Donnerstag, 10. September 1914

Die im „Septemberprogramm“ des Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 9.9. formulierten deutschen Kriegsziele sehen Annexionen in Russisch-Polen, Belgien und Frankreich und eine allgemeine deutsche Hegemonie in Europa vor.

 

Das Eiserne Kreuz hat sich der Lt. d. Res. Dedreux vom Inf.-Reg. 143, der bisher an fünf Schlachten teilnahm, in diesen Kämpfen erworben.

Schwer verwundet liegt zurzeit im St. Josephs-Hospital ein Stabsarzt, der in Ausübung seiner Tätigkeit hinter der Front von einer feindlichen Kugel getroffen wurde. Sein Oberstabsarzt, der auch dort tätig war, wurde von einer feindlichen Kugel getötet.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 10. September 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 10. September 1914Zur Nachahmung empfohlen! Gestern morgen erschien auf der Sparkas­se ein einfaches Dienstmädchen und übergab als Beitrag zur Kriegshilfe 20 Mk. mit der ausdrücklichen Weisung, den Namen nicht in die Zeitung zu setzen.

Eine größere Anzahl politischer Gefangenen befindet sich z. Zeit im hiesigen Gefängnis. Es handelt sich um Gefangene der verschiedensten Nationen. Die Leute sind in Einzelhaft.

Ein gutes Beispiel des Sachsenkönigs. König Friedrich August von Sachsen hat angeordnet, daß sämtliche abgeschossene Rebhühner der ihm gehörigen Jagdreviere den Lazaretten überwiesen werden sollen, und er ist auch schon selbst für die Verwundeten auf die Rebhuhnjagd gegangen.
Die Dresdner Jäger haben sich seinem Beispiel insofern angeschlossen, als sie 15 Prozent aus den vorjährigen Jagdergebnissen für Liebeszwecke zur Verfügung stellen. Die rheinischen Jäger werden es den sächsischen Nimrod sicherlich nachtun.

Beamten- und Arbeiter-Entlassungen in größerem Umfange sind leider auch in Bonn erfolgt oder in Kürze zu erwarten. Die hiesigen größeren Fabriken, die in überwiegendem Maße auf die Ausfuhr ihrer Erzeugnisse angewiesen sind, schränken ihre Betriebe stark ein. Die Firma Franz An­ton Mehlem hat bei Kriegsausbruch die sofortige Entlassung von Beamten und Arbeitern, die ins Feld zogen, vorgenommen, bezw. die Kündigung ausgesprochen. Aehnliche Maßnahmen mußte die Wessel'sche Fa­brik treffen, und auch die Firma Fr. Soennecken sieht sich zu dem glei­chen Schritt veranlaßt. Es kommen dort zunächst etwa 100 Arbeiter und 40-50 Meister zur Entlassung, sowie ungefähr 130 Personen in Beamten­stellung. Es befinden sich bei den Entlassenen und Gekündigten viele Leute, die bereits Jahrzehnte bei den genannten Firmen gearbeitet haben.
Um den Umfang der Entlassungen nach Möglichkeit einzuschränken, hat man Arbeiter und Angestellte zum Teil zu geringeren Löhnen und halben Gehältern behalten und die Betriebszeit eingeschränkt. Auch machen ein­zelne hiesige industrielle Unternehmungen den Versuch, ihre Betriebe den Zwecken der Militärverwaltung nutzbar zu machen, um die gefährdete Existenz ihrer Angestellten nach Möglichkeit zu schützen.
Für die Arbeiter und Angestellten, die durch ihre Entlassung gänzlich ohne Einkommen sind, wäre die Bildung eines sozialen Hilfsausschusses etwa aus dem Kreise des Hansabundes oder der Bonner Handelskammer von großem Wert, um sie vor dem bitteren Schritt zu bewahren, die Hülfe der Armenverwaltung in Anspruch nehmen zu müssen.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 10. September 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 10. September 1914Warum werden nicht auch Mädchen und Frauen zum Kriegsdienst herangezogen? Zu dieser Frage schreibt eine Bonner Arbeiterfrau: Ich bin mit der Godesbergerin und besonders der Kölnerin, die die Sache hu­moristisch behandelt, nicht ganz einer Meinung. Strapazen, wie unsere Krieger sie ertragen müssen, kann der weibliche Körper nicht aushalten. Erst müssen unsere Mädchen und Frauen sich einmal daran gewöhnen, etwa 60 Kilometer am Tage oder 14 Stunden mit nur drei Stunden Pause zu laufen. Uebrigens erscheint es mir fast unmöglich, daß ein deutsches Mädchen oder eine Frau ohne zwingenden Grund Blut vergießen kann. Allerdings zur Verteidigung würde es nicht unweiblich sein.
Aber diese Fragen kommen eigentlich schon zu spät. In Zukunft könnten die Frauenstimmrechtlerinnen sie einmal gründlich behandeln. Inzwi­schen ist die Lage ganz anders geworden. Aber ehe ich mich unter die rus­sische Knute oder sonst eine Fremdherrschaft gebeugt hätte, wäre ich lie­ber freiwillig mit meinen Kindern in den Tod gegangen!
Fr. G. R.

Schmucksachen unserer Frauen und Mädchen . Bezugnehmend auf das Eingesandt ,,Die Schmucksachen unserer Frauen“ möchte ich auf das Vor­gehen österreichischer Frauen hinweisen, die ihre goldenen Eheringe zu­gunsten des Roten Kreuzes für eiserne Ringe eintauschen. Auf diesen ist eingeprägt ,,Gold gab ich für Eisen 1914“. Sollte diese edle Handlungs­weise nicht auch bei uns Nachahmung finden, gilt es noch durch den Er­lös zur Linderung der Not beizutragen. M.M.

