Freitag, 13. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Ausländische Goldaufkäufer treiben seit langer Zeit ihr Unwesen in unserer Gegend. In Beuel ist es kürzlich gelungen, einen solchen Goldhändler unschädlich zu machen. Ein holländischer Fischhändler, der durch die Straßen zog, versuchte gegen Aufgeld Goldgeld einzutauschen. Die Polizei bemerkte das Treiben des Burschen und machte ihn unschädlich.

Schwimm-Klub Salamander. Wie uns mitgeteilt wird, haben sich bis jetzt schon 46 Mitglieder des Schwimm-Klubs Salamander in den Dienst des Vaterlandes gestellt.

Automobil-Fuhrpark. Wie wir vernehmen, soll hier demnächst ein großer Automobil-Fuhrpark für Luxus- und Geschäftszwecke, verbunden mit Spedition, eröffnet werden. Es schweben Verhandlungen zum Ankauf des Gravenschen Grundstücks an der Bornheimerstraße. Die Reitbahnräume sind für einen solchen Betrieb wie geschaffen. Die Unternehmer sind Herren aus Wiesbaden und Frankfurt a.M.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Universität. Bis gestern hatten sich zusammen 769 Studierende neu immatrikulieren lassen. Obschon sich noch kein abschließendes Bild der Gesamtzahl der Studierenden und ihre Verteilung auf die einzelnen Fakultäten in diesem Wintersemester geben läßt, kann doch schon gesagt werden, daß der Andrang der Studierenden verhältnismäßig groß ist. Das liegt zum größten Teil daran, daß den Abiturienten der höheren Schulen das Notexamen gestattet wurde. Mehr als die Hälfte der alten Semester haben sich der Heeresverwaltung gestellt. Die Namen dieser Studierenden werden von der Universität in einem besonderen Verzeichnis geführt. Ebenso werden die Namen der Gefallenen – bis jetzt starben 33 Studierende der hiesigen Universität den Heldentod – auf einer besonderen Tafel verewigt.

Ehrenamtliche Schreibstuben für Feldpostsendungen. Die vom Publikum in den Zeitungen wiederholt beklagten Verzögerungen in der Ankunft der Feldpostsendungen bei den im Felde stehenden Heeresangehörigen sind zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß zahlreiche Feldpost-Sendungen unrichtig und undeutlich adressiert und mangelhaft verpackt sind. Daß solche Mängel das Interesse des Publikums und unserer Krieger schädigen, liegt auf der Hand. Allgemeine Hinweise auf diese Missstände in der Presse habne bisher nicht genügende Abhilfe gebracht. Darum werden von jetzt ab an 2 Abenden in der Woche, und zwar Dienstags und Freitags von 8-9 Uhr für die Altstadt Zimmer Nr. 2 der Fortbildungsschule und für die Vororte die Lehrerzimmer der Poppelsdorfer Schule an der Sternenburgstraße 23 als Schreibstuben eingerichtet, wo sachverständige Herren ehrenamtlich mit Rat und Tat bei der Erledigung der Feldpostsendungen zu helfen bereits sind. Das Publikum wird gebeten, von dieser Einrichtung ausgiebigen Gebrauch zu machen.

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Der Umtausch von Goldstücken gegen vollwertiges Papiergeld ist von bestem Erfolge gewesen. Nicht allein in Bonn, sondern auch in anderen Orten ist Gold in erheblichen Mengen umgetauscht worden, und insbesondere hat sich die Geistlichkeit der Mühe des Umtausches in dankenswerter Weise unterzogen. Die hiesige Handelskammer wird, wie bereits mitgeteilt, im Laufe dieser und der nächsten Woche Vertrauenspersonen wegen Ueberlassung von Goldgeld gegen Papiergeld rund gehen lassen.

