Auf den Spuren des Ersten Weltkrieges in Südtirol und im Trentino

   

Unter diesem Titel fand vom 29. August bis zum 6. September 2015 eine Wanderstudienreise statt, die die Volkshochschule Bonn in Zusammenarbeit mit Lupe-Reisen durchführte. Die Leitung hatte Frau Dr. Inge Steinsträßer, eine intime Kennerin Südtirols, die die historische Spurensuche mit einer Präsentation der kulturellen Vielfalt des Landes, insbesondere mit Führungen durch bedeutsame Kirchen der Region, verband. Bei der Beschreibung der Exkursion, an der ich teilnahm, soll dieser zweite Aspekt außer Acht gelassen werden. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Darstellung der historischen Erinnerungsorte des Dolomitenkrieges, den ich vorab in aller Kürze vorstellen möchte.

 

Der Dolomitenkrieg – ein Überblick

Festung Tre Sassi am Valparola-PassFestung Tre Sassi am Valparola-PassIn der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war das Kronland Tirol nach einer bewegten Geschichte seit dem Wiener Kongress 1815 durchgängig Bestandteil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Das Gebiet war gleichwohl nicht homogen: Im Norden lebten um 1900 rund 500.000 Deutschtiroler, im Süden - im Trentino - ungefähr 350.000 sogenannte Welschtiroler, die Italienisch als Muttersprache pflegten und in einem relativ geschlossenen Siedlungsgebiet kulturell-nationale Autonomie genossen. Hinzu kam die Minderheit der ladinischen Volksgruppe mit rund 20.000 Angehörigen, die sich den Deutschtirolern verbunden fühlten. Führende Welschtiroler waren mit dem Autonomiestatut des Trentino nicht zufrieden: Sie forderten zunächst ein eigenes legislatives und exekutives Organ, schließlich den Anschluss an das Königreich Italien.

1914, bei Kriegsbeginn, blieb Italien, obwohl seit 1882 Mitglied des Dreibundes mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich, zunächst neutral. Tiroler Einheiten, u.a. die 1815 gegründeten „Kaiserjäger“ und die 1869 entstandenen Landesschützen, ab 1917 als „Kaiserschützen“ tituliert, wurden an die Ostfront, vor allem nach Galizien, verbracht, obwohl es schon damals Proteststimmen gegen den völligen Abzug der Soldaten aus Südtirol gab. Für die Kritiker galt die Südgrenze angesichts der italienischen Haltung als unsicher: Wie würde sich der südliche Nachbar im Kriegsverlauf verhalten?

Und tatsächlich erklärte Italien am 23. Mai 1915 Österreich den Krieg, obwohl das Kaiserreich mittlerweile bereit war, den Trentino an Italien abzutreten, sollte das Land weiterhin neutral bleiben. Aber Großbritannien bot für den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente mehr und erfüllte mit dem Londoner Vertrag von 1915 praktisch alle italienischen Wünsche: ganz Südtirol bis an den Brenner, der von dem führenden Irredentisten Ettore Tolomei schon seit Jahren als natürliche Grenze zu Österreich proklamiert worden war. Um eine rund 100 Kilometer kürzere Frontlinie zu schaffen, überließ das österreichische Militär gleich zu Beginn der Kampfhandlungen Gebiete im Süden den Italienern, eine Maßnahme, die von umfangreichen Evakuierungsmaßnahmen, aber auch von Internierungen begleitet war.

Die Ausbildung der StandschützenDie Ausbildung der StandschützenSüdtirol war nun Kriegsschauplatz geworden; seine Soldaten wurden indes in Galizien verheizt: Nach dem ersten Kriegsmonat waren rund 2/3 von ihnen tot, schwer verwundet, krank oder in Gefangenschaft geraten. In ihrer Heimat waren nur wenige Soldaten, nämlich die, die sich für ihre Abberufung an die Ostfront bereit hielten, verfügbar. So griffen die Militärs in erster Linie auf die sogenannten Standschützen zurück, Mitglieder der traditionellen Schießstände, deren wehrpflichtige Jahrgänge allerdings schon eingezogen und damit nicht mehr vor Ort waren. Die Verbliebenen, die über 42Jährigen und die unter 21Jährigen, hatten bereits Standschützenkompanien gebildet, die für die Bewachung von strategisch wichtigen Orten wie Brücken und Eisenbahnlinien herangezogen werden konnten. Militärisch geschult waren sie nicht, aber das Schießen hatten sie gelernt, und in der Regel kannten sie sich auch in den Bergen ihrer Heimat aus.

Keine Ortskenntnis hatte indes das 1915 eilig zusammengestellte „Deutsche Alpenkorps“, dem bayrische Einheiten zugeordnet waren, aber auch Soldaten aus Baden, Preußen, Mecklenburg und Hannover, die noch nie im Leben einen Berg gesehen hatten. Dennoch rückten sie am Anfang sogar relativ zügig gegen italienische Truppen vor, bis das deutsche Hauptquartier am 5. Juni die Offensive stoppte: Das Deutsche Reich befand sich mit Italien nicht im Kriegszustand, und ein Vordringen des Alpenkorps auf italienisches Territorium hätte als Kriegerklärung gelten können. Der Einsatz des Alpenkorps währte ohnehin nur wenige Monate: Ab Spätsommer 1915 kehrten Kaiserjäger-, Landesschützen- und Landsturmregimenter von der Ostfront zurück und lösten die deutschen Einheiten ab.

Gebirgskanone auf der RotwandGebirgskanone auf der RotwandDie begradigte Frontlinie verlief über rund 350 Kilometer Luftlinie westlich vom Ortlergebirge nach Süden an Trient vorbei, um im Bogen nördlich von Cortina mitten durch die Dolomiten zu führen. In Windeseile wurde am Ausbau der Stellungen gearbeitet, dahinter Straßen und Eisenbahnlinien für Munitions- und Verpflegungsnachschub sowie für Truppentransporte angelegt. Mit Seilbahnen und Flaschenzügen, aber auch mit manpower, wurde schweres Geschütz in schwindelnde Höhen hinaufgezogen. Die höchste Stellung der Front lag auf dem Ortler auf 3905 Meter, die tiefsten Gletscherstollen in der Marmolata. Keine der zahlreichen Offensiven von beiden Seiten führte letztendlich zum Erfolg; sie bedeuteten lediglich unendlich hohe Verluste an Menschenleben. Eine Großoffensive, die die österreichische Armeeführung am 15. Mai 1916 südlich von Trient begann, kam bereits am 6. Juni zum Stillstand. Man war zwischen acht und zwölf Kilometer in italienisches Gebiet vorgedrungen und hatte dabei 44.000 Tote und Schwerverletzte in Kauf genommen; die Italiener hatten sogar 76.000 Opfer zu beklagen. Am 25. Juni wurde von österreichischer Seite der Befehl zum Rückzug gegeben, wobei man rund die Hälfte der eroberten Geländes wieder aufgab.

