Dienstag, 15. Dezember 1914

 

Ein nachahmenswertes Beispiel.
Nochmals Sammlung der Küchenabfälle.
Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Die Frage der Sammlung von Küchenabfällen ist in diesen Spalten schon mehrfach erörtert worden. Ueber ihre Dringlichkeit dürfte kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen. Unsere Absperrung von der ausländischen Massenzufuhr von Lebensmitteln trifft uns nirgends stärker als in unserer hochentwickelten Viehzucht. Es gehört daher zu den dringlichsten Wirtschaftsaufgaben, die der Krieg geschaffen hat, neue Futterquellen zu eröffnen. Immer mehr hat sich auch die Ueberzeugung ausgebreitet, daß das vor allem eine Aufgabe der Städte ist. Sie haben daher hier nicht nur die Gelegenheit, sondern die Pflicht, der Landwirtschaft, der sie so viel verdanken, mit allen Kräften beizuspringen.
   In besonders dankenswerter Weise hat unter anderen die Stadtverwaltung von Essen sich dieser Aufgabe angenommen. Auf Anregung des weitblickenden und tatkräftigen Landrates des Landkreises Essen hat sie ihren Fuhrpark mit der Abholung der Abfälle zur Schweinefütterung beauftragt. Diese Abholung erfolgt getrennt von der Müllabfuhr und zwar am Tage, zweimal wöchentlich. Vorläufig sind zehn große einspännige Wagen mit je einem Kutscher und je zwei Jungen, die mit Schellen vorauslaufen, in den Dienst dieser Aufgabe gestellt worden. Sie bringen die Abfälle an von den Landgemeinden bezeichnete Stellen, wo die Verteilung an die Abnehmer stattfindet. (...)
   Hoffentlich findet das Essener Vorbild bald viele Nachahmung, auch Nachahmung in unserer Stadt. Was in der Großstadt Essen unter vielfach schwierigen Verhältnissen durchführbar gewesen ist, kann in einer wohlhabenden Kleinstadt, in der Mietskasernen eine sehr geringe Rolle spielen, nicht unmöglich sein. H. Sch.

Kunstausstellung Bonner Maler. In dem großen Obergeschoß-Saal des Kunsthauses Zirkel (Gangolfstr.) wurde eine Ausstellung Bonner Maler eröffnet. Sie enthält Bilder und Zeichnungen von E. Oelieden, A. Fischel, P. Müller-Werlau, Th. Gansen, C. Nonn, und E. Hasenfratz.

Metropol-Theater. Wir verweisen auf das vorzügliche Programm, das in dieser Woche im Metropol-Theater vorgeführt wird. Zum ersten Mal erscheint Otto Reutter im Film in der Burleske: Otto heiratet. Außerdem wird das Künstlerdrama: „Dissonanzen des Lebens“ fesseln.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

„Schießt auf die Engländer.“Der Bataillonskommandör des 1. Landsturm-Infanterie-Batallions Heidelberg, Oberstleutnant Ehrt, schrieb, wie wir dem Mannheimer Generalanz. entnehmen, in einem an den Heidelberger Bezirksausschuß gerichteten Brief aus dem Felde: „Neulich legten französische Landwehrmänner einen Zettel nieder, auf dem die Worte standen „Schießt nicht, wir schießen auch nicht, aber schießt ordentlich auf die Engländer.“

