Montag, 22. November 1915

    

Am gestrigen Totensonntag wurde bei den Gottesdiensten in den evangelischen Kirchen der Verstorbenen, vor allem der auf dem Felde der Ehre gefallenen und in den Lazaretten ihren Verwundungen erlegenen Krieger gedacht. Mittags von 12 bis ½1 Uhr ertönte von den Türmen der evangelischen Kirchen am Kaiserplatz, in Poppelsdorf und in Beuel feierliches Geläut mit allen Glocken, das gleichfalls dem Gedächtnis der Toten gewidmet war. Die Friedhöfe waren gestern nachmittag die Ziele vieler Tausender, die an den Gräbern ihrer Angehörigen oder an den Kriegergräbern sich dem Gedenken an die Verstorbenen hingeben wollten. In Beuel fand gestern nachmittag eine Friedhofsfeier an den Kriegergräbern statt, die sehr stark besucht war.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 22. November 1915Die Kartoffelnot in Bonn. Seit einiger Zeit herrschen in der Versorgung der Bevölkerung der Stadt Bonn mit Kartoffeln so beklagenswerte, auf allen Teilen der Bürgerschaft je länger je schwerer lastende Zustände, daß es an der Zeit ist, sie öffentlich zur Sprache zu bringen. Es geschieht in der Hoffnung, dadurch schleunige Abhülfe herbeizuführen.
   Seit mehr als einer Woche sind bei den Händlern in der Stadt und auf dem Markt keine Kartoffeln mehr zu kaufen. Man ist damit ganz auf den städtischen Verkauf angewiesen. Allein bei der Verkaufsstelle in der Sternstraße sind Kartoffeln manchmal gar nicht zu haben, meistens nach kurzer Zeit ausverkauft, weil die vorhandene Menge der Nachfrage ganz und gar nicht entspricht. An dem städtischen Verkauf auf dem Markt, wo sie, ebenso wie in der Sternstraße, nur zehnpfundweise verkauft werden, ist der Andrang begreiflicherweise sehr groß. Auch hier entspricht der Vorrat bei weitem nicht der Nachfrage, und es entstehen oft Unterbrechungen im Verkauf von etwa einer Stunde, bis die Mengen herbeigeschafft sind. Inzwischen stehen die dichtgedrängten Käuferinnen, die zu Hause nötige Arbeit zu dieser Zeit haben, Kinder ohne Aufsicht oder das Mittagessen auf dem Feuer wissen, manche auch mit kleinen Kindern auf dem Arm, frierend, klagend, erbittert da und warten – warten! Die Herren von der Stadtverwaltung können dies traurige Bild jeden Vormittag von den Fenstern ihrer wohldurchwärmten Amtsstuben aus selbst ansehen. Wie schnell, zumal in einer kinderreichen Familie, 10 Pfund Kartoffeln verbraucht sind, oft schon in einem Tage, weiß jede Hausfrau. Dann muß der mühselige Gang zum Kartoffel-Verkauf wieder getan werden. Die Kartoffelhändler, die seit Jahren auf dem Markt ihre Kunden bedienen, erklären, sie dürfen nicht verkaufen. Ein Händler im Cassiusgraben, der einen großen Vorrat hat und noch vor einigen Tagen feste Bestellungen übernahm, erklärt jetzt, vorläufig nicht liefern zu wollen. Ein anderer am Stiftsplatz gibt Kartoffeln in kleinen Mengen ab, bei gleichzeitigem Einkauf von Obst.
   Die Großhändler erklären, keine Ware zu bekommen, und darum die schon vor Wochen fest versprochenen, von einer Woche zur anderen verschobenen Lieferungen nicht ausführen zu können.
   Das sind unerträgliche Verhältnisse und es ist nicht einzusehen, weshalb hier nicht schon längst mit voller Energie und Strenge die Stadtverwaltung eingriff, wie das in anderen Städten geschah, wo der Kartoffel-Verkauf sich in voller Ordnung und Ruhe vollzieht. Die Bonner Bürger haben Anspruch darauf, in angemessener Weise und Menge ihre Kartoffeln kaufen zu können. Die Ernte war überreich. Die schwere Kriegszeit und die ungeheuerliche Lebensmittel-Teuerung erfordert ohnehin sehr große Opfer, bringen drückende Sorge und Not in die meisten Familien, da sollte durch solche Mißstände die Lage, die durch den einsetzenden Frost immer schwieriger und bedrohlicher wird, nicht noch erschwert, die Erbitterung weitester Kreise nicht noch mehr gesteigert werden. Eine um das Wohl der Allgemeinheit besorgte Hausfrau.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Eingesandt“)

   

Anzeigen im General-Anzeiger vom 22. November 1915Anzeigen im General-Anzeiger vom 22. November 1915Vor der Strafkammer stand am Samstag die Ehefrau eines hiesigen Bäckermeisters unter der Anklage, daß sie gegen die Verordnung über das Brotbacken verstoßen habe. Sie hatte Brot zu einer Zweigstelle nach Beuel bringen lassen, was ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis des Oberbürgermeisters nicht gestattet ist. Angeblich war das Mehl, aus dem das Brot gebacken war, von der Gemeinde Beuel geliefert. Die Strafkammer verurteilte die Angeklagte die bereits mehrfach vorbestraft war, zu 80 Mk. Geldstrafe. – Wegen einer ähnlichen Uebertretung stand ein hiesiger Bäckermeister vor Gericht. Er hatte für einen Bäckereibesitzer aus Niederholtdorf Brot gebacken, der ihm das Mehl dafür lieferte und für jedes Brot einen Backlohn bezahlte. Das Brot war nach dem Backen sofort noch warm zur Ablieferung verladne worden. Da die Abgabe von Brot ohne schriftliche Genehmigung des Oberbürgermeisters verboten ist, und das Brot überhaupt erst am zweiten Tage nach dem Backen abgegeben werden darf, verurteilte die Strafkammer den Bäckermeister, der ebenfalls schon verschiedentlich vorbestraft ist, zu 50 Mk. Geldstrafe.

Wegen Kindesaussetzung wurde am Samstag ein 18-jähriges Mädchen von der Strafkammer zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das Kind war im Krausfeld gefunden worden, ist aber nach einigen Wochen gestorben.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. November 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 22. November 1915Zur Beruhigung der Eltern, deren Söhne in Rußland oder auch in Frankreich für vermißt geführt werden, teilt uns Herr Otto Jahn in Bonn folgendes mit: Mein Sohn Walter war seit Februar vermißt und alle Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Heute nach neun Monaten erhielt ich von demselben eine Karte, abgeschickt am 23.9., daß er sich als Kriegsgefangener in Russisch-Asien befindet. Ferner wird aus Rheindorf, Bez. Düsseldorf, den 19. Nov. geschrieben: Bereits im August vergangenen Jahres erhielten hier die Eheleute Schäfers die amtliche Mitteilung, daß ihr Sohn den Heldentod gestorben sei. Heute, nach vierzehn Monaten, erhielten die Eltern einen Brief von ihrem „toten Sohn“, demzufolge er damals infolge schwerer Verwundung in französische Gefangenschaft geraten ist.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)