Donnerstag, 3. Dezember 1914

 

Das Eiserne Kreuz hat erhalten Regierungsassessor Dr. Paul Spiritus, Leutnant d. R. im Husarenregiment Nr. 11, kommandiert zu Lothringischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 33, ein Sohn unseres Bonner Oberbürgermeister Spiritus.

Aussprache über Gefallene und Vermisste. In der am Montag stattgehabten Aussprache über Gefangene und Vermißte wurde bekannt, daß neuerdings aus Südfrankreich einzelne Gefangene geschrieben haben, die über 2 Monate vermißt wurden. (...) Nachrichten aus dem großen Gefangenenlager Mont Louis (Pyrenäen) lassen erkennen, daß dort die Verpflegung sehr zu wünschen übrig läßt. Dagegen wird die Behandlung und Verpflegung in den Hospitälern zu Lovedevon mehreren Gefangenen sehr human geschildert. – Die Aussprache soll, da sie bisher sehr rege besucht war, bis auf weiteres jeden Montag, abends 8 Uhr im Kaiserhof stattfinden.

Zur Petroleumnot. Wie es für jeden Bürger unter den heutigen Verhältnissen dringende Pflicht ist, mit den Nahrungsmitteln äußerste Sparsamkeit zu üben, so gilt dies auch für den Verbrauch von Petroleum, bei dessen Einfuhr wir durchaus auf das Ausland angewiesen sind. Die Vorräte an Petroleum, die im Inland lagern, sind nur so groß, daß der Inlandsverbrauch nur ein Drittel bis die Hälfte des seitherigen Verbrauchs betragen darf, wenn wir damit über den Winter hinaus auskommen sollen. Es muß deshalb in allen Haushalten streng darauf gehalten werden, daß Petroleum gegenwärtig nur noch zum Beleuchten, keinesfalls aber mehr zum Kochen oder gar zum Heizen verwendet wird. (...) Daß eine Verteuerung des Petroleums Platz greifen wird, ist nicht anzunehmen, so daß also ein Kauf auf Vorrat nicht rätlich erscheint.(...)