Bonner Straßenbilder.
   Der alte Herr.
Jeden Morgen erscheint mit soldatischer Pünktlichkeit der alte gepflegte Herr mit dem weißseidenen Halstuch auf der ...straße, wo ein Schilderhäuschen seinen liebesgabenhungrigen Rachen dem Straßengänger entgegenstreckt. Der alte Herr entnimmt seinem Paletot eine Düte Zigarren, setzt eine in Brand und läßt den Rest der Zigarren in das Schilderhäuschen gleiten. Dampfend entfernt sich der alte Herr, den Schirm wie ein Gewehr geschultert. Gestern vermisste der alte Herr sein Feuerzeug. Ich bot ihm meine brennende Zigarre an. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm, daß ich ihn jeden Morgen pünktlich seinen Liebesgabengang antreten sehe. „Ja,“ erwiderte der alte Herr, „die da draußen im Felde entbehren eine gute Zigarre am meisten. Ich weiß das von 70 her. Wenn wir damals alle Wochen einmal eine Zigarre oder eine Pfeife Tabak bekamen, war das Kraut meistens so saumäßig schlecht, daß uns trotz des Rauchhungers der Appetit verging. Seitdem habe ich mir vorgenommen, wenn wieder einmal ein Krieg ausbrechen sollte, schickst du den Soldaten im Felde keine schlechteren Zigarren, als die du selbst rauchst. So denken leider nicht alle. Die meisten Spender gehen von dem Grundsatz aus, für unsere Soldaten ist jedes Unkraut gut genug.“ – Ich konnte dem alten Herrn nicht Unrecht geben.
    Im Straßenbahnwagen. An der Haltestelle steigen einige verwundete Soldaten ein, unter ihnen ein Gardist, der mühselig an seinem Stocke daherhumpelt. Es ist Regenwetter und der Straßenbahnwagen dicht besetzt. Wie auf Kommando stehen die Inhaber der Sitzplätze auf, um den Verwundeten Platz zu machen. Eine Dame, der ich vor kurzem bei besetztem Wagen meinen Sitzplatz überlassen, ohne daß sie auch nur Danke sagte, steht auf und bietet dem Gardisten mit freundlichstem Lächeln ihren Platz an. Der sträubt sich zuerst verlegen, nimmt aber schließlich den Platz. Dann öffnet die Dame ihre Ledertasche, entnimmt einem eleganten Etui einige Zigaretten und verteilt sie unter die Krieger. „Ein gut Ding, was sich bessert,“ denke ich.

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Bonner Wehrbund. Die Abteilung 5 „Poppelsdorf“ des Wehrbundes tritt am Sonntag bereits um 2 Uhr am Ende der Argelanderstraße am Fuße des Venusberges an. Es findet außer dem gemeinsamen Exerzieren auf dem Exerzierplatz eine Scharfschießübung für die einzelnen Gruppen der Abteilung statt. Das Freiwilligen-Exerzieren am Samstag fällt aus. Nachdem ein großer Teil der dem Wehrbund angeschlossenen Kameraden bereits zur Fahne eingezogen worden ist, ist es sehr wünschenswert, daß sich wieder neue Landsturmleute jeden Alters und Standes zum Eintritt in den Wehrbund melden. Die Anmeldungen für die Poppelsdorfer Abteilung können Montags und Donnerstags, abends um 9 Uhr, in dem Saal von Vlanden, Klemens-Auguststraße 50, beim Turnen oder Sonntags beim Exerzieren erfolgen.

