Montag, 21. September 1914

 

Das Eiserne Kreuz. Herr Adolf Albert Balthazar, Leutnant d.R. im 19. Dragonerregiment, der bei den 7. Jägern zu Pferde im Feld steht, hat am 14. September das Eiserne Kreuz erhalten. (...) Herr Balthazar hat drei Söhne im Feld stehen.

Kriegsregeln für die Zuhausebleibenden. Pfarrer Gottfried Traub veröffentlicht in der Frankfurter Zeitung folgende beachtenswerten Kriegsregeln für die Zuhausebleibenden. Nicht nur das Schlachtfeld, auch deine vier Wände wollen Helden sehen.

Zahle deine Rechnungen.

Halte dich und die Deinen gesund, damit ihr niemandem zur Last fallt.

Gib Gelegenheit zu Verdienen, wo du kannst.

Halte das Deine in Ordnung, damit du jederzeit große Opfer bringen kannst.

Überlege dir, was du kannst, und verlaß dich nicht auf andere.

Rechne nicht mit lauter Siegen und setze deinen Kopf doppelt stark in den Nacken, wenn einmal eine Schlappe kommen sollte.

Jeder kann jeden Tag etwas Gutes tun, und wäre es nur ein freundlicher Händedruck.

Kopflosigkeit im Inland ist schlimmer als eine verlorene Schlacht im Felde.

Laß deine Kinder diese hohe Stunde miterleben und führe keinen Hauskrieg.

Sei stolz auf diese unvergleichliche Schicksalsstunde deines Volkes.

Wir haben groß begonnen. Aber die Probe kommt erst, sie darf keinen kleinen unter uns finden. Dann wären wir der Unsrigen im Felde wert. Ein Volk, ein Schicksal!

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 21. September 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 21. September 1914Kronprinzessin Cecilie beging gestern ihren Geburtstag. Der hohen Frau, die ihr 28. Lebensjahr vollendet, und deren Gemahl im Felde mit seinen braven Truppen Sieg auf Sieg an seine Fahnen heftet, bringt das deutsche Volk herzlichste Glückwünsche entgegen. Die hiesigen öffentlichen Gebäude trugen aus Anlaß des gestrigen Tages festlichen Flaggenschmuck.

Ein größerer Verwundeten-Transport ist gestern hier angekommen. Die Soldaten wurden auf die hiesigen Lazarette verteilt.

Die Bonner Liedertafel erfreute gestern in der Beethovenhalle die dort untergebrachten Verwundeten durch den Vortrag einer Reihe von Liedern. Musikdirektor Werth hatte dafür eine abwechslungsreiche Auswahl getroffen. Neben partriotischen Weisen wurden ernste und heitere Chöre zu Gehör gebracht. Die braven Verwundeten bekundeten für die Darbietungen das lebhafteste Interesse. Als „Der gute Kamerad“ gesungen wurde, füllte sich in wehmütiger Erinnerung manches Soldatenauge mit Tränen.

Der Fußballklub „Germania 1901“, aus dessen Mitte bis jetzt 25 Mitglieder dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind, hat die Arbeiten an seinem neuen Sportplatz so weit fortgesetzt, daß die Spiele demnächst wieder aufgenommen werden können. Das erste Spiel findet am nächsten Sonntag gegen die Spiel-Abteilung des Bonner Turnvereins statt. Der Eintrittspreis ist auf 25 Pfg. festgesetzt und fällt der Platzunterschied weg. Der Erlös ist für das Rote Kreuz bestimmt.

Der Güterverkehr ist zurzeit wieder recht lebhaft. In den Güterzügen laufen jetzt viele belgische Kohlewagen, die auf den deutschen Strecken beladen werden.

Immer mehr Tabak. Von der Ersatz-Bespannungsabteilung in Diedenhofen (Lothringen) geht uns durch einen Mehlemer Vaterlandsverteidiger folgender poetischer Sehnsuchtsschrei nach Tabak zu:

Wo alles ruft, können wir allein nicht schweigen,
Und wollen auch mal den alten Pegasus besteigen;
Wir wenden uns aus der Diedenhofener Knollenwüsterei
Nach Mehlem, der zukünftigen Bürgermeisterei.