Wie an der Westfront, so wurde auch der Gebirgskrieg mehr und mehr zum Stellungskrieg. Felsentürme wurden angebohrt, Stollen in die Berge getrieben, mit Sprengstoff gefüllt und gezündet. Am 17. April 1916 war der heiß umkämpfte Col de Lana in der Nähe von Cortina durch italienische Einheiten in die Luft gesprengt worden. Den Österreichern war die Gefahr bekannt gewesen; dennoch hatten die auf dem Gipfel stationierten Kaiserjäger nicht die Erlaubnis erhalten, die Stellung zu räumen: 150 von ihnen fanden den Tod. Michael Forcher befindet in seinem Standardwerk zum Ersten Weltkrieg in Tirol: „Für die zukünftige Kriegsführung in den Dolomiten und in anderen Bereichen der Front hatte die Sprengung des Col di Lana jedoch große Bedeutung, denn von nun an wurde gebohrt, gegraben und gesprengt, was das Zeug hielt.“ (S. 225)

Das Kriegsjahr 1917 verlief zunächst wie die zweite Hälfte des Vorjahres. Einzelne Angriffe der Italiener wurden blutig zurückgeschlagen; ab und an flog eine Bergspitze in die Luft. Die Soldaten auf beiden Seiten mussten in den Wintermonaten eine Kälte von bis zu 40 Grad minus ertragen, Temperaturen, die das menschliche Blut gefrieren lassen und die Waffen unbrauchbar machten. Uwe Nettelbeck zitiert Luis Trenker, der angesichts der Ladehemmungen der Gewehre in frostiger Luft die Wiederkehr des mittelalterlichen Morgensterns pries. (S. 16) Die Soldaten litten unter Krankheiten und Hunger, oft mit tödlichem Ausgang. Durch Lawinen und Steinschlag kamen mehr Menschen ums Leben als durch die direkten Kampfhandlungen: Denn: „Aus großer Unerfahrenheit hatte man die Unterstände vielfach in lawinengefährlichem Gelände angelegt, beging Wege, die von Lawinen bestrichen waren und lief so der Gefahr geradewegs in den Rachen.“ (Nettelbeck, S. 26) Die Gesamtzahl der durch Lawinen getöteten Soldaten gibt Nettelbeck mit 60.000 an.

Bereits im Herbst 1917 wurden zahlreiche Dolomiten-Hochstellungen geräumt. Auf beiden Seiten hatte sich die Lage der kämpfenden Soldaten infolge von Erschöpfung und Ausbleiben des Nachschubs extrem verschlechtert. Die strategisch entscheidenden Kämpfe ereigneten sich ohnehin in den zahllosen Schlachten in der Tiefebene am Isonzo, aber auch hier waren die österreichischen Truppen wenig erfolgreich. Am 26. Oktober 1918 schließlich ließ Kaiser Karl den deutschen Kaiser wissen, dass er innerhalb der nächsten 24 Stunden den amerikanischen Präsidenten Wilson um einen Waffenstillstand und einen Sonderfrieden mit Österreich-Ungarn bitten werde. Der trat indes erst am 4. November in Kraft. Da von österreichischer Seite bereits einen Tag zuvor die Einstellung der Kämpfe befohlen worden war, nutzten die Italiener die Gunst der Stunde, um mit der kampflosen Besetzung Südtirols zu beginnen und insgesamt 380.000 österreichische Soldaten gefangen zu nehmen.

Bis Ende Juli 1919 unterstand Südtirol einer Militärregierung, die das Land hermetisch von Österreich abriegelte, die deutschsprachigen Bezirkshauptleute durch Italiener ersetzte und somit der österreichischen Verwaltung schon vor einer endgültigen Regelung ein Ende setzte. Die Friedensbedingungen wurden in Saint Germain weniger ausgehandelt als diktiert: Am 10. September unterzeichnete der österreichische Staatskanzler Karl Renner den Staatsvertrag, der die Abtrennung Südtirols besiegelte und die Brennergrenze bestätigte. Rolf Steininger kommentiert: „Die Entente zahlte die Kriegsbeute aus, die sie im Londoner Geheimvertrag vom 26. April 1915 für den Kriegseintritt Italiens an ihrer Seite zugesagt hatte.“ (S.17)

Wenn man heute auf Südtiroler Wanderpfaden einhergeht oder mit dem Auto die Brennerstraße entlang fährt, bewegt man sich oft auf Wegen, die im Ersten Weltkrieg angelegt worden sind. Heute, 100 Jahre später, sind die Kriegsspuren kaum zu übersehen, weil der Wanderer auf ausgewiesenen Touren, mit Schrift- und Bildtafeln sowie in zahlreichen Museen – zum Teil in den alten Festungen, den sogenannten Werken – allenthalben auf sie aufmerksam gemacht wird.

   

Im Freilichtmuseum Anderte Alpe

Wegweiser zum FreilichtmuseumWegweiser zum FreilichtmuseumAm 31. August machten wir uns per Bus auf den Weg zur Anderte Alpe: durch Eisack- und Pustertal, schließlich bei Innichen in das Sextener Tal. Schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die besonders gefährdete Lage der Region im Falle eines Krieges klar. Nicht umsonst wurde mit der Sperre Sexten durch zwei Festungen begonnen, und die Bevölkerung war an regelmäßige Schießübungen und Sperrungen des Sextener Tals zum Zwecke militärischer Übungen gewohnt. Nach der Kriegserklärung begannen Evakuierungen in den Taldörfern, die durch italienischen Artilleriebeschuss beschleunigt wurden. Sexten wurde zerstört – die Italiener vermuteten dort ein Munitionslager -, Innichen heftig beschossen. Ziel der Italiener war es zunächst, durch das Massiv der Sextener Dolomiten in das Pustertal vorzudringen und so die wichtige österreichisch-ungarische Nachschublinie zu unterbrechen. Laut Heinz von Lichem (Der einsame Krieg, S. 72) war es vor allem den Tiroler Standschützen und dem Deutschen Alpenkorps zu verdanken, dass dieser Vorstoß in den entscheidenden ersten Kriegsmonaten nicht gelang. So wurden im Hochgebirge die Hauptverteidigungslinien beider Kriegsparteien angelegt, und Österreicher wie Italiener versuchten unter härtesten Bedingungen, ihre einmal erkämpften Stellungen in Höhen von über 2900 Metern zu verteidigen, auszubauen und die gegnerischen Positionen – meist erfolglos oder nur für einen kurzen Zeitraum - zu erobern.