(Bonner Zeitung, Rubrik „Kunst, Wissenschaft und Leben“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Neue Geschmacklosigkeiten
Wie Ferdinand Avenarius das hübsche Wort „Hausgreuel“ prägte und damit alle jene Geschmacklosigkeiten geißelte, die unserem hochentwickelten Kunstgewerbe zum Trotz immer wieder auftauchen und sich als Zierrat mancherlei Art ausgeben und für den Wohnungsputz Verwendung finden, da haben nicht nur die Leser des „Kunstwartes“, sondern auch andere Menschen, denen es mit dem Begriff „Kunst“ Ernst ist, Umschau unter ihrer Einrichtung gehalten, und es ist wohl kaum einer, der nicht irgendwo, mehr oder minder verborgen, so ein Hausgreuelchen entdeckt und es beschämt entfernt hätte. (...) So glaubten Optimisten die „Hausgreuel“ gänzlich überwunden, und nun tauchen sie plötzlich auf allen Gebieten unter der Verzerrung patriotischer Begeisterung wieder auf und verletzen das Empfinden jedes wirklich patriotisch empfindenden Menschen.
   Was ist uns Deutschen das Eiserne Kreuz? Die höchste Auszeichnung für persönliche Tapferkeit, die sich an keinen Rang, an keinen Stand bindet, weil sie lediglich für persönliche Leistungen verliehen wird. Und wie hat die Massenfabrikation, die man zu Unrecht oft mit dem Gesamtnamen „Warenhauskultur“ belegt, dieses deutsche Ehrenzeichen ausgenutzt. Aschbecher, Briefbeschwerer, Zigarrenkasten, Marken und Postkartenbehälter mit dem Eisernen Kreuz prangen in unzähligen Schaufenstern, ja sogar Leuchter hat man damit verziert, und ein besonders erfindungsreicher Fabrikant hat Lichte in den Farben Schwarz-Weiß-Rot hergestellt, in deren Mitte das Eiserne Kreuz sitzt. Broschen, Gürtelnadeln, zahllose kleiner Dingelchen für den Nähtisch, den Schreibtisch, den Putztisch sind mit dem Eisernen Kreuz versehen, von dem Untergrund der Schlummerrollen, Rückenkissen, Schemel, Decken prungt es den Beschauer an, und man fragt sich beim Anblick dieser Geschmacklosigkeiten ganz entsetzt, ob den Herstellern bei der Ausnutzung einer Würde, die nur auf dem Schlachtfeld erworben werden kann, gar nicht der Gedanke der Herabsetzung zum Bewusstsein kommt.
   Das Traurigste aber ist, daß solche Dinge tatsächlich gekauft werden, und zwar am meisten von Menschen, die den Krieg nur vom Hörensagen und aus der Zeitung kennen.
   Nein, wahrlich, darin liegt sie nicht, die echte, bewußt empfundene Vaterlandsliebe, ebenso wenig wie in den angesteckten schwarzweißroten Schleifen oder den schwarz-weiß-rot umränderten Manschettenknöpfen. Nicht in äußeren Dingen sollen wir sie zum Ausdruck bringen, nicht zur Schaustellung sollen wir sie entäußern. Unser Deutschtum erlegt uns viel zu große und heilige Pflichten auf, als daß wir es verzetteln und entweihen möchten in gekauften Geschmacklosigkeiten.
   Nicht den Herstellern dieser Waren sollen wir einen Vorwurf machen. Sie sind noch lange nicht von dem Wunsch durchdrungen, nur Wertvolles, Gutes herzustellen. Sie lassen anfertigen, was nach ihrer Ansicht die meisten Käufer findet.(...) Das kaufende Publikum hat also die Rolle des Erziehers zu übernehmen, nicht aber darauf zu warten, daß es von den Fabrikanten erzogen wird.
   Man hat das überzeugend an den abscheulichen Postkarten beobachten können, die in grellen Farben, unwürdigen Zeichnungen und albernen Versen die Feinde darstellten. Gewiß hat die Karikatur ihre Berechtigung aber doch nur dann, wenn sie durch eine künstlerische Darstellung aus der groben Verzerrung herausgehoben ist. Feinde, die wir nur lächerlich machen, nehmen den Siegern ihren Ruhm. Es ist eigentlich tief beschämend, daß erst die im Felde stehenden Soldaten ihre Entrüstung über derartige Postkarten ausdrücken und das Generalkommando gegen sie Verwahrung einlegen mußte, daß nicht vielmehr das durch diese ernste Zeit in seinen Empfindungen geläuterte Publikum sich gegen sie aufgelehnt hat.
   Wir haben noch viel Arbeit zu leisten, bis wir die allgemeine Kulturhöhe erreicht haben, die wir uns bereits erträumten. (...) Da wir Frauenarbeit einsetzen, da wird Fraueneinsicht helfen müssen. Sind doch schließlich sie es, die ihre Hauseinrichtung bestimmen, die ihre Kinder auf das Gute und Schöne hinweisen können, die sie lehren, daß Gesinnung sich nicht in Aeußerlichkeiten, wohl aber in einem echten, starken, überzeugungstreuen Empfinden offenbart. Und das wird keinen Raum haben für Hausgreuel und patriotische Verballhornisierungen.

