Freitag, 6. November 1914

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914Universität. Durch Ministerial-Verfügung ist bestimmt, daß bei Doktoranden der Medizin, die im Felde stehen, die Promotion durch Unterschreiben der Eidesformel vollzogen werdeb kann vorausgesetzt, daß alle übrigen Bedingungen erfüllt sind. Die Unterschrift ist durch den Vorgesetzten zu beglaubigen.

Kartoffelpreise. Die Kartoffeln kosten im Kleinhandel bereits 5 Pfg. für das Pfund, für den Zentner muß man 4,70 Mark bezahlen. Die Preise steigen von Tag zu Tag. Schuld daran sind nicht die Händler, die sich redlich Mühe geben, als vielmehr die Landwirte, die mit ihren Vorräten zurückhalten. Viele Landwirte haben ihre Kartoffeln bereits eingemietet und zeigen damit deutlich genug, daß sie vorerst ihre Ware nicht auf den Markt bringen. Hier gilt es, Abhilfe zu schaffen. Hoffentlich geschieht bald etwas Durchgreifendes. Dieser Tage haben, wie man hört, im Reichsamt des Inneren zwischen Vertretern der Reichsregierung und der Bundesregierungen einige eingehende Beratungen mit Sachverständigen aus den Kreisen der Landwirtschaft und des Kartoffelhandels über die Frage der Festsetzung von Höchstpreisen für Kartoffeln stattgefunden. Entschließungen aufgrund der Beratungen sind zurzeit noch nicht gefasst worden. Es gilt jedoch in den beteiligten Kreisen als wahrscheinlich, daß die Festsetzung von Höchstpreisen für den Kartoffel-Großhandel bevorsteht.

Der Westerwald-Klub veranstaltet am Sonntag, den 8. d.M., eine Wanderung: Dollendorf, Heisterbach, Löwenburg, Auge Gottes, Unkeler Schweiz nach Unkel. Abfahrt: Siebengebirgsbahn 7,55 Uhr ab Beethovenhalle. Rückfahrt: ab Unkel 5,37 Uhr, Ankunft in Beuel 6,15 Uhr, oder Rückfahrt ab Unkel 8,37 Uhr, Ankunft in Beuel 9,15 Uhr.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

 Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914

Zum Untergang der York. Der Verlust an Menschenleben bei dem Untergang der „York“ ist gerade für uns Rheinländer umso betrüblicher, als unter der Besatzung der „York“ , mindestens 500 Rheinländer, etwa 80 bis 100 allein aus Köln, gewesen sind. In einem Feldpostbrief, den sie dem Kölner Stadt-Anzeiger noch kürzlich zusandten, klagten sie darüber, daß ihnen noch keine Gelegenheit geboten sei, sich mit den Engländern zu messen. Alle Mannschaften an Bord warteten sehnsüchtig auf das erste Zusammentreffen mit dem Feinde. Das Warten sei ihnen schwer.

Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 6. November 1914Die Vorstände der Vereine vom Roten Kreuz wurden vom Regierungspräsidenten veranlaßt, mitzuteilen, welche Mengen an Wolle, Biber, Flanell usw. jeder Verein benötigt. Der Regierungspräsident will für den ganzen Regierungsbezirk den gemeinsamen Einkauf durch den Bezirksverein veranlassen.

Ein Gesang-Chor verwundeter Soldaten hat sich im Res.-Lazarett Nr. 4, Wilhelm-Augusta-Stift (Männer-Asyl) unter Leitung des Unteroffiziers Sager aus Bonn gebildet. Sie üben mit viel Verständnis Soldaten- und Volkslieder ein, vergessen ihre Schmerzen und die noch nicht verheilten Wunden und schaffen den Kameraden heitere Stunden. Vorgestern trugen sie eine Reihe von Liedern im Res.-Lazarett in der Beethovenhalle und gestern in der Augenklinik recht gut vor und ernteten reichen Beifall.

Der Bonner Turnverein hat seinen Turnbetrieb im vollen Umfang wieder aufgenommen.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Kartoffelpreise. Fast in allen größeren Städten sucht man die Preise der Kartoffeln festzusetzen, warum nicht auch hier in Bonn? Die Preise sind sehr hoch, und für eine große, nicht mit Glücksgütern gesegnete Familie ganz unerschwinglich. Ein baldiges Eingreifen wäre am Platze. Z.

