Donnerstag, 12. November 1914

 

Schule und Krieg. Im Reichsanzeiger erläßt der Unterrichtsminister eine Bekanntmachung, worin er die ihm unterstellten höheren Lehranstalten auffordert, in einzelnen Unterrichtsstunden durch stetige Bezugnahme auf die Großtaten unseres Volkes und auf die gewaltigen Leistungen unseres tapferen Heeres in die Seele der Jugend den Samen der vaterländischen Begeisterung einzupflanzen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Das Garnisonskommando gibt bekannt: In militärischem Interesse wird für Bonn und Vororte den Besitzern bzw. Inhabern von Wirtschaften und Schanklokalen jeder Art verboten, nach 9 Uhr abends Mannschaften, nach 10 Uhr abends Unteroffiziere ohne Portepee den Aufenthalt in ihren Lokalen zu gestatten oder ihnen Speisen und Getränke zu verabfolgen. Beides ist nur gestattet, wenn diese Militärpersonen sich im Besitze einer vom Kompanie-pp.Chef ausgestellten Urlaubskarte befinden. Gegen Zuwiderhandlungen wird in schärfster Weise vorgegangen werden. Gleichzeitig wird auch das Verbot, an Verwundete alkoholische Getränke zu verabfolgen, in Erinnerung gebracht.

Der Verkauf von Beutepferden durch die Landwirtschaftkammer unter Mitwirkung der rheinischen Pferdezentrale findet nicht Donnerstag und Freitag, sondern Freitag, den 13. November und Samstag, den 14. November von vormittags 10 Uhr an auf dem Schlachthofe in Köln statt. Es gelangen zur Versteigerung ca. 280 Beutepferde. (...) Als Ankäufer sind nur Landwirte zugelassen, die sich als solche durch eine amtliche Bescheinigung ausweisen können und die sich schriftlich verpflichten, die Pferde nur im eigenen landwirtschaftlichen Betriebe zu verwenden. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Der Brudertag des Bonner Kutscher-Vereins, der in Friedenszeiten auf besondere Art gefeiert wird, verlief gestern angesichts der Kriegslage in stiller Weise. Morgens um 9 Uhr wurde ein feierliches Hochamt in der Münsterkirche für die lebenden und verstorbenen Mitglieder und unsere Soldaten im Felde abgehalten, dem die Mitglieder, Ehrenmitglieder und Gönner recht zahlreich beiwohnten. Nach der kirchlichen Feier wurde die Fahne durch die Fahnendeputation zum Vereinslokal gebracht, wo sich nachher unsere biederen Rosselenker zu einem Frühtrunk zusammenfanden.

Die Brennerei-Zeitung stellt in ihrer Nummer 1113 vom 6. November das Telegramm des Kronprinzen, der beim Herannahen der kalten Witterung einen Hilferuf an die Daheimgebliebenen erließ, seinen tapferen Truppen Rum und Arrak als Liebesgaben zuzuführen, in Gegensatz zu einer Kritik des stellvertretenden Kommandeurs vom 7. Armeekorps, der sagt: „Aber höher als der wohltätige Einfluß und das Behagen im Einzelfalle steht die Rücksicht auf die großen allgemeinen Interessen des Heeres und der Kriegsführung des Geistes und der Disziplin unserer Truppen, und da gibt es dem Alkohol gegenüber nur ein entschiedenes Nein.“

Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 12. November 1914Große Bonner Karnevals-Gesellschaft. Schultheiß und Schöppenrat beschlossen einstimmig, in Anbetracht der jetzigen ernsten Zeit von Veranstaltungen jeglicher karnevalistischer Festlichkeiten im Jahre 1915 abzusehen, dafür aber das vorhandene Gesellschaftsvermögen, bestehend in Kostümen usw., soweit es zu verwenden ist, dem Bonner Hilfs-Ausschuß zur Verfügung zu stellen.