Der Krieg hat tiefe Spuren in felsigen Höhen hinterlassen, aber auch die Zivilbevölkerung in den Tälern in Mitleidenschaft gezogen. Dies nicht in Vergessenheit geraten zu lassen bzw. die Folgen von Kriegshandlungen, Evakuierung und Flucht aufzuarbeiten, ist Ziel des Vereins „Bellum Aquilarum ONLUS“, der von Bürgern und Bürgerinnen der besonders betroffenen Gemeinde Sexten begründet wurde. In seiner Selbstdarstellung heißt es:

Die Initiative soll ein Mahnmal gegen den Krieg und dessen weitreichende Folgen werden. Das Projekt beinhaltet die Verwirklichung eines Freilichtmuseums auf der Rotwand, eines historischen Museums und eines Dokumentationszentrum in Sexten. Alle damaligen Kriegsparteien, welche heute die Staaten Italien, Österreich, Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien sind, sollen in die Realisierung des Projekts eingebunden werden.

KaverneKaverneFür das Sextener Museum, das den Besucher und die Besucherin einführt in den soldatischen Alltag und die Kämpfe um den Sentiellapass, die Rotwand oder den Elfer, das das Schicksal der Kriegsgefangenen beleuchtet und die Kriegsfolgen für die Zivilbevölkerung, blieb keine Zeit. Von Bad Moos aus fuhren wir mit der Kabinenbahn hoch zu den Rotwandwiesen und brachen von dort aus auf zu einer mehrstündigen Wanderung durch das Freilichtmuseum Sektor I – Anderte Alpe, äußerst kundig geführt von Dr. Sigrid Wisthaler, Mitglied des Vereins Bellum Aquilarum. Auf gut begehbaren Wegen folgten wir ihr zu den meisten der 19 Objektbereiche, die mit Nummern bezeichnet und mit Informationstafeln – historische Fotos mit erläuternden LaufgrabenLaufgrabenTexten – versehen sind. Vom Krieg geblieben sind Kavernen –Unterkünfte im blanken Fels -, Reste von Baracken, Mauerreste von Küchen und Magazinen, Laufgräben, Spuren von Seilbahnen und Handaufzügen, eiserne Haltevorrichtungen für Telefonleitungen, Munition, Stacheldraht, Dinge des täglichen Lebens wie verrostete Konservendosen und zerborstene Flaschen. Die Fotos veranschaulichen, wie es einst dort aussah, zeigen nicht nur Soldaten postiert vor primitiven Unterkünften, schroffen Felswänden, Schneebergen, sondern auch russische Kriegsgefangene beim Wegebau und Waffentransport in die verschneiten Höhen. Auch Maultiere und Hunde wurden für die Beförderung von Verpflegung und Material eingesetzt; die Italiener verpflichteten Frauen für den Transport von schweren Munitionskisten.

Frau Dr. Wisthaler vom Verein Bellum Aquilarum führte uns.Frau Dr. Wisthaler vom Verein Bellum Aquilarum führte uns.Frau Dr. Wisthaler gab nicht nur eine Einführung in das Kampfgeschehen und kommentierte kundig die Bildtafeln, sondern schilderte auch den soldatischen Alltag. Dabei griff sie gelegentlich auf das Kriegstagebuch ihres Urgroßvaters Karl Außerhofer zurück, das sie ediert hat. Außerhofer, der bei Kriegsbeginn als Landsturmmann für die Sicherung der Bahnlinie im Pustertal zuständig war und nach der italienischen Kriegserklärung an verschiedenen Abschnitten im Hochgebirge kämpfte, schildert darin Tag für Tag, wie er den Krieg an der Dolomitenfront erlebte, den Hunger, die Langweile, die Unbilden des Wetters, Tod und Krankheit, den Kampf gegen die Läuse ...

Darüber hinaus gab Frau Wisthaler, um die Mühsal des Gebirgskrieges zu illustrieren, Beispiele für Proviantmengen, die für 30 Tage zu den Höhenlagern hinaufgeschleppt werden mussten, dazu Munition, Brennmaterial, Werkzeug und Baustoffe, die aus den Privathäusern der evakuierten Bevölkerung im Tal herausgerissen wurden: „Alles, was aus Holz war, wurde ausgeräumt“, sodass die zurückkehrende Zivilbevölkerung allenfalls die Außenmauern der vom Beschuss verschonten Behausungen Militärische AufbauarbeitMilitärische Aufbauarbeitvorfand. Frau Wisthaler informierte über das Schicksal des legendären Bergführers Sepp Innerkofler, den Erfinder der „fliegenden Patrouillen“, denen es gelang, den Italienern immer wieder an ganz verschiedenen Orten die österreichische Präsenz auf Höhen und Gipfeln vorzutäuschen. So verschwendeten die Alpini kostbare Munition für eine vermeintliche feindliche Stellung, die gar nicht gehalten wurde. Innerkofler starb unter ungeklärten Umständen am Paternkofel am 4. Juli bei einer Aktion, die er von Anfang am als zum Scheitern verurteilt erachtete. Dennoch gehorchte er dem Befehl der Offiziere. Über seinen Tod kursieren viele Versionen. Fakt ist, dass die Italiener seine Leiche bargen und bestatteten. Erst 1918 wurde sie exhumiert und ins Tal hinuntergebracht. Bis heute genießt Innerkofler so etwas wie einen Heldenstatus in der Region, die seiner mit einer feierlichen Zeremonie anlässlich des 100. Todestags gedachte.

Das Freilichtmuseum umfasst auch einen zweiten, höher gelegenen Sektor – die Elferscharte, an der k.u.k. Infanteristen ein komplexes Tunnel- und Kavernensystem angelegten, um sich vor den überhöht in den Scharten des Elfergrates und des Barthgrates sitzenden Alpini zu schützen – kein Gelände für bergunerprobte Besucher, wie wir es waren!

Dieser Kampfabschnitt ist im Übrigen Gegenstand des 2015 erschienenen Romans von Davis Pfeifer: „Die Rote Wand“. Zugrunde liegt ihm eine wahre Geschichte, die der Viktoria Savs, die sich – 15jährig - in der Zeit des Ersten Weltkriegs als Junge verkleidete und in den Krieg zog, um ihrem Vater in den Wirren des Gebirgskrieges nahe zu sein. Im gut recherchierten Roman ist sie überwiegend im Basislager stationiert, von wo aus sie als Meldegänger an die Hochgebirgsfront geschickt wird und den Tod ihrer Kameraden erlebt. Auf Befehl eines Vorgesetzten nimmt sie an einer aussichtslosen militärischen Aktion teil, die ihre Einheit für wenige Stunden in den Besitz einer italienischen Stellung bringt. In einer Gerölllawine verliert sie ein Bein; im Lazarett wird sie als Mädchen „enttarnt“. Am Ende begegnet sie als alte Frau dem letzten Habsburger Otto, bei dem sie sich über die niedrigen Pensionen für die Kriegsinvaliden beschwert: „’Die lassen einen kaum existieren. Zum Sterben zu viel, aber zum Leben zu wenig.’ Sie stemmt die Krücke in den Boden, dreht sich um und geht wieder in Richtung Sterngässchen. Sie hat gesagt, was sie sagen wollte.“ (S. 280) Literarisch keine Perle, aber flott geschrieben, inhaltlich interessant und informativ.

