Samstag, 26. Januar 1918

    

Anzeige im General-Anzeiger vom 26. Januar 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 26. Januar 1918Lebensmittelschwindel. Ein Monteur aus Bonn war als militärischer Kraftwagenführer an mehreren Fronten, vor allem auf den türkischen Kriegsschauplätzen tätig gewesen, hatte sich auch den Eisernen Halbmond erworben und war infolge einer Unfallverletzung entlassen worden. Nach seiner Entlassung aus dem Heeresdienst ließ er sich in Bonn als Lebensmittelgroßhändler nieder. Ein möbliertes Zimmer in einem Hause der Ermekeilstraße war sein Geschäftsraum. Zahlreichen Leuten in Bonn und Umgebung erzählte er, er könne ihnen bedeutende Mengen an Butter, Speck und anderer begehrenswerter Waren verschaffen, brauche dazu aber einen Geldvorschuß, den er in vielen Fällen auch erhielt. Ein Herr in Godesberg vertraute ihm sogar einen Vorschuß von 5300 Mark für eine Haferflockenlieferung an. Mit der Einnahme des Vorschusses hörte die Tätigkeit dieses Händlers natürlich auf. Die Strafkammer, vor der er sich gestern zu verantworten hatte, verurteilte den Betrüger zu zwei Jahren Gefängnis.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

   

Eine Antwort an die studentische Vertreterversammlung. Aus studentischen Kreisen wird uns geschrieben: Durch die von dem Vorsitzenden der Vertreterversammlung abgegebene Erklärung muß der Eindruck erweckt werden als ob es sich um eine Meinungsäußerung der Bonner Studenten schlechthin handele. In der Tat handelt es sich aber nur [um] Vertreter von Korporationen. Wir verwahren uns dagegen, daß öffentlich über unsre Ueberzeugung verfügt wird, ja, daß der Anschein erweckt wird, als stelle sich die Bonner Studentenschaft als solche auf den Boden der Vaterlandspartei. Wir mißbilligen es auch, daß die anderer Ueberzeugung und der Herausforderung durch das Gebaren der deutschen Vaterlandspartei entsprungene Kundgebung der Heidelberger Kommilitonen als „Umtriebe“ bezeichnet wird.
   Wir halten es für unsere Pflicht, gegen die politischen Ziele der Vaterlandspartei aufzutreten, da diese durch den erstrebten Machtfrieden Deutschland nicht nur die dauernden, ungeheuren Kosten eines wahnsinnigen Wettrüstens auferlegen, sondern auch durch Verhinderung einer auf dem Boden des Rechts und der Sittlichkeit begründeten Verständigung der Völker den Krieg zu einer dauernd drohenden Geißel machen wird. Wir betonen, daß wir uns mit demselben Recht auf die gebrachten Blutopfer berufen können, und daß wir uns gegen die Bezeichnung „unpatriotisch“ entschieden verwahren müssen, zumal unsere Auffassung nicht nur von der Reichstagsmehrheit, sondern laut Antwort auf die Papstnote auch von der deutschen Regierung geteilt wird.

Zum Mehrverbrauch an Gas. Gar mancher, der in diesen Tagen seine Gasrechnung erhält, wird sich wundern, daß er trotz aller Sparsamkeit den Vermerk auf dem Quittungsformular findet, zu viel Gas verbraucht zu haben, und daß für jedes zu viel verbrauchte Kubikmeter Gas 50 Pfg. Strafe zu zahlen ist. Dieser Mehrverbrauch findet seine Erklärung darin, daß die diesmalige Rechnung über annähernd fünf Wochen Gasverbrauch ausgestellt ist, während sonst durchschnittlich alle drei, höchstens vier Wochen der Gasverbrauch aufgenommen wird. Es ist also nicht gesagt, daß der jetzt angegebene Mehrverbrauch auch wirklich bezahlt werden muß, das stellt sich erst bei der Gesamtrechnung über ein ganzes Jahr im März dieses Jahres heraus.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

    

