Dienstag, 8. Oktober 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 8. Oktober 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 8. Oktober 1918Wissenschaftliche Vorträge. Heute abend 6½ Uhr beginnen die wissenschaftlichen Vorträge dieses Winters im Bürgervereinssaale mit einem Vortrage des beliebten Redners Dr. Donders aus Münster über die Wege der Zeit zu Christus. Für besinnliche Menschen redet der Weltkrieg eine eindringliche Sprache, die, richtig verstanden, zur Einkehr zwingt und zu Gott hinführt. Auf diese wohltätige Folge der erschütternden Ereignisse will der Redner näher eingehen und die neuen, aber harten Fügungen Gottes zweckentsprechend deuten und zu ihrer Beherzigung auffordern.

Das Meister-Konzert zugunsten der Hinterbliebenen gefallender Krieger, das der Reichsverein „National-Flugwehr“ am morgigen Mittwoch, abends 8 Uhr, im Bonner Bürgerverein unter Mitwirkung von Kammersänger Theodor Lattermann, Hamburg, und Kapellmeister Winternitz veranstaltet, wird ein Offizier mit einer Ansprache über die allgemeine Kriegslage, die Bedeutung der Flieger in unserem Kriege und über deren Zukunft einleiten. Der Reichsverein, der bereits 1913 gegründet worden ist und eine große Anzahl im Felde stehender Krieger ausgebildet hat, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein großes Fliegerheer heranzubilden, das der uns drohenden Gefahr eine wirksame Abwehr sein wird. Die Gründung vorn Ortsgruppen soll helfen, die Jugend zu tüchtigen Fliegern auszubilden. Beiträge und Stiftungen zur Förderung sind zu richten an die Deutsche Bank, Depositenkasse A, Berlin W. 8, Mauerstraße, Konto: Reichsverein „National-Flugwehr“.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten“)

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 8. Oktober 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 8. Oktober 1918In Groß-Bonn tritt seit einigen Tagen der Kraftmensch Siegmund Breitbarth auf. Ihm merkt man gar nichts von der allgemeinen Lebensmittelknappheit an. Er sprengt Ketten, hantiert mit zentnerschweren Felsblöcken, schlägt mit der Faust Nägel in ein Brett, trägt vier erwachsene Menschen an einer 160 Pfund schweren Kugelstange, legt sich mit dem bloßen Rücken auf ein mit Nägeln bespicktes Brett, während er auf der Brust einen schweren Amboß trägt, auf den drei Männer mit Eisenhämmern schlagen. Vorzügliches leisten auch drei Kunstradfahrer und drei Fangkünstler, sowie die Tanzkünstlerin Tamara, der bekannte Humorist Willy Thiele und die Miniatur-Soubrette Lilly Walter-Schreiber.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

    

Pilzwanderungen. Die im Auftrag des örtlichen Kriegsausschusses für Sammel- und Helferdienste unter der kundigen Führung des Rektor Emons an den letzten drei Mittwochen veranstalteten Pilzwanderungen haben regen Zuspruch gefunden. Ungefähr 150 Personen haben daran teilgenommen. Fast alle konnten ein gutes Gewicht für 8 – 10 Köpfe, manche 10 – 15 Pfund mit nach Hause nehmen. Nach einem einleitenden Vortrag über den Bau und die Arten der Pilze, sowie Mahnung zum schonenden Sammeln zerstreuten sich die Teilnehmer im Walde, um sich nach 1 bis 2 Stunden an dem vereinbarten Treffpunkt wieder zu sammeln. Unter Aufsicht und mit Hilfe des Führers konnte jeder sein Sammelergebnis sichten. Es folgte dann noch eine Aussprache über Putzen, Kochen, Würzen und Trocknen der Pilze. Da die Witterung für das Sammeln der Pilze sehr günstig ist, möge hier nochmals darauf hingewiesen werden, daß am nächsten Mittwoch, d. 9. ds. Mts, mit der letzten diesjährigen Pilzwanderung nochmals Gelegenheit geboten wird, sich ein nahrhaftes und wohlschmeckendes Pilzgericht zu sammeln, in der heutigen fleischarmen Zeit eine besonders willkommene Beihülfe zur Ernährung. Die städtische Pilzbestimmungsstelle auf der Franziskanerstraße 1a bleibt auf vielseitigen Wunsch noch bis Mitte Oktober geöffnet. [...]

Zur 9. Kriegsanleihe. Aus Werbebriefen von Schülerinnen an ihre Eltern: „M., den 28.9.1918. Meine lieben Eltern! Mein Brief kommt diesmal mit einer wichtigen Bitte. Heute morgen hörten wir in einem kleinen Vortrage, daß Deutschland unbedingt Kriegsanleihe zeichnen müsse. Wir dürfen jetzt nicht den Mut verlieren bei dem Rückschlage an der Front. Seit vier Jahren stehen wir in Feindesland, und doch hat der Feind nicht den Mut verloren. Wir dürfen also auch den Mut nicht sinken lassen, jetzt, wo es drauf und dran geht. Wenn wir jetzt auf die Knie gezwungen werden, dann werden wir uns so bald nicht erheben, denn der Feind wird uns wie Sklaven behandeln. In Rumänien hat er seinem Verbündeten die Petroleumquellen vernichtet, Städte, Brücken und Eisenbahnen zerstört, wie soll es dann uns gehen? Jetzt lauert der Feind, ob wir noch nicht müde sind zu zeichnen. Wehe Deutschland wenn es zagt! Schon um unserer Ehre willen müssen wir dem Vaterlande zur Seite stehen, denn Schiller sagt: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre.“ – Unsere Schule hat bis jetzt 153.000 Mark für Kriegsanleihe aufgebracht, so daß wir von der Regierung öffentlich belobigt wurden. Ich hoffe also, liebe Eltern, bald Nachricht von Euch zu erhalten, daß ich zeichnen darf. Mit Spannung warten alle Kinder auf die Post von ihren Eltern. Empfangt die besten Grüße von Eurer dankbaren Gertrud.“

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)