Samstag, 27. März 1915  

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Kaiser-Wilhelm-Spende deutscher Frauen. Der Gedanke, dem Kaiser in dieser für ihn so schweren Zeit eine mit einer Huldigungsschrift verbundene Spende zu überreichen, hat in den weitesten Kreisen der deutschen Frauenwelt festen Boden gefaßt. Es entspricht offenbar einem Herzensbedürfnis der Frauen, gerade jetzt dem Kaiser eine Freude zu machen. Es ist zwar schon viel gesammelt worden, aber der Krieg erfordert ja auch immer neue Opfer. Und es ist den Frauen, die oft nicht recht wissen, zu welcher der vielen Sammlungen sie beisteuern sollen, äußerst sympathisch, dem Kaiser die Verteilung ihrer Spenden zu überlassen, da sie mit Recht annehmen, daß er am besten wissen wird, wo es am nötigsten ist. So wird die Kaiserspende zu einer Zentralsammelstelle für die deutsche Frauenwelt. In vielen größeren Orten und in den meisten Landkreisen haben sich bereits örtliche Ausschüsse gebildet, welche die Sammlung der Namen und Spenden in die Hand genommen haben. Auch in Süddeutschland gewinnt der Gedanke immer mehr Boden, und dort ist eine feste Organisation im Werden. Schon jetzt sind – fast nur aus kleineren Orten – bereits bedeutende Summen eingegangen, so daß die Spende u. a. in der Lage war, sich mit 150.000 M. an der Zeichnung der Kriegsanleihe zu beteiligen. Nähere Auskunft über die Spende und über die Ortausschüsse erteilt die Hauptgeschäftsstelle Berlin-Zehlendorf, Gymnasium.

Tätigkeit unserer Verwundeten. Womit sich unsere braven Verwundeten beschäftigen, zeigt eine reizende Schnitzarbeit, in Form eines Bilderrahmens, welche von Verwundeten des hiesigen Johannis-Hospitals aus Linoleum, das die Firma den Verwundeten zur Verfügung gestellt hatte, sehr sauber und geschmackvoll hergestellt wurde. In einem Schreiben, unterzeichnet von mehreren Verwundeten, danken diese der Firma für die freundliche Überlassung des Linoleums. Der geschnitzte Rahmen ist ausgestellt im Schaufenster der Bonner Tapeten-Manufaktur A. Schleu, Münsterplatz 19.