 

Im Martelltal

Soldatenkapelle an der Zufallhütte – im Hintergrund der CevedaleSoldatenkapelle an der Zufallhütte – im Hintergrund der CevedaleDie Exkursion am folgenden Tag führte uns nach Westen zum Martelltal im Vinschgau. Vom Ende der Fahrstraße aus wanderten wir hoch zur Zufallhütte, die ihren Namen einem nahe gelegenen Wasserfall verdankt. 1882 auf 2265 Meter Höhe erbaut, wurde sie während des Ersten Weltkriegs Offiziersunterkunft und „Sitz des Abschnittskommando IV Cevedale“. Daran erinnert heute noch die „Soldatenkirche zum Heiligen Herz Jesu“, eine kleine Kapelle, von Soldaten zunächst aus Holz, dann aus Stein erbaut, in deren Innerem ein unsäglich kitschiges Gemälde über dem Altar – der verletzte junge Soldat mit offenem Hemd und Uniformjacke, die rechte Hand auf das Herz gelegt, den Kopf an Jesu Brust gelehnt – hängt. Überschrift: „Fürchtet Euch nicht vor Denen die den Leib töten die Seele aber nicht töten können“.

Von den zahlreichen Gebäuden, die während des Krieges hier standen, ist außer der bereits erwähnten Hütte und der Kapelle nur das Schlachthaus (!) geblieben. Schautafeln geben nicht nur einen Überblick über die damalige Anlage, die u. a. eine große Mannschaftsbaracke für 240 Soldaten, eine kleinere für 120, eine Telefonzentrale und eine Erste Hilfe Station, eine Schuster- und Schneiderei umfasste, sondern informieren auch über die Lebensbedingungen der Soldaten im Hochgebirgskrieg:

Drei Jahre lang kämpften die Gebirgssoldaten beider Seiten unter armseligen Bedingungen gegen den Feind und das Wetter auf den höchsten Berggipfeln der Ortlerfront in 3.000 bis 4.000 Meter Höhe. [...] Aufgeweichte Schuhe wurden mit Sandsäcken umwickelt, um Gletscher nicht barfuß betreten zu müssen. [...] Da auch die Verpflegung auf ein Minimum reduziert war, wurden die Soldaten immer krankheitsanfälliger. Schussverletzungen, Knochenbrüche, Lungenentzündungen, ja selbst eine einfache Grippe konnten tödlich sein, da der Krankentransport bei Kälte und großer Kälte oft nicht möglich war. 2/3 aller Soldaten sind im Hochgebirgskrieg den Witterungseinflüssen zum Opfer gefallen. Im Sommer durch Gewitter und Blitzen, Steinschlag und Spaltenstürzen. Im Winter durch Schneefälle, Lawinen, Stürme und Kälte.

Besonders ausführlich aber berichten die Schautafeln über die ohnehin allgegenwärtigen Tiroler Standschützen in Friedens- und Kriegszeiten. Die rühmen sich heute noch, dass nur durch ihren Einsatz Tirol verteidigt werden konnte. Eine Südtiroler Zeitung berichtet:

Am Samstag [8. August 2015] wurde in Martell auf der Zufallhütte ein Wortgottesdienst für die gefallenen Standschützen abgehalten. Die Gedenkveranstaltung wurde von den Schützenkompanien Goldrain, Kastelbell, Morter, Prutz-Faggen, Kauns, Kematen und Grinzens veranstaltet. Die Musikkapelle Martell sorgt für die musikalische Umrahmung. Die Gedenkrede hielt Ortlerfrontexperte Manfred Haringer. Ein Gedenkkreuz für die Standschützen wurde unterhalb der Hütte am Wegesrand aufgestellt. Nahe an jener Stelle, an welcher die letzten Gefallenen dieses Frontabschnitts im November 1918 bestattet wurden. (Südtirol-News)

Eines der Gedenkkreuze für die StandschützenEines der Gedenkkreuze für die StandschützenSo sehr ich die Erinnerung an das schreckliche Geschehen des Krieges begrüße: Diese Art des Gedenkens und der Glorifizierung der Schützen mutet, so meine Meinung, befremdlich an. Der Artikel berichtet außerdem, dass am selben Tag „von allen Schützenkompanien aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol gemeinsam rund 70 Gedenkkreuze an historisch bedeutenden Punkten der ehemaligen Frontlinie aufgestellt“ wurden. Tatsächlich waren die modisch rostigen Kreuze mir während der Reise an verschiedenen Stellen aufgefallen, und die Gleichförmigkeit einschließlich der mittlerweile verwelkten Kränze hatte mich verwundert. Befremdet hatte mich auch ein Plakat der „Schützenkompanie ‚Sizar Anpezo Hayden’ Seliger Kaiser Karl I. von Österreich“ (in Fraktur!) vor dem Rathaus in Cortina d’Ampezzo, mit dem zu einer „Gesamttiroler Gedenkfeier“ am 9. August 2015 eingeladen wurde. Erster „Tagesordnungspunkt“: „Meldung an den Höchstanwesenden, Frontabschreitung, Abmarsch“. Mit dem „Höchstanwesenden“ ist der österreichische Kaiser gemeint, und auf dem Plakat sind sie gleich alle beide abgebildet: Kaiser Franz Josef und Kaiser Karl!

Die italienisch-österreichische Frontlinie verlief oberhalb der Zufallhütte nördlich des Monte Cevedale, der als weißer Gletscherberg auch im Sommer die Kapelle überragt. Gibt man im Internet „Cevedale“ oder „Zufallhütte“ ein, so findet man in erster Linie Tipps für Wander- und Skitouren. Gelegentlich gibt es Hinweise wie:

Wo sich heute Wanderwege erstrecken, wo Kletterwände in den Himmel ragen und Tourengeher die Herausforderung suchen, wurde von 1915 bis 1918 erbittert gekämpft. [...] Aber schließlich endete der Krieg, die Stellungen wurden aufgegeben und vom Schnee vergraben. Mit dem Rückzug der Gletscher kommen sie wieder zum Vorschein. Man findet Gebäudereste, alltägliche Gebrauchsgegenstände und teilweise noch scharfe (!) Munition.

