Montag, 30. November 1914

 

Eine zu beherzigende Warnung. Das stellvertretende Generalkommando in Stuttgart erläßt folgende Bestimmung: „In den letzten Wochen haben zu wiederholten Malen in Stadt und Land mit Beziehung auf den gegenwärtigen Krieg völlig aus der Luft gegriffene, beunruhigende Gerüchte Verbreitung gefunden. Ich warne nachdrücklich vor der Ausstreuung oder Weiterverbreitung solcher Gerüchte und verfüge gemäß § 4 und 9 Ziffer b des Gesetzes über den Belagerungszustand vom 4. Januar 1851 folgendes: Wer vorsätzlich oder fahrlässig mit Beziehung auf den gegenwärtigen Krieg falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, die geeignet sind, in der Bevölkerung Beunruhigung hervorzurufen, wird, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.“ Flaumacher gibt es leider nicht bloß im Bezirk des Generalkommandos Stuttgart. Sie mögen alle die vorstehende Warnung beherzigen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Vor einem Café an der Bahnhofstraße lärmte heute früh um 6 Uhr ein junger Vaterlandsverteidiger so lange, bis der Geschäftsführer des Cafés den jungen Soldaten, der offenbar etwas zu viel Alkohol genossen hatte, durch einen vorüberkommenden Unteroffizier festnehmen ließ.

Der Wehrbund hielt gestern abend im Saale von Vianden in Poppelsdorf eine gut besuchte Versammlung ab, die von Herrn Dr. Brüggemann mit einem Hinweis auf die Bedeutung des Wehrbundes eröffnet wurde, wobei er mit warmen Worten zum Beitritt aufforderte. Die Versammlung stimmte hierauf das Lied „Deutschland über alles“ an.
  
Privatdozent Dr. Ohmann hielt einen sehr klaren und lehrreichen Vortrag über die Kämpfe auf dem östlichen Kriegsschauplatz. Er wies darauf hin, daß man bei Betrachtung dieser Kämpfe immer daran denken müsse, daß die Deutschen einer großen russischen Uebermacht gegenübergestanden hätten, weil der Hauptschlag anfangs gegen Frankreich gerichtet war. (...) In Ostpreußen habe Hindenburg mit seiner Kautschuk-Taktik die Russen in die masurische Seenplatte hereingelockt und dort umzingelt. 250 000 bis 300 000 Russen wurden in dem Seengebiet gefangen oder vernichtet. Das war die ruhmvolle Schlacht bei Tannenberg, die ein erneutes Vordringen in Ostpreußen unmöglich machte. (...) Die ganze Schlachtfront der Deutschen und der verbündeten Oesterreicher habe eine Länge von annähernd 1000 Kilometer. Die Kämpfe seien noch im Gange, aber der Plan des russischen Generalstabs sei durchkreuzt und ein großer Sieg ähnlich wie bei Tannenberg sei in den nächsten Tagen zu erwarten.
   Zum Schluß wurde mit Begeisterung „Die Wacht am Rhein“ gesungen.

Die Ortskrankenkasse hielt gestern morgen eine Ausschußsitzung, die anfangs so schwach besucht war, daß es längere Zeit fraglich schien, ob sie überhaupt beschlußfähig werde. Der Vorsitzende, Herr Kall, erstattete einen Bericht, in dem er darauf hinwies, daß der vorgelegte Voranschlag für 1915 nicht genau maßgebend sein könne, aber die Erfahrungen der Kriegszeit seien berücksichtigt worden, und man hoffe, daß der Krieg im Frühjahr beendet sein werde. Von den Mitgliedern und aus der Mitte des Vorstandes seien manche Herren einberufen , das Vorstandsmitglied Herr Koops sei bereits gefallen. Die Versammlung erhob sich zu Ehren der bereits Gefallenen. Die Kriegsnotgesetze vom 5. August hätten eine Menge Einschränkungen verursacht. Die Leistungen seien auf die Regelleistungen herabgesetzt und die Beiträge auf 4 ½ Prozent erhöht worden. (...) Gleich nach Ausbruch des Krieges habe der Vorstand durch die Presse darauf hingewiesen, daß die zum Heeresdienste einberufenen Kassenmitglieder freiwillig in der Kasse verbleiben könnten, aber nur etwa 250 Personen hätten davon Gebrauch gemacht. Für die Unterstützung von 70 verwundeten Kriegern seien bisher 6570 Mark ausgegeben worden.
  
Die Mitgliederzahl der Kasse sei von 21 500 auf 15 600 gefallen, dann aber wieder auf 17 000 gestiegen. Die Aerzte hätten sich bereit erklärt, die Familien der im Felde stehenden und durch den Krieg arbeitslos gewordenen Mitglieder unentgeltlich zu behandeln. Sie bitten aber auf ihre Ueberlastung Rücksicht zu nehmen.