Jugendliche Faulenzer. Unsere Gemeinde hat 1200 Einwohner, aber keiner braucht Hilfe. Nur Arbeit müssen war haben. Vor 14 Tagen waren wir in Köln an den Festungsbauten. Wir mußten wiederkommen, schließlich hieß es, die Arbeiten sind eingestellt. Die Fahrkosten waren aber 1.80 Mk. In Siegburg waren Leute an der Geschoßfabrik genug, daher konnten wir auch dort nicht angenommen werden. In Lüttich werden auch keine Arbeiter mehr angenommen. In den Brikettwerken in Brühl wurde uns gesagt, die Lokomotiven seien weggeholt worden und deshalb könne man keine Leute mehr einstellen, weil die Briketts nicht abgefahren werden könnten. Sogar das Kaiserl. Postamt hat am 7. August junge Leute die Arbeit aussetzen lassen. Schreiber dieses hat sechs Brüder, drei davon sind ausgehoben zum Militär, die anderen sind noch zu jung. Von 16 Jahren an müssen wir Steuern zahlen und müssen auch Soldat werden, und wenn wir keine Arbeit haben können, werden wir noch oberdrein als Faulenzer angesehen! Das ist doch zu stark! J. S., Kripp.

Ausländischer Sport. Französische Bordeaux-Doggen, französische Zwergbulldoggen mit Fledermaus-Ohren, französische Affenpinscher, Griffons-Bruxellois, englische und russische Windhunde, englische Bulldoggen, russische Schnauzer, englische Foxterrier, japanische Chin-Hündchen, englische Wachtelhündchen und wie all das fremdländische Zeug noch heißt, hat sich in den letzten Jahren bei fast allen deutschen Hundeliebhabern so fest eingewurzelt, daß es einem deutschen Hundezüchter rein unmöglich wurde, seine noch so rein und edel durchgezüchteten deutschen Hunderassen an den Mann zu bringen. Es wurden sogar für ausländische Hunde unglaublich hohe Preise bezahlt. Endlich wird wohl der deutsche Hundeliebhaber zur Einsicht kommen und die Rassen für besser halten, welcher ein Deutscher gezüchtet. Ein Liebhaber deutscher Hunderassen.

Beteiligung der Hausangestellten an der „Kriegshilfe“. Den Dienstmädchen wurde ein Aufruf zugeschickt, in dem gebeten wurde, daß auch sie etwas für den Krieg tun möchten. – Mit einem Mal erinnert man sich auch der Dienstmädchen, die sonst überall, mag es sein, wo es will, im Hintergrunde stehen und nicht beachtet werden. Wir Dienstmädchen wissen am besten, wie wir gestellt sind, was wir verdienen und welche Stellung wir einnehmen. Wir sind von selbst aufs Sparen angewiesen, denn bei den paar Mark Lohn, die wir von den Herrschaften bekommen, hält es wahrhaftig schwer, noch etwas zurückzulegen. Dabei sollen wir immer ordentlich und sauber gekleidet sein. Kostet das kein Geld? – Jetzt kommen die Herrschaften und sagen: „Dienstmädchen beteiligt Euch!“ Aber man scheint nicht daran zu denken, daß viele von uns gerade jetzt zur Kriegszeit ohne Kündigung entlassen wurden. Manches Dienstmädchen steht jetzt ohne Brot und Geld da. Ist das die berühmte Vaterlandsliebe der Herrschaften? Auch daran scheint man nicht zu denken, daß die meisten Dienstmädchen ihre Angehörigen noch mitunterstützen müssen. Wovon? Dabei reden viele Damen große Töne und sorgen mit Eifer dafür, daß ihr Name überall genannt wird, und zwar auch in solchen Fällen, wo ihre Gatten Arbeiter und Beamte auf die Straße setzen. Als einfaches Dienstmädchen denke ich, zunächst sollen die Herrschaften dafür sorgen, daß wir Dienstmädchen besser gestellt werden, und daß uns ein anständiger Lohn und (leider muß es gesagt werden) anständiges Essen gegeben wird. Dann wird immer noch so viel übrig bleiben, daß die Herrschaften ihre Vaterlandsliebe betätigen können. - Trotzalledem aber haben viele von uns auch ohne Aufruf schon Beiträge gegeben, denn dafür haben die Dienstmädchen ein viel zu gutes Herz für unsere tapferen Soldaten. Ein Dienstmädchen für viele.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 10. September 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 10. September 1914Das Kaffeehaus des Königshofes wieder eröffnet. Wie die Direktion des „Königshofes“ uns mitteilt, wird vielfachen Wünschen entsprechend das Kaffeehaus „Königshof“ (Royal) in beschränktem Maße am Samstag den 12. d. M. während der Nachmittagsstunden versuchsweise wieder eröffnet werden.

„Vorwärts“. Bekanntlich darf beim Passieren der Rheinbrücke kein Fahrgast der Elektrischen auf der Plattform stehen. Der Schaffner gebot daher dieser Tage mit Stentorstimme den daselbst sich aufhaltenden Fahrgästen, als ein Zug der Siebengebirgsbahn sich in Bonn in Bewegung setzte, um die Brücke zu passieren: „Alle durchgehen!“ Da erwiderte eine patriotische Dame: „Der Deutsche geht nicht durch, der geht nur vorwärts!“ Mit Beifall nahm das Publikum und der Schaffner dieses auf und der Schaffner rief wieder mit Stentorstimme: „Alle vorwärts! ... vorwärts!“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)