(Bonner Zeitung)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Eltern, laßt Eure Kinder Stenographie lernen. Seit Anfang des vorigen Jahres ist der Stenographieunterricht auch in den oberen Klassen der Bonner Volksschulen eingeführt worden. Damit hat man öffentlich die Wichtigkeit von Stenographie erkannt. Zu Ostern werden wieder viele Knaben und Mädchen die Volksschule verlassen und sich den kaufmännischen oder sonst ähnlichen Berufen zuwenden. Es ist daher unbedingt erforderlich, daß die erworbenen stenographischen Kenntnisse weiter ergänzt werden, oder, wenn sie noch nicht vorhanden sind, schleunigst erworben werden. Der hiesige Verein für National-Stenographie hat sich entschlossen, den Volksschülern der oberen Klassen völlig kostenlos stenographischen Unterricht zu erteilen. Es sind nicht einmal Geldmittel oder Lehrbücher erforderlich.

 

Die Verwendung der Nichtgedienten. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Nachdem nun die Kriegswirren und das gewaltige Blutvergießen bereits über ein Viertel­jahr eine ganze Welt in Angst und Schrecken halten, machen alle unsere Feinde bereits große Anstrengungen, die von unseren guten Waffen beigebrachten Riesenlücken durch Einberufen alter und ältester Jahrgänge auszugleichen. Ja, daß man bereits sich nicht ge­scheut hat, selbst Farbige, die gleich wilden Tieren plan- und sinnlos gehetzt werden, in Reih und Glied zu stellen, ist und bleibt eine Tatsache, die in Ewigkeit nicht mehr unge­schehen zu machen ist. Was hingegen wir an Ersatzmaterial, qualitativ sowohl wie quanti­tativ zur Verfügung haben, besagen die gewaltigen Transporte zur Genüge. Diese Unmen­gen kräftigster lebensfroher Leute, die nur mit Ungeduld den ersten Waffengang abwarten können, diese ernsten und kernigen Freiwilligengestalten, die mit einem herrlichen Stolz die Flinte fest in der Faust, mit den Jüngeren hinausziehen, sprechen mehr durch ihr Aus­sehen und Verhalten, als beredte Worte es je vermöchten.
   Wenn demnach auch auf unabsehbare Zeit hinaus Ersatz mehr, als hoffentlich jemals nö­tig, bei uns vorhanden ist und bleibt, so ist es für die Nichtgedienten doch eine bittere Sa­che, zusehen zu müssen, wie die andren sich ihre Lorbeeren pflücken, wie die anderen stolz für Haus und Hof alles daransetzen, wohingegen sie selber, häufig wegen einer Klei­nigkeit, dienstuntauglich gewesen, Wesentliches für das Vaterland nicht tun können. Könn­te man da nicht die Ueberwachung der Brücken, Eisenbahnen usw. anvertrauen denen, die zwar untauglich fürs Feld sind, aber auch viel zu tatkräftig, um hinterm Ofen zu sitzen. Denke man doch einmal an die ungeheuere Zahl der wetterfesten Nimrode, an das Heer umsichtiger Ingenieure, Techniker und Monteure, an all solche Leute, die sich gerade zur Bewachung wichtiger Punkte eignen und wohl verstehen, durch bedingungsloses Unter­ordnen und eiserne Pflichterfüllung dem Vaterlande zu dienen. Und welche Bedeutung dürfte gerade der Lokalkenntnis solcher Freiwilligen beigelegt werden! Sie kennen jeden Baum und Strauch am Platze, jeden Straßenwinkel und wissen ziemlich genau, ob und was der nächtliche Wanderer in ihrer Nähe zu suchen hat oder nicht. Und wie gerne be­dienten sich solche Vertrauenspersonen des eigenen Wettermantels, und wie verstehen gerade sie die Handhabung der alten, vertrauten Flinte! Was aber würde es für die Hee­resverwaltung bedeuten, etliche Hunderttausende Wehrmänner frei zu bekommen, die jetzt ausschließlich zu gen. Zwecken verwendet werden müssen! Ich glaube, auf das Be­stimmteste annehmen zu dürfen, daß auf einen einmaligen Aufruf von seiten der Heeres­verwaltung sich derartige Unmengen von Freiwilligen dem Vaterlande bedingungslos zur Verfügung stellen werden, daß das gesamte Ausland aufs neue einen Grund hat, über die Kriegsbegeisterung der Deutschen zu staunen und lange und ernst nachzudenken. Man versuche es einmal!