Das interessante Schlafzimmer. Ein Sanitäter beschreibt seiner hier in Bonn lebenden Frau auf einer Feldpostkarte sein jetzige Quartier in Frankreich wie folgt: Es geht mir tadellos, wenn auch in der letzten Nacht ein bisschen naß geworden. Ich habe jetzt ein interessantes Schlafzimmer. Rechts neben mir liegt eine Kuh, links zwei Pferde, nach den Füßen zu ein paar Kisten mit Karnickelchen und hinter meinem Kopfende vier Schweine. Wir liegen hier zu fünf Mann und amüsieren uns über unser Quartier immerhin besser als draußen. Eine kleine Katze springt uns über den Leib und jagt uns die Fliegen fort. Derartige Quartiere kommen schon öfter vor; aber so interessant wie dieses, haben wir bis jetzt doch noch kein gehabt.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 13. November 1914Höchstpreise für Kartoffeln müßten von der Behörde auch für den Landkreis Bonn festgesetzt werden. Am Vorgebirge gibt es Leute, die so hartherzig sind, daß sie sich weigern, ihren Nachbaren nur einen Sack Kartoffeln abzugeben. Selbst wenn die Leute klagen: „Wir haben morgen keine Kartoffeln zu essen“, so hilft das nichts, es wird geantwortet: „Wir holen nichts aus dem Keller. Im Frühjahr kosten die Kartoffeln sechs bis sieben Mark.“
    Auch für Fleisch wäre eine Preisfestsetzung notwendig. Auf das Pfund Schweinefleisch werden gegen das Schlachtgewicht heute 40-50 Pfg. Aufschlag genommen, während doch 20 Pfg. mehr als genug ist, denn mit 25 Prozent Nutzen kann auch der Metzger auskommen.
    Ferner müßten für Spezereiwaren bescheidene Preisgrenzen bestimmt werden, damit nicht die armen Leute, auch die ihren Gatten nicht im Kriege haben, darunter zu leiden haben. Die Geschäfte saugen ihre Mitmenschen einfach aus, so daß sie sich die größten Beschränkungen auflegen müssen. Ferner müßten die Brotpreise amtlich festgesetzt werden, damit die Menschen am Leben bleiben und nicht durch die Teuerung in heimliche Not geraten. Müssen die Geschäfte sich denn allein bereichern während des Krieges? Die Behörden sollten das Allgemeinwohl sehen und sie können es nach dem Gesetz. Warum wendet man die Vorschriften nicht einfach an, damit die Geschäftsleute merken, daß es der Behörde ernst ist mit ihrem Wohlwollen für die Verbraucher. Wenn die Landwirtschaftskammer nur wollte, würde sie die Bauern schon dazu bringen, die Kartoffeln zu billigen Preisen zu liefern. Armen Arbeitern, Ladenmädchen und Dienstmädchen werden die Löhne gekürzt. Dabei duldet aber die Behörde, daß die Preise für die Lebensmittel täglich in die Höhe getrieben werden. Eine Frau vom Lande.

Kartoffelnot. Die von unseren Stadtvätern eingesetzte Prüfungskommission war höchst überflüssig: es steht fest, daß die Kartoffelernte vorzüglich war, wozu will amn also durch Erwägungen usw. die armen Leute, die Kartoffeln einkaufen wollen, hinziehen. Es ist nichtswürdig, wenn herzlose Produzenten und Händler die Notlage ausbeuten, um sich zu bereichern, wie es in der jetzigen schweren Zeit geschieht. (…) S.G.

Höchstpreise für Lebensmittel, insbesondere Kartoffel. Die Not der Zeit gebiete es, die Höchstpreise festzusetzen, um den Preistreibereien, wie sie gegenwärtig hier in Bonn in die Erscheinung treten, ein Ende zu bereiten. Die Bürgerschaft würde es dankbar begrüßen, wenn statt langwieriger Erwägungen und Beratungen die Frage der Höchstpreise durch einen schnellen Beschluß der Stadtverordneten gelöst würde. Was in anderen Städten möglich war, wird auch in Bonn zu erreichen sein. F.K.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Die Bonner „Verbands- und Erfrischungsstelle „Prinzessin Viktoria“ auf dem Bahnhof Lille ist am Sonntag, den 8. d.M. in vollem Umfange dem Verkehr übergeben worden. Ihre Inanspruchnahme war von Anfang an eine außerordentlich rege. Zahlreiche Verwundete strömen zurzeit täglich aus den Schlachtfeldern um Lille dem Bahnhof zu und werden dort durch die bereitstehenden Lazarett- und Hilfslazarettzüge weiter befördert, nachdem sie, soweit angängig, durch die Bonner Stelle verpflegt und ärztlich behandelt worden sind.
    Die Sanitätsverwaltung hat infolge der starken Inanspruchnahme unserem ärztlichen Leiter, Herrn Prof. Dr. Leo, bereits 3 weitere Aerzte zugeteilt und die Ueberverweisung naoch weiterer Aerzte angeordnet. Die Verband- und Erfrischungsstelle ist im rechten Flügel des als Kopfbahnhof ausgebauten Bahnhofs Lille eingerichtet und hat sämtliche früher dem Gepäckverkehr dienenden Räumlichkeiten mit Beschlag belegt. Infolgedessen sind die Speise- und Verbandsräume in großen Hallen untergebracht. Die Herbeischaffung der Verpflegungsmaterialien ist insofern mit großen Schwierigkeiten verknüpft, als die Militärverwaltung nur in der Lage ist, einen Teil zu liefern, während der andere Teil „requiriert“ also durch ein ziemlich umständliches Verfahren beschafft werden muß.
   (...) Die von Bonn aus mitgefahrenen Leiter und das Personal sind in Hotels und Privatquartieren wohlbehalten untergebracht. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß Briefe der Angehörigen zur Vermeidung von Störungen unter folgender Adresse abzugeben sind: „Verband- und Erfrischungsstelle Bonn, Prinzessin Viktoria, durch die Militär-Eisenbahn-Direktion I Lille.“

