gymnasiasten, welche 16-19 Jahre alt sind, „ernstlich gefährden“?
  
Was unsere Jungmannschaft draußen im Kriege geleistet hat und noch leisten muß, haben wir mit Freude und Stolz in den letzten Monaten gehört. Dagegen war diese vom Wehrbund angeordnete Geländeübung fast als ein Kinderspiel zu bezeichnen. Unsere Volksschüler von 13 bis 14 Jahren unternehmen in den Herbstferien – der General-Anzeiger hat darüber seinerzeit wiederholt berichtet – achttägige Wanderungen mit Durchschnittsleistungen von 25 bis 40 Kilometern täglich. Wir besitzen von Dr. Roeder in Berlin genaue ärztliche Untersuchungen darüber, wie wohltätig selbst auf Monate hinaus solche Märsche auf die Gesundheit der Volksschüler einwirken. Und nun sollen solche bescheidene Leistungen, wie diese Geländeübung bis zum Nonnenstromberg für die Gesundheit von Gymnasiasten im Alter vom vollendeten 15. bis zum 19. Lebensjahr eine Gefahr darstellen? , Es lohnt sich nicht, darüber ernstlich zu streiten. In dieser großen Zeit handelt es sich darum, daß derjenige Teil unserer heranwachsenden Jugend, der wohlmöglich im nächsten oder im übernächsten Jahre mit heran muß zu Verteidigung unseres Vaterlandes, sich jetzt schon vorbereitet nach den „Richtlinien“, welche von den Ministern des Krieges, des Kultus und des Inneren gegeben sind. In diesen Richtlinien sind auch solche Geländeübungen und Uebungsmärsche vorgesehen. Die Uebung, welche die Führerschaft des Bonner Wehrbundes für den vergangenen Sonntag angeordnet hatte, fiel durchaus in den Rahmen dieser „Richtlinien“ und stellte nur mäßige Anforderungen an die Teilnehmer. Daß ein Erzieher der Jugend diese öffentlich in dieser Weise herabzusetzen sucht, beweist nur, wie eigenartig doch mancher vom Hauch dieser großen Zeit, die wir durchleben, berührt wird.
Bonn, den 17. Dezember 1914
Prof. Dr. med. F.A. Schmidt,
Vorsitzender des Bonner Wehrbundes

Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 18. Dezember 1914Der Krieg und die Presse. Dr. Hermann Cardauns schreibt uns: „Wie mir scheint, liegt es im allgemeinen Interesse der Presse, den Schein zu vermeiden, als habe ein Mitglied des Journalistenverbandes die Handhabung der Präventiv-Zensur ohne Einschränkung gebilligt.
  
Der Bericht über meinen Vortrag „Der Krieg und die Presse“ in Nr. 8850 vom 17. Dezember enthält einige Sätze, deren knappe Fassung zu Mißverständnissen Anlaß bieten könnte. So der Satz: „Redner bezeichnete die scharfe Zensur als durchaus notwendig“. Ich habe grundsätzlich die militärische Präventiv-Zensur während des Kriegszustandes als durchaus geboten und die von den betr. Oberbehörden vorgezeichneten Richtlinien als einwandfrei anerkannt. Andererseits aber habe ich keinen Zweifel daran gelassen, daß ich die praktische Handhabung der Zensur durch lokale Zensurstellen nicht immer als richtig betrachte. Vielleicht verpflichten Sie mich auch noch durch Aufnahme der ergänzenden Bemerkung, daß ich zwar über die Ueberschwemmung der Redaktionen mit dichterischen Erzeugnissen gescherzt, aber auch von Liedern voll Kraft und Innigkeit gesprochen habe.“

Wie lange dauert der Krieg noch? Man schreibt uns: Der in der Sonntags-Nummer mitgeteilte Beschluß des Landgerichts Braunschweig, wonach die voraussichtliche Dauer des Krieges auf ein Jahr bemessen, hat sicherlich manches Herz bekümmert. Einen erfreulichern Beschluß hat das Amtsgericht Rheinbach am 20. Oktober d. J. erlassen. Die Parteien verhandelten streitig zur Sache. Beklagte beantragte den Rechtsstreit bis zur Beendigung des Kriegszustandes auszusetzen, da ihr Ehemann im Felde stehe. Darauf verkündigte das Gerciht folgenden Beschluß „Die Sache wird zur Weiterverhandlung vertagt auf den 26. Januar 1915“ Also bis Kaisers Geburtstag, so um die Zeit, wenn die Bauern alles gedroschen haben. Hoffentlich werden dann auch unserer Soldaten mit dem Dreschen fertig sein.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Gartenbauverein. In der sehr gut besuchten Monatsversammlung, die unter dem Vorsitz des Gartenbaudirektors Günther im Nordischen Hof abgehalten wurde, sprach Herr Obergärtner Sandhack – Mehlem in sehr interessanter Weise über seine Erlebnisse und Eindrücke in Zentral-Rußland während eines etwas 12jährigen Aufenthaltes. Man bekam durch den fesselnden Vortrag des Herrn Sandhack einen Einblick in die unglaublich korrumpierten Verhältnisse der russischen Zivil- und Militärbehörden und erfuhr manches Neue über russische Charaktereigenschaften – In der dann folgenden Aussprache über „In welcher Weise kann der Gartenbauverein Kriegshilfe leisten?“ warnte Herr Beyes vor dem Ankauf von Blumen, die aus Frankreich über die Schweiz nach Deutschland kommen. Eine Versteigerung von Pflanzen und Gemüsekörbchen ergab einen Betrag von 50 Mark, der zum Besten des Roten Kreuzes verwendet wird.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)