Montag, 9. November 1914

In Galizien beginnen russische Truppen erneut mit der Belagerung der österreichischen Festung Przemysl, die mehr als vier Monate andauern sollte.
Der deutsche Kreuzer Emden, über dessen Kaperfahrten im Indischen Ozean auch die Bonner Zeitungen begeistert berichtet hatten, sinkt nach dem Gefecht mit einen australischen Kriegsschiff.

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914Vierter Vaterländischer Volksabend, veranstaltet von der Bonner Sozialen Wohlfahrts-Vereinigung. Wie beliebt diese Vaterländischen Volksabende sind, zeigte sich auch gestern wieder durch den überaus zahlreichen Besuch. Der große Saal des Bürgervereins war bis zum letzten verfügbaren Platz besetzt. Im Mittelpunkt des Abends stand der Lichtbildervortrag „Die deutsche Seemacht“, in dem Herr Lorenz Schröder die Entwicklung unserer stolzen Flotte schilderte und die wichtigsten Schlachtschiffklassen von der alten Preußen und der Deutschland bis zu den neuesten großen Panzerkreuzern, Torpedobooten und Unterseebooten an guten Lichtbildern erläuterte. Mit ganz besonderer Begeisterung wurde das Bild der Emden begrüßt. Der fesselnde Vortag schloß mit einer Huldigung an den Kaiser. (...) Den musikalischen Teil bestritt diesmal die Bonner Liedertafel, die unter Musikdirektor Werths vortrefflicher Leitung ein doppelchöriges Graduale von A.E. Grell und die stimmungsvolle Werth’sche Ballade „Die letzte Retraite“ sehr klangschön und ausdrucksvoll sang. (...) Zum Schlusse hörte man Wagners Matrosengesang und die „Wacht am Rhein“ mit Wucht und Begeisterung gesungen. (...)

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914

Mit militärischen Ehren wurde gestern Briefträger Remmel von hier beerdigt. Er war als Soldat mit dem 235. Inf.-Regt. Hinausgegangen und in der Nähe von Ypern so schwer verwundet worden, daß ihm im Hospital zu Osnabrück ein Bein abgenommen werden mußte. Kurz nach der Operation starb er am Starrkrampf. Die Leiche war nach Bonn gebracht worden. Eine große Menschenmenge hatte sich zu dem Begräbnis auf dem Neuen Friedhof vereinigt. Den Leichenzug eröffnete der Postverein „Stephania“ mit der Fahne. Zahlreiche Verwundete aus den hiesigen Krankenhäusern befanden sich im Zuge. Die Post-Kapelle spielte Choräle. Am offenen Grabe trug der Verwundeten-Gesangverein aus dem hiesigen Männer-Asyl mehrere Lieder vor. Dann wurde der Sarg hinabgesenkt in die kühle Erde und drei Salven dröhnten über den stillen Friedhof.

Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 9. November 1914Liebesgaben für die Mannschaften der Schützengräben können noch bis heute abend abgegeben werden. Ein Unteroffizier der 160er weilt augenblicklich zum Einkauf in Bonn und reist heute abend wieder zur Front ab. In seinem Eisenbahnwagen ist noch viel Platz. Es können also noch recht viele Liebesgaben für unsere lieben 160er mitgegeben werden. Was der Soldat alles gebrauchen kann, braucht nicht erst gesagt zu werden. Zur Entgegennahme von Liebesgaben für diesen Transport haben sich die Firma Otto Weyrather, Bonn, Ecke Münsterplatz und in Godesberg Herr W. A. Langewische, Hochkreuz, sowie die Firma Inh. Scheben, Koblenzerstraße 36, bereit erklärt.

Martinsabend. Man schreibt uns: Könnte in dieser ernsten Zeit das lustige Umherziehen der Martinskinder nicht untersagt werden? In vielen Häusern herrscht Trauer, dazu stimmen die Lieder und das laute Schellen nicht.

Keine Petroleumnot! Die Mannheim-Bremer-Petroleum-A.-G. erklärt, daß Petroleum in so großen Mengen vorhanden ist, daß die Vorräte bis weit über den Winter heraus ausreichen. Es fänden noch, wenn auch in geringerem Maße, Zufuhren aus dem Auslande statt. Die Gesellschaft habe ihre Verkaufspreise seit dem Beginn des Krieges nicht erhöht, sodaß die Händler keine Veranlassung hätten, die Verkaufspreise zu erhöhen.