Der Fürst zu Schaumburg-Lippe hat aus dem Felde an Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe folgendes Telegramm gerichtet:

 Prinzeß Adolf, Bonn, Rhein.
Deine Station „Prinzeß Viktoria“ gestern besichtigt. Alles großartig eingerichtet von den guten Bonner. Tausende werden ihnen zu Dank verpflichtet sein.
Gruß! Adolf

 Der Herr Oberpräsident Freiherr von Rheinbaben, dem in seiner Eigenschaft als Territorialdelegierter von der Ueberführung der Verband- und Erfrischungsstation nach Lille Mitteilung gemacht worden war, hat in einem Telegramm an den Oberbürgermeister seiner lebhaften Freude Ausdruck gegeben und den Oberbürgermeister ersucht, den beteiligten Bonner Kreisen seinen aufrichtigen Dank für die hochherzige Ausführung des Planes auszusprechen.

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Englische Dum-Dum-Geschosse. Zugleich mit dem englischen Dum-Dum-Geschoß, das mir im Schaufenster unserer Geschäftsstelle ausgestellt haben, ging uns ein Feldpostbrief von einem Bonner Sanitätshundführer zu, dem wir folgendes entnehmen:
   „Für die pünktliche Uebersendung Ihrer Zeitung sage ich Ihnen besten Dank. Ich erhalte jede Nummer bereits in 7-8 Tagen, also verhältnismäßig schnell.
   In dem Feldpostbrief finden Sie eine englische Gewehrpatrone, worüber ich Ihnen folgendes Interessante mitteile.
    Die Patrone habe ich aus einem, kurz vorher von den Engländern verlassenen Schützengraben mitgenommen, wo noch ganze Pakete davon lagen. Dieselbe war nicht in dem Zustande, wie Sie die Patrone jetzt erhalten, sondern die Spitze war vollständig ganz und glatt, also die Patrone, abgesehen von der Hülle, unseren deutschen Patronen sehr ähnlich. Ich nahm dieselbe ahnungslos zum Andenken mit.
   Nachher brachten wir mit unseren verwundeten Kameraden auch einen Engländer, nebst seinem Gewehr mit.
   Derselbe zeigte uns an dem Karabiner eine Vorrichtung, welche rechts neben dem Schloß sitzt, die alle englischen Gewehre haben sollen. (Ich habe nachher noch viele mit der Einrichtung gesehen). Die Vorrichtung hat Aehnlichkeit mit einer dicken kurzen Röhre mit scharfer Kante vorn.
   In dieser Röhre steckte er eine Patrone. Ein paar Drehungen, ein kurzer Ruck, die Spitze brach ab und schon ist das Dum-Dum-Geschoß fertig. Bei Besichtigung werden Sie finden, daß der Stahlmantel des Geschosses einen in zwei Teilen gegossenen Bleikern umhüllt. Der Stahlmantel ist dünn und bricht, wenn an den scharfen Kanten der Röhre gerieben, sehr leicht.Der unten liegende Bleikern liegt immerhin 3-5 Millimeter tiefer wie die stehen bleibende scharfe Kante des Stahlmantels. Das so zugerichtete Geschoß reißt furchtbare Wunden, wie wir fast täglich an unseren Verwundeten beobachten.
   In den Schützengräben stellen die Engländer sich ihre Dum-Dum-Geschosse auf diese Weise selber her, mit leichter Mühe 20-25 Stück in der Minute.