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Ein Wort an die Hauswirte. Jeder vernünftige Hausbesitzer wird in dieser Zeit, besonders wo sich der Mann als einziger Ernährer im Felde befindet, und auch da, wo es sonst am Platze ist, soweit es seine eigenen Verhältnisse gestatten, durch Stundung der Miete entgegenkommen. Aber man möge bedenken, daß der Hausbesitzer auch die Steuern nach dem gemeinen Werte, Kanalisationsgebühren, Wassergeld, Hypothekenzinsen, Reparaturen und sonst noch alles Mögliche bezahlen muß. Zahlt er nicht, dann schickt die Stadt einen Mahnzettel und die Hypothekengläubiger werden bei der ersten passenden Gelegenheit ihre Hypotheken kündigen. Was soll dann der Hausbesitzer machen? Ein „glücklicher“ Hausbesitzer

Ausweis für Liebesgaben. Von zwei weiblichen Personen wird gesammelt, um Verwundeten eines Privatlazaretts eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Als Ausweis wird ein Schreiben vorgezeigt, in welchem der Name des Lazaretts fehlt, auch fehlt Unterschrift und Stempel. So rühmenswert es ist, den lieben Kameraden eine Weihnachtsfreude zu bereiten, so notwendig aber ist es auch, die Sammelnden mit einem Ausweis zu versehen, in welchem der Name des Lazaretts angegeben wird, für welches gesammelt wird, wie auch die Unterschrift desjenigen, der zum Beisteuern auffordert. Auch wäre der Stempel des Privatlazaretts erwünscht. Wie leicht könnte sonst Missbrauch betrieben werden. H.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 15. Dezember 1914Stadttheater. Mit der heutigen Vorstellung von Shakespeares „Was Ihr wollt“ kommt der große britische Dramatiker zum zweiten Male in der gegenwärtigen Spielzeit zu Wort. – Die Theaterleitung ist bemüht, in möglichst zahlreichen und sorgfältig einstudierten Vorstellungen die bedeutendsten Klassiker mit ihren besten Werken vorzuführen. Sache des Publikums aber ist es dieses Streben durch starken Besuch zu unterstützen, wenn nicht die kassefüllenden Zugstücke leichteren Gepräges das Uebergewicht erlangen sollen. Die heutige Besetzung scheint eine sehr glückliche; außer den Damen unserer Truppe (Frl Hamel und Frl. E. Krüger) wirkt als Oktavia Frau Wittmann Maurice mit, die männlichen Hauptrollen finden in den Herren Birgel, Czempin, Ferchland, Kronburger, Sascha und Schrader zweifelsohne gute Vertreter.

Weihnachtsbäume und Brandschäden. Wie die Erfahrung lehrt, verursachen die Weihnachtsbäume alljährlich viele und häufig nicht unbedeutsame Brandschäden. Diese Brandschäden entstehen vielfach durch die Verwendung von Wunderkerzen, schlechte und unvorsichtige Anbringung von Kerzen, das Auflegen von Watte, das leichtfertige Aufstellen des Baumes in der Nähe von Gardinen und sonstigen leicht brennbaren Sachen, aber auch Decken und Teppichen, Nachlässigkeit beim Anzünden der Kerzen usw. Je länger die Weihnachtsbäume stehen, umso größer wird die Gefahr, da die trocken gewordenen Bäume sehr leicht Feuer fangen.
  
Es ist daher beim Aufstellen der Weihnachtsbäume große Vorsicht nötig, worauf schon heute aufmerksam gemacht sei.

