Freitag, 20. November 1914

 

Universität. Durch Anschlag am Schwarzen Brett werden alle Militärpflichtigen, die im Besitze eines Berechtigungsscheines für Einjährig-Freiwillige sind und noch keinen endgültigen Bescheid über ihr Militärverhältnis haben, aufgefordert, sich Montag, den 23. November auf dem Militärbüro, Rathausgasse, zu melden.

Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914In einem Feldpostbrief aus dem Schützengraben im Westen, den man uns zur Verfügung stellt, heißt es: „Schon ... (Auslassungen im Original) Tage in den Schützengräben, stündlich Gefecht von Infanterie und Artillerie, trockenen Zwieback, dünnen Kaffee, hartes Lager und steten Regen, welcher den Lehm schleimig und zäh macht, und dabei immer noch Scherze, Frohsinn und Kampfeslust, das sind wir Deutschen. Uns kann man nicht unsere gute Stimmung verderben, besonders wenn wir, wie bisher, jeden Tag so ein paar vorwitzigen Zuaven und Engländern die Kerze ausblasen. Unsere Aufgabe um (...) besteht darin, den Feind nicht nach (...) durchbrechen zu lassen. Dann werden wir in ein paar Tagen den Herrschaften das Fell so gerben, daß diese schwarze, gelbe und weiße Gesellschaft von keinem europäischen Doktor mehr kuriert werden kann. Ich habe den Posten als Gefechtsordonanz und bin von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens in den vorderen Gräben. Langeweile habe ich nicht, denn wenn ich keinen Dienstgang habe, beobachte ich die nutzlose Knallerei des Gegners, welcher, wie mir scheint, nachts nur schießst, um sich wach zu halten während von unserer Linie nur in längeren Pausen mal ein Schuß fällt, aber unter Garantie hat der auch sein Ziel erreicht. Ob Artillerie oder Infanterie, das ist ganz gleich. (...) Durch unsere eiserne Mauer kommt dieses internationale Gesindel kaum noch durch, oder sie müssten selber von Stahl sein, was ich sehr bezweifle. Es sind schon viele Engländer vor Hunger über die Linie zu uns übergelaufen.“

Fischerei. Die Ausübung der Fischerei durch Ausländer wird im Bereich des stellvertretenden Generalkommandos des 8. Armeekorps verboten.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Deutsche Flieger sind wiederholt durch Schüsse und Steinwürfe bedroht worden, weshalb der Oberbürgermeister das Publikum vor solchen Ausschreitungen warnt und auf die Strafbarkeit einer derartigen unbesonnenen Handlungsweise nachdrücklich hinweist.

Auch ein Kriegberichterstatter. Man schreibt uns. Als ich am Donnerstag nachmittag mit meiner Familie einen Spaziergang über den Venusberg machte, hörten wir in der Nähe des Kaiser-Wilhlem-Denkmals jemanden hinter uns über kriegerische Ereignisse reden. Der Stimme nach mußte es ein junger Mann sein, vielleicht ein Kriegsfreiwilliger, der seine Erlebnisse zum Besten gab. Wir unterbrachen unsere Unterhaltung und lauschten den Worten des jungen Kriegers. „Du mußt Dir das nicht so einfach vorstellen; acht Tage im Schützengraben liegen, ist keine Kleinigkeit. Da wird man abwechselnd naß und trocken, und in den Nächten ist es jetzt schon so kalt, daß man sich Eisbeine holt. Und, wenn die feindlichen Granaten einem um den Kopf fliegen, geht’s ssst, ssst, ssst! Dann heißt es Köppe ducken, sonst ist man verloren.“ An einer Wegekreuzung warteten wir, um den jungen Krieger, der so lebhaft seine Erfahrungen aus dem Felde wiedergeben konnte, an uns vorübergehen zu lassen. Wie erstaunten wir! Anstatt eines jugendlichen Kriegers sahen wir – einen etwa 10 bis 11 Jahre alten Gymnasiasten, der dem in seiner Begleitung befindlichen Dienstmädchen die Unannehmlichkeiten des Krieges auseinandersetzt.

Eine junge Deutsche, die vorige Woche aus England zurückgekehrt ist, schreibt u.a., daß die im August eingetretenen englischen Rekruten noch immer in Zivil umherlaufen. Etwa vier vom Hundert hätten eine Uniform. In ganz England werde riesig über die Deutschen gelogen. Die Angst vor deutschen Spionen und Luftschiffen sei ungeheuer. Die Polizei ging eine Zeit lang abends in jedes Haus und sagte: „Sobald Ihr einen Zeppelin hört, so geht in Eure Keller.“ Natürlich schlief dann niemand vor Angst. Auf den Straßen verkaufe man für einen Penny Eiserne Kreuze mit der Aufschrift „Altes Eisen“. Um deutsches Spielzeug nachzuahmen, habe man ein neues Haus gegründet. Ueberall herrscht eine Riesenangst, die Deutschen, oder wie man sagt die „Hunnen“ würden in England landen, dann sei es mit England aus. Dann komme es unter die eiserne Faust des deutschen Reiches.

Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 20. November 1914Bonner Straßenbilder. Ein Pechvogel. Einige Leichtverwundete sitzen im Hofgarten in der Herbstsonne, rauchen ihre Zigarre und erzählen vom Krieg. Ein junger, frischer Infanterist läßt die Bemerkung fallen, daß er bereits dreimal auf dem Kriegsschauplatz war. Darob Erstaunen und Fragen. Darauf erzählt der junge Krieger seinen aufhorchenden Kameraden folgendes: „Das erste Mal kam unsere Kompagnie mit dem Zug bis Lüttich. Von dort marschierten wir auf B. zu. Unterwegs begegnete uns eine Munitionskolonne. Ein Gespann ging durch und rannte uns in der Flanke. Der Wagen überrannte meinen Fuß, und ich erlitt eine Sehnenzerrung. Ich mußte zurück. In vier Wochen war der Schaden geheilt, und froh wollte ich mich zur Front begeben. Aber auch diesmal kam es nicht so weit. Zwei Stunden nach der Ankunft in S. bekamen wir vom feindlichen Vorposten auf der Straße von B. Flankenfeuer. Ich Unglücksrabe war natürlich der einzige, der etwas abbekam. Eine Kugel durchschlug meinen Oberschenkel. Also gings wieder zurück. Diesmal dauerte es einen Monat, ehe mein Bein heil war. Hoffentlich – ich war schon mißtrauisch geworden – kommst du an die Front, dachte ich, als ich mich jetzt zum dritten Male nach Belgien begab. Aber ich hatte nicht mit meinem Pech und mit den Franktireurs gerechnet, die uns in einem kleinen Dorf bei D. heimtückisch überfielen. Der Effekt war der, daß ich zum dritten Mal – mit welcher Wut könnt Ihr Euch denken – zurückmußte, diesmal mit einem Armschuß, der aber in 14 Tagen heil sein wird. Dann aber, setzte der Unglücksrabe frohen Mutes hinzu, hoffe ich endlich einmal an die Front zu kommen.
    Ein bärtiger Jäger spaziert langsam durch die kahlen Felder. Wir begegnen uns, und da ich meinen krummbeinigen Dackel aus den Augen verloren habe, frage ich den Jäger, ob er meinen Hund gesehen habe. Er zuckt die Schulter. Ich nehme an, daß er meine Frage nicht verstanden hat und wiederhole sie. Aber schon kommt mein Hund mit ?schenden Ohren herangesaust und springt schwänzelnd an dem Krieger empor. Der bückt sich lächend und streicht das glänzende Fell des Tieres. Ich biete dem Jäger eine Zigarre an und rede noch einiges daher. Dabei wundere ich mich, daß der Jäger, dessen Brust das Eiserne Kreuz schmückt, unverletzt und dabei so wortkarg ist. Ich frage ihn nach seinen Verletzungen, er aber zuckt immer wieder die Schulter. Ich werde nicht klug aus ihm. Da nimmt der große starke Mann ein Notizbuch aus seiner Tasche, kritzelt etwa in das Buch und gibt mir das herausgerissene Blatt. Ich lese: „Durch einen Schrapnellschuß Gehör und Sprache verloren“. ….

Ein Bonner Student, Herr Ferd. Lommel, der als freiwilliger Krankenpfleger im Felde steht, sendet uns folgendes Gedicht aus Montmédy, das er auf einsamer Wacht verfaßt hat:

Einsam in dunkler Nacht
Steh' ich auf stiller Wacht,
Drunten am Wiesenrand,
In Feindesland.

Hei wie der Wind sich regt
und durch die Lüfte fegt;
Wolken von Regen schwer
Treibt er einher.

„Nur lustig zu, nur zu",
Krächzt aus dem Wald Uhu,
Käuzchen von fern her schreit:
„Sei wohl bereit."

„Feinde in jedem Fall,
Feinde sind überall.
Und wenn der Feind dort naht,
Droht Dir Verrat."

Ich steh' wie festgebannt,
Auge und Ohr gespannt,
Doch die Gedanken zieh'n
Zur Heimat hin.

Schläfft wohl, mein Schätzelein,
Träumst von dem Buben Dein,
Der aus dem Vaterhaus
Jüngst zog hinaus.

Doch darum weine nicht,
Tat ja nur meine Pflicht,
Ist's nicht mein Heimatland,
Mein Vaterland?

Nicht halt ich Wiederkehr,
Wenn nicht mit Deutschlands Ehr;
Darum nur bete still:
„Wie Gott es will."

Ich steh' in Gottes Hand
Wie auch mein Vaterland;
Und er behüte dich
Als auch wie mich.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Stadttheater. Dem biederen alten Dr. Klaus, der in der gestrigen Volksvorstellung seine Wirkung auf Herz, Gemüt und Zwerchfell nicht verfehlte, folgt heute eine Nestroy’sche Posse: Lumpazi Vagabundus, welche der unverdienten Vergessenheit entrissen wurde, um mit Vermeidung der trivialen Tagespossen ein humorvolles Werk der Wiener Schule vorzuführen. Bei diesem Anlaß wird man gern auch mal wieder Gesang und Musik im Rahmen einer Theatervorstellung hören, um sich ganz der in den ernsten Tagen doppelt notwendigen Entspannung hinzugeben. Das städtische Orchester wirkt heute abend unter Sauers Leitung mit.

