Dienstag, 17. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Vorbereitung für den Kriegsdienst. Daß auch in unserer Jugend noch ein echt soldatischer Geist lebt, das hat der gestrige Sonntagnachmittag bewiesen. Ungeachtet des kalten Sturms und nassen Schneetreibens, bei dem der biedere Bürger sich hinter den warmen Ofen verkroch, konnte man auf den Exerzierplatz auf dem Venusberg von zwei Uhr ab ein lebhaftes militärisches Treiben verfolgen. Der Bonner Wehrbund hielt dort seine strammen Übungen ab. Während die eine Abteilung in Stärke einer Kompanie von drei Zügen sich in den verschiedensten Formationen bewegte und sich durch keinen noch so heftigen Stoß des wilden Windes aus der geschlossenen Ordnung bringen ließ, sah man eine andere Abteilung sich bei peitschendem Schnee- und Hagelwetter im Brückenbau üben, und hörte dazwischen immer wieder von den nahen Schießständen das scharfe Knallen einer sich im Scharfschießen übenden Abteilung. Die Poppelsdorfer Abteilung trat zum ersten Male mit einheitlichen Mützen an. An die verschiedenen Uebungen schloss sich noch ein längerer Dauermarsch durch den Kottenforst an, bis die Abteilungen erst bei voller Dunkelheit wieder in die Stadt zurückkehrten, gilt es doch für unsere weiteren Reserven, sich mit jeder Unbill des Wetters abfinden zu lernen, wenn auch für sie der Ernst des Krieges zur eisernen Notwendigkeit wird.

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Die freiwilligen Krankenträger. Der Ernst des Krieges hat alle Teile unseres Vaterlandes ergriffen, den einen leichter, den anderen schwerer, aber neben den ernsten Schattenseiten hat uns der Krieg manches schöne und erhabene Schauspiel gezeigt. Alle hat die Liebe zum Vaterland geeint, allen Zwietracht vergessen gemacht, nur ein Gedanke ist bestehen geblieben, das Vaterland zu schützen gegen den haß- und neiderfüllten Feind. Männer und Jünglinge, arm und reich, ohne Unterschied sind begeisterungsfreudig hinausgezogen in den Kampf, und die zurückbleiben mußten, wetteifern, jeder nach seinen Kräften, in der großen Aufgabe, denen zu helfen, die Blut und Leben zu opfern bereit sind, für Deutschlands Ehre, des Vaterlandes fernere Zukunft. (...) Auch in unserer Vaterstadt haben sich eine Anzahl unserer Mitbürger zu diesem Liebeswerk vereinigt und mustergültig organisiert, und daß diese Braven über ihrer freiwillig übernommenen, aufopfernden Pflicht doch auch noch ein warmes, mitfühlendes Herz unseren armen Verwundeten bewahrt haben, beleuchtet am besten die Tatsache, daß sie, obgleich einige von ihnen selbst die Not des Krieges hart empfinden, vor einigen Tagen noch einen namhaften Betrag unter sich gesammelt haben, um einem armen, schwerverwundeten Krieger, der fern von der Heimat hier liegt und sich in Sehnsucht nach Weib und Kind verzehrt, das vielleicht letzte Glück zu bescheren, seine Lieben noch einmal bei sich zu sehen. Nicht allein für die Kosten der weiten Reise haben sie gesorgt, sondern auch für Wohnung und Unterhalt für die Frau und Kinder während ihres Hierseins. Wahrlich eine schöne, edle Tat, Anerkennung denen, den sie gebührt. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 16. November 1914Zum Bußtag. Die Bußtagsglocken 1914 haben einen eigenen Klang. Eine schwarz-rote Wolke stand dräuend am Horizont, als die Sonne die Aehrenfelder reifte. Unsere Hoffnung, daß die schwere Wolke vorüberziehen möchte, erfüllte sich nicht. Der langerwartete und langgefürchtete Krieg, der Weltkrieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen, brach aus, und Deutschland im Verein mit unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen griff zum Schwert.
   Mit gutem Gewissen zogen wir in den Krieg. Der Deutsche liebt den Frieden. Unser Kaiser hat ihn mehr als 25 Jahre selbst unter schweren politischen Verhältnissen gewahrt, aber unsere Neider störten unsere friedliche Arbeit, und nun ist der Schrecken des Krieges grauenhaft wach geworden.
   Gewiß, Deutschlands Söhne kämpfen für eine gerechte Sache, aber, fragen wir uns, sind wir für die Segnungen des Friedens unserem Gott dankbar gewesen? Sind wir in diesen langen Friedensjahren nicht allzu lau unseren religiösen Pflichten nachgekommen? Und haben wir unser Deutschtum wohl in dem Sinne gepflegt und gehegt, wie unsere Vorfahren?
   Die Bußglocken sollen uns aufrütteln aus unserer Lauheit und sollen uns wieder den Glauben an Gott stärken und kräftigen. Geschieht die, dann werden wir die schwere Zeit besser ertragen und werden der kommenden – hoffentlich baldigen Friedenszeit – würdig sein.

