Dienstag, 19. Juni 1917

      

Eine vaterländische Feier an der Bismarcksäule veranstaltet die Bonner Studentenschaft wieder am übermorgigen Sonnwendtage. Es findet, wie in den beiden letzten Jahren, eine Wagenausfahrt der Korporationen der Vertreterversammlung zusammen mit Rektor und Senat statt, jedoch diesmal abends. Die Wagen versammeln sich gegen 8 Uhr im Hofgarten vor dem Universitätsgebäude und fahren 8½ Uhr zu Bismarcksäule durch die Koblenzer Straße ab. An der Säule werden ein Vertreter des Vereins der katholischen Theologen einen Kranz niederlegen und der Rektor eine kurze Ansprache halten, dann werden die Wagen in geschlossenem Zuge zur Universität zurückkehren.

Der Kriegsausschuß für Konsumenteninteressen für den Stadt- und Landkreis Bonn hat Sonntag eine von 40 Vertretern aus Bonn und der Umgebung besuchte Versammlung abgehalten. Der Vorsitzende, Buchhändler Falkenroth, teilte u. a. mit, daß dem Ausschuß jetzt 40 Vereinigungen mit rund 10.000 Mitgliedern angehören, und betonte vor allem die segensreiche Wirksamkeit des Ausschusses für hauswirtschaftliche Kriegshilfe. Der zweite Vorsitzende, Stadtverordneter Wellmann, berichtete über die Gemüse- und Kartoffelversorgung. Mit der Gemüseversorgung stehe es schlimm. Die Höchstpreise würden von vielen Bauern einfach nicht beachtet. In der Kartoffelversorgung und bei der Verteilung der Kolonialwaren hätten sich die Einrichtungen der Stadt Bonn glänzend bewährt. […] So stehe Bonn glücklicher und gesicherter da als vielleicht irgend eine andere rheinische Stadt. Auch D. Weber sprach der Stadtverwaltung, insbesondere dem Beigeordneten Piehl, den wärmsten Dank aus, daß sie auf die Wünsche und Anregungen des Ausschusses vielfach eingegangen und mit großer Umsicht und Tatkraft die Verpflegung der Einwohnerschaft zu sichern bestrebt gewesen seien. Verschiedene Redner aus dem Landkreise Bonn klagten dann bitter über die Verhältnisse in ihren Orten. Godesberg z. B. erhalte nicht aus den umliegenden Dörfern, was ihm zukomme. Es wurde u. a. angeregt, die Einrichtung eines Lebensmitteldezernats beim Landratsamt zu beantragen. Bei der Besprechung der Kohlenfrage wurde betont, daß im nächsten Winter der Betrieb der Zentralheizungen in den Privatwohnungen auf das allernotwendigste beschränkt werden müsse. […] Auch die Milchfrage wurde besprochen; es wurde dabei auf die großen Schwierigkeiten in der Milchversorgung und auf die gesteigerten Erzeugungskosten hingewiesen. Schließlich wurde noch hervorgehoben, daß in diesem Jahre nicht wieder unreife Kartoffeln als sog. Frühkartoffeln ausgemacht werden dürften.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

      

In einer Ausstellung von Arbeiten Verwundeter der hiesigen Lazarette führt der Ausschuß für Kriegsbeschädigten-Fürsorge der Stadt Bonn wieder einmal die Arbeit unserer Verwundeten der Bürgerschaft vor Augen. Die Erfolge der früheren Ausstellungen berechtigen hierzu in jeder Hinsicht. Die Sachen stehen ja nicht allein zur gefälligen Ansicht aus; sie sollen gekauft werden und aus dem Erlös den Herstellern materielle Freude erwachsen; aber wer auch nicht gekauft, der hat doch seine Freude an der Ausstellung gehabt. Sie zeigt uns unsere Lazarette auch von einer anderen Seite als der streng medizinischen. Sie zeigt, daß dort in Mußestunden, wenn der körperliche Zustand es erlaubt, ganz gemütlich gebastelt wird. Da freuen einen nicht nur die originellen putzigen, oft künstlerisch anmutenden Erzeugnisse unserer verwundeten Krieger; mehr freut einen noch, daß diese dort so arbeiten dürfen und können. Und das ist der Gewinn eines Besuches dieser Ausstellungen; man lernt die Lazarette von einer anderen, geistig anregenden, gemütlichen Seite kennen. Orte des Schreckens sind es dann nicht mehr. Schade drum, daß die Ausstellung nicht größere Räume erwischt, wo man in Muße schauen könnte, was unseren Verwundeten in Kopf und Hand steckt. Martinsplatz 6 ist’s diesmal.