Bonner Pfadfinderkorps. Am letzten Sonntag versammelten sich die drei Kompagnien des B. Pf.-K. am Fuße des Tombergs unweit Meckenheim. Es galt den Gründungstag der Hütte zu feiern, deren Bau auf Veranlassung und unter der Leitung des leider allzu früh verstorbenen Hauptfeldmeisters, Herrn Leutnant von Gottberg, begonnen und fast vollendet wurde. Im kleinen Kreise der geladenen Ehrengäste nahm Frau v. Gottberg an der Feier teil. Am Schluß der Rede, die Oberfeldmeister Eichbaum hielt, folgte die Enthüllung des äußeren Namenschildes „von Gottberg-Hütte“ und einer im Innern angebrachten Erinnerungstafel mit dem gemalten Bildnis des Verstorbenen. Nach Beendigung der kleinen, erhebenden Feier, schieden die Gäste, während die Pfadfinder teil zu Fuß, teils zu Rad nach Hause zurückkehrten.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Martinsabend. Im Sprechsaal des „General-Anzeigers“ ist mancherlei für und wider den Umzug der Kinder mit Lampions geschrieben worden. Durch Kriegswirren ist das Fest der Jugend in diesem Jahre sehr geschmälert worden, denn den Schülern und Schülerinnen der Volksschulen wurde das Umherziehen mit Fackeln verboten. Durch diese Maßregel sind namentlich viele ärmere Kinder um eine Freude gebracht worden, nach der sie sich schon lange gesehnt hatte. Wir wäre es, wenn einige wohltätige Damen den armen Schulkindern einen Ersatz für diesen Martinsabend böten? Wenn sie z.B. die bedürftigen Kinder an einem freien Nachmittag in einem großen Saal versammelten, sie dort bewirteten und ihnen schließlich dann auch Gelegenheit böten, einen Umzug mit Fackeln zu machen. Diese Veranstaltung würde namentlich in den Herzen der Kleinen, deren Vater im Felde steht, einen tiefen moralischen Eindruck für die Zukunft hinterlassen. Ein Kinderfreund.

Hohe Kartoffelpreise. Viel ist in der letzten Zeit über die hohen Kartoffelpreise geschrieben worden, ohne bis jetzt erreicht zu haben, daß der Preis heruntergegangen ist. Warum greift die Behörde nicht ein? Warum werden die Preise nicht festgesetzt, wie dies in zahlreichen Städten geschehen ist? Warum kauft die Stadt nicht selbst große Mengen, um sie an Minderbemittelte wieder abzugeben? Dabei wäre es ratsam, die Minderbemittelten durch den Steuerzettel festzustellen, um sicher zu sein, daß in erster Linie die Bedürftigen berücksichtigt werden. In machen Kreisen ist der Höchstpreis auf 2,50 Mk. festgesetzt, hier in Bonn scheint 4 Mark der niedrigste Preis zu sein. Es wäre endlich an der Zeit, energisch einzugreifen, um der ärmeren Klasse die Möglichkeit zu geben, sich wenigstens an Kartoffeln satt zu essen. Hier wäre auch ein breites Feld für Liebestätigkeit. Ein Familienvater, der nicht gerne Kartoffeln mit der Schale isst.

Pellkartoffeln werden in der ganzen Provinz Schlesien, auch in Posen und in Berlin zu Gemüse genossen. Auch in Tirol erhielten wir in einem sehr guten Gasthof zwei bis 3 mal Kartoffeln mit der Schal zu kaltem Fleisch, und alle Gäste, über 20 Personen, waren damit zufrieden. Man sollte die Dinge nicht allein von Bonn und Umgegend aus beurteilen. A.P.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Martinsabend. Am Abend des Vortages von St. Martin und am gestrigen Abend durchzog trotz der ernsten Kriegszeit unsere Jugend in größerer Zahl mit ihren Lämpchen die Straßen der Stadt. Es ist eben das Vorrecht der Jugend, daß sie den Ernst der Lage nicht so durchzukosten hat, wie der Erwachsene. Immerhin wurden auch sie der durch den krieg geschaffenen Stimmung gerecht. Das so schöne „Merteslied“ hörte man fast gar nicht, und wo man doch singen zu müssen glaubte, wurde mit einem patriotischen Liede eingesetzt. Auch für die Kinder ist es besser, wenn sie nicht allzusehr den Unterschied zwischen früher und jetzt durchkosten müssen, wie es verschiedentlich für das öffentliche Leben betont wurde.

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 12. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 12. November 1914Holländische Goldsucher. Der Beueler Kriminalpolizei ist es gelungen, einen holländischen Heringshändler festzunehmen, der von den Leuten Goldgeld einzusammeln suchte, das er mit einem Aufgeld in Papiergeld umtauschen wollte.

Liebesgaben. Von den in der Lese, seiner Hauptsammelstelle, eingehenden Liebesgaben hat der Vaterländische Frauenverein, Stadtkreis Bonn, seit Beginn des Krieges bis Ende Oktober verausgabt: 141 Kissen, 1274 Bezüge, 681 Bettücher, 746 Handtücher, 2268 Hemden, 621 Unterhosen, 1289 Paar Socken, 370 Paar Bettschuhe, 265 Unterjacken, 721 Taschentücher und eine ganze Menge anderer Bedarfsgegenstände. Die Sachen werden in der Hauptsache den hiesigen Lazaretten zugeführt und helfen dort den dringendsten Bedürfnissen ab. Allen Gebern herzlichen Dank, aber auch all den Damen, die in der Lese eifrig tätig sind, die eingehenden Wäschestücke in Empfang zu nehmen, sie zu sortieren, auszubessern usw. Daß die Gebefreudigkeit der Bonner Bürgerschaft nicht nachlasse, ist wohl ein berechtigter Wunsch des Vereins: nur so wird er den stetig steigenden Anforderungen gerecht werden können!

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)