Das Schlußturnen des Turnlehrerinnen-Kursus nahm gestern nachmittag in der Turnhalle der Hundsgasse unter dem Vorsitz des Herrn Schulrat Ewerding einen anregenden Verlauf. In der schönen Doppelhalle entfaltete sich bald ein recht frischer Turnbetrieb. Die Teilnehmerinnen, ungefähr 70 Damen in flotter Turnkleidung, nahmen zunächst Aufstellung zu gemeinsamen Freiübungen. Hierbei interessierte besonders ein exakt ausgeführtes Keulenschwingen. Es folgten im schnellen Wechsel gelungene Uebungen an Klettertauen, am Barren, Reck, Pferd und Kasten. Den Schluß bildete ein reizender Reigen: ein finnländischer Webertanz zu den Klängen einer Zupfgeige und dem sich stets wiederholenden Kehrreim: „So weben wir die Leinwand, so weben wir fleißigen Weberinnen schnell unsere weiße Leinwand.“ Der graziöse Reigen gefiel allgemein. Die gesamten, unter Leitung des Turn-Inspektors Schröder stehenden Darbietungen zeugten von einer allseitigen turnerischen Ausbildung. Sie fanden den ungeteilten Beifall der zahlreich erschienen Zuschauer.

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Morgenkonzert in der Beethovenhalle.
Es ist eine weibliche Feder, die uns mit gutem Blick und liebevollem Herzen für unsere Krieger folgende Schilderung von dem gestrigen Morgenkonzert in der Beethovenhalle gibt:
   Sonntagstimmung scheint über der Halle zu liegen, wohl noch leiser als sonst gehen die Pflegerinnen zwischen den Betten umher, hier noch eine Decke, dort noch ein Kissen zurechtlegend. Einem der Krieger, die hier treue Pflege gefunden haben, wird ein Stuhl hinter den Rücken gelegt, dann kommen die Kissen, und befriedigt setzt der Verwundete sich zurück, nun sitzend der Genüsse wartend, die ihm und seinen Kameraden den Sonntag einleiten sollen.
   Genüsse, hier, an der Stätte der Schmerzen? Ja, man darf es wohl ruhig so nennen, was hier von der Liebe und der Kunst guter Menschen denen gebracht wird, die ihr Blut zu unserm Schutz und Heil draußen vergossen haben. Und sie selbst nennen es wohl auch so, wenn ich die Stimmung, die durch die weite Halle wehte, richtig aufgefaßt habe. Feierlich ernst wirkt der Schmuck der Halle: Palmen und Lorbeerbäume und deutsche und österreichische Fahnen, die zusammenwirkend den Charakter des Lazarettmäßigen verwischen.
   Einzelne Patienten wandern langsam auf und ab, andere haben einen richtigen Skatklub gegründet, mit Kiebitzen und allem Zubehör, nur die große Flasche auf dem Tisch – frisches Wasser – wirkt ein bißchen fremd.
   Die im Bett Liegenden lesen; ein gutes Buch, ein lieber Brief hilft ihnen über die Leere der Stunden hinweg. Hier und da schweift ein erwartender Blick nach der Orgel – endlich ertönen leise, feierliche Klänge. Händels Messias, unsere Beethovenorgel, Heinrich Sauer und die wundervolle Akustik der Halle – das mußte ja gut werden, selbst dann, wenn der selbstlose Künstler seinem Instrument und seiner Kraft Zügel anlegen muß, weil „donnernde Akkorde“ sich auf die selbst unter der Orgel aufgestellten Betten unwillkommen fortpflanzen würden. Vom Messias ein Ueberklingen in Choräle, die jedem der unten liegenden und sitzenden Kranken Erinnern an die Sonntagmorgen vor dem Krieg wachrufen, ein schüchterner, kaum sich hervorragender Dank.
   Nach kleiner Pause steht ein Kamerad all der Verwundeten neben dem Organisten. Es ist dessen Bruder. Alle Schrecken des Feldzuges sind auch an ihm vorübergebraust, sein Arm ist zerschossen, schon kehrt Gesundheit zu ihm zurück und erfüllt ihm mit Dank gegen das gütige Schicksal, das es ihm schon wieder möglich macht, seiner geliebten Kunst zu leben. Alles drängt ihn, diesem Dank Ausdruck zu geben, und hier findet er den rechten Platz, das am Herzen zu tun und er findet auch den rechten Ton: „In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“. Wie tief die künstlerisch gebotene Gabe zu Herzen geht, sehen wir an einem der Kranken. Anscheinend teilnahmslos lag er bis jetzt, nun kommt ein Ausdruck des Lauschens in sein Gesicht, ein Erinnern. Er deckt die Augen mit der Hand. Wann und wo mag „Sarastro“ ihm zuletzt gesungen haben? Reicherer Beifall folgt dem Lied und den sich anschließenden Klängen aus den „Meistersingern“, und jetzt ist der Kontakt zwischen den Künstlern und den Hörern hergestellt.
   Wünsche werden laut, bereitwillig ertönt Löwes wundervoller „Prinz Eugen“, der begeistert aufgenommen wird. „Deutschland über alles“ und „Die Wacht am Rhein“ geben den Kranken Gelegenheit, ihrem übervollen Herzen Luft zu machen.
   Inzwischen sind die beiden Künstler zur Mittelgallerie zum Flügel gegangen, und wieder begleitet Direktor Sauer seinen Bruder zu dem volkstümlichen Lied der Waffenschmied: „Auch ich war ein Jüngling im lockigen Haar“. Da treffen wohl die Gedanken und Wünsche des Künstlers mit denen seiner dankbaren Zuhörer zusammen: „Wenn Redlichkeit käme als Waffenschmied ... das wär eine köstliche Zeit“. Zum Schluß ein schneller Abschied von den Kranken – selbst einige Mitglieder des unentwegten „Skatklubs“ kommen dazu heran – und schon ertönt das verheißungsvolle Klirren der Bestecke und der Duft der hereingetragenen Suppe kündet den Beginn des Mittagmahls.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 30. November 1914Ein endlos langer Trauerzug bewegte sich gestern nachmittag zum Kessenicher Friedhof. Der Landsturmmann Wilberts aus Kessenich, der am Donnerstag , als er am Brühler Schloßteich Posten stand, von einem Zug überfahren wurde und bald danach starb, wurde zur letzten Ruhe geleitet. Viele hundert Leidtragende folgten dem Trauerwagen, darunter viele Kameraden des Herrn Wilberts, Mannschaften des Landsturmbataillons Bonn, eine Schulkindergruppe und viele, viele Männer und Frauen. Die außergewöhnlich starke Beteiligung bewies, welche Sympathie der so jäh ums Leben gekommene – er ist Vater von 5 Kindern – bei der Bürgerschaft genoß.