Tatsächlich wurden unmittelbar nach der italienischen Kriegserklärung vom Stilferjoch bis zum Cevedale Tunnel, Seilbahnen, Schützengräben auf und in den Gletschern angelegt. Auf dem Gipfel des Cevedale gab es feste Geschützstellungen. Unübersehbares Relikt ist eine österreichische Kanone aus Gussstahl am Fuße des Monte Cevedale direkt am Gletscher auf 3100 Meter Höhe. Nur wenige Meter entfernt entdeckte man 2012 eine Kiste mit 600 Granaten.

Das zunehmende Anschmelzen der Gletscher bringt 100 Jahre später weitere Überreste ans Tageslicht: Die Zeitung „Dolomiten“ meldet in ihrer Ausgabe vom 5./6. September 2015:

Knapp unterhalb des Gipfels der Königsspitze (3859 Meter) hat der Gletscher eine Mannschaftsbaracke aus dem Ersten Weltkrieg frei gegeben. Der gut erhaltene Unterstand wird derzeit von Archäologen vermessen und soll im nächsten Jahr freigelegt werden, sagte Catrin Marzoli, die Leiterin des Amtes für Bodendenkmäler, gegenüber dem „Dolomiten“. [...] Das aus Holz errichtete Gebäude bot ab 1918 bis wenige Wochen vor Kriegsende 30 Soldaten sowie vier Offizieren Unterschlupf. Sie wurde vermutlich von einem Blitzschlag getroffen und beim nachfolgenden Brand teilweise zerstört.

  

Das „Museum über den großen Krieg“ in der ehemaligen Festung Tre Sassi

An der Festung Tre Sassi am Valparola-PassAn der Festung Tre Sassi am Valparola-PassAm nächsten Tag besuchten wir das Kriegsmuseum Tre Sassi am Valparola-Pass. Es ist in einer Festung untergebracht, einem sogenannten Werk, das von 1898 und 1901 als Teil eines Festungsgürtels errichtet worden war. Die Anlage wurde ab dem 5. Juli durch massiven Artilleriebeschuss stark beschädigt und schließlich verlassen. Dem Kriegsgegner wollte man vortäuschen, die Festung sei noch intakt: Attrappen wurden aufgestellt, Patrouillen gingen umher und das Werk wurde noch lange nachts erleuchtet. In der Tat blieb es den ganzen Juli über Ziel der italienischen Artillerie, die somit wertvolle Munition verschoss.

Im Museum im Inneren des Forts sind im unteren Geschoss, gut kommentiert, vor allem Gebrauchsgegenstände, Bekleidung, Uniformen, Berge von Munition und Waffen ausgestellt. Schautafeln informieren über das Kriegsgeschehen im Allgemeinen und besonders über das Schicksal des nahe gelegene Ortes Cortina d’Ampezzo, der nach Kriegsbeginn von Italien besetzt wurde, während die männlichen Einwohner bereits eingezogen waren und natürlich auf Seiten Österreich-Ungarns kämpfen mussten – zum Teil in Sichtweite ihres Heimatortes auf der anderen Seite der Frontlinie.

Eine eigene, recht umfängliche Sektion im Museum ist kurioserweise Kurt Erich Suckert gewidmet, besser bekannt als Curzio Malaparte, dessen Romane über seine Zeit als Kriegskorrespondent des Corriere della Sera an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg („Kaputt“ und „Die Haut“) im Nachkriegsdeutschland für Furore sorgten. Er kämpfte ab 1915 als Freiwilliger auf der italienischen Seite u. a. auf dem Col di Lana.

Im Obergeschoß des MuseumsIm Obergeschoß des MuseumsIm oberen Geschoss sind die Räume gemäß ihren ehemaligen Funktionen eingerichtet: Wir sehen u. a. einen Schlafsaal, eine Schreibstube, den Wachposten mit dem Maschinengewehr an der Fensteröffnung, sodass man einen vagen Eindruck vom Leben in der Festung erhält. Was der Besatzung bei der Beschießung durch die Italiener wirklich widerfuhr, ist kaum vorstellbar:

Von der Stahlarmierung der Decke des Festungswerkes ist nach der Beschießung nicht mehr viel übrig geblieben. Die italienischen 24-cm-Geschosse durchschlugen nach mehrstündiger Beschießung die obere Decke des Werkes und das obere Geschoß. Nur im letzten Augenblick konnten sich die Verteidiger – Tiroler Kaiserjäger und Kaiserschützen – in das Untergeschoß retten... Eine Gegenwehr der Werksbesatzung war nicht möglich: Die Italiener beschossen Tre Sassi von weither in indirektem Beschuß. Eingesperrt im Dröhnen konnte die Werksbesatzung erst nach zehnstündigem Beschuß die nächste rettende Stellung – um das eigene Leben rennend – erreichen. (von Lichem, S. 95)

Das Museum ist Teil eines größeren Komplexes, der außerdem das Freilichtmuseum von 5 Torri, das Freilichtmuseum von Lagazuoi und den Sasso di Stria, den Hexenstein, umfasst. Ein Besuch des Freilichtmuseums am Lagazuoi in 2778 Meter Höhe stand ursprünglich auf unserem Programm, musste jedoch leider aufgrund der schlechten Wetterlage gestrichen werden. Aufgrund seiner natürlichen Beschaffenheit konnte der Lagazuoi zu einer veritablen Höhenfestung ausgebaut werden. Heute kann man hier restaurierte Tunnel und Geschützstellungen besichtigen.

Winterkleidung der SoldatenWinterkleidung der SoldatenDie Region legt Zeugnis ab von einem erbitterten Minenkrieg: Sprengstollen wurden unter die gegnerischen Stellungen getrieben, um die feindlichen Besatzungen in die Luft zu sprengen. Die Gipfel des Kleinen und des Großen Lagazuoi waren seit Kriegsbeginn in österreichischer Hand. Im November 1915 kletterten Alpini in dunkler Nacht die Wand des Kleinen Lagazuoi hinauf und verschanzten sich hinter eiligst errichteten Brustwehren. So lagen sie einerseits geschützt der österreichischen Besatzung des anderen Gipfels gegenüber, andererseits, durch Überhänge gesichert, direkt unter der österreichischen Lagazuoi-Gipfelwache. Um die Pattsituation zu durchbrechen, begannen Österreicher und Italiener im Sommer 1916 im Wettlauf mit dem Bau von Sprengstoffstollen. Es waren schließlich die Österreicher, die die entscheidende Sprengung vornahmen, durch die am 22. Mai 1917 eine Felswand in einer Länge von rund 200 Metern zerstört wurde: sie riss die italienischen Stellungsanlagen in die Tiefe, aber die Italiener hatten nur geringe Verluste an Menschenleben zu beklagen, da sie in Anbetracht der drohenden Gefahr die Position rechtzeitig geräumt hatten. So begann der Minenkampf von Neuem. Nirgends in den Dolomiten, so beschließt von Lichem das Kapitel über diesen Frontabschnitt, sei so zäh und hart gekämpft worden, wie auf dem Fanes, Falzarego und Valparola – außer noch am Col die Lana.