Abgabe von Waldstreu während des Krieges. Die von der Kgl. Regierung in Köln, durch Erlaß des Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten vom 24. August 1914 erteilte Ermächtigung, den Anwohnern des Waldes zur Erleichterung der Viehhaltung während des Krieges Waldstreu aus den Staatsforsten abzugeben, ist auf die Abgabe von Torfstreu ausgedehnt worden. Ferner ist die Kgl. Regierung zur Abgabe von Waldstreu aller Art an Gärtner und Gärtnereibetriebe als Ersatz für Pferdedünger zum Packen von Frühbeeten für Gemüseaussaat usw. ermächtigt worden. In der Regel sind für diese Streuabgaben an Gärtner und Gärtnereibesitzer die vollen Taxsätze zu entrichten; bei vorliegender Bedürftigkeit kann aber zur Zeit der Abgabezins auf ½ der Taxe – zuzüglich der von der Verwaltung etwa aufgewendeten Werbungskosten – ermäßigt werden.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Bonner Soziale Wohlfahrtsvereinigung. In der letzten ordentlichen Hauptversammlung erstattete der Vorsitzende, Bankdirektor Steinberg, den Jahresbericht. Daraus ging hervor, daß die Städt. Volksunterhaltungsabende gut besucht waren und die wissenschaftliche Volksbibliothek beträchtlich erweitert wurde. Seit Kriegsbeginn sind fünf vaterländische Volksabende veranstaltet worden. Weitere Abende mußten wegen der hohen Kosten unterbleiben. Das Speisehaus für weibliche Personen wird täglich von etwa 100 bis 120 Personen besucht, ein Beweis, daß die Besucher mit der Küche zufrieden sind. Auch das Volksheim erfreut sich eines regen Besuchs. Die Abgabe billiger Nahrungsmittel, insbesondere von Pflaumenmus, Obst, Kunsthonig und Roggenzuckerbrot hat lebhaften Anklang gefunden. Aus finanziellen Gründen ist das Volksheim von der Vereinigung abgezweigt und als besonderer Verein „Bonner Volksheim“ gegründet worden. Gerichtsassessor Küppers berichtete über die Rechtsauskunftstelle für Männer. Im Laufe des Jahres sind 561 Ratsuchende erschienen, denen in 648 Sachen 1014 Auskünfte erteilt oder Hilfe gewährt wurde. Die Stadt unterstützt die Auskunftstelle mit einem jährlichen Betrag Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915von 300 Mk. Im Anschluß hieran berichtete Justizrat Meyer, daß die Stadt in Gemeinschaft mit den Rechtsauskunftstellen ein Miet-Einigungsamt eingerichtet habe, dessen Leitung ihm übertragen sei. Der Wohlfahrtsvereinigung wurde für ihre Kriegshilfe 2000 Mk. zur Verfügung gestellt, Anstelle von fünf ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedern wurden Prof. Dr. Sadóe, Dr. Schaffnit, Privatdozent Dr. Coenders, Lic. Weber und Rektor Dicke gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt. Aus dem Vermögen der Vereinigung sollen weitere 500 Mk. dem Volksheim bewilligt werden. Demnächst sollen im Volksheim Zusammenkünfte stattfinden zur Aussprache über wichtige Fragen. Lic. Weber wird am ersten dieser Abende über die Beschäftigung Verwundeter in den Lazaretten sprechen.

Fleißige Goldsammlerinnen. Noch in den letzten Wochen haben die Schülerinnen des Drammer’schen Lyzeums wiederum 11.700 Mk. Gold gesammelt, so daß ihnen noch ein schulfreier Tag am Montag beschieden sein wird. Im ganzen sammelte die Anstalt 21.700 Mark Goldgeld.

Die Neun-Milliarden-Anleihe würde in Tausendmarkscheinen aufeinandergelegt eine Säule von 900 Metern Höhe ergeben; in Zwanzigmarkstücken würde sie 360 Doppelwaggons füllen, was einem Güterzug von 3 ½ Kilometer Länge entspricht.

Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Anzeige im General-Anzeiger vom 27. März 1915Schlagsahne. Es tut einem in der Seele weh, zu hören, wie die armen Leute klagen, daß sie bei den hohen Lebensmittelpreisen nicht wissen, wie sie die Ihrigen sättigen sollen, wenn man dabei sieht, wie sich in den Konditoreien die Menschen drängen, um Kuchen zu essen und Berge von Schlagsahne zu vertilgen. Dabei wird noch die Besorgnis laut, daß Milch und Butter teurer werden. Der Gedanke drängt sich auf, ob nicht von der Milch, die sich im Handel befindet und oft so fettarm ist, ein Teil der Sahne abgenommen wurde. Wie wäre es sonst zu verstehen, daß der Preis für Milch und Vollmilch verschieden und Vollmilch auch bedeutend besser ist. Alle Milch, die im Handel ist, sollte Vollmilch sein und es müßte dafür gesorgt werden, daß diese Nahrungsmittel in voller Güte und in reichlichem Maße dem Volke zum alten Preise erhalten bliebe. An Milch kann ja kein Mangel sein, nachdem die großen Mengen frei wurden, die früher zum Weißbrotbacken verwendet worden sind. Die Konditoreien haben den Beweis erbracht, daß auch sie jetzt noch imstande sind, wohlschmeckenden Kuchen zu bereiten. Am Kuchen sollten sich die Leckermäuler aber genügen lassen und die Sahne, die zur Schlagsahne verarbeitet wird, der Volksernährung nicht entziehen. H.H.

Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Eine große Wehrbund-Übung im Siebengebirge. Der Düsseldorfer Wehrbund veranstaltet am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag mit seinen sämtlichen Kompagnien unter Leitung des Bezirkskommandeurs von Düsseldorf eine zweitägige Geländeübung im Siebengebirge. Die Wehrbundkompagnien aus Bonn, Godesberg, Oberkassel, Königswinter werden zu gegebener Zeit als Verstärkungen dieser Uebungen eingesetzt werden. Die Bonner Abteilungen, die vom Königlichen Gymnasium und von der Realschule gestellt werden, nehmen bereits am Samstag nachmittag teil. Die übrigen Abteilungen des Bonner Wehrbundes treten Sonntagmorgen um halb acht in der Doetschstraße an. Sie werden von Beuel aus mit der Bahn nach Königswinter befördert, wo sie weiterer Anordnung gewärtig bleiben. Die Kritik der Uebung findet in Honnef statt.

Stückgutverkehr. Die durch den Krieg herbeigeführte Beschränkung der Entladeverhältnisse haben eine Ansammlung von Güterwagen im hiesigen Bahnhofe bewirkt, die der Entladung harren. Um Verkehrsstockung zu vermeiden werden am Sonntag den 28. März die Güter wie an Wochentagen zugestellt. Da Sonntag freier Geschäftsverkehr ist, wird die Ablieferung der Güter ohne Schwierigkeiten möglich sein, indessen wird auch das Privatpublikum im Interesse ungehinderten Verkehrs hiervon in Kenntnis gesetzt.

 (Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)

  

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 27. März 1915Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 27. März 1915Ein „Bismarck-Gedenk-Abend“
vereinigte einen mittelgroßen Hörerkreis am vergangenen Donnerstage im großen Saale des Bonner Bürger-Vereins. Den Mittelpunkt der Veranstaltung bildete die Festrede, die „nach persönlichen Erinnerungen in Friedrichsruh“ über „Bismarcks Geist in der Zukunft“ der Bismarckverehrer Max Bewer aus Dresden-Laubegast hielt. Für Bewer ist Bismarck Mittelpunkt der Weltanschauung; nach ihm orientiert er sich nicht allein in politischer und sozialer, sondern auch in ethischer und religiöser Hinsicht. Obgleich Bewer versprach, seine Rede in der Zeit des Burgfriedens nicht zu einer politischen werden zu lassen, obwohl er Worte höchster Anerkennung für unseren Kaiser fand, dessen berühmtes Wort dem Streite der Parteien Einhalt gebot, war seine Rede doch durchsetzt von Spitzen gegen Gesinnungsfremde, und es fehlte nicht einmal an persönlichen Angriffen. Um nicht in einen ähnlichen Fehler zu verfallen, muß ich mir jede Beurteilung der Rede versagen und mich auf einige tatsächliche Feststellungen beschränken. Bewer sprach von „Nietzsche, Napoleon und anderen überflüssigen Gestalten“, Ludwig Frank erschien ihm „wie ein dürres Blatt, das der Wind aufgewirbelt hat“, und soziale Pastoren, wie Paul Göhre – wenn ich mich nicht irre, steht er als Kriegsfreiwilliger unter Waffen -, den bekannten Verfasser der Bücher „Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche“ und „Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters“, bringt der „Sozialaristokrat“ Max Bewer mit „theologischem Sansculottentum“ in Zusammenhang.
   Einige Dichtungen Bewers, denen künstlerischer Wert nicht abging, trug Frau Auguste Thiery zwar ungekünstelt, aber ohne innere Anteilnahme und technisch keineswegs vollendet vor. Dagegen verdienen die Leistungen Hanny Wolfs, die an Stelle des zum Militär einberufenen Dr. J. M. Verweyen mit wohltönender Stimme verschiedene Lieder sang, uneingeschränktes Lob.
Z.

(Volksmund, Rubrik „Bonner Angelegenheiten“)