Das Säuglings- und Kinderheim auf Hohen-Eich, in Bonn-Endenich, das zu Beginn des Krieges gegen Mitte August von der Familie Rud. Küpper sen. mit Unterstützung weiter Kreise ins Leben gerufen wurde, hat sich nunmehr einer mehrmonatlichen segensreichen Wirksamkeit zu erfreuen.
  
Unter der Leitung der rührigen Säuglingsschwester Margarethe, in ständiger Mitarbeit ihrer Schwester Else und einer Anzahl junger Damen wurden im Laufe der Wochen im ganzen ca. 60 Kinder bedürftiger, im Felde stehender Krieger aus Bonn und Umgegend, bis vor kurzem gänzlich kostenfrei, vollständig gepflegt. In letzter Zeit ist man dazu übergegangen, mit Hilfe der Armenverwaltung die Verhältnisse der betreffenden Familien genauer zu prüfen und da, wo dieselben es zuließen, eine kleine Gegenleistung von etwa 6-10 Mark monatlich für das Heim zu fordern. In diesem letzteren Falle war gleich zu erkennen, welche Frauen bereit waren, im Interesse ihrer Kinder ein Opfer zu bringen und welche es vorzogen, dieselben wieder regellos auf die Straße zu schicken, um selbst besser leben zu können!
   Das Heim war in den ersten Wochen seines Bestehens mit durchschnittlich 20, später mit 30 Kindern vom Säuglingsalter bis zum Alter von vier Jahren belegt. Eine gründliche, rationelle Pflege führte bei den Kindern in den weitaus meisten Fällen, zur Freude der Pflegerinnen dahin, daß aus teils verwahrlosten, schlecht genährten und rachitisch erkrankten, unter ärztlicher Oberleitung frische, gesunde, rotwangige und – wohlerzogene Kinderchen wurden, von denen heute der größere Teil herumspringt, schwatzt, singt und spielt. Aus den schwachen Geschöpfchen, die, als sie ins Heim eingeliefert wurden, von ihren Beinchen keinen oder nur sehr schwachen Gebrauch machen konnten, wurden frische, gesunde Kinder. Bei den Säuglingen ergab die Kontrolle durch die Wage recht schöne Erfolge: in einem Falle, wo Kunst und Erfahrung nicht helfen wollten, half die freundliche Frau Nachbarin zu durchschlagendem Erfolg! Zunahme wöchentlich 100 bis 200 Gramm. Das kleine Karlchen, um dessen Erhaltung man sich schon schwer sorgte, war gerettet und bekam in wenig Wochen runde Backen!
   Was nun die Unterhaltungskosten des Heims anlangt, wird folgendes alle Freunde der Sache interessieren. Einrichtungsgegenstände, Betten mit Zubehör, Kinderwagen, Geschirre jeder Art wurden von der Bürgerschaft ausreichend zur Verfügung gestellt. (...)

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)