Wie die Höchstpreise umgangen werden. Eine Hausfrau schreibt uns: Diejenigen Waren, für die Höchstpreise festgesetzt wurden, sind nur schwer, meist gar nicht zu erhalten. Tritt man an einen mit Gemüse oder Obst gefüllten Korb, dann heißt es in neun von zehn Fällen, daß die Ware bereits verkauft sei. Daß dies aber meist unrichtig ist, kann man sehen, wenn man die betreffende Verkäuferin eine Zeit lang im Auge behält. Nachdem noch einige Hausfrauen abgewiesen worden sind, kommt dann endlich der Richtige, d. h. derjenige, der unter dem Siegel der Verschwiegenheit über die festgesetzten Höchstpreise hinaus die Ware bezahlt und auch erhält.
   Am Samstag kam es dieserhalb auf dem hiesigen Wochenmarkt wiederholt zu erregten Auftritten, denen verschiedene polizeiliche Strafmandate folgten. Die Folge war, daß eine Anzahl Bauersfrauen ihre Körbe zudeckten und den Markt schimpfend verließen. Diesem wucherischen Treiben kann nur gesteuert werden, wenn jeder einzelne Fall unnachsichtlich der Marktpolizei angezeigt wird. Mit den heute festgesetzten Höchstpreisen, die höher sind, als jemals vorher, können die Marktfrauen sicher zufrieden sein.

Die Strafkammer Bonn tagte gestern in einer außerordentlichen Sitzung. […] Der 22jährige militärpflichtige Anton Kru. von hier hatte im März dieses Jahres nach seiner Fahnenflucht aus der Garnison Koblenz in zwei Fällen aus dem Schuppen des hiesigen Güterbahnhofes im ganzen acht Frachtbriefe gestohlen. In Gemeinschaft mit seinem Genossen, dem ehemaligen Schuhmacher und nachherigen Lebensmittelagenten Mathias L. von hier, wurden dann die auf die Frachtbriefe lautenden Waren am Güterbahnhof abgeholt und an einschlägige Geschäfte verkauft. Es handelte sich hierbei um große Mengen von Weinen, Zigarren, Wäschestücke und allerlei Hausgeräten, Matzen, Schreibpapiere usw. An letzteren waren es beispielswiese 108.000 Briefbogen mit Umschlägen. Der Wert der Gesamtbeute belief sich auf mehrere tausend Mark. Kru. erhielt acht Monate und L. sechs Monate Gefängnis.