Denn wo jetzt die Bonner Jungen kräftig schmauchen,
Haben wir noch immer nichts zu rauchen.
Was Bekleidung anbetrifft, sind wir noch fein im Lack.
Doch fehlt es uns an Pfeife und Tabak.-

An Frankreichs Grenze liegen wir zum Kampfe froh bereit,
Beim Kanonendonner zu paffen, wäre eine Seligkeit.
Drum Ihr lieben Leutchen vom Gemeinderat, nur nicht eitel,
Geht mal im Villenorte rund mit dem Klingelbeutel!

Für die Ersatz-Bespannungsabteilung Wehrmann Ludwig Kuckertz im Namen der Mehlemer Jungen und Umgegend. Lothringisches Fußartillerie-Regiment Nr. 16, Ersatz-Bespannungsabteilung in Diedenhofen (Lothr.).

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Im Kollegium Leoninum, welches jetzt verwundeten Kriegern dienstbar gemacht ist, fand Sonntag nachmittag ein Konzert statt, welches durch Frau Elly Ney-von Hogstraaten, den Herren von Hogstraaten und H. Ney veranstaltet wurde. Es war wirklich zu begrüßen, daß die Vortragenden die schöne Kunst in den Dienst der Unterhaltung der Verwundeten gestellt hatten. Man konnte offensichtlich feststellen, daß es den Kriegern ein Genuß war, den prächtigen Gaben zu folgen, Frau Elly Ney-van Hogstraaten hatte einige Nummern gewählt, wo Kraft und Wucht starken Ausdruck fanden, wie in dem Militärmarsch von Schubert oder der Chopinschen Asdur-Polonaise. Herr Ney sang einige treffliche Balladen wie Prinz Eugen und Fridericus Rex, ferner die Strauß’sche Wachparade. Die Wiedergabe war durchflutet von echter patriotische Begeisterung. Eingangs spielte Herr van Hogstraaten einige Geigensolis, welche sehr die Gemüter der Hörer bewegten. Mit einem allseitig angestimmten „Deutschland, Deutschland über alles“ und einem Hoch auf den Kaiser fand das Konzert seinen Abschluß.

Die evangelische Gemeinde Bonn hat zur Linderung der Kriegsnot ihrer Gemeindemitglieder vorläufig den Betrag von 10.500 Mark bereitgestellt. – Auf die Kriegsanleihe zeichnete die Gemeinde den Betrag von 50.000 Mark.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

 

Deutsche Sprache. In unserer deutschen Orthographie (soll wohl heißen Rechtschreibung. D. Red.) befinden sich leider auch Wörter französischen Ausdruckes, wie z.B. Perron, Billet, Coupé. Beim Abschiednehmen wird nun einmal das Wort Adieu gebraucht. Wir müssen uns doch unsere deutsche Sprache viel zu hoch halten, als daß sie weiter mit diesen französischen Wörtern verunziert wird. Für die obigen bemängelten Wörter müssen wir nun ein- für allemal die richtig deutschen Ausdrücke und zwar Bahnsteig, Fahrkarte, Abteil usw. gebrauchen, Morgens wird das Wort „Adieu“ nicht gebraucht, sondern man sagt doch, wie allbekannt, „Guten Morgen“ beim Kommen und beim Gehen, das gleiche gilt auch für Abends. Nur den Tag über wird das gehässige Wort „Adieu“ gebraucht. Könnte man da nicht ebenso wie morgens und abends die Tageszeit sagen und zwar wenn man geht, ebenso das Wort „Guten Tag“ gebrauchen, als auch, wenn man kommt. Haben die Franzosen denn auch deutsche Ausdrücke in ihren Sprachen? Hoffentlich finden wir Anhänger. F.S. Dr. K.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“)