[…] Brotversorgung.
Die Vorentnahme von Brot an den Samstagen und Sonntagen für die kommende Woche hat zu Schwierigkeiten in der Brotversorgung geführt, die eine Aufrechterhaltung dieses auch in anderen Städten nicht üblichen Vorzuges nicht mehr gestatten.
   Es wird daher in nächster Zeit angeordnet werden, daß die Vorentnahme des Brotes an den Samstagen und Sonntagen für die kommende Woche nicht mehr stattfinden darf. Brot für die neue Woche darf alsdann nur noch von Montag ab entnommen werden.
   Bäckereien, die nach dem Erlaß des Verbotes noch an den Samstagen und Sonntagen Brot für die kommende Woche abgeben, haben unnachsichtlich Geschäftsschließung zu erwarten.
   Die Hausfrauen werden gebeten, durch sparsamste Einteilung des Brotes unter allen Umständen dafür zu sorgen, daß die Brotmenge jeder Woche bis einschließlich Sonntag reicht. Auch verlangt eine geregelte Versorgung, daß die Wochenbrotmenge einer Familie nicht auf einmal genommen wird. […]
   Seifenpulver.
Nach einer neuen Bestimmung dürfen fortan an eine Person in einem Monat statt 250 Gramm nur noch 125 Gramm Seifenpulver abgegeben werden. Die jetzt noch im Verkehr befindlichen auf 250 Gramm lautenden Seifenkarten für Seifenpulver bleiben bis zur Neuausgabe von Seifenkarten bestehen, jedoch darf auf diese nur die Hälfte von 250 Gramm = 125 Gramm Seifenpulver verabfolgt werden. Bleibt der Bezug einer Person in einem Monat unter dieser zugelassenen Höchstmenge, so wächst der Minderbetrag der Höchstmenge des nächsten Monats nicht zu, dagegen ist der Vorausbezug der Menge für 2 Monate gestattet. Feinseife und Seifenpulver darf nur gegen Ablieferung der für den laufenden oder nächstfolgenden Monat gültigen Seifenkarten abgegeben werden. Die Seifenkarte gilt unabhängig vom Orte der Ausgabe in allen Orten des Reiches.
Bekleidungsamt.
Das Tischtuchverbot für Gastwirtschaften wird noch nicht überall gewissenhaft durchgeführt. Es wird daher eine strenge fortlaufende Prüfung angeordnet. Die Wäschebestände der Betriebe, die das Verbot nicht beachtet haben, werden sofort enteignet. […]

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Nachrichten des städtischen Lebensmittelamtes.“)

  

Kaisergeburtstagsfeiern. Die hiesigen höheren Schulen hielten gestern bereits ihre üblichen Kaisergeburtstagfeiern. Heute haben sie einen schulfreien Tag.
   In der Feier der städtischen Realschule, die in der Aula des städtischen Gymnasiums stattfand, bot der von Herrn Rech geleitete Schulchor eine Reihe vorzüglicher Leistungen dar. Wie die Chorlieder, waren auch die Gedichtvorträge dem vaterländischen Fest und zugleich dem Ernst der Zeit angepaßt. […] Die Festrede hielt Oberlehrer Dr. Krieg, der darin kurz die Eigenschaften schilderte, die den Kaiser jedem Deutschen lieb und wert machen müssen. Er schloß mit dem Ausdruck des Vertrauens, daß der Kaiser, seine großen Heerführer und seine Ratgeber, den rechten Frieden zur rechten Zeit schließen werden. Direktor Professor Dr. Korten überreichte 15 Schülern der Anstalt, die im vorigen Herbst bei der Obsternte in der Etappe bis zum Schluß wacker mitgeholfen haben, oder sich als Jungmannen in der Heimat, und drei weiteren Schülern als Anerkennung für gute Leistungen und musterhafte Führung ein Buch als Geschenk des deutschen Kronprinzen.
   Am städtischen Gymnasium und Realgymnasium fand die Feier des Geburtstages des Kaisers am Freitag nchmittag 5 Uhr in der Aula statt. […] Unter den Gedichten, die Stimmung und Gesinnung des Deutschen im Ringen um seine Zukunft wiedergaben, beanspruchten diejenigen der flämischen Dichter E. Hiel und G. Geselle besonderes Interesse. […] Ein begeistertes Kaiserhoch bildete den Schluß der Feier.
   In der Feier des städtischen Lyzeums und der damit verbundenen Studienanstalt trug der von Herrn Zoumer geleitete Schülerinnenchor eine Anzahl auch schwieriger Lieder sehr fein und vollendet vor. Die von mehreren Schülerinnen aufgesagten Gedichte waren durchweg dem weltgeschichtlichen Erleben der Gegenwart entnommen und verfehlten ihren Eindruck nicht. Die Festrede hielt Oberlehrerin Frl. Dr. Rüggeberg. Sie schilderte, zum Teil aus eigener Erfahrung, das falsche Urteil, das sich im Auslande, zumal in Frankreich und England, über uns Deutsche herausgebildet hat. Namentlich in Frankreich, zeitigte seit 1871 das Gift des Hasses und der Verleumdung um so schlimmere Blüten, je mehr der Deutsche in der Welt zu Ansehen und Einfluß gelangte. Die Ausführungen schlossen mit einem Kaiserhoch.
   Am morgigen Geburtstage des Kaisers die Häuser reich zu beflaggen und dadurch in dieser ernsten Zeit der Treue und Anhänglichkeit zum Kaiser besonderen Ausdruck zu geben, bittet Oberbürgermeister Spiritus die Mitbürger.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)