Vaterländische Reden und Vorträge. Die Reihe der „Vaterländischen Reden und Vorträge“ wurde gestern Abend von Herrn Dr. Franz Brüggemann mit dem Vortrag über „Englands Sonderstellung gegenüber Europa“ fortgesetzt. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Die Nervenerkrankungen im Kriege. In der Berliner Klinischen Wochenschrift macht Prof. H. Oppenheim interessante Mitteilungen über die Nervenkrankheiten im Kriege. Professor Oppenheim, der in Berlin die neu gegründete Abteilung für Kriegsnervenkrankheiten gegründet hat und so über ein reiches Beobachtungsmaterial verfügt, betont, daß die Nervenkrankheiten im Kriege durchaus nicht so häufig sind, wie allgemein geglaubt wird. Wenn man bedenkt, wie groß die Strapazen und Entbehrungen dieses Feldzuges und wie gewaltig vor allem die seelischen Erregungen, die Schrecken und das Grauen dieses Krieges, sind, so kann es eher überraschen , daß die Psychoneurosen einen nicht weit höheren Prozentsatz unserer Soldaten ergriffen haben. Wie ungemein widerstandsfähig muß das Nervensystem dieser Menschen sein, daß es im allgemeinen dem Anprall der mächtigen Sinnesreize und Erregungen standhält. Oppenheim erklärt es für bezeichnend, daß die Erkrankungen fast durchweg bei besonders Veranlagten auftreten, die schon vor dem Krieg Neuropathen oder Psychopaten waren; einige waren durch chronischen Alkoholmissbrauch geschädigt. Aber es gibt auch Ausnahmen; so entwickelte sich schwere Neurasthenie bei anscheinend Gesunden, nachdem in ihrer unmittelbaren Nähe eine Granate geplatzt war. Ein fast durchgehender Zug ist die Störung des Schlafes durch wilde Träume, in denen die Kriegserinnerungsbilder einen wesentlichen Inhalt bilden. (...) Auch eine besondere Luftschiffurcht ist schon aufgetreten, bei einem Flieger, früher einem der kühnsten, der sofort beim Betreten seines Aeroplanes von einer unerklärlichen Angst befallen wurde.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus Kunst, Wissenschaft und Leben“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 3. Dezember 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 3. Dezember 1914Wie sollen wir in diesem Jahre Weihnachten feiern? Nur noch Wochen trennen uns vom Weihnachtsfest. Gleich einer „Fata Morgana“ steigt das „Friede auf Erden“ wie aus unerreichbaren Fernen vor unserem geistigen Auge auf. Eintrübes Weihnachtsfest wird es diesmal werden, sagtder eine wehmutsvoll. Andere meinen: „Wir feiern in diesem Jahr überhaupt nicht Weihnachten, bei uns gibt es keinen Kerzenbaum, wo der Herr des Hauses oder die anderen Lieben der Familie draußen im Westen den Erbfeind abwehren oder im Osten getreue Wacht halten ...“ Entsetzt starren viele Kinderaugen die Mütter an. Kein Weihnachtsfest? Kein Lichterbaum? Kein Jubel? Sie können es nicht fassen.... Verkehrt, ich Mütter! Denkt an die Kinder! Denkt an die eigene Kindheit zurück! Was wissen Kinde von dem blutigen Ringen da draußen in Feindesland? Gottlob, sie können es nicht ermessen! Und deshalb sollen sie auch nimmer darunter leiden! Steckt ihnen getrost den Lichterbaum an wie alle Jahre! Stellt ihnen auch ruhig Gaben auf den Tisch! Kinderhand ist ja so leicht gefüllt! In manche Frauenherzen mag zwar keine Weihnachtsfreude einziehen können, aber dennoch soll sie für die Ihren daheim das Fest ausrichten. Und unter dem strahlenden Lichterbaum verknüpfen sich ihre Gedanken mit den Teuren im Felde, die in Erinnerung an andere Jahre fern von der Heimat mitfeiern. Lebendig schauen sie aus der Weite nach Hause, und es würde sie traurig stimmen, müßten sie denken, daß daheim stumm und gedrückt die Angehörigen, besonders die Kinder, den Heiligabend vorüberziehen lassen. Wir können in diesem Jahre das Weihnachtsfest größer, tiefer und heiliger gestalten als je zuvor. Wir können doppelt geben: Für die daheim und draußen. Alle, die mit irdischen Gütern gesegnet sind, können es doppelt spüren, wie selig das Geben macht. Sie können dafür sorgen, daß daheim Christnachtfrieden und lichterhelle Zuversicht herrschen kann, und das in Feindesland, in unwirtlicher kalter Winternacht ein warmer Strahl menschlicher Güte und Liebe, als verheißungsvoller Heimatbote unsere braven heldenmütigen Feldgrauen beglückt. Wir können Weihnachten feiern – ernst und doch freudig!

Frische Brötchen. Es ist seit einiger Zeit das Gerücht verbreitet, wonach seit dem 1. Dezember keine Brötchen mehr gebacken werden dürfen. Dieses Gerücht ist falsch und nur dazu geeignet, eine Unmenge von Existenzen zu vernichten. Um diesem Gerücht entgegenzutreten, diene dem Publikum zur Aufklärung, daß nach wie vor Brötchen weiter gebacken werden dürfen, selbstverständlich unter Einhaltung der Bundesratsbestimmungen vom 28. Oktober 1914.

Weiterführung des Theaterbetriebes. Den Stadtverordneten ist über die Weiterführung des Theaterbetriebs in den Monaten Januar, Februar und März ein Nachtrag zur Tagesordnung für die am Freitag tagende Sitzung zugegangen. Die Finanz- und Theaterkommission haben sich für die Weiterführung des Theaterbetriebs ausgesprochen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Legt Gärten an! Die reiche Fruchternte hat in diesem schweren Jahre unser Volk der bangen Sorge um die Ernährung seiner Millionen enthoben. Aber trotzdem flog mit Recht die Meinung durch die Zeitung: „Legt Gärten an. Manches Stück Land liegt unbenutzt da, mancher Acker könnte bei fleißiger Bewirtschaftung als Gemüseland viel höhere Erträge als bisher bringen. Millionen gehen täglich für Gemüse ins Ausland, welche die heimische Bevölkerung im Inland verdienen könnte. Legt Gärten an! Ein ernstes Mahnwort auch für die Städtebauer, für die Gemeindevertretungen, die Bebauungspläne aufstellen, das nicht nur für den gegenwärtigen Augenblick, sondern auch für die fernere Zukunft gilt. Die Gärten um die Städte herum werden durch den Bebauungsplan meist zu „Baustellen“ und nur selten wird der Gedanke verwirklicht, zusammenhängende Grünflächenzonen in Form von Gartenzonen der Zukunft dauernd zu sichernund in passender Weise in das Ortsgebilde einzupassen. Und doch ist dieser Gedanke leicht durchführbar – überall da, wo ein Wille dazu vorhanden ist. (Spiegel rheinischer Bauart)