 

Gestern schrieb ich Dir noch eine Karte, die ich aber abbrechen musste. Ich habe gestern von unserm Oberst das Eiserne Kreuz überreicht bekommen. Du kannst Dir meine Freude denken. Ich schicke es Dir in diesem Briefe. Tu es in Deinen Schmuckkasten und verwahre es. Es ist viel damit verbunden. Und wenn ich das später noch einmal sehen werde, so wird es mir eine Erinnerung sein an das Grausigste, was ein Mensch erleben kann. Vorgestern hatten wir ein Gefecht, in dem wir mit schwachen Kräften den überlegenen Gegner festhalten mußten, damit er nicht entkäme bei einer geplanten Umschließung. Wir kamen in einen Hohlweg. Einer nach dem anderen schrie auf und fiel. Ich führte die Kompagnie sofort aus diesem Loch, und wir kratzten uns mit Händen, Kochgeschirren und Spaten Deckungen, die allmählich größer wurden, so daß wir bis an die Knie eingegraben waren. Da lagen wir den ganzen Tag, schoßen vorsichtig. Manch einer, der leichtfertig sich zu hoch aufrichtete, fiel hinten über. Dabei schlugen die Granaten ein, daß die Tornister, die dicht hinter den Gräben lagen, haushoch emporflogen. Wir sahen das, wußten nicht, welcher von uns lieben Kameraden jetzt wieder getroffen war, und so ging es fort bis zum Abend. Und keiner von uns ist von der Stelle gewichen, bis beim Dunkelwerden der Befehl kam, wir sollten uns hinter eine, inzwischen hinter uns angelegte, stärkere Linie zurückziehen. Ich ließ die übrigen Leute nun die Schwerverwundeten auf Gewehren und Zeltbahnen tragen. Stundenlang haben wir zwölf stöhnende, schwere Menschen durch dicken Morast im Dunkeln geschleppt. Ich habe dann in der Nacht gesucht, bis ich in einem Erdloch einen sächsischen Brigadegeneral traf, der Sanitätswagen telefonierte. Inzwischen habe ich bei einem sächsischen Regiment Krankenträger geholt. Jetzt sind die Armen im Lazarett. Viele liegen noch vorne und stöhnen auf dem Kampfplatz. Es ist so kalt dabei.

Seit 14 Tagen liegen wir nun immer in solchen Gefechten und Schützengräben und beobachten durch Gläser, wie sich französische Verwundete aufrichten, schreien und wieder hinlegen. Ab und zu hat sich von uns einer vorgewagt und solch einem armen Kerl Wasser gebracht. Seit gestern sind wir hier in Ruhe, und diese Nacht haben wir seit langem geschlafen. In den Schützengräben steht man die Nacht mit aufgepflanztem Seitengewehr und muß immer wachen. Jetzt kommt der Befehl Marschbereitschaft, und ich muß bald schließen. Aber es sickert schon ein Gerücht durch, daß unsre Division vielleicht geschont wird. Wer weiß es. Wir hätten es alle verdient. Unsere Kompagnie besteht noch aus 59 Mann, mir und einem Feldwebel, keine Unteroffiziere. Gestern erhielten wir Ersatz aus Bonn, und jetzt haben wir wieder 150. (...)

(August Macke an seine Ehefrau, Feldpostbrief aus Sommepy[-Tahure])

 

Das 8. Gefecht mitgemacht. Ich führe eine Kornpagnie (...) gestern hat mir unser Oberst das Eiserne Kreuz überreicht. Also alter Freund, wir hauen weiter drauf. Manchmal liegen wir im Granatfeuer. Stundenlang. Tornister fliegen haushoch empor. Schon wieder einer hin. Aber wir bleiben. Keiner geht einen Schritt zurück. Von unserer ursprünglichen Kompagnie sind von 250 Mann noch 59 da. Heute Ersatz angekommen. (...)

(August Macke an Hans Thuar, Feldpostkarte)