   Werden die Engländer jedoch gefangen, so entledigen sie sich dieser Geschosse und wir, bisher Ahnungslosen, fanden bei der Untersuchung nur glatte Patronen. Die beiliegende Patrone habe ich selbst in einem Augenblick in ein Dum-Dum-Geschoß verwandelt. Bei mehrfachen Versuchen mußte ich feststellen, daß nur Patronen, welche die Zahl 14 tragen, hierzu umgeändert werdne können. Patronen mit den Zahlen 11,12 und 13 können nicht zu Dum-Dum-Geschossen gemacht werden, was den Schluß zulässt, daß für das Jahr 1914, also für den jetzigen Krieg die Dum-Dum-Patronen vorbereitet sind. Den Kommentar zu der Handlungsweise der Engländer kann sich jeder selbst machen." (...)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 13. November 1914Den abscheulichen Gerüchten, die auch in Bonn über das Verhalten unserer Kriegsfreiwilligen im Felde verbreitet wurden, sei die nachfolgende Schilderung eines Bonner Kriegsfreiwilligen entgegengehalten. Der wackere Soldat schrieb seinen Angehörigen unter anderem:
   Am 12. Oktober verließen wir unsere liebe, deutsche Heimat und stiegen nach 72stündiger Fahrt abends 8 Uhr in Feindesland aus. Wir mussten dann noch 20 Kilometer marschieren und kamen um 2 Uhr nachts in einem kleinen Dorfe an. Dort übernachteten wir in einer Scheune. Der folgende Tag war Ruhetag. Der nächste Marsch ging in eine 45 Kilometer entfernt liegende Stadt, in welcher wir schöne Quartiere fanden. Abends wurde uns gesagt: morgen geht’s ins Gefecht. – Wir hörten schon aus der Ferne Kanonendonner. Nachdem wir an demselben Abend noch gebeichtet hatten, marschierten wir am Morgen des 18. Oktober frohgemut gegen den Feind. Um 12 Uhr mittags begannen unsere Kanonen zu donnern auf die Stadt R. [Roeselare/Westflandern] Wir rückten weiter vor bis zu dem Dorf vor dieser Stadt. Aus den Fenstern der ersten Häuser reichten die Leute uns noch Aepfel, gleich darauf aber wurde auch schon auf uns geschossen. Ein Kamerad wurde in die Lunge getroffen und starb sofort. Das Haus, aus dem der Schuß kam, wurde untersucht und in demselben 20 Franktireurs festgenommen. Dann wurde das Haus in Flammen gesetzt. Kurz darauf bekamen wir von allen Seiten Feuer aus den Häusern, und zwar nur von Franktireurs. Wir griffen zu und in kaum einer halben Stunde stand das ganze Dorf in Flammen. Nun ging es gegen die Stadt. Dort entspann sich ein wütender Straßenkampf. Von vorne und hinten wurde auf uns geschossen. Da hieß es: „Seitengewehr pflanzt auf!“ und im Sturm ging es in die Stadt. Alles wurde niedergemacht. Leider hatten wir dabei einige Verluste zu beklagen, aber die wurden an den Franktireurs gerächt. Junge Mädchen von kaum 15 Jahren mussten erstochen werden, weil sie auf uns geschossen hatten. Ein Mann, welcher auf mich geschossen hatte ohne zu treffen, wurde von einem Kameraden mit dem Bajonett erstochen. Ein anderer Mann wurde in Anwesenheit seiner Frau und seiner drei kleinen Kinder von uns erschossen. Das ist gewiß furchtbar, aber: Not kennt kein Gebot.
   Nun gingen wir mit dem Bajonett in der Hand in die innere Stadt. Die Leichen lagen wie gesät auf den Straßen. Tausende Einwohner waren geflüchtet. Alte Leute und Kinder dankten uns weinend, daß wir sie am Leben gelassen hatten.