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Bönnscher Humor im Felde. Herr Beigeordneter Dr. Lühl, der als Hauptmann im Felde steht, schreibt uns:

Sehr geehrte Schriftleitung!
Da sich in meinem Regiment viele Leute aus Bonn und Umgebung befinden, wird es vielleicht für viele von Interesse sein, wenn ich an einem kleinen Beispiel zeige, welchen Humor sich unsere braven Landwehrmänner selbst in kritischen Verhältnissen zu bewahren wissen. Sollten wir da kürzlich in einem Dorfe – nebenbei in einem scheußlichen Schmutznest – Unterkunft beziehen. Kaum waren wir angelangt und hatten Halt gemacht, als die Franzosen begannen, das Dorf unter Granatfeuer zu nehmen. Da meinte einer von meinen Leuten: „Sinn die jeck? Senn die dann net, dat he Löck stonn?“ Und ein anderer erwiderte: „Die maache noch esu lang, beß dat se eenen duht geschosse hann!“ – Für die regelmäßige Zusendung des General-Anzeigers nochmals vielen Dank und freundlichen Gruß!                    
Lühl

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914„Unteroffizier-Kasino Villa Duft“. Eine Anzahl Bonner von der „Leichten Munitions-Kolonne, 2. Abtlg., Feld.-Art.-Reg. Nr. 23, 8. Armeekorps, 16. Div.“ danken aus dem Schützengraben für zwei prachtvolle Liebesgabenpakete, die ihnen auf ihre Bitte im „General-Anzeiger“ aus Bonn zugegangen sind. Sie konnten sich zunächst gar nicht erklären, woher die Pakete stammen, bis ihnen beim Oeffnen Aufklärung wurde. Zum Dank hat einer der Artilleristen eine naturgetreue Zeichnung ihrer selbsterbauten Blockhäuser eingesandt, die wir in unserem Schaufenster zum Aushang bringen. Die „Prachtbauten“, wie auch die handkolorierte Zeichnung machen ihren Schöpfern alle Ehre. Eine der beiden Blockhütten, die auch der gärtnerischen Anlagen nicht entbehren, trägt die Aufschrift: „Unteroffizier-Kasino Villa Duft“.

Liebesgaben. Die Firma H. Underberg-Albrecht in Rheinberg spendete als Liebesgabe 100.000 Fläschchen „Underberg-Boonekamp“.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Pellkartoffeln. Ich als alte Köchin muß Ihnen sagen, daß Kartoffeln mit der Schale sehr viel schmackhafter sind als geschälte, namentlich wenn die kleinen Kartoffeln, nachdem sie gequellt sind, fein knusprig gebraten werden. Zu gekochtem Gemüse ist es wahrlich Leckerbissen und man braucht auch nicht viel Fett dazu. Von kleinem Kind an habe ich mich darauf gefreut. Eine ältere Köchin aus Godesberg.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 17. November 1914Vaterländische Reden und Vorträge. Morgen abend 8¼ Uhr spricht in der Aula des Städtischen Gymnasiums Herr Prof. Dr. Graff über die Wirkung moderner Kriegsgeschosse mit Lichtbildern. Der Vortrag wird am Samstag abend wiederholt.

An den Gräbern der in Bonner Lazaretten gestorbenen Soldaten auf dem Nordfriedhof findet am nächsten Sonntag nachmittag 3½ Uhr eine schlichte Gedenkfeier statt. Pastor Lorenz von der evangelischen Gemeinde wird eine Ansprache halten, ein Gesangverein trägt einige Chöre vor.

Aus einem Feldpostbriefe an die Deutsche Reichszeitung setzen wir die folgende Stelle hierhin, aus der hervorgeht, daß die Deutsche Reichszeitung auch im Felde eine liebe Freundin ist.

„Als alter Abonnent der Reichszeitung, konnte ich mich auch in Feindesland nicht von meinem Leibblatt trennen. Nach langen Warten komme ich jetzt aber, mehr oder minder pünktlich, wie es gerade der Feldpost einfällt, in den Besitz. Ich kann versichern, des abends bei Ankunft der Post, die erste Frage auch meiner Kameraden, unter denen sich auch mehrere aus der Umgebung von Bonn befinden, (die auch zu Hause eifrige Leser der Deutschen Reichszeitung waren) nach der Reichszeitung ist. Außer den Kriegereignissen werden von uns Bonnern auch die lokalen Nachrichten durchgenommen ...“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)