 (Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 6. November 1914Anzeige in der Deutschen Reichs-Zeitung vom 6. November 1914Karneval 1915. Den folgenden sehr beachtenswerten Artikel entnehmen wir dem neuesten Heft des „Türmer“:
    „Das deutsche Herz hat sich in diesen Kriegswochen herrlich bewährt. Hochgemut haben unsere braven Krieger Blut und Leben für Herd und Heim verspritzt. Leuchtende Taten der Großmut und echter Frauentugend sind von unseren Gattinnen und Töchtern vollbracht worden. Die tiefe deutsche Herzenskultur ist zu ungeahntem Leben erwacht. Angesichts dieser Tatsachen ist es aber unsere ernste Pflicht, auf der Hut zu sein, daß nicht einzelne Kreise unbesonnener Volksgenossen in der nahenden Zeit des Karnevals die Ehre des deutschen Namens beflecken. Wir dürfen nicht warten, bis die staatlichen Behörden alles öffentliche Karnevalstreiben verbieten, sondern wir müssen da, wo der Karneval ganz besonders heimisch ist, in allen Volksschichten jetzt schon darauf hinarbeiten, daß der Gedanke auch eines halbprivaten und privaten Karnevalstreibens im Keime erstickt. Ich weiß nicht, was schlimmer und empörender wäre: Die frevelhafte Geldverschleuderung in Zeiten, wo jeder Heller dem Vaterlande gehört oder die Roheit, mit der unsere um Sein oder Nichtsein kämpfenden Väter und Brüder und ihre um die Toten trauernden Witwen und Waisen ins Herz getroffen würden. Daher ist es die Pflicht, aller ernsten und anständigen Leute im deutschen Vaterlande, den leichtfertigen und gedankenlosen Pflastertretern den Weg zu den Karnevalslokalen unüberschreitbar zu versperren.
Eine besondere Achtsamkeit verdient der Schwindel der sogenannten Wohltätigkeitsbälle und Maskenveranstaltungen zu caritativen Zwecken. Reißen wir dieser Heuchelei die Larve ab, damit sie die wissentlich oder unwissentlich Naiven nicht stört! Wer Liebe üben will, der übe sie in christlicher Selbstentsagung als ernster Deutscher und nicht als Narr! Alle Lehrer und Führer des Volkes, alle Förderer deutscher Kultur: Priester und Laien, Prediger, Schriftsteller und Vereinsvorstände in die Front gegen den Karneval 1915!“

Vaterländische Reden und Vorträge (Neunter Abend).
Eine feinsinnige kluge Frau und sehr begabte Schriftstellerin – Frau Dr. L. Nießen-Deiters – sprach über das Thema: „Der Krieg und die Deutschen im Ausland“. Es war jammerschade, daß die wieder bis auf den letzten Platz besetzte Aula des städtischen Gymnasiums verhältnismäßig wenige Herren sah. Denn es kommt doch darauf an, daß die sehr bemerkenswerten Worte der Rednerin nicht nur gehört, sondern auch verarbeitet und daß ihre Anregungen und Vorschläge auch in die Tat umgesetzt werden. Es ist wahr: es fehlt uns Deutschen an einem großzügig organisierten und zentralisierten Nachrichtendienst, wie ihn die Engländer im „Reutter“ (übrigens einem Unternehmen deutschen Ursprungs) haben. Alle Blätter der Welt sind auf die Nachrichten von Reutter angewiesen. Und wie verbreitet Reutter seine Meldungen! Weil dieses Depeschenbureau in England seinen Sitz hat, weil es mit der englischen Regierung Hand in Hand arbeitet, weil seine überseeischen Vertreter zum Teil englische Staatsbeamte und Offiziere sind, und weil man allen diesen Leuten aus Albion eben keine deutschfreundliche Gesinnung nachsagen kann, liegt es klar auf der Hand, daß alle Nachrichten, die aus Deutschland über Reutter ihren Weg in alle Herren Länder antreten, so abgefaßt sind, daß sie – na sagen wir, daß sie England nicht schaden können. Manchesmal aber schaden sie Deutschland, und zwar ohne daß die englische Zensur – alias Reutter – die Nachrichten verdreht, oder etwas hinzusetzt. Nur läßt sie etwas aus, eine Kleinigkeit nur, ein Wort und eine Zahl. So zum Beispiel verbreitete das Reuttersche Büro nach dem Erdbeben von Messina eine Aufstellung der Spenden, die die verschiedenen Nationen den Notleidenden Sizilianern geschickt hatten. Deutschland hatte innigsten Anteil an dem furchtbaren Schicksal genommen, das über die Inselbewohner im Mittelmeer hereingebrochen war, es hatte sogar über 21/2 Millionen Mark zur Linderung der Not beigesteuert. Aber die Liste von Reutter, die in allen großen Zeitungen des Auslandes abgedruckt wurde, erwähnte Deutschland nicht mit einem Wort. Rußland und Frankreich, England und Belgien waren genannt. Nur Deutschland fehlte. Eine solche Methode systematisch jahrelang durchgeführt, muß unbedingt zur Folge haben, daß man uns Deutsche im Laufe der Zeit schief ansieht und schließlich haßt. Theoretisch kann es uns natürlich sehr gleichgültig sein, was andre von uns denken. Dafür haben wir ja den schönen Satz „Deutschsein heißt, eine Sache ihrer selbst will tun“. Aber in der Praxis müssen wir doch mit unseren Nachbarn auskommen, wir sind bis zu einem gewissen Grade auf Zusammenarbeit angewiesen. Und darum ist es uns nicht mehr gleichgültig, ob man uns allerseits mit Wohlwollen oder mit dem Gegenteil von Wohlwollen behandelt. Dazu kommen dann noch die im Ausland als typisch geltenden Merkmale eines Deutschen, das „Lodenröckchen“, die mangelnde Freigebigkeit beim Trinkgeldspenden und das berühmte „Besserwissenwollen“. Fällt „draußen“ dann noch das Wort vom „deutschen Militarismus“ dann werden alle Geister der Hölle los und das ganze Faß des Zornes und Hasses auf Deutschland müssen wir über uns ausschütten lassen. Es ist etwas sehr, sehr wichtiges, dem Ausland zu sagen, was es in Wirklichkeit mit dem berüchtigten deutschen Militarismus auf sich hat.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)