Unterstützt die Sanitätshundsache!
  
Die Sammelstelle Bonn des Deutschen Vereins für Sanitätshunde versendet ein Rund­schreiben, dem wir folgende Stellen entnehmen:
   Millionen deutscher Söhne stehen im Felde, um für das Vaterland zu kämpfen. Das Aeußerste ist geschehen, damit die Schrecknisse des Krieges für unsere Brüder, Gatten und Söhne gemildert werden. Nach der Schlacht schwärmen die Krankenträger aus, um ihre verwundeten Brüder zu suchen und ihnen Hilfe und Rettung zu bringen. Die herein­brechende Nacht beeinträchtigt aber das sorgfältige Absuchen des Schlachtfeldes und vie­le, unend­lich viele, denen geholfen hätte werden können, werden nicht gefunden und ge­hen elend zugrunde, besonders aber, wenn sie sich im Gebüsch oder anderen versteckten Orten ver­krochen haben, um sich vor weiteren feindlichen Geschossen zu schützen und zu schwach geworden sind, um menschliche Hilfe herbeizurufen. Die Sanitätshunde, die planmäßig das Gelände absuchen, sollen diese versteckt liegenden Verwundeten finden und ihnen Hilfe bringen. 500 Sanitätshunde sind bereits ins Feld geschickt. Täglich werden weitere Erfolge von diesen gemeldet. Das Kgl. Kriegsministerium wird in allernächster Zeit wieder 500 Sanitätshunde in die Sanitätskompagnien einstellen, weil feststeht, daß diese sich her­vorragend bewähren. Wieviele Menschenleben von diesen Hunden gerettet wer­den kön­nen, geht daraus hervor, daß einzelne Hunde schon in einer Nacht bis zu 6 Schwerver­wundeten gefunden haben. Dem Kgl. Kriegsministerium werden die Hunde von dem Deut­schen Verein für Sanitätshunde unentgeltlich zur Verfügung gestellt, nachdem diese von ih­ren Führern, in mühevoller Arbeit, bei den einzelnen Sammelstellen ausgebil­det worden sind. Weiter werden die Führer und Hunde vom genannten Verein auch für das Feld aus­gerüstet. Hierdurch entstehen demselben sehr große Unkosten, die durch freiwilli­ge Bei­träge aus Privatkreisen aufgebracht werden müssen, weil staatliche Mittel nicht zur Verfü­gung stehen.
   Es ist eine Ehrenpflicht aller Daheimgebliebenen zur Förderung dieses vaterländischen Zweckes zu spenden, gilt es doch, durch die Sanitätshunde Menschenleben zu retten. Es kann leicht der eigene Sohn, Bruder, Gatte oder ein Verwandter sein, der so gerettet wird und dem Leben erhalten bleibt.
   Leiter der Bonner Sammelstelle ist Polizeikommissar Flaccus, Kirsch-Allee 23.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 3. Dezember 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 3. Dezember 1914„Gold gab ich für Eisen.“ Da so viele Leute alte Goldsachen in Ecken und Truhen liegen haben und auch mancher seinen Trauring gern dem Vaterland opfern möchte, mache ich den Vorschlag, daß unsere Regierung eine Tauschstelle errichtet; ich für meinen Teil wäre stolz darauf, für meinen goldenen Trauring einen aus Eisen zu bekommen mit der Inschrift: Gold gab ich für Eisen 1914/15. Chr. D. Ahrweiler

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)