Auf den blickt man bei gutem Wetter vom Festungswerk Tre Sassi aus. Seine Spitze wurde am 17. April 1916 in die Luft gesprengt. So entstand ein ovaler Trichter von 30 zu 50 Metern. Die österreichischen Stellungen waren verschwunden, die Besatzung unter Gesteinsmassen begraben: „Als das österreichische Divisionskommando von der unmittelbaren Sprengung erfuhr, erließ es den Befehl, den Col di Lana bis zum letzten Mann zu halten.“ (Nettelbeck, S. 47) Denn natürlich waren die Geräusche, die die Bohrung von Tunneln verursachten, nicht zu überhören, zumal die Horchgeräte, mit denen der Fortschritt der Arbeiten verfolgt werden konnte, immer ausgeklügelter wurden.

Auf dem Soldatenfriedhof Nasswand-ToblachAuf dem Soldatenfriedhof Nasswand-ToblachAuf dem Rückweg nach Bozen machten wir Halt am Soldatenfriedhof Nasswand-Toblach in der Nähe von Cortina d’Ampezzo, auf dem 1259 Soldaten verschiedener Nationalität begraben sind. Auf der Informationstafel wird betont: „Durch Lawinen, Steinschlag, große Kälte, Gewitter und andere Naturerscheinungen starben mehr Menschen als durch feindliche Waffen.“ Gegenüber dem Friedhof befand sich eine der ersten Versorgungsstationen für verwundete Soldaten aus dem nahen Kampfgebiet. Wenn nötig, wurden hier auch Operationen durchgeführt. Die Hauptaufgabe der Ärzte bestand allerdings darin, die Verwundeten auf den Abtransport vorzubereiten. In etwa 60 Baracken konnten bis zu 2000 Menschen untergebracht werden. Viele erlebten den Weitertransport nicht und wurden auf ebenjenem Friedhof in unmittelbarer Nähe bestattet. (Kriegerfriedhof Nasswand)

   

Die Franzensfeste

Franzensfeste vom oberen Fort aus gesehenFranzensfeste vom oberen Fort aus gesehenDie Franzensfeste nördlich von Brixen, die wir am 3. September besuchten, hat nicht unmittelbar etwas mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, wohl aber mit Kriegsplanung. Denn 1797 rückte Napoleon durch das Eisacktal gegen Österreich vor, das einen demütigenden Waffenstillstand akzeptieren musste. Nie wieder sollte Österreich von Norden aus bedroht werden! So begann man 1833 mit dem Bau einer gewaltigen Festung südlich des Brenners. Die Baupläne stammten vom Heeresingenieur Franz von Scholl, dessen oberstes Ziel es war, die Festung uneinnehmbar zu machen: „Außenmauern aus glatten Granit-Quadern, die selbst großen Kalibern standhalten; Geschützkammern mit konischem Gewölbe, aus denen der Rauch schneller abzieht; Dächer mit mehreren Erdschichten, die Einschläge dämpfen.“ (Die Franzensfeste, S. 16)

Franz I., nach dem die Festung benannt wurde, lebte schon nicht mehr, als sie 1838 eingeweiht wurde: 2,6 Millionen Gulden hatte der Bau verschlungen, nach heutigem Wert rund 400 Millionen Euro. 1862 erlebte sie so etwas wie eine Feuertaufe, als österreichische Kanoniere ihre neuen Geschütze testen wollten: Die 13 Kugeln prallten ab, ohne Schaden an den Granitmauern anzurichten. 20 Jahre später war die Festung entgültig abgeschrieben, denn in diesem Jahr schlossen Österreich, Deutschland und Italien den Dreibund und versprachen sich immerwährenden Frieden. Die Festung wurde zum Lager degradiert, Büsche und Bäume überwucherten das Gelände. Der Erste Weltkrieg fand schließlich anderswo statt. Allenfalls diente die Franzensfeste, seit 1867 an die Bahn angebunden, die über den Brenner führt, als Umschlagplatz für den Nachschub an die Front. 1919 fiel sie kampflos an die italienische Armee. Erst 2003 verließ das italienische Militär den Komplex, im dem Kriegsmaterial gelagert wurde. Was genau sich dort befand, war streng geheim.

Heute kümmert sich der Verein Oppidum um das Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Eines seiner Mitglieder, Oskar, führte uns kundig durch das Gelände, sogar die 451 Stufen und 75 Höhenmeter empor zum oberen Fort, von dem aus der Besucher einen eindrucksvollen Überblick über die untere Anlage hat.

  

Ein Besuch in Lusérn

Die Festung Lusérn wurde im Mai 1915 schwer beschossen.Die Festung Lusérn wurde im Mai 1915 schwer beschossen.Am 4. September fuhren wir mit dem uns inzwischen vertrauten Kleinbus nach Lusérn, einem einsam gelegenen Bergdorf im Trentino. Herr Nicolussi Castellan, der ehemalige Bürgermeister und Leiter des Dokumentationszentrum führte uns durch sein Haus, durch den Ort und das „Haus von Prükk“, ein als Museum eingerichtetes Wohnhaus. Lusérn gilt als Sprachinsel: Vor 100 Jahren sprachen hier noch rund 20.000 Menschen die zimbrische Mundart, eine Dialektform des Südbairischen. Heute ist diese Sprache so gut wie ausgestorben.

Der Ort spielte im Ersten Weltkrieg eine nicht unbedeutende Rolle, denn er befand sich in unmittelbarer Grenznähe, und das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Italien war schon seit Beginn des Jahrhunderts so belastet, dass der Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabs, Conrad von Hötzendorf, beschloss, auf der Hochebene der „Sieben Gemeinden“ eine umfassende Befestigungslinie anzulegen. Ab 1908 entstanden zwischen Folgaria und Vezzana sieben große Werke, darunter auch das Forte Campo Lusérn. Die gepanzerten Befestigungen waren mit den modernsten Haubitzen in drehbaren Schutzkuppeln und Schnellschusskanonen für die Nahverteidigung ausgerüstet. Von besonderer Bedeutung war das Werk Lusérn: „Aufgrund seines gewaltigen Umfangs und seiner Angriffsstärke trug die Festung auch den Beinamen ‚Il Padreterno’ (‚Gottvater’) und spielte wegen der strategischen Lage zur Beobachtung des oberen Endes des Val d’Assa eine zentrale Rolle in den ersten Tagen des Krieges.“ (Prezz, S. 31) Italien reagierte auf die Aufrüstung der Österreicher mit dem Bau von drei Werken in den Fiorentiner Alpen.