Goldumtausch. Unter Führung der hiesigen Handelskammer haben sich eine ganze Reihe angesehener Vereine zusammengetan, um einen allgemeinen Austausch des noch in Privatbesitz befindlichen Goldgeldes gegen Reichsbanknoten und Reichskassenscheine umzutauschen. Um die Arbeit zu erleichtern, dürfte es empfehlenswert sein, etwa vorhandenes Goldgeld schon jetzt der Reichsbank, den übrigen Banken, den Sparkassen, den Postanstalten oder auch der Ortskrankenkasse zuzuführen. Es werden aber auch besondere Vertrauenspersonen, sowie die Kasseneinnehmer der Ortskrankenkasse in nächster Zeit in den Wohnungen vorsprechen, um Goldgeld gegen Banknoten oder Kassenscheine umzutauschen oder etwas vorhandene Beträge in eine Liste einzutragen. Die Beträge werden später abgeholt. Es liegt im vaterländischen Interesse, daß jeder, der Goldgeld besitzt, sich zum Umtausch versteht; er kann in dieser schweren Zeit sich auch hierdurch hilfsbereit erweisen. Unsere Stadt darf auch in dieser Hinsicht nicht hinter anderen Städten zurückstehen.

Die Bitte um warme Decken, Taschenlampen, Seife usw. wird von mehreren Pionieren von Bonn und Umgegend, die bei Sedan verwundet wurden, jetzt aber wieder zur Front abgegangen sind, ausgesprochen. Die Krieger hätten unter der naßkalten Witterung jetzt zu leiden.

Der Schwindler, der hier in der Uniform eines Pionier-Offiziers, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz verhaftet wurde, nachdem er verschiedene Personen angepumpt hatte, war so frech, daß er behauptete, er sei während des Feldzuges im Inf.-Regt. Nr. 16 vom Unteroffizier zum Vizefeldwebel befördert worden. Man habe ihm dann im Interesse des Dienstes in das Regiment Nr. 13 versetzt. Kellnern gegenüber gab er sich als ehemaligen Kollegen aus und versuchte auch sie anzupumpen. Sogar auf die Kegelbahn einer vielbesuchten Wirtschaft hatte er sich begeben und mit Leuten des Kellnerbundes Kegel gespielt. Er war überhaupt nicht Soldat.

Zur Einsperrung der Brieftauben. Das Gouvernement der Festung Köln schreibt uns: „Das Verbot betreffend Einsperrung aller nicht für militärische Zwecke vorgesehenen Tauben ist wie folgt geändert: Den Besitzern ist bis auf weiteres gestattet, ihre Tauben täglich zwischen 12 und 2 Uhr nachmittags fliegen zu lassen: die übrige Zeit sind dieselben eingesperrt zu halten. Die Tauben dürfen nicht vom Schlage entfernt und an anderen Stellen aufgelassen werden. Eine Umgehung dieses Verbotes ist bei Strafe verboten.“

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 9. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 9. November 1914Ein zwölfjähriger Verwundeter ist mit einem Verwundetentransport am Samstag abend hier eingetroffen. Es ist ein „Pfadfinder“, der sich, obwohl er wiederholt zurückgewiesen wurde, einem Regiment angeschlossen hatte. Er machte die großen Märsche und die sonstigen Strapazen der Soldaten freudig mit und brachte ihnen, als es in Feindesland ins Gefecht ging, Munition in die Schützengräben. Dabei wurde er von mehreren Kugeln getroffen. Die Verletzungen des kleinen Helden sind nicht lebensgefährlicher Natur.

Die Not der Kinder, der [entgegen] zu steuern die in den Geschäften der Stadt aufgestellten Zahltellerkassen sich bemühen, ist während des Krieges doppelt groß. Der Vater im Felde, die Mutter oft vergeblich bemüht Arbeit und damit Verdienst zu finden! Wie manches Kind würde da Not und Hunger leiden, wenn nicht die Kinderhorte unserer Stadt ihre Tätigkeit erweitert und die doppelte Anzahl Kinder aufgenommen hätten, denen zum Teil auch Mittagessen gewährt wird. Dadurch sind die Ausgaben der Horte gewachsen, leider ist aber der Ertrag der Zahltellerkassen bedeutend zurückgegangen. Wir bitten daher dringend diese, jetzt mit der Aufschrift: „Kriegshilfe für unsere Kinder“ versehenen Kassen nicht übersehen zu wollen. Wenn auch unsere Hauptsorge unseren tapferen Kriegern im Felde und unsern Verwundeten gilt, ein kleines Scherflein bleibt auch wohl noch übrig für unsere Kinder, und deshalb: Bedenkt die Zahltellerkassen wie bisher, nein, doppelt und mehr! Vereinigte Kinderhorte u. Fürsorgevereine.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)