Verdächtige Schuhwarenkäufer. Nach Mitteilung auswärtiger Polizeibehörden liegt gegen drei Herren, die seit einigen Tagen einzeln in Schuhhandlungen erscheinen und sich gelegentlich eines Einkaufs erbieten, gewisse Waren gleich regalweise zu jedem annehmbaren Preise zu nehmen, der Verdacht vor, daß sie die Waren nach dem Auslande schaffen oder durch Zurückhaltung dem deutschen Heeresbedarfe entziehen wollen. Die Geschäftsinhaber werden ersucht, vorkommendenfalls derartigen Personen unauffällig bis zum nächsten Schutzmannposten zu folgen und durch diesen die Personalien feststellen zu lassen.

Ein Schwindler versuchte am Sonntag in einem hiesigen Herren-Garderobegeschäft folgenden Trick: Gegen 11 Uhr vormittags wurde das Geschäft telephonisch ersucht, eine Auswahl besserer Ueberzieher an eine angegebene Adresse zu schicken. Als ein Angestellter die Ueberzieher in dem Hause ablieferte, war der Auftraggeber „zufällig“ nicht da. Man bat den jungen Mann, die Ueberzieher in der Wohnung zu lassen. Als er eine halbe Stunde später die Auswahl abholen wollte, hatte der Käufer einen der besten Ulster gewählt, war aber wieder nicht anwesend. Er habe den neuen Ulster angezogen und sei auf dem Wege zu dem Geschäft, um ihn zu bezahlen, wurde dem Angestellten gesagt. Gegen Abend aber war der Herr in dem Geschäft noch nicht angekommen. Man schickte noch einmal zu der Wohnung, und nun blieb die Haustüre auch auf wiederholtes Klingeln geschlossen. Dann wurde die Polizei zur Hilfe gerufen, die dafür sorgte, daß das Geschäft schließlich den Ulster zurückerhielt.

 

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 15. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 15. Dezember 1914Wie sollen wir unser Vieh durchfüttern? Das ist die neue Sorge der Landwirte. Manche Futtermittel fehlen, die sonst vom Auslande hereinkamen. Der Bundesrat hat die Verfütte­rung von Brotgetreide verboten. War das unrecht? Nein, gewiß nicht. Denn die Ernährung unserer Bevölkerung ist das Erste und Wichtigste. Und hier steht die Brotversorgung an erster Stelle. Die Engländer spekulieren darauf, uns auszuhungern. Wenn jetzt einer von uns unsern Brotvorrat verkürzen wollte, indem er das Brotgetreide ans Vieh verfütterte, der würde sich unbewußterweise zum Verbündeten Englands machen.
  