    Am anderen Morgen begann die große Schlacht am ...., welche ich sechs Tage mitgemacht habe. Die Artillerie beschoß sich andauernd und wir gingen immer weiter vor. Die feindlichen Maschinengewehre knatterten, aber die Geschosse gingen über uns hinweg und wir hatten wenig Verluste. Nach dreistündigem Kampf zog sich der Feind zurück und gegen 6 Uhr war wieder alles ruhig. Das Dorf, in dem wir dann Quartier für die Nacht zu finden hofften, war vom Feinde besetzt. Als wir noch 200 Meter von demselben waren, wurden wir überfallen und stark beschossen. Da wir nur zu zwei Kompagnien waren, konnten wir das Feuer nicht erwidern und zogen uns zurück. Ans Schlafen war nun nicht mehr zu denken. Wir lagen die ganze Nacht im Felde und erwarteten jeden Augenblick einen feindlichen Angriff. Aber alles blieb ruhig. Allmählich stieg grau der 20. herauf, unser blutigster Tag. Unser Bataillon kam zur Artilleriebedeckung. In aller Frühe begann ein schwerer Artilleriekampf. Ein Schrapnell schlug in unserer Nähe neben dem anderen ein; denn ein französischer Flieger hatte unsere Stellung erkundet und die zahlenmäßig überlegene feindliche Artillerie zielte gut. Wir suchten Schutz in einem Hause, aber kaum waren eine Viertelstunde darin, als uns heftiges Granatfeuer zwang, es zu verlassen. Gegen 3 Uhr kamen wir in Infanteriefeuer, wir waren aber so schwach geworden, daß wir nicht dagegen ankommen konnten. Alle 10 Schritte lag eine Leiche, näher am Feind lagen sie schon haufenweise: Deutsche, Franzosen, Engländer, Inder, Turkos und Zuaven. Von den 30 Mann, die von den unseren aus dieser Schlacht noch heil hervorgingen, blieben nach einem nochmaligen Granatfeuer nur noch 7 übrig. Wir 7 legten uns hinter eine Hecke bis es dunkel war und das Feuer schwieg. Da wir nach zweistündigem Suchen unseren Haupttrupp nicht fanden, blieben wir bis zum Morgen in einem leerstehenden hause und kehrten dann zur Truppe zurück. An Essen war in dieser langen Zeit nicht zu denken. Auch an den folgenden Tagen, dem 21., 22. und 23., wurden wir ständig von feindlicher Artillerie beschossen. Ein französischer Flieger hatte wiederum unsere Stellung ausgekundschaftet. Jeden Abend unternahmen wir einen Sturmangriff, der uns wieder Verluste beibrachte; allerdings auch dem Feind. Wir hatten schwer, ungeheuer schwer gegen den gut verschanzten Gegner zu kämpfen. Fast alle unsere Offiziere fielen. Am 24. verschanzten wir uns in Schützengräben und die Kugeln fegten über uns weg.“
    Der Schreiber des Briefes erzählt dann weiter, wie er verwundet wurde, wie er nach langer Bewusstlosigkeit ins Feldlazarett gebracht wurde, wie dann auch dieses Lazarett von den Franzosen bombardiert worden sei – 30 Verwundete wurden dabei getötet – und wie er schließlich im Lazarett in der französischen Stadt Ch. Ruhe gefunden habe. Aus diesem und aus anderen Briefen, die aus dem Felde eingetroffen sind, geht hervor, daß unsere Freiwilligen mit größter Tapferkeit, ja zum Teil mit wahrem Heldenmut gegen einen an Zahl viel stärkeren und äußerst gut verschanzten Feind kämpfen mussten. „Wer das Gegenteil behauptet“ – so sagt das stellvertretende Generalkommando des 7. Armeekorps – „ist, so scheint es, bei unseren Feinden in die Schule gegangen. Niemals ist ein so giftiger Sud von Lügen und Verleumdung gegen uns gebraut worden, als in diesen Tagen; daß auch Deutsche gedankenlos in diesem Sud herumrühren helfen, das hat gerade noch gefehlt!“

 

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)