Für die Bewohner der armen Berggemeinde Lusérn hatte der Festungsbau einen bedeutsamen Aufschwung gebracht, denn zwischen 1908 und 1912 war fast die gesamte Einwohnerschaft mit dem Bau befasst gewesen und hatte so bezahlte Arbeit. Aber das „gute Leben“ sollte nicht lange währen.

Wie bereits erwähnt, hatte Österreich-Ungarn bei Kriegsbeginn zum Zwecke der Verkürzung der Frontlinie die Grenze zurückgenommen, sodass die Befestigungen allesamt in oder dicht hinter der Hauptkampflinie lagen. Unter den nun erfolgenden italienischen Angriffen hatte besonders Lusérn zu leiden.

Wie aus den Akten des Kriegsgerichts von Trient hervorgeht, wurde das Werk Lusern am 25. Mai 1915 von der italienischen Artillerie beschossen, die bis zum 28. Mai ihr Feuer ununterbrochen fortsetzte und das Werk mit nicht weniger als 5000 Geschossen, insbesondere mit 28 cm-Stücken traf. Die Panzertürme des Werks wurden abgeschossen, der Zentralpanzer barst (Dicke ca. 500 mm) Unter dem 28. Mai steht zu lesen, dass die Soldaten im Werk seit drei Tagen nicht geschlafen hatten und dass seit drei Tagen keine Nachrichten von außen angelangt waren, da sogar die zwei Meter tief in den Fels gelegten Telefonleitungen von italienischen Geschossen zerrissen worden waren. (Uli Mößlang, DIE FRONT DER HOCHEBENE)

Der Kommandant der Festung, Emanuel Nebesar, war zur Aufgabe bereit, wurde aber durch den Verteidigungsangriff der anderen Festungen daran gehindert. Wäre die Festung eingenommen worden, hätte sich die Front zurückziehen müssen und Trient wäre gefährdet gewesen. Nebesar wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, aber in erster und zweiter Instanz freigesprochen, denn die Richter sahen sein Handeln als Reaktion auf eine extreme Belastung infolge der Dauerbeschießung. Ein Prozess in dritter Distanz wurde wegen Kriegsende hinfällig.

Wie grausam das Leben für die Werksbesatzungen war, beschreibt von Lichem:

Eingeschlossen in oft totaler Finsternis, ständig im Dröhnen der Einschläge – psychisch wie physisch lebendig begraben. Die Situation der Werksbesatzungen wird daher mit Recht verglichen mit der Lage der U-Boot-Besatzungen, die ebenfalls jeden Kontakt zur Außenwelt, zur Welt der Lebenden verloren hatten. Man lebte zwar – aber unter welchen Bedingungen! (S. 146)

Im Mai unternahm die österreichisch-ungarische Armee im Frontabschnitt südlich von Trient eine Frühjahresoffensive mit Hauptstoßrichtung über die Sieben Gemeinden, die aber schon Mitte Juni zum Stillstand kam. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni verlegte das Oberkommando die Frontlinie um drei bis vier Kilometer auf eine besser zu verteidigende Stellung zurück.

Flüchtlinge aus Lusérn in BöhmenFlüchtlinge aus Lusérn in BöhmenDie Einwohner von Lusérn hatten den Ort längst verlassen: 900 Menschen waren als Flüchtlinge in Böhmen angesiedelt worden. Erst im Winter 1919 kehrten sie in ihr größtenteils zerstörtes Dorf zurück, das inzwischen zu Italien gehörte. Die italienische Regierung stellte Mittel zum Wiederaufbau zur Verfügung und schuf damit auch Arbeitsplätze für die mittellose Bevölkerung.

Die Festung Lusérn befindet sich heute im Besitz der Gemeinde, die zurzeit Wiederherstellungsarbeiten durchführen lässt, um sie für Besucher zugänglich zu machen. Nicht viel ist im Augenblick laut Herrn Nicolussi Castellan zu sehen, für eine Besichtigung fehlte indes eh die Zeit. Der Ort Lusérn gibt ihr eine große Bedeutung:

Die Festung Lusérn ist heute ein Symbol für die Härte und die Grausamkeit des Krieges. Sie ist ein Zeugnis einer der härtesten Abschnitte unserer Geschichte und eine Aufforderung zum Frieden. Zugleich ist dies auch der Ort, an dem am 21. August 1933 das italienisch-österreichische Friedenstreffen stattgefunden hat. (Prezzi, S. 31)

In der Ausstellung zum Ersten WeltkriegIn der Ausstellung zum Ersten WeltkriegViel gibt es im örtlichen Dokumentationszentrum zu sehen: über Lusérn und seine Geschichte, über Flora und Fauna, über Klöppelei und Mode. Ich möchte an dieser Stelle nur auf die kleine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg eingehen. Das Besondere ist, dass die überschaubare Zahl von Exponaten in hochkant gestellten Särgen aus unbehandeltem Holz präsentiert wird. Jeder Sarg trägt an der Außenseite den Namen eines Soldaten sowie den seiner Herkunft – z. B. Ethan Tremblay (Canada) oder Dietrich Berger (Austria) -, im Inneren des Sarges drapiert z. B. eine Uniform, in einem anderen Stacheldraht und Schneidewerkzeug, des weiteren thematisch angeordnet Granaten, Gasmasken, Feldtelephone. Hier wird deutlich, wie man auch mit wenigen Exponaten eine eindrucksvolle Schau bieten kann.

Darüber hinaus wird auf bebilderten Informationstafeln das Kriegsgeschehen in und um Lusérn sowie das Schicksal seiner Bewohner dokumentiert.

Auf dem Rückweg machten wir Halt am Soldatenfriedhof Costalta. Die 164 kleinen Holzkreuze tragen keine Namen; eine Plakette tut pathetisch kund: „Die hier bestattet gewesenen Soldaten waren getreu ihrem Eide für ihr Vaterland gefallen.“ Nach dem Krieg wurde dieser Friedhof aufgelöst und die Gebeine der österreichischen und italienischen Gefallenen im Ossarium von Asiago beigesetzt. Dennoch wird ihr Andenken hier vor Ort bewahrt: Auf Steinen, die am Eingang zum Friedhof liegen, stehen die Namen der Toten, so in grüner Schrift auf grauem Grund:

Schütze
Josef Meissl
Wels
+ 22.IX.1915
Cost’Alta
15 Jahre

Von der großen Zahl der Erinnerungsorte in Südtirol haben wir auf unserer Wandererstudienreise gewiss nur einen winzigen Bruchteil gesehen, haben aber dennoch einen bleibenden Eindruck von den Schrecken des Hochgebirgskriegs bekommen.