Erst das Brot und dann das Fleisch. Für beides müssen die Landwirte sorgen. Es ist ihre Pflicht und Aufgabe. Wie unser Feldherr da draußen, so muß die Landwirtschaft im Innern den Sieg erkämpfen helfen. Wenn der Bauer sich bewährt, wird auch er als Sieger geehrt. Würde jetzt alles Vieh verschleudert, dann käme nachher die große Not. Nicht allein für die Konsumenten, die dann die teuren Fleischpreise zu bezahlen hätten. Nein, auch für die Bauern selbst, die später bei rentablen Preisen nichts mehr zu verkaufen hätten. Und wenn schließlich infolge des Mangels später die Viehpreise so sehr hoch würden, dann müßten die Bauern selbst enorm teures Geld für das neue Einstellvieh bezahlen, um die Lücken wieder auszufüllen.
   Darum heißt es: Durchhalten in der Viehfütterung! Mittel und Wege lassen sich da schon finden. Vor drei Jahren hatten wir auch das schlimme Futternotjahr. Auch darüber sind wir hinweggekommen. Gar mancher Landwirt hat damals gesagt, daß er dem Futternotjahr ei­gentlich dankbar sein müßte, da dieses ihn erst auf die rationelle Fütterung hingewiesen und ihm die Augen über die bisherige Verschwendung geöffnet habe. Man muß nur den Kopf oben behalten und mittun. Der Bauer steht nicht allein. Unsere landwirtschaftlichen Organisationen sind da und stehen für jeden bereit mit Rat und Tat. Hier heißt es nur zu­greifen und zusammenarbeiten. Dann gelingt auch das Durchhalten.
   Der Bonner Professor Neubauer hat berechnet, daß in der Rheinprovinz allein eine jährli­che Ersparnis von über 4 Millionen Mark erzielt werden könnte, wenn es gelänge, die Er­nährung des rheinischen Viehbestandes pro Kopf und Tag nur um 1 Pfg. billiger zu gestal­ten. Daher ist Professor Neubauer energisch für die Errichtung von Forschungs- und Bera­tungsstätten für Fütterungsfragen eingetreten. Jetzt wäre es Zeit, hiermit einen Anfang zu machen. Und zwar nicht durch Reden und Schreiben, sondern durch die Tat. Und nicht bloß einzelne dürfen zur Tat schreiten. Das ganze Dorf und ganze Kreise müssen einheitlich Hand anlegen. Das ist aber nur zu erreichen, wenn planmäßig unter einheitlicher Leitung vorgegangen wird. Die Landwirtschaftskammern z.B. können, mit Unterstützung der Ver­waltungsbehörden die Vertreter der überall vorhandenen landwirtschaftlichen Organisatio­nen in den einzelnen Bezirken, Kreisen und auf jedem Dorfe zu einem Arbeitsausschuß vereinigen. Die Leiter der landwirtschaftlichen Winterschulen, die sich schon in Friedenszei­ten bewährt haben, werden gern zur Hand gehen bei der Aufklärungsarbeit in Versammlun­gen, zu dem Bauer und Bäuerin eingeladen sind, durch Artikel in den Zeitschriften und Zei­tungen, durch Verbreitung von Flugschriften und Merkblättern. Die Hauptsache aber bleibt, daß das praktische Vorgehen in der veränderten Fütterungsmethode, so wie sie die örtli­chen Verhältnisse nahelegen, vereinbart und kontrolliert wird. Das setzt zwar voraus, daß die landwirtschaftlichen Bezugsorganisationen gleichzeitig den Bezug der fehlenden Futter­mittel in die Hand nehmen. Die Festsetzung von Höchstpreisen für die Futtermittel er­scheint weiten Kreisen notwendig. Zunächst gilt es daheim Futtermittel bereitzustellen. Auf den Wert der städtischen Haushaltungsabfälle ist öfter hingewiesen. Beizeiten sollte man auch denken an die Herstellung gemeinsamer Weiden, in dem die Landwirte sich zu einer Weidegenossenschaft zusammenschließen. Wo man Versuche dieser Art gemacht hat, so besonders in Sachsen, waren die Erfahrungen äußerst günstig.
   Heute ist die Zeit zum Handeln. Versäume keiner, seine Schuldigkeit zu tun.

Ein aktiver 68er schrieb an seine Eltern in Bonn:
. Seit dem 13. ist es hier andauernd wieder am regnen, dazu ist es kalt und windig, und unsere Lage ist noch immer dieselbe. Viel gelacht haben wir über das Fenchelöl, das De­stillat für Haarreinigung, welches Ihr mir geschickt habt. Dem Paketchen lag kein Schrei­ben bei von Euch und Euer Brief mit der Mitteilung über das Oel kam ein Tag später. Mein Kamerad und ich waren voller Freude, es wären Anistropfen, welches dem Geruche nach auch so schien, und wir Beide hatten am abend und anderen morgen je eine Dosis davon eingenommen, bis der Brief von Euch kam und uns Aufklärung brachte. --- Was wir da ge­lacht haben, könnt's gar nicht glauben, wir haben uns gewälzt vor Lachen. Na, Schaden hat es ja keinem getan, aber ulkig, nicht wahr, war's doch.
  