Die gärtnerischen Anlagen unserer Stadt sind, der Zeit entsprechend, besonders in den blühenden Blumenbeeten stark eingeschränkt worden. Während sonst, wo immer sich eine Möglichkeit ergab, schöne Blumen das Auge erfreuten, oder durch ihre Seltenheit den Kenner anzogen, hat die Stadtgärtnerei diese Stellen mit wenigen Ausnahmen in Rasenflächen gewandelt. Diese Ausnahmen nun zeigen, was unsere Stadtgärtner vermögen, wenn ihnen wieder die Gunst der Zeiten entgegenkommt. Da ist der untere Teil der Poppelsdorfer Allee; der in alter Schönheit und Farbenpracht uns seinem Duft, die Vorübergehenden anzieht. Da ist die Anlage um den Springbrunnen am Kaiserplatz, die ja leider durch die Schlinge der elektrischen Bahn stark in ihrer Wirkung herabgesetzt wird, die wie in besseren Zeiten ihre blühenden und duftenden Blumen in hübscher Zusammensetzung erhielt. Da ist aber in erster Linie das große Springbrunnenbecken am Baumschulwäldchen. Was der kunstgeschulte Gärtner überhaupt an Schönheit, Farbenzusammenstellung und packender Anordnung zu ersinnen vermag, hat er hier in glücklichster Weise vereinigt. Es ist eine wahre Pracht, die täglich immer wieder von den Bürgern bestaunt wird.
   Wenn nun auch die Garten-, die Blumenstadt Bonn in diesen Kriegszeiten etwas hinter dem Bonn des Friedens zurücktritt, so ist die Parkstadt dieselbe geblieben. Heute wie ehedem sind der Hofgarten, das Baumschulwäldchen, kühle, erfrischende Ruhestätten. Heute wie in Friedenszeiten wandelt sich’s im Schatten unserer Alleen, der Koblenzerstraße, der Poppelsdorfer, der Meckenheimer Allee und wie sie alle heißen mögen, gar herrlich. Und heute ist der Aufenthalt in den Rheinanlagen und in der Gronau angesichts des mit vollem Wasser dahinfließenden Stromes eine wahre Erquickung. Der harten Zeit aber nähertretend, sind unsere herrlichen Friedhöfe heute mehr denn je der Zielpunkt der Menschen, die sich in irgend einer Weise mit dem Schicksal, mit Leid und Tod auseinander zu setzen haben. Die klärende Ruhe dieser ernst prächtigen Anlagen hilft auch dem hart geprüften Herzen auf die Höhe des Verstehens, daß nicht einer und eine vom Schicksal hart gepackt, sondern daß alle den Nacken zu beugen haben.
   So wirken auch unsere gärtnerischen Anlagen, unsere Alleen und Friedhof-Parks nicht nur als einfache Schönheitswerte, sondern sie laben und versöhnen auch Seele und Gemüt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Godesberg, 18. Juni. Am gestrigen Sonntag riefen die Glocken in der evangelischen Kirche mit ihrem gemeinsamen Geläute zum letztenmale die Gemeinde zum Gottesdienste, und heute vormittag von 11 bis 12 Uhr fand dann nochmals für die Allgemeinheit ein letztes Abschiedsgeläute statt. Von den vier Glocken wurden dann hierauf nachmittags drei in Abbau genommen, um im Dienste des Vaterlandes Verwendung zu finden. Gewiß ward mit diesem Akte für manche Gemüter ein wertvolles Stück aus der teueren Erinnerung herausgebrochen, mit dem das Lebens feierlichste Stunden unlösbar verbunden waren. Aber auch wiederum war auf allen Gesichtern zu lesen eine freudige Entschlossenheit des willigen Entsagens zum Wohle unseres vielgeliebten Vaterlandes. Jeder zeigte sich dessen bewußt, daß die Verwendung der Glocken zu Kriegszwecken, wie es auch in früheren Zeiten schon üblich war, keineswegs ein Abnehmen unserer Kräfte und ein abfälliger Kommentar zur Kriegslage bedeute. Wir haben bekanntlich noch auf Jahre hinaus genug Kupfer, Messing und Bronze im eigenen Lande. Aber meist befindet es sich an Stellen, wo es nur mit verhältnismäßig großem Zeitverlust ausgewechselt werden könnte. Diese Gewichtsausbeute stände in der Jetztzeit in keinem richtigen Verhältnis zu der Zahl der Arbeitskräfte, die hierzu bereitgestellt und einer dringlicheren Arbeit entzogen werden müßten. Eine einzige Glocke birgt mehr Metall in sich als tausend Türklinken, Handgriffe und Instrumententeile. Im gestrigen Gottesdienste, in welchem Herr Pastor Neumann des Glockenabschieds in seiner Predigt ergreifend gedachte, führte der Prediger aus, wie die scheidenden Glocken nach des Psalmisten Wort hell hinausjubelten ein „Jauchzeit dem Herrn“ für seine großen Gnadenerweisungen in diesem Weltkriege, einen Ruf in die fernen Heldengräber hinein: Wir kommen selbst, um mitzuhelfen am großen Werke fürs Vaterland, und wie sie das ganze deutsche Volk eindringlichst ermahnten, den höchsten und heiligsten Gütern des Christenglaubens und der Vaterlandsliebe unerschütterlich treu zu bleiben und bußfertig zu beten um Sieg und Frieden für unser Volk. Ihre gewaltige Stimme rufe uns zu: „Die Herzen in die Höhe!“

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Von Nah und Fern.“)

Die Lage der Heimarbeiterinnen. Es wird dringend gebeten, sich der Ernährungs-, Arbeits- und Wohnungsangelegenheit der hiesigen Heimarbeiterinnen etwas mehr anzunehmen. Hauptsächlich der weiblichen, alleinstehenden Personen welche meistens unverschuldet durch Kränklichkeit oder Familienverhältnisse auf mühevolle Art gezwungen sind, ihr täglich Brot ehrlich zu erwerben, jedoch meistens auf unaussprechliche Hartherzigkeit stoßen und meistens gründlich gekränkt und aus einer Wohnung in die andere verjagt werden. Gibt es da kein Mittel, gerade diesen mittellosen Personen eigens Schutz und Recht zu verschaffen? Es heißt stets: Alleinstehende Personen können sich besser durchbringen, wie Familien, es ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Die alleinstehenden Personen sind überall im Wege und es heißt, die brauchen nichts. Eine Abonnentin.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)