      

Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg – ein kursorischer Überblick

Ein gutes Jahr nach der Unterzeichnung des Vertrags von Saint Germain trat am 10. Oktober 1920 das Annexionsgesetz in Kraft, durch das Südtirol offiziell Bestandteil Italiens wurde. Dabei hatten sich die Italiener als „Belohnung“ für den Kriegseintritt auf Seiten der Entente eigentlich mehr erwartet, die Hafenstadt Triest und Istrien u. a. Die Enttäuschung über den „verlorenen Sieg“ verstärkte die inneren Spannungen und trug zum Sieg der Faschisten bei.

Faschistisches Siegesdenkmal in BozenFaschistisches Siegesdenkmal in BozenMit dem „Marsch auf Rom“ am 28. Oktober 1922 erzwang Benito Mussolini seine Berufung an die Spitze der Regierung. Er leitete unverzüglich eine Italienisierung Tirols ein: Deutsche Ortbezeichnungen wurden durch italienische ersetzt, die deutsche Sprache unterdrückt, deutsche Schulen verboten. Insbesondere in der Region Bozen wurden in den 1930er Jahren italienische Arbeiter angesiedelt und eine riesige Industriezone geschaffen. Hier in Bozen, unserem Unterkunftsort und Ausgangspunkt für die Exkursionen, wurde 1928 ein faschistisches Siegesdenkmal an Stelle des im Rohbau bereits fertiggestellten Denkmals für die im Weltkrieg gefallenen Kaiserjäger eingeweiht, das bis heute erhalten ist. Im Inneren ist ein eindrucksvolles Museum entstanden, das einerseits die Geschichte Bozens nach dem Weltkrieg erläutert, andererseits die Entstehungsgeschichte des Siegesdenkmals beschreibt und kommentiert. Eine ähnlich kritische Bewertung würde man sich für den Fries am Gebäude der Finanzämter wünschen, der von dem deutschen Südtiroler Piffrader geschaffen und erst 1953 vollendet wurde: Er preist unverhohlen den Duce und die Errungenschaften des Faschismus.

Walther-Denkmal in BozenWalther-Denkmal in Bozen1935 wurde das für die Bozener so wichtige Walther-Denkmal entfernt und in einen entlegenen Park verbracht. Es war 1889 eingeweiht worden und Walther von der Vogelweide gewidmet. Ettore Tolomei, der „Erfinder“ der Brennergrenze, hatte es als Symbol für das Südtirol beherrschende Deutschtum bezeichnet, das es zu beseitigen galt. Tatsächlich war es von Anfang an der zentrale Ort für deutsch-nationale Feiern gewesen. Erst seit 1981 steht Walther von der Vogelweide wieder an der alten Stelle auf dem Walther-Platz.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 erwarteten die Deutschstämmigen, dass auch Südtirol „heim ins Reich“ geholt werde. Aber Hitler sicherte Mussolini den Bestand der Brennergrenze zu. Mit dem Hitler-Mussolini Abkommen von 1939 wurden die Südtiroler vor die Wahl gestellt, entweder für die deutsche Staatsbürgerschaft zu optieren und so zur Umsiedlung bereit zu sein oder sich für die italienische Staatsbürgerschaft zu entscheiden und damit möglicherweise – so die Drohung – im Süden Italiens oder gar in den Kolonien angesiedelt zu werden. 86 Prozent der deutschstämmigen Bevölkerung – 220.000 Menschen - votierten für Deutschland. Im Jahr 1940 verließen über 35.000 sogenannte Optanten Südtirol. Danach geriet die Umsiedlung ins Stocken, zumal ein endgültiges Siedlungsgebiet noch nicht gefunden war bzw. zunächst einmal erobert werden musste. 1943 waren es nur noch vier Prozent jener 75.000, die Südtirol tatsächlich verließen.

Zu diesem Zeitpunkt war Mussolini bereits gestürzt, Italien auf die Seite der Alliierten in den Krieg eingetreten und Nordtirol im September 1943 von deutschen Truppen besetzt worden. Mussolini, von deutschen Truppen befreit, trat an die Spitze der sogenannten Republik von Salò, deren Ausdehnung auf deutsches Besatzungsgebiet beschränkt war. 1944 wurde bei Bozen ein „polizeiliches Durchgangslager“ eingerichtet, durch das bis 1945 etwa 11.000 Menschen auf dem Weg in Konzentrationslager wie Mauthausen, Dachau und Auschwitz geschleust wurden: Kriegsgefangene, Juden, Roma, Sinti, Familienangehörige von Deserteuren. Auch Hinrichtungen fanden hier statt. In der Nachkriegszeit spielte Bozen indes eine nicht unbedeutende Rolle als Versteck für untergetauchte Nazigrößen. Adolf Eichmann fand hier beispielsweise Aufnahme im Franziskanerkloster.

Mit der Kapitulation der deutschen Truppen endete auch die Republik von Salò. Mussolini war kurz zuvor am 28. April 1945 von italienischen Partisanen erschossen worden. Noch im selben Jahr beschlossen die vier Siegermächte die Beibehaltung der Brennergrenze. Der österreichische Außenminister Karl Gruber und der italienische Ministerpräsident Alcide De Gasperi unterzeichneten zwar am 5, September 1946 ein Autonomieabkommen für Südtirol, das die ansässige Bevölkerung jedoch als unzureichend empfand. In den 1960er Jahren sorgten zahlreiche Anschläge in Südtirol für Instabilität. Erst durch ein zweites (20. Januar 1972) und ein drittes Autonomiestatut (9. November 2001) wurden Bedingungen geschaffen, mit denen beide Volksgruppen in Südtirol nebeneinander leben können.

Sabine Harling

   

Literatur:

Forcher, Michael: Tirol und der Erste Weltkrieg. Innsbruck-Wien 2014.

Lichem von, Heinz: Der einsame Krieg. München o. J.

Nettelbeck, Uwe: Der Dolomitenkrieg. Berlin 2014.

Prezzi, Christian: Die zimbrische Sprachinsel Lusérn. Lusérn 2012.

Pfeiffer, David: Die Rote Wand (Roman). München 2015.

Steininger, Rolf: Südtirol – Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Innsbruck-Wien 2014.

  

Die Franzensfeste. Bozen 2008.

Historischer Wanderführer Sextener Dolomiten Freilichtmuseum: Gebirgskrieg 1915 – 1917. Sexten 2015.

  

www.bellumaquilarum.it/deutsch/

www.suedtirolnews.it/d/artikel/2015/08/10/gedenkkreuz-fuer-standschuetzen.html.#.VfRAnq3aY

www.ferienregion-vinschgau.com/vinschgau/ferienregion/martell/gletscherkrieg/php

www.nzzch/lebensart/outdoor/auf-den-spuren-des-ersten-weltkriegs-1.18546699

www.dolomiti.org/ger/Cortina/laga5torri/musei/index.html

www.Kriegerfriedhof-nasswand.it

www.moesslang.net/lusern-dokumentationszentrum.htm