Mittwoch, 28. Oktober 1914

Der in den äußersten Nordwesten des Landes zurückgedrängten belgischen Armee gelingt es, durch das Öffnen der Schleusen bei Nieuwpoort, das Gelände entlang der Yser unter Wasser zu setzen und so den deutschen Vormarsch zu stoppen

 

Zum Eingesandt über die Englische Teestube wird folgendes mitgeteilt: Die Besitzerin der Teestube ist geborene Irländerin, aber seit vielen Jahren in Deutschland durch Heirat mit einem Deutschen naturalisiert. Ihr Mann ist Reserveoffizier eines Artillerie-Regiments und steht in der Front gegen Frankreich. Die Bezeichnung „Englische Teestube“ wurde nur gewählt, um das in die Sürst verlegte Geschäft von der Konkurrenz auf dem Kaiserplatz zu unterscheiden. Seit dem Ausbruch des Krieges werden nur deutsche Erzeugnisse verkauft mit Ausnahme des Tees, der aus Ceylon stammt, aber auch durch ein deutsches Haus bezogen wird. Es ist uns sehr erfreulich, diese Berichtigungen bringen zu können. Doppelt erfreulich, weil es sich hier um ein Unternehmen handelt, das durch seine gute und gediegene Führung und durch den liebenswürdig behaglichen Geschmack der Aufmachung alle Sympathie verdient. Diese Sympathie dürfte aber nicht hindern, dem Befremden über den Besuch eines englischen Geschäfts Ausdruck zu geben, zumal uns die Angaben über die englische Herkunft und Führung des Geschäfts von durchaus glaubwürdiger Seite zugingen. Daß diese Angaben nun richtig gestellt werden können, wird jeden freuen, der die Teestube im Münsterhaus kennt. Die Bezeichnung „Englische Teestube“ wird in Kürze wohl geändert werden. Frau Marioth, die Besitzerin der Teestube schreibt: „ Ich bin zur Ernährung meiner beiden deutschen Kinder von der Teestube abhängig und hoffe, daß meine seit längeren Jahren mir treu gebliebene Kundschaft mich jetzt nicht verlässt, weil eine ungenau unterrichtete Dame solche Angaben über meine Teestube veröffentlichte.“ Man wird sich diesem Wunsche nur gerne anschließen.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1914Straßenbild. Klingelnd kommen verschiedene Straßenbahnwagen mit der Flagge des Roten Kreuzes durch die Wilhelmstraße zum Wilhelmplatz. Behutsam heben die Krankenträger die Tragbahren, auf denen verwundete Krieger in Decken gehüllt liegen, aus dem Wagen. Sorgfältig wird eine Bahre nach der anderen zum Hospital getragen. Der Platz ist umsäumt mit Menschen, die den traurigen Transport teilnahmsvoll verfolgen. Eine Tragbahre steht auf der Straße. Der blutjunge Offizier, der mit aschfahlem Gesicht in seinen Wunden liegt, muß warten, bis die Reihe an ihn kommt. Seine wachsgelben Hände umschließen einige Herbstblumen, die ihm wohl von einer lieben Seite in die Hände gedrückt sein mögen. Nicht weit von ihm ab steht ein 14jähriges Mädchen, auf dem Arm ein etwas zweijähriges Kind, das vor Vergnügen um sich strampelt. Die Augen des Schwerverletzten gehen müde über die Zuschauer und bleiben an dem Schwesternpaar haften. In den großen blauen Augen der Vierzehnjährigen blinken dicke Tränen und vergebens versucht das Mädchen das fröhlich strampelnde Kind zu beruhigen. Ueber das bleiche Gesicht des Offiziers huscht ein flüchtiges Lächeln. Mit Mühe hebt er seinen Arm und reicht dem kleinen Kinde seine Blumen. Erschrocken will die Vierzehnjährige zurücktreten. Der Leutnant winkt sie heran: „Laß sie man, die Kleine freut sich ja so.“

Elektrische Straßenbahn Bonn-Mehlem. Vielfachen Wünschen entsprechend läßt die Direktion jetzt noch einen Zug um 10 Uhr 55 abends von Bonn nach Mehlem fahren. Der neue Zug ist bereits am vergangenen Montag eingelegt worden.

Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 28. Oktober 1914Den verwundeten Soldaten in der Medizinischen Klinik wurde gestern nachmittag durch Frl. Lisl Schneider sowie die Herren Bachem, Kirchenmeyer, Röttgen, Weckherlin, Löwe und Schweppe durch Veranstaltung eines Konzerts eine große Freude bereitet. Die Schwerkranken waren mit ihren Betten in den Hauptsaal und in die Vorsäle gebracht worden, während die leichter Verwundeten auf Stühlen Platz genommen hatten. Ein dankbareres Publikum haben die Veranstalter, die sowohl instrumentelle als auch gesangliche Vorträge zum Besten gaben, wohl selten gehabt. Auch für humoristische Darbietungen war gesorgt. Jede Vortragsnummer wurde von den Verwundeten stürmisch applaudiert und auch die Leitung der klinischen Anstalten gab nach Beendigung der Veranstaltung, die etwa zwei Stunden dauerte, ihrer Freude lebhaften Ausdruck.

Unter der Flagge des Roten Kreuzes hat eine hiesige Fabrikarbeiterin eine ganze Reihe hiesiger Einwohner um Geldbeträge geschädigt. Die Schwindlerin hatte sich ein Kontobuch gekauft, das sie als „Sammelliste für das Rote Kreuz“ bezeichnete. Eine ganze Anzahl Adressen hiesiger Bürger hatte sie mit fingierten Beträgen in das Buch eingeschrieben. Sie ging von Haus zu Haus, zeigte das Buch vor und bat im Hinblick auf die bereits gezeichneten Beträge um eine Spende für das Rote Kreuz. Durch dieses Manöver hatte sie in kurzer Zeit 21,45 Mark gesammelt, bis schließlich der Schwindel ans Licht kam. Gestern wurde die Schwindlerin von dem Schöffengericht zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Als Entschuldigung hatte die Angeklagte angegeben, sie habe f. Z. ihre Stellung aufgegeben, um in das Rote Kreuz Euskirchen einzutreten. Dort sei sie aber wegen Ueberfüllung abgewiesen worden und sei nun beschäftigungslos gewesen. Aus Not habe sie dann den Schwindel verübt

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Preissteigerung für Strickwolle. Unsere Soldaten brauchen Strümpfe, aber die Strickfreudigkeit der Frauen wird gelähmt durch den unerhörten Preisaufschlag der Wolle. Mit 1 ½ Lagen zu 1,10 Mk. konnte man bis vor kurzem ein Paar wollene Socken stricken. Von 3 Mk. hat sich indessen der Preis auf 5 Mk. erhöht, also 1,50 Mk. pro Paar nur die Wolle, ohne die Arbeit! Womit läßt sich diese verhältnismäßig große Verteuerung begründen? Ist sie nicht ein bitteres Unrecht gegen unsere Soldaten? Wie manche beschäftigungslose Lehrerin z.B. möchte selbst die Wolle kaufen, um auch die Genugtuung zu haben, für unsere Tapferen zu stricken, aber diese Preiserhöhung macht es selbst einem Opferwilligen fast unmöglich. Kann hier nicht Abhilfe geschafft werden. E.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

An den Theater-Neubau ist in dieser ernsten Zeit natürlich nicht zu denken. Unser altes Theaterchen ist nun sogar zu groß geworden, die Stuhlreihen sind leer, und dünn dringt der – gewiß ehrliche und verdiente – Applaus über die Rampe zur Bühne. Unsere städtische Finanzkommission schlägt darum den Stadtverordneten vor, die als Beitrag für den geplanten Theater-Neubau beschlossene Anleihe von 3mal 100 000 Mark bis auf weiteres bei der städtischen Sparkasse nicht aufzunehmen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)