Nun will ich Euch einmal eine Begebenheit erzählen, wo wir im Granatfeuer gelegen hat­ten und wobei 1 Mann tot, 2 schwer, und 5 leicht verwundet wurden. Es war am 6. d. Mts., nachmittags gegen ¼ vor 2 Uhr und dauerte bis ½3 Uhr. Die Erzählung ist nicht lang, dürfte Euch vielleicht aber interessieren: Ich lag mit 2 Kameraden zur Reserve in einem Unterstand. 1½ Zug im Schützengraben, 1½ Zug in Reserve im großen Unterstand. Der Schützengraben war dem Erdboden gleich an dem Rande einer Sandgrube angebracht, hinter dieser waren die Unterstände für die Reservezüge. Wir hatten eben die Nachrichten der Deutschen Reichs-Zeitung gelesen und wollten etwas schlafen, als plötzlich – sssum eine Granate angeflogen kam und mit furchtbarem Krachen explodierte, kaum 50 Meter vor den Schützengräben, in gutgezielter Richtung. Der Dreck flog haushoch und in der Erde war ein Loch, in das man bequem 2 Pferde begraben konnte. --- Sssum, krach, da schlägt auch schon die zweite ca. 30 Meter hinter dem Graben ein, uns flog der Dreck durch die Oeffnung des Unterstandes auf die Füße. Nun folgten in kurzen Abständen 12 gutgezielte Schüsse, worunter ein Blindgänger. In welcher Aufregung wir uns während die­ser Zeit befanden, könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Auf Befehl unseres Kompagnieführers verließen wir nach dem 4. Schuß, der mitten im Schützengraben krepierte, die Schützen­gräben und zogen in ein 150 Meter rückwärts liegendes Wäldchen. Dieser vierte Schuß brachte uns einen Toten, 2 schwer und 5 leicht Verletzte. Hier im Wäldchen mußten wir der Dinge harren, die da kommen sollten; ein längeres Verweilen im Graben wäre zweck­los gewesen und hätte uns große Verluste beibringen können, denen wir machtlos gegen­überstanden. Die Aufregung war groß und wir freuten uns und dankten Gott, als die Bum­serei aufhörte. Auch war es wirklich ein Glück, daß die Lust voller Nebel war, denn wäre es klares Wetter gewesen, wer weiß, ob einer von davongekommen wäre, die Franzosen hät­ten uns mit Schrapnells verfolgt.
   Wie aber sahen unsere schönen Schützengraben aus. Die Hälfte war vollständig un­brauchbar geworden; auch mancher Unterstand hatte aufgehört zu bestehen. Ein Blind­gänger war auf einen Unterstand gefallen, hatte durchgeschlagen, war aber durch das Wellblech und die starken Stützbalken in seiner Kraft gehemmt worden. Wäre dies Ge­schoß krepiert, wer weiß, was mit meinen Kameraden geschehen wäre. Einen Mann zo­gen wir noch drunter hervor, welcher mit einem Fuße eingeklemmt war, sonst aber wun­derbarer Weise keine Verletzung davontrug. Der tote Kamerad hatte einen Granatsplitter in den Rücken erhalten, schien aber schon vorher durch die Gase oder den Luftdruck er­stickt oder einem Herzschlage erlegen zu sein. Einem Vizefeldwebel wurden die Rippen eingedrückt und das Rückgrat verletzt, einem Gefreiten das Beim vom Schenkel aufgeris­sen. Nachdem die Verletzten verbunden und forttransportiert waren, gruben wir dem toten Kameraden ein Grab in dem rückwärts gelegenen Wäldchen und begruben ihn neben ei­nem Artilleristen, Wir verrichteten dann alle einige Gebete, faßten das Grab mit Steinen ein, belegten es mit Moos und pflanzten einige kleine Bäumchen darauf. Dann setzten wir ihm ein Kreuz auf seine letzte Ruhestätte. Nun ging es an die Aufräumungs- und Wiederherrichtungsarbeiten unserer Schützengräben, wir mußten uns jederzeit auf Wiederholung des Granatfeuers gefaßt machen. Die Rothosen dachten jedenfalls, bei uns lägen größere Reserven, daher ihr Feuer. Die Sandgrube erhielt von uns den Namen Schreckenskammer. Das Ganze spielte sich in der kurzen Zeit von dreiviertel Stunden ab. Man muß das alles selbst erleben, um sich ein richtiges Bild von diesen Ereignissen zu machen. Der tote Kamerad war ein Poppelsdorfer. --- Sonst sind wir aber noch fidel und jetzt gerade in richtiger Kriegsstimmung usw.  Musketier Fl., 8, 68.

 

 

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)