Populärwissenschaftliche Vorträge. Heute abend findet im Bonner Bürgerverein der zweite derselben statt, den der Dozent der freien Hochschule zu Berlin, Herr Dr. Koeppen über das Thema „Auf den Spuren unserer Armeen in Ost und West“ halten wird. (Mit Lichtbildern.) Der Zufall will es, daß dieser Vortrag gerade in dem Augenblicke eghalten wird, wo unsere ganze Aufmerksamkeit auf den Osten Deutschlands gelenkt ist. Der Redner führt uns unmittelbar auf den Kriegsschauplatz. Mit ihm weilen wir an den ernsten masurischen Seen, an der russischen Grenze, im Lager unserer Truppen. Land und Leute sind dem Redner gut bekannt, denn er hat diese Gegenden nicht nur oft bereist, sondern auch im Auftrage der Regierung dort kulturhistorisch hoch interessante photographische Aufnahmen gemacht. Weiter führt dieser Vortrag nach Belgien. Mit unseren Truppen ziehen wir in Lüttich ein, fahren nach Brügge, Gent, Mecheln, Brüssel und bewundern mit unseren Soldaten die uralte deutsche Kultur, denn diese Städte waren einst gut deutsch. Von Belgien führt der Weg nach dem alten Reims. Eine Fülle der prachtvollsten Bilder, von denen viele unmittelbar auf dem Kriegsschauplatze aufgenommen sind, begleiten den Vortrag.

Ein Warenhaus im Felde. Die Aktiengesellschaft Leonard Tietz hat auf Veranlassung der Heeresverwaltung in Chauny im Norden Frankreichs in der Nähe von St. Quentin eine „Zentralstelle“ für Lebensmittel, Wäsche und sonstige Gebrauchsgegenstände für unsere Soldaten eingerichtet. Das Lager dieser Zentrale wird von Köln aus durch einen Automobilverkehr in kurzen Zeitabständen immer wieder vervollständigt. Mit Errichtung dieses deutschen Warenhauses in Feindesland haben die ungebührlich hohen Preise, die die Angehörigen unseres Heers in Frankreich vielfach für Lebensmittel bezahlen müßten, aufgehört.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 20. November 1914Von einem Mitglied der Bonner Sanitätskolonne in Lille erhielten wir folgenden Feldpostbrief.:
  
„Nach etwa 25stündiger Fahrt traf die Bonner Sanitätskolonne in Lille ein. Aus der ehemaligen Gepäckabfertigungshalle wurde innerhalb von 4 Tagen eine Verbandshalle und ein Erfrischungsraum eingerichtet. Die Verbandshalle ist 12 Meter breit und 15 Meter lang, die Erfrischungshalle 35 Meter lang und 12 Meter breit. Letztere hat zwei Abteilungen, eine für Offiziere, eine für Mannschaften. Die Räume mußten erst einer gründlichen Reinigung unterzogen werden, da sie als Pferdeställe benutzt worden waren. In kurzer Zeit waren die Hallen weiß gestrichen und alles zweckentsprechend und auf das Schönste eingerichtet. Eine solche Verbandsstation war ein dringendes Bedürfnis, da die bisherige provisorische Einrichtung den Anforderungen nicht gewachsen war. Am 10. Nov besichtigte Fürst Adolf zu Schaumburg-Lippe diese Einrichtung des Roten Kreuzes. Er sprach sich lobend über die so schnelle Herstellung der Halle und über die große Opferfreudigkeit der Bonner aus. Die Station trägt den Namen „Prinzessin Viktoria“. Möge sie dazu beitragen, die Not und die Schmerzen unserer Verwundeten zu lindern .... Gestern kamen 2000 Gefangene, Franzosen und Engländer hier durch. Die Bevölkerung warf den Gefangenen Brot, Schokolade, Wein, Eier zu, es war fast lebensgefährlich. Weiber und Kinder weinten laut, aber kein böses Wort gegen unsere Soldaten wurde laut. Man hörte sagen: „La guerre c’est und grand malheur.“ Die Engländer durften sofort die Pferdeställe reinigen, Schaufeln bekamen sie nicht, alles mit der Hand, es sah nett aus. Ferner durften sie sogar die Latrinen ausleeren, was die Leutchen natürlich sehr „gerne“ taten. Die gefangenen Franzosen standen hohnlachend dabei, denn sie können die Engländer nicht leiden. Sie sagten nur: „Vous avez und mauvais coeur“ ....

Vogelsteller üben wieder ihr unschönes Gewerbe aus. An den Abhängen des Kreuzbergs kann man besonders an Sonn- und Feiertagen häufig an fünf bis sechs Stellen derartige Leute sehen, die mit Leimruten und Schlingen den harmlosen Tierchen nachstellen. Hoffentlich sorgen die berufenen Polizeiorgane dafür, daß diesen sonderbaren Vogelfreunden ihr schädliches